Judas statt Matthias

Die deutsche Kirche feiert heute den Apostel Matthias. Nach der Himmelfahrt Jesu war es notwendig geworden, die Zwölfzahl wieder herzustellen, nachdem sich Judas Iskariot nach seinem schändlichen Verrat das Leben genommen hatte.
Dies geschah nicht von oben herab, sondern die 120 „Brüder“ hatten die Möglichkeit Kandidaten vorzuschlagen, die „Zeuge der Auferstehung“ waren. Schließlich entschied das Los und Matthias wurde in das Kollegium der Apostel aufgenommen. Die Zwölfzahl war wieder hergestellt. Judas und seine Tat hatten die Chance, in Vergessenheit zu geraten – wie das oft so ist, wenn Nachfolger bestellt sind.

Aber die Evangelien haben die Erinnerung an Judas Iskariot bewahrt. Und in der Kirche von Magdala findet man sein „Bild“ in der Reihe der  ursprünglichen Zwölf. Allerdings ohne „Heiligenschein“ und auch sein Name ist nicht wie bei den anderen in goldenen Lettern geschrieben.

Judas ist eine tragische Figur. Seine Vorstellungen, die er von diesem Jesus hatte, und seine Erwartungen, die er an ihn knüpfte, zerbrachen je mehr er ihn kennenlernte. Das war nicht „sein“ Messias, „sein“ Gottessohn“. Und als dann noch Geld ins Spiel kam, war der Sprung auf die andere Seite nur noch ein kleiner Schritt.

Ausgerechnet mit einem Kuß hat er seine Tat besiegelt. Welch eine Tragik. In der Alltagssprache gilt er als der Inbegriff des Verräters und nach deutschem Recht darf niemand dessen Namen als Vornamen bekommen.

In der Kirche von Magdala hängt das Bild des Judas in einer Reihe mit den anderen Aposteln und wenn man nicht genau hinschaut, dann fällt er gar nicht auf. 12 Männer, jeder mit einer eigenen Biografie, jeder mit seiner eigener Beziehung zu Jesus. 12 Männer, so unterschiedlich sie auch waren, gemeinsam mit Jesus unterwegs durch das Land.

Der Betrachter stellt fest: manchmal bin ich so klar im Bekenntnis wie Petrus, manchmal auch so vorlaut und voreilig wie er, manchmal mache ich mir Sorge um meinen Rang und meinen Wert wie die Zebedäus-Brüder, manchmal führe ich Menschen zum Herrn wie Philippus und Andreas, manchmal bin ich zweifelnd wie Thomas, manchmal erlebe ich mich mittendrin im Geschehen wie Petrus, Johannes und Jakobus.

Der Judas erinnert daran, dass niemand vor dessen Schicksal gefeit ist: wenn sich die eigene Vorstellung und die Erwartung an Gott und sein Handeln nicht bewahrheiten. Hoffentlich findet er dann Menschen, die ihn in dieser schwierigen Situation nicht allein lassen.

Judas statt Matthias – der „Ersatz“-Apostel wird es als Zeuge der Auferstehung ertragen.

Die grauen Herren und das graue Kreuz

In Michael Endes Kinderbuch „Momo“ spielen die grauen Herren eine wichtige Rolle. Sie sind eine menschenähnliche Erscheinung, sind sehr zahlreich und wirken stets beschäftigt. Wer sie sieht, vergisst sie in der Regel wieder.
Die grauen Herren haben eine Glatze, sind grau gekleidet, tragen runde graue Hüte und fahren graue Autos. Sie verbreiten eine ungewöhnliche Kälte.Sie haben nur ein Ziel, den Erwachsenen vorzuschlagen, ein Zeitsparkonto bei der Zeit-Spar-Kasse einzurichten. Wer dies tut, richtet sein Leben aufs Zeitsparen ein, wird hastig, mürrisch und gereizt.
Vernachlässigt werden die Kinder. Auch sie sollen durch automatisiertes Spielzeug und vom „Immer-mehr-Haben-wollen“ Teil des grauen Systems werden. Eines dieser Kinder, Momo, das die Gabe des Zuhörens hat, durchschaut das gefährliche Treiben und setzt ihm schließlich ein Ende.

Angesichts des grauen Aschenkreuzes, das uns heute auf die Stirn gezeichnet wird, habe ich mich an diese Geschichte von Momo und den grauen Männern erinnert.
Das Aschenkreuz mag für jeden und jede verschiedene Bedeutungen haben: der eine sieht es als Buß-Zeichen, den anderen erinnert es an die Vergänglichkeit, jemand anders sieht darin schon einen Hinweis auf den Karfreitag. Oder man erkennt darin den Ruf zur Umkehr.

Für mich markiert es in diesem Jahr wieder einmal der Beginn einer heiligen Zeit und es lädt mich ein, diesmal etwas kritisch darüber nachzudenken, was ich mit meiner Zeit anfange.
Ich muss gestehen, manchmal verfalle ich auch den „grauen Herren“ in mir, die mich zum Zeit-sparen verführen wollen und mir doch die Zeit stehlen:

  • Da ist der Perfektionismus. Es soll alles gut und richtig sein. Aber jeder weitere kleine Schritt hin zu einem (vermeintlich) perfekten Ergebnis nimmt eine immer größere Zeit in Anspruch.
  • Da ist die Versuchung, Dinge aufschieben und ich erlebe, wieviel Zeit ich damit verbringe, daran zu denken, statt die Sache gleich anzupacken.
  • Da ist die Ablenkung, die vor allem auch durch die Digitalisierung des Lebens geschieht. Das Smartphones, Facebook, die sozialen Medien – alles buhlt ständig um meine Aufmerksamkeit.
  • Und alle die anderen vergeblichen Versuche, Zeit zu sparen.

Und wie geht es Ihnen mit Ihrer Zeit?
Die grauen Herren in „Momo“ versuchen die Menschen dahingehend zu überzeugen, dass sie alles ein bisschen schneller erledigen und auf unnötige Zeitfresser wie Freundschaften, Nachbarschaftshilfe und ähnliches zu verzichten.

Momo dagegen ist reich an Zeit. Sie spart sie nicht, sondern lebt im hier und jetzt: „Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis.“ sagt sie. „Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

 Zeit ist Leben – vielleicht wäre das auch eine Möglichkeit, die Fastenzeit zu gestalten. Darauf zu verzichten, Zeit zu sparen – stattdessen dem Rat des Apostels Paulus im Epheserbrief zu folgen, der uns zuruft: „Nutzt die Zeit“ oder wie es in einer neuen Übersetzung heißt: „ Nutzt jede Gelegenheit zum Guten!“

In der Geschichte von Momo heißt es am Schluss, als Momo den Menschen die gestohlene Zeit zurückbringen kann: „Und in der großen Stadt sah man, was man seit langem nicht mehr gesehen hatte: „Überall standen Leute, plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. Wer zur Arbeit ging, hatte Zeit, die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. (…) Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten, denn es kam nicht mehr darauf an, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertig zu bringen. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von nun an war ja wieder genug davon da.“
Das wäre es doch, wenn wir in den nächsten 40 Tagen nicht Zeit sparen, sondern Zeit verschenken.

Mit dem Aschenkreuz, dem grauen Kreuz auf der Stirn, können wir das Treiben der grauen Herren in uns durchkreuzen. Wir dürfen uns die Zeit von ihnen nicht rauben lassen.
Unser Erzbischof macht uns in seinem Fastenhirtenwort Mut: „Nicht alles ist zu jeder Zeit dran. Erst recht dann nicht, wenn Zeiten, Räume, Mittel oder Kräfte knapp bemessen sind.“
Die 40 Tage der Fastenzeit sind für ihn eine Zeit, in der wir uns von Gott finden lassen können.
Eine geschenkte Zeit.