Gott hat ein Date mit uns! – Gemeinsam auf dem Weg nach Brothausen – Predigt am 3.Advent 2012

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2012-12-16 20.49.17Der missglückte Terroranschlag auf dem Bonner Hauptbahnhof, nur einen Steinwurf von hier entfernt, und der Amoklauf in den USA mit 27 getöteten Kindern passen nicht zur Stimmung dieses Sonntags, dessen liturgische Bezeichnung „Gaudete“, „freuet euch“ ist.

Auch das Friedenslicht aus Bethlehem hat keinen einfachen Weg zu uns gehabt, es musste eine trennende Mauer überwinden, deren Verlauf auch den Bischöfen im Heiligen Land zunehmend Sorgen macht.

Hier vorne in unserer Krippenweg-Szene stehen zwei Menschen Hand in Hand, schon fast romantisch. Die Steine, die letzten Sonntag noch den Weg versperrten, sind weggeräumt, ein Strauß Rosen liegt im Vordergrund. Auch hier ein Widerspruch zu den Realitäten dieser Tage. Wie geht das zusammen?

Lassen wir uns helfen von zwei Erfahrungen glaubender Menschen.

1.) Schauen wir auf den Propheten Zefanja, der uns in der Lesung begegnet ist. Er wirkt in einer harten und verhärteten Zeit, in der besonders die Armen im Land immer ärmer wurden. Sein Name ist so etwas wie Programm „Gott hat aufbewahrt“ oder auch „Gott hat versteckt“.

Zefanja verkündet den Zorn Gottes, den Tag des Gerichts und spricht davon, dass nur „ein demütiges und armes Volk“ übrig bleibt, „das seine Zuflucht beim Namen des Herrn sucht“. Und diese gebeutelten Menschen hören von ihm: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte“ – und dann, ganz unerwartet: „Gott jubelt über dich – er erneuert seine Liebe zu dir.“

Das ist zuerst einmal das Wort eines glaubenden Menschen, der davon überzeugt ist, Gott ist da, auch wenn die Mehrzahl der Menschen nichts von ihm wissen will und so handelt, als ob es nicht gäbe.

Gott ist da – das will man gerne glauben, wenn es einem gut geht, aber wird es auch zu einem Wort der Hoffnung, in einer anscheinend ausweglosen Situation?

Nehmen wir noch einen Glaubenszeugen zu Hilfe. Es ist ein namenloser Jude aus dem Warschauer Ghetto. Mitten in Warschau wird von den Nationalsozialisten ein Sammellager errichtet. Von Mauern und Stacheldraht umzäunt, leben dort schließlich fast 400.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder. Und von hier aus werden sie in das Vernichtungslager Treblinka gebracht.

Einer der 400.000 bringt seine Verzweiflung in einem klagenden, anklagenden Gebet vor Gott: Gott von Israel – Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube.
Und schließlich mündet es in das Bekenntnis

„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle.
Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.“

Mich berührt diese unbeirrbare, durch nichts zu zerstörende Hoffung. Ich wünsche mir und Ihnen eine solche Zuversicht: Auch wenn das Leben es mit mir nicht gut meint. Auch wenn ich dem Hass von Menschen ausgeliefert bin, die mir und allen meinen Lieben eine Zukunft verweigern, gibt es für mich die Sonne, die mein Leben in ein gutes Licht taucht; weiß ich um die Liebe, die mich zärtlich berührt; gründet sich meine Existenz in Gott, der einmal JA zu mir gesagt hat.

Zefanja ruft seinen Zeitgenossen zu „Lass die Hände nicht sinken!“
Wenn Hände sinken, schlaff nach unten hängen, nichts mehr halten, nichts mehr tragen können, drücken sie unsere Hilflosigkeit, unsere Schwäche aus. Wir haben dann nichts mehr Zupackendes – mit unserer Dynamik ist es am Ende.

