Ein Stich ins Herz!

SchreinDer Schrein steht wieder an seinem Platz. Der Sachschaden ist wohl nicht sehr hoch. Alles also wieder in Ordnung? Auf den ersten Blick: Ja – und doch bleibt etwas zurück, was ich auch 400km von Bonn entfernt noch spüre.

Was ist passiert? Ein Mann reißt den 100 Zentner schweren Schrein aus seiner bronzenen Umhüllung in der Krypta des Münsters und lässt ihn zu Boden fallen. (Ob er geistig verwirrt ist oder nicht, ändert nichts an der Tatsache). In dem Schrein die Gebeine der Märtyrer Cassius, Florentius und ihre Gefährten – die als Stadtpatrone von Bonn verehrt werden.

Ein paar Knochen, wird vielleicht man einer sagen, und über die Verehrung der Reliquien lächeln oder gar spotten: Was macht Ihr soviel Aufhebens darum. Aber die Mutter, die die erste Locke ihres Kindes aufbewahrt und hütet, wird uns verstehen. Sie erinnert sie vielleicht an das erste Lachen ihres Kindes. Der alte Mann, der nach über 50 Ehejahren den Ehering seiner verstorbenen Frau aufbewahrt, wird uns verstehen. Er erinnert ihn an gemeinsame Jahre und an viele Stunden erfahrener Liebe und Zuneigung. Und auch der Fußballfan, der den Elfmeterpunkt beim entscheidenden Spiel ausgegraben und in seinem Garten wieder eingegraben hat, wird uns verstehen. Er erinnert ihn an einen Glanzpunkt in der Geschichte seines Vereins und holt die Mannschaft gleichsam auf den Rasen hinter dem Haus.

Erinnerungsstücke, Reliquien (von lat. reliquiae „Zurückgelassenes, Überbleibsel“) , ohne großen materiellen Wert, doch für die Menschen von immenser Bedeutung. Sie sind ihnen heilig, besonders wertvoll.

Genauso wie die Reliquien der Stadtpatrone uns heilig sind. Über ihren Gräbern wurde das Münster erbaut. Damals im 11.Jahrhundert glaubten  die Menschen: wer die Reliquien von Heiligen besitzt, ist dem Himmel näher. Das machte sie so wertvoll. Schon viele hundert Jahre vorher, stand an dieser Stelle eine Kirche zu Ehren der Heiligen Cassius und Florentius. 691 findet sich eine erste Urkunde darüber.

Für Gerhard von Are, Propst des Cassius-Stiftes im 12.Jahrhundert, war das Münster, das er großzügig erweitern ließ, ein großer Schrein für den Schrein mit den Gebeinen der Heiligen. Um das Münster herum entstand das mittelalterliche Bonn. Unsere Stadt ist erbaut auf den Gräbern christlicher Märtyrer!

Die Gebeine der Stadtpatrone sind seit über 1300 Jahren das Heiligste, das wir in dieser Stadt haben. Deshalb war dieses Attentat auf den Schrein wie ein Stich ins Herz, der noch immer schmerzt, auch wenn wieder alles in Ordnung ist. Jede Zerstörung ist schlimm. Aber wenn der Täter etwas anderes attackiert hätte, würde man es leichter wegstecken.

Die Gebeine  überstanden die Wirren aller Zeiten . Brandschatzung, Plünderung, Zerstörung haben zwar die Schreine zerstört; aber die Reliquien blieben erhalten. Sie sind unser kostbarer Schatz.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie uns heute demütig machen. Denn wir erkennen an ihnen, dass die Geschichte (auch unseres Glaubens) nicht mit uns begonnen hat, sondern wir auf den Schultern anderer stehen. Weil sie uns verweisen auf das Lebensbeispiel von Menschen, die für ihren Glauben, für ihre Überzeugung ihr Leben gelassen haben. Ein Los, das leider heute vielen Christen auf der Welt beschieden ist. Unsere Märtyrer machen uns solidarisch mit ihnen.

Schon vor 1200 Jahren wird an unserem Münster eine Kleriker-Gemeinschaft nachgewiesen, deren Aufgabe es u.a. war, die Gebeine der Heiligen zu hüten. Das haben sie bis zum Jahre 1802 getan. Heute stehen wir in dieser langen Tradition. Unsere Zeit, in der vieles möglich zu sein scheint, was sich unsere Eltern und Großeltern nicht vorstellen konnten, stellt uns dabei vor neue Herausforderungen.
Allein schon deshalb ist nicht wieder alles in Ordnung!

Mann oder Frau gesucht!

307783_original_R_K_by_Judith Lisser-Meister_pixelio.deIch gebe zu, seitdem ich weiß, was die Generalsanierung des Bonner Münsters kosten wird, schlafe ich schlechter. Jetzt liegt die Zahl auf  dem Tisch: 20,22 Millionen Euro plus/minus 30% nach oben und unten (wobei ich mir “nach unten” kaum vorstellen kann). Wer soll das bezahlen? Ich bin gewiss, das Erzbistum Köln wird einen großen Teil der Kosten aus Kirchensteuer-Mitteln finanzieren. Aber es wird “etwas” für uns übrig bleiben. Für uns, damit meine ich die Kirchengemeinde und die Gemeinde am Bonner Münster. Es gibt Dinge, die uns wichtig sind (etwa das Thema “Inklusion”), die wir auf jeden Fall auch umsetzen wollen. Schließlich wollen wir nicht nur das Gebäude erhalten, sondern es zukunftsfähig machen für kommende Generationen.

Alles kostet Geld. Ideen an Geld zu kommen, haben wir viele. Aber wer setzt sie um?

Wir benötigen jemanden, der die Ärmel hochkrempelt und sagt: Das Münster ist meine Sache! Dafür putze ich Klinken, dafür schreibe ich Briefe und Mails, dafür greife ich zum Telefonhörer. Mann oder Frau mit Liebe zum Münster. Mann oder Frau mit Kreativität und Einsatzbereitschaft! Jemand, der los marschiert! Jemand, den wir bisher vielleicht noch nicht im Blick hatten. Ein Kopfgeld kann ich nicht aussetzen für sachdienliche Hinweise  – aber dankbar wäre ich schon dafür. Und ein Essen im Kreuzgang wäre schon drin!

(Fotoquelle: pixelio.de/Judith Lisser-Meister)

Freunde treffen in Bethlehem

Stell Dir vor, Du kommst nach Bethlehem und Dich empfangen Freunde. So geschehen während unserer Israel-Reise. In der Geburtsstadt Jesu empfingen uns die Salesianer-Patres, mit denen wir über die Aktion “Bonn hilft Bethlehem” verbunden sind. In der Krippenausstellung in ihrem Haus sind mehrere hundert Krippendarstellungen zu sehen. Eine hat mich besonders fasziniert.

Sie wurde 2010 von einem italienischen Künstler aus Carara-Marmor geschaffen und reduziert das Geschehen von Bethlehem auf das Wesentliche. Wo sind die Engel? Für mich sind die Patres und Lehrer hier die Engel, die den jungen Menschen in ihrer Schule ädie frohe Botschaft von einem Gott verkünden, der der Friede ist, gütig und barmherzig. Der durch seine Menschwerdung die Würde eines jeden Menschen erneuert.

Wo sind die Hirten, die Armen, die Chancenlosen? Für mich sind es die rund 150 jungen Menschen, die auf der Technical School der Salesianer eine Ausbildung erhalten und damit eine Perspektive für ihre Zukunft. Sie kommen aus den pälästinesischen Städten und Dörfern und lernen von ihren Familien oft nur den Hass. Bei den Salesianern hören sie eine andere Botschaft. Hier stoßen sie nicht auf Mauern, sondern auf Zuwendung und Menschlichkeit. Hier hören sie von den Werten, die für das Zusammenleben unerlässlich sind.

So bleibt die steinerne heilige Familie im Museum der Salesianern nicht allein. Sie ist umgeben von lebendigen Menschen, die die Botschaft lebendig machen. Wie sagte der Engel im Evangelium: “HEUTE ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren”. Er meinte damit nicht den 25.12. im Jahre 0. Er meinte HEUTE – und das ist immer dann, wenn Menschen die alte Botschaft lebendig werden lassen.

Mehr zur Aktion: Bonn hilft Bethlehem
 

Gönne Dich dir selbst

OB_sridharanDer neue Oberbürgermeister von Bonn Ashoh Sridharan hat heute sein Amt angetreten. Er begann seinen Tag mit einer Messe im Bonner Münster. Vor dem Segen könnte ich ihm ein Wort des Hl. Bernhard mit auf den Weg geben: Gönne Dich dir selbst. Es gilt nicht nur Oberbürgermeistern. Deshalb sei es hier dokumentiert.
Bernhard von Clairvaux schreibt an seinen früheren Mönch Papst Eugen III:
„Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du eingekeilt in deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest; dass du dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst.
Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als daß sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Wenn du dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich dich da loben? Darin lob ich dich nicht. Ich glaube, niemand wird dich loben, der das Wort Salomons kennt: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit.“ (Sir 38,25)
Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht. Wenn du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor 9,22), lobe ich deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst du aber voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Auch du bist ein Mensch. Damit deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herz haben.
Denn was würde es dir nützen, wenn du – nach dem Wort des Herrn (Mt 16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat.
Warum sollest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange bist du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39)? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber! Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.
BERNHARD VON CLAIRVAUX
 

Wir stehen auf den Schultern anderer

 

  “Gottes eigenes Land” nennen die Menschen Yorkshire. Sie haben recht: ein fruchtbares Land mit weiten Feldern, Wiesen, Weiden. Und dazwischen immer wieder Zeugnisse gelebten Christseins und eindrucksvoller christlicher Geschichte. Man staunt heute noch, welche Kulturleistung die Benediktiner und nach ihnen die Zisterzienser dort vollbracht haben. Die Ruinen der Klosteranlagen lassen noch heute ihre Größe erkennen. Mehrere hundert Mönche und Brüder lebten dort in den Blütenzeiten des 12. , 13. und 14 Jahrhunderts. Die Abspaltung von Rom unter Heinrich VIII. zu Beginn des 16.Jahrhunderts hatte auch die Zerstörung dieser großen geistlichen Zentren zur Folge. 

Während man durch’s Land fährt hört man Geschichten von Männern aus dem 7.Jahrhundert, die den christlichen Glauben aufs europäische Festland gebracht haben: Willibrord, Suitbertus, Winfried (Bonifatius) . Vorausgegangen war eine wegweisende Entscheidung, die massgeblich von Wilfrid von York beeinflusst worden war: man wollte eine “römische” Kirche sein, weltumfassend und nicht auf die eigene Nation beschränkt.

 

 Plötzlich wird mir wieder bewusst: wir stehen auf den Schultern anderer. Mit uns hat der Glaube nicht begonnen. Wir haben ihn geerbt von unseren Eltern, Großeltern und Lehrern. Wir, die wir uns oft für den Nabel der Welt halten, sind nur ein winziger Teil in der Geschichte der Menschheit. Dann kann man nur demütig und bescheiden werden. Welche Spuren werden wir einmal hinterlassen? Werden die Menschen dann beim Anblick unserer Werke auch spüren wie groß unser Glaube war – so wie in den verlassenen Abteien in Gottes eigenem Land?

Bilder von der Reise durch Yorkshire mit dem Bonner Münster Bauverein gibt es hier: https://flickr.com/photos/133589133@N08/sets/72157657663330149

78 Millionen für einen Menschen!

„Kevin de Bruyne wechselt wahrscheinlich für 78 Millionen € von Wolfsburg nach Manchester“ – der Moderator im Morgenmagazin verkündet es so als ob er ankündigen wolle, dass bei ALDI oder EDEKA der Milchpreis um 2 Cent sinkt oder steigt.
78 Millionen € für einen Menschen! Mir stockt der Atem. Ob Fußballspieler eigentlich wissen, dass sie gehandelt werden wie eine Ware? Fußballvereine sind heute große Wirtschaftsunternehmen. Hin und wieder wie im Fall Hoeness konnte man einen kleinen Blick hinter die Finanzkulissen erhaschen. Die Spieler –sie nennen sich Sportler – müssen für Geld „spielen“, kämpfen wie die bezahlten Gladiatoren in den römischen Arenen. Und da Geld nicht stinkt, was auch schon die alten Römer wussten, tun sie das gerne angesichts der Millionen, die auf ihren Bankkonten eingehen.
Mich stört das schon seit vielen Jahren. Ich bin kein Fußballfan; aber meine Sympathie gehört dem 1.FC Köln und es macht mir auch Freude mit anderen manches Fußballspiel im Fernsehen anzuschauen.
Nur die Gehälter der Spieler und die Transfersummen sind unverhältnismäßig. Die Polizisten, die vor den Stadien für Ordnung sorgen, müssen Jahrzehnte arbeiten, um nur ein Jahresgehalt der Kicker zu verdienen. Und die Krankenschwester, die den verletzten Star im Krankenhaus auf der Privatstation pflegt, muss damit leben, dass ihr Gehalt um ein paar Euro ansteigt, was oft nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren.
Das mag einfach klingen und ich will auch keinen Sozialneid schüren. Ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die mehr und andere, die weniger als andere verdienen. Aber Papst Franziskus fordert uns auf „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ zu sagen. In Evangelii Gaudium lesen wir: „Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“ (EG 53) Papst Franziskus nennt es „die große Herausforderung der Welt“ die „Globalisierung der Diskriminierung und der Gleichgültigkeit“ durch die „Globalisierung der Solidarität und Brüderlichkeit“ zu ersetzen. Für ihn steht fest: „Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel.“ Angesichts der vielen Flüchtlinge, die zur Zeit auf dieser Erde unterwegs sind, macht mich die Meldung über den Fußballer-Transfer zornig. Ich fürchte, der Papst hat recht: die Masse nimmt es hin!

Angst vor dem Kulturschock

 

 Ich gestehe: ich habe Angst vor dem Kulturschock. Jetzt bin ich 14 Tage auf der Insel und habe mich an das Leben hier gewöhnt: keine Autos, kein Lärm, nur das Klappern der Pferdehufe. Keine Hektik, das Leben wird entschleunigt und muss sich den Gezeiten des Meeres anpassen. Ich liebe es, in der Domäne Loog zu sitzen und bei einem Pott Tee auf die Weite der Salzwiesen, des Watts und des Wassers je nach Tageszeit schauen. In den zwei Wochen habe ich die Reste der Schafskälte erlebt und ich bin im Pullover am Strand entlang gelaufen. Die letzten Tage waren schweißtreibend und am Abend war ich dankbar für die frische Brise, die vom Meer herüber wehte. “Wo geht’s heute hin”, die Frage, die oft am Anfang eines Urlaubstages steht, war schnell beantwortet: entweder per Fahrrad nach Osten zum Flugplatz oder nach Westen zur Domäne Bill. Und dann zu Fuß weiter. Mal kam der Wind von vorne, mal gab einem der Wind zusätzliche Schubkraft. 

Ich habe die Tage genossen – und morgen soll ich wieder aufs Festland und dann auch noch nach Berlin. Ich fürchte, es wird ein Kulturschock werden und ich werde mich zurücksehnen auf die 500 Meter zwischen Sandstrand und Wattenmeer. Heute morgen habe ich den Menschen im Gottesdienst von der Maus Frederik erzählt, die im Sommer fleißig Sonnenstrahlen, Farben und Worte für die grauen Wintertage gesammelt hatte. Vorräte, die wir in der Vorratskammer unserer Seele sammeln. Vorräte, denen Rost und Motten nichts anhaben können. (vgl. Matthäus-Evangelium 6 Kapitel 19,Vers)

Ich hoffe, ich  habe meine Vorratskammer in den letzten beiden Wochen gut aufgefüllt. Dann will ich es auch gerne für ein paar Tage mit Berlin versuchen, wo ich halb dienstlich, halb privat hin muss. Doch ein bißchen Angst bleibt doch.

Mehr Bilder von einem entschleunigten Urlaub gibt es hier

Gott ist mein Lotse

 

 „God is myn Leidsmann“ steht auf den Kacheln am Eingang des Insel-Pfarrhauses. Die erste Assoziation „Gott ist mein Leidensgefährte“ gefiel mir, weil sie mich erinnerte an die Solidarität des Gekreuzigten mit den Leidenden dieser Welt und auch mit mir mit meinen kleinen Leiden. Aber ich wurde belehrt: „Leidsmann“ leitet sich ab vom neuenglischen „loadsman“ und heißt übersetzt Lotse. Das altenglische Wort „lād“ (Weg) steckt genauso darin wie „ lǣdan“ (leiten). 

„Gott ist mein Lotse“ – ein Wort, das hier an die Küste besser passt als das bäuerliche „Gott ist mein Hirte“, das uns im 23. Psalm überliefert wird. Die Menschen hier wissen, wie wichtig ein Lotse ist, der die Fahrrinnen kennt, der weiß, wo Riffs und Untiefen lauern, der Entfernungen abschätzen kann, Wind und Wolken deuten und dafür sorgt, dass das Schiff den sicheren Hafen oder die Freiheit des offenen Meeres erreicht.

Die biblischen Bilder stimmen auch hier: Gott führt mich, er leitet mich, seine Hilfe (sein Stock und sein Stab) geben mir Zuversicht.

Wir benötigen den Lotsen aber nicht nur auf dem Wasser. Auch im Dickicht oder im Gewirr unseres Alltags kann es notwendig werden, jemanden zu haben, der uns den richtigen Weg weist. Auch dort lauern Hindernisse, die uns auf Grund laufen lassen, und Untiefen, deren Strudel uns hinabreißen. Und wer die richtige Zeit verpasst, dessen Lebensschiff sitzt auf dem Trockenen und muss warten bis eine neue Flut kommt.

Es gibt viele, die sich uns als Lotsen andienen. Viele haben nur die eigenen Interessen im Blick. Manche machen lautstark in den Medien auf sich aufmerksam, aber ihre Worte sind Schall und Rauch. Sie versprechen, was sie nicht einhalten können.

Da gilt es, zu unterscheiden. „Gott ist mein Lotse“ – dieses Bekenntnis bewahrt davor, falschen Propheten zu folgen, und hilft, denen zu trauen, hinter deren Wirken Gott selbst sichtbar wird. Und wenn kein Mensch da ist, hilft auch ein Blick in die Heilige Schrift, durch die Gott selbst zu uns spricht.

Mensch, wo bist Du? Gedanken zu einer biblischen Frage in der Wies

 

 “Adam, wo bist Du? Mensch, wo bist Du?” (Gen 3,9) Das ist dieFrage, die der gegeißelte Heiland stellt. Normalerweise fragen wir umgekehrt: Gott, wo bist Du? Wie kannst Du das zulassen? Warum greifst Du nicht ein?

Seit dem Paradies muss Gott mit ansehen wie der Mensch, sein Geschöpf, die Freiheit missbraucht, die er von ihm erhalten 

Mensch, wo bist Du – angesichts des Leids, in der Familie, an der Arbeit, in der Gemeinde, in unserem Land, auf dieser Erde?

Da gibt es viele Unschuldige, die wie Christus leiden müssen. Die Flüchtlinge, die Hungernden, die Gemobbten, die Ausgegrenzten, die schwarzen Schafe in unseren Familien – um nur einige zu nennen.

Merken Sie wie Sie in der Seele schon reflexartig reagieren? Was habe ich denn damit zu tun? Die anderen sind doch schuld. Manchmal haben die anderen auch Namen, manchmal sind es auch einfach nur die da oben. Aber so einfach geht es nicht wie die Geschichte aus dem 3.Kapitel des ersten Buchs der Bibel erzählt.

Drei Bilder aus diesem Gotteshaus können uns begleiten:

 

 Das Schweisstuch der Veronika

Die Geschichte kommt in der Bibel nicht vor. Sie gehört zum Schatz des Volksglaubens. Veronika soll dem Herrn auf seinem Kreuzweg ein Tuch gereicht haben, damit er sich den blutigen Schweiss abwischen konnte. Das Antlitz Christi sei in dem Tuch zurückgeblieben, habe sich in den Stoff eingeprägt. Wundersam?

Nein – das gehört mit zu unseren Lebenserfahrungen: wenn wir einem Menschen beistehen, wenn wir sein Leid lindern, dann prägt sich sein Bild ein in unsere Seele. Wir gehen anders von ihm weg. Wieviele Bilder gibt es schon in unserer Seele? Wer in meiner Umgebung oder auch in der weiten Welt wartet darauf, dass er in meiner Seele Spuren hinterlässt?

Das Schweisstuch der Veronika kann uns davor bewahren, sich davon zu stehlen. Es gilt, am Kreuzweg des anderen zu bleiben. Mensch, wo bist du? 

 Der Richterstuhl

Der leere Richterstuhl, der in unseren Blick fällt, wenn wir diese Kirche betreten, macht uns bewusst: diese Frage „Mensch, wo bist du?“ ist existentieller als die Frage nach einer bloßen Ortsbestimmung. Sie wird uns einmal vor diesem Thron gestellt werden: Mensch, wo bist Du gewesen!

Was hast Du getan und was hast Du nicht getan?

Früher hat man den Menschen Angst gemacht mit diesen Gedanken. 

Aber dieser Thron will uns nicht Angst machen. Er ist wie diese ganze Kirche eine Einladung. Wir sehen auf der Rückenlehne einen Ölzweig und ein Flammenschwert. Den Ölzweig des Friedens und das Flammenschwert der Gerechtigkeit. „Gerechtigkeit und Frieden küssen sich“, heißt es im Psalm 85 in einer messianischen Vision.

Der Richterstuhl mit diesen beiden Symbolen lädt uns ein, so zu leben, dass dies Wirklichkeit wird. Gerechtigkeit und Frieden – Ausdruck einer Sehnsucht, die wir alle tief in uns tragen. Gerechtigkeit und Frieden, darum geht es den Staatslenkern in Ellmau, darum geht es den friedlichen Demonstranten.

Gerechtigkeit und Frieden sind eigentlich paradiesische Zustände, die der Mensch verwirkt hat, weil er wie Gott sein wollte. Die der Mensch immer verwirkt, wenn er wie Gott sein will.

Und schließlich: wenn Sie gleich wieder hinausgehen; wenn Sie Ihre Gebete und Anliegen dem gegeißelten Heiland vorgetragen haben, dann sehen Sie beim Hinausgehen

 

 Die verschlossene Himmelstür

Sie sagt Ihnen, Mensch, Du hast noch Zeit! Es wird der Moment kommen, da Chronos, der mythologische Herr über die Zeit mit seinem Stundenglas am Boden liegt und Deine Zeit abgelaufen ist. Dann  gilt, was über der Tür steht: es wird keine Zeit mehr sein!

So schön dieser Ort auch ist, so zufrieden Sie auch sind, das Ziel erreicht zu haben. Das hier ist noch nicht der Himmel, allenfalls ein Abbild. 

Deshalb nehmen Sie beim Hinausgehen Ihr Leben neu als Geschenk an. Es ist noch Zeit, sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen, wenn wir dem Bösen, wenn wir dem Leid begegnen. 

Unsere Welt lebt von den Menschen, die sich nicht verstecken, lebt von denen, die Gott nicht suchen muss. Hoffentlich gehören wir dazu.

Gebt Ihr ihnen zu essen!

 

 Fronleichnam ist wohl das katholischste aller Feste des Kirchenjahres – an vielen Orten verbunden mit alten Traditionen. Blumenteppiche, festlich geschmückten Straßen, Altären in allen Himmelsrichtungen. Eine selbstbewusste Gemeinde, betend und singend. In der City, in der noch kaum einer wohnt, ist dies anders. Allenfalls die Frühstücksgäste in den Gaststätten und Touristen, die die Stadt besuchen, werden uns zuschauen. 

Ich befürchte, die meisten von ihnen werden uns nicht verstehen. Weil wir nicht mehr ihre Sprache sprechen und weil sie der Meinung sind, dass wir keine Ahnung vom Leben und seinen Herausforderungen haben. Ihnen allen, die heute unseren Weg säumen, möchte ich sagen: eben in unserem Gottesdienst war von Euch die Rede. Die Bibel erzählt von 5000,

  • die ohne Orientierung waren, 
  • die eine Nahrung suchten, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt, 
  • die geachtet werden wollten, wertgeschätzt werden wollten, wenigstens von einem geliebt werden möchten. 

Und ich möchte sie fragen, erkennt Ihr euch wieder in denen, von denen die Bibel in ihrer Sprache sagt „sie waren wie Schafe, die keine Hirten haben“?

Jesus lehrte sie lange. Was er ihnen gesagt hat, weiß ich nicht. Aber so wie ich Jesus kenne, wird er sie mit seinen Worten gefesselt haben. 

  • Nicht wie jene, die Euch Anerkennung versprechen und Euch dann vor laufenden Kameras vorführen – wie man es im Fernsehen immer wieder beobachten kann. 
  • Nicht wie jene, die euch Genuss und Wohlergehen verheißen und am Ende nur auf euer Geld aus sind. 
  • Nicht wie jene, die Euch eine Gemeinschaft vorgaukeln, die es in der realen Welt nicht gibt, sondern nur im virtuellen Raum, der schnell wie eine Seifenblase zerplatzt.

Jesus ist anders – er ist Nahrung, die wirklich nährt! Keine Fastfood, die bald wieder hungrig macht.°

Vielleicht würden die Menschen, die uns zuschauen, sich wiederkennen. Vielleicht würden sie uns auch fragen: und wer seid Ihr? Steht von Euch auch etwas in der Bibel?

Ich würde ihnen drei Antworten geben:

1. Wir sind wie die Jünger, die Euch wegschicken wollen.

5000 Menschen machen Arbeit, müssen versorgt werden, spätestens dann wenn der Magen knurrt. „Schick sie weg!“, sagen die Jünger zu Jesus. Jeder soll sich um sich selbst kümmern.Und wer es nicht selber kann, muss zu den Profis gehen – zur Stadtverwaltung, zur Caritas, zur Tafel – oder wer sich sonst noch um sie kümmert. 

5000 Mann – diese träge Masse macht Angst. Man weiß gar nicht, wer alles dazu gehört: 

  • vielleicht Fremde, Flüchtlinge, die ganz anders sind als wir. 
  • Vielleicht Patchwork-Familien, wo man nicht weiß, wer zu wem gehört, 
  • Leute, die ohne Trauschein zusammenleben, Geschiedene und Wiederverheirate, Leute, die nicht der Norm entsprechen. 

Schick sie weg. Wir, deine Jünger, wollen lieber mit Dir allein sein! 

Schön wäre es. Doch der Herr durchkreuzt unseren Plan. „Gebt Ihr ihnen zu essen!“ heißt der Auftrag. So einfach wie wir uns die Lösung vorgestellt haben, ist sie nicht!

2. Wir sind die, die nur wenig haben

Angesichts von 5000 hungrigen Männern klingt der Auftrag „Gebt Ihr ihnen zu essen“  schon fast wie Hohn –auf jeden Fall wie eine Überforderung.„Wieviel Brot habt Ihr? Seht nach, was Ihr habt“ – nicht viel! Fünf Brote und zwei Fische – das ist die ganze Ausbeute. Das reicht hinten und vorne nicht. So wenig Brot für all die hungrigen Mäuler.

Seht nach, was Ihr habt! Wir haben so wenig Antworten auf die drängenden Fragen, so wenig Zeit für die vielen Erwartungen, die man an uns stellt. Wir haben so wenig Liebe angesichts einer an Liebe armen Welt.

Wenn wir ehrlich sind, wir haben nicht viel in unseren Händen. Und doch haben wir nicht Nichts.

3. Wir sind die, die austeilen, was sie haben –

hier stutze ich ein wenig, weil ich mir nicht so sicher bin.

Die Jünger bringen dem Herrn was sie haben. Und während sie sich noch den Kopf zerbrechen, wie das nun gehen soll, sorgt er für die notwendige Unterbrechung. 

Jesus betet! Er, der Mittler zwischen Gott und Mensch in Person, stellt die Verbindung zum himmlischen Vater her: Er blickt zum Himmel, er spricht den Lobpreis und bricht das Brot. Und das solcherart „verwandelte“ Brot gibt er den Jüngern, die es weiterreichen. Sie werden von Jesus ermächtigt, den Menschen zu essen zu geben und so das Wunder auszuführen. 

Gott wirkt es nicht ohne uns, und wir können es nicht ohne Gott wirken. 

Auf mittelalterlichen Illustrationen sieht man oft Jesus in der Mitte, der nach rechts und links seinen Jüngern das Brot reicht, das sie weitergeben.

Der Herr nimmt das, was wir haben, und im Teilen reicht es für alle.

Wer mit fünf Broten und zwei Fischen anfängt, fünftausend satt machen zu wollen, der läuft Gefahr, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Aber die Jünger gehorchen! Diese Stelle ist einer der Höhepunkte ihres Glaubens.

Genau an dieser Stelle stutze ich, weil ich bei mir selbst feststelle, dass es mir an diesem Glauben oft fehlt. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“, heißt es in einem modernen geistlichen Lied. Ich zweifle, ob ich immer bereit bin, zu geben.

Gebt Ihr ihnen zu essen! – dieser Auftrag Jesu ist nicht verstummt. Er gilt auch heute noch. Die 5000 sitzen nicht mehr im Gras am Ufer des See Genesareth. Sie leben mit uns in dieser Stadt, leben mit uns auf dieser Welt.



Wenn wir heute mit der Prozession durch die Straßen ziehen, dann wollen wir bekennen, dass wir uns diesem Auftrag stellen. Schon im 4.Jahrhundert sagte der Hl. Johannes Chrysostomos: “Das Sakrament des Altares ist nicht zu trennen vom Sakrament des Bruders und der Schwester”. Ist nicht zu trennen vom Dienst am Nächsten. Nur so können wir uns ehrlich mit dem Sakrament des Altares auf den Weg machen.