Ich weiß nicht, weshalb unsere Stadt am vergangenen Montag verschont wurde (immerhin haben wir vor ein paar Wochen mit Inbrunst die Stadtpatrone angefleht „schützet Bonn, die Stadt am Rhein)“ und ich weiß nicht, wieso die Opfer der 27 Amokläufe in diesem Jahr in den USA nicht geschützt wurden.

Aber ich finde mich in meiner Ratlosigkeit wieder in dem Wort des Propheten Zephanja. „Lass die Hände nicht sinken“ und ich finde mich aufgehoben in der Bitte aus einem Kirchenlied „lasst uns den Hass, das dunkle Leid fortlieben aus der dunklen Zeit“.

Dann, ja dann das Bild hier vorne die richtige Antwort auf die Nachrichten dieser Woche. Wir wollen dem Hass die Liebe entgegenstellen, dem Terror den Frieden. Nur gemeinsam können wir nach Brothausen, nach Bethlehem gehen – und die Rosen sind bestimmt für die Menschen, mit denen wir uns in Liebe verbunden fühlen.

Wenn es einen Grund für diese Liebe gibt, dann weil unsere Liebe ein Abbild der Liebe Gottes ist. Trotz aller Schreckensnachrichten bleibt es dabei: Gott ist verliebt in uns. Weihnachten hat er ein Date, eine Verabredung mit uns Menschen.

Gott kommt auf uns zu! – Steine auf dem Weg nach Brothausen – Predigt am 2.Advent

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Zwölf Aufgaben sollte der Götter Sohn Herkules erfolgreich erledigen, damit er unsterblicher Gott des Olymp werden konnte. Eine dieser Aufgaben, die fünfte Heldentat, war das Ausmisten des Stalls des Augias in einem Tag. Eine kaum zu schaffende, zudem auch wenig ehrenvolle, ja fast schon demütigende Arbeit. Der Stall Königs Augias beherbergte 3000 Rinder und war 30 Jahre nicht gesäubert worden. Es muss zum Himmel gestunken haben! Eine wahre Herkules-Aufgabe.
Herkules riss die Mauern des Stalles ein und leitete zwei in der Nähe fließende Flüsse durch einen Kanal hindurch und ließ sie so den Mist wegspülen.
Das Ausmisten eines Augias Stall ist nicht nur ein in der politischen Diskussion gern gebrauchtes Bild, es lässt sich auch auf unser ganz persönliches Leben anwenden. Hat sich da nicht manchmal auch viel Mist in unserem Lebenshaus angesammelt? Was machen wir mit all dem Müll unseres Lebens? Und sind wir uns selbst nicht manchmal auch zu fein, um selbst Hand anzulegen, um unser Lebenshaus zu säubern? Wo ist das lebendige Wasser, das den Dreck herausspült?
Auf dem Weg nach Brothausen, der unseren Advent bestimmt, liegt hier vorne in unseren Szene des Krippenweges kein Müll, sondern Steine, die den Weg fast unbegehbar machen.
Steine – ein anderes Bild für das, was mich hindert, wie der Müll ein Bild für das, was in meinem Leben nicht in Ordnung ist.
„Bereitet dem Herrn den Weg!“ – hat uns Prophet Jesaja im Evangelium zugerufen.  Georg Friedrich Händel vertont in seinem Messias die englische Fassung „baut in der Wüste einen Highway für unseren Gott“, eine Schnellstraße, auf der er zu uns und wir zu ihm gelangen können.
Aber dies hier ist keine Schnellstraße, sondern ein steiniger Weg, auf dem man nur langsam vorankommt. Wir müssen die Steine aus dem Weg räumen.
Bleiben wir etwas bei diesem Bild: Wie sieht mein Weg nach Brothausen aus? Gleicht er eher einem Highway oder eher einem unwegsamen Stolperpfad, was hat sich da auch alles an Müll angesammelt?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, es sind Steine, die wir selbst auf den Weg gelegt haben, kleine und große, runde und kantige. Die Hindernisse kommen von unserer Seite. Berge von Sorgen türmen wir auf, und Abgründe in uns stehen zwischen uns und dem Heil, das Gott uns schenken will.
Es gilt, die Steine anzuschauen, die auf meinem Lebensweg liegen, die mich am Vorankommen hindern, jeden Schritt mit Schmerzen verbinden. Je genauer ich hinschaue, je besser kann ich sie benennen. Vielleicht trägt einer den Namen Stolz, ein anderer Eifersucht, einer vielleicht „Ruhelos“, oder „Workaholic“, oder „Faul und Bequem“, vielleicht „Geiz“, oder „Egoismus“. Es gibt viele Bezeichnungen.
Man könnte meinen, es sei besser, einen anderen Weg zu nehmen als den, der übersät ist mit den Steinen meiner Biografie. Aber wir werden diese Steine überall wieder finden, wenn wir sie nicht liebevoll einsammeln, anschauen und zur Seite legen.
Die Steine erzählen von meinem Leben. Sie stehen für meine Eigenschaften, für Dinge, die mich stören, für Menschen, die mich hindern, für Umstände, die mich blockieren, für Abhängigkeiten, die mich in den Bann ziehen. Ich will sie nicht verteufeln! Weil sie zu meiner Geschichte gehören, kann ich sie liebevoll anschauen, und überlegen, was ich tun muss, damit sie mich nicht weiter vom Vorankommen abhalten.
Immer besteht dabei die Gefahr, dass wir die Schuld bei anderen suchen, bei Mitmenschen, bei der Umwelt, bei den gesellschaftlichen Gegebenheiten.
In unserer Szene hier vorne steht wie am vergangenen Sonntag der Brotteller im Vordergrund. Wenn Sie näher herantreten und hineinschauen, dann haben Sie den wahren Schuldigen gesehen: Sie selbst sind es!
Als der Prophet Natan zu König David gesandt wird, um ihm seine bösen Taten vor Augen zu führen, fragt der ihn entsetzt: „Wer ist der Mensch, der das alles getan hat?“ und der Prophet muss ihm sagen: „Du selbst bist dieser Mensch!“
Es gehört mit zur Ehrlichkeit dieser Zeit, die Schuld nicht nur bei anderen suchen, sondern auch bei sich selbst nach den Ursachen zu forschen, die einen hindern den Weg nach Brothausen zu gehen.
Nun könnte man angesichts eines ehrlichen Blick in das eigene Leben vielleicht auch verzweifeln. So wie das Volk Israel im babylonischen Exil, wo jeder einzelne am eigenen Leib erfahren musste, wohin die Untreue des Volkes Gott gegenüber geführt hat.
Jeder einzelne im Volk Israel ist mit Schuld an dieser Situation, aber es gibt ein Hoffnungszeichen! Der Prophet Baruch verkündet es seinem Volk: Gott hat an euch gedacht! Er kommt auf euch zu. Er bringt euch heim, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte!
Im Neuen Testament wird uns ein ähnliches Bild geschildert: als der verlorene Sohn nach Hause zurückkehrt, kommt der barmherzige Vater ihm entgegen, und noch bevor er ein Wort sagen kann, nimmt ihn der Vater in seine Arme!
Welch ein Trost: während wir noch mit den Steinen auf dem Weg oder dem Müll in unserem Haus beschäftigt sind, kommt Gott auf uns zu!
„Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.“ – so das Resümee des Propheten Baruch.
Der zweite Advent lädt uns ein, die Steine, den Mist unseres Lebens ehrlich anzuschauen, und beiseite zu räumen. Die Kirche selbst bietet uns das lebendige Wasser des Buß- Sakramentes an, das uns hilft, das Haus unseres Lebens auszumisten und das so viel Kraft hat auch die Steine beiseite zu räumen. Gott selbst ist es, der uns darin entgegen kommen will, Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.

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Richtet Euch auf! – Aufrecht nach Brothausen – Predigt am 1.Advent

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Haben Sie auch schon vorgesorgt für den Weltuntergang? Am 21. Dezember soll es soweit sein. Endzeittheoretiker haben das Datum aus einem alten Kalender der Maya ausgerechnet.
Wie viele solcher Szenarios hat es schon gegeben? Immer waren Menschen sich sicher, dass das Ende nahe ist. Was aus denen bislang wurde, wissen wir – sonst säßen wir nicht hier.
Endzeitliche Vorstellungen, Ideen vom Ende der Welt nötigen den meisten von uns nicht mehr als ein Lächeln ab.Aber heute im Evangelium gab es durchaus ernste Worte, kein konkretes Datum, aber durchaus realistische Umstände:Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, das Meer tobt und  die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.

Wenn wir diese Bilder wahrnehmen, welche Gefühle beschleichen uns da?

  • Lächeln wir nur darüber oder machen wir uns schon unsere Gedanken?
  • Überlegen wir zu fliehen wie die Menschen an der Pazifikküste angesichts eines drohenden Tsunami?
  • Oder ducken wir uns weg, machen wir uns ganz klein, damit wir möglichst übersehen werden?
  • Vielleicht finden wir aber auch gefallen an dem Motto, das schon in der Bibel überliefert wird: „lasst uns essen und trinken, wir sterben doch morgen!“ (Jesaja 22,13; 1. Korinther Brief 15,32)

Die Botschaft vom Untergang der Welt verbunden mit der Botschaft vom Gerichtist kein Ausrutscher in der Liturgie des Jahres. Sie ist Bestandtteil des christlichen Glaubens.

Sie soll uns allerdings keine Angst machen wie es vielleicht die Unheilsprediger vergangener Zeiten immer wieder versucht haben, in der Hoffnung, so Macht über die Menschen zu gewinnen.
Das Ende der Welt, das sich im Tod eines jeden Einzelnen von uns widerspiegelt, und das Gericht über das Leben des Menschen macht unser Leben vielmehr eindeutig und einmalig. Unser Leben plätschert nicht einfach nur dahin bis irgend einmal im Sand der Geschichte verrinnt wie Wassertropfen in der Wüste.
Es hat einen Anfang und ein Ende, das mit einer Bilanz verbunden ist. Das macht jede Tat und jedes Wort einmalig. Wir erleben es selbst: die Worte, die wir gesprochen haben, können wir oft nicht mehr zurückholen und viele Taten sind nicht mehr zu verändern, nicht mehr gut zu machen.
Sich dessen bewusst zu sein – das kann wirklich Angst machen – und hat vielen Menschen Angst gemacht. Wie werde ich dastehen vor dem Richter?
Da kann man wirklich ein Flucht oder wegducken denken. Das mag man sich angesichts des eigenen Lebens gar nicht vorstellen.
Im Evangelium verbindet der Herr das Wort vom Ende der Welt mit der Aufforderung: „Wenn (all) das beginnt,  dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“
Das klingt nicht nach Sich-klein-machen, im Gegenteil: wir sollen uns aufrichten!
Der Theologe Wolfgang Beinert hat das bevorstehende Gericht einmal so beschrieben „Ge-richt ist das Ereignis nicht des Hin-richtens (als Vernichtung des Delinquenten im extremen Fall), sondern des Her-Richtens, als Wieder-in-Ordnung-Bringen, als Recht-machen. Was zerstört oder kaputt gemacht worden ist (durch menschliche Willkür), das wird zu Recht gerückt.“ (W. Beinert, in: Das Christentum, S. 246).
So verstanden weicht die Angst. Ich werde nicht hingerichtet, sondern hergerichtet. In dieser Erwartung kann ich mich wahrlich aufrichten, denn es geht um meine Erlösung.
Es geht darum, dass all das Unfertige, das Fragmentarische, das Un-Heile, das Böse in mir, in die rechte Ordnung gebracht wird.
Das kann schmerzvoll sein, das können Höllenqualen sein, weil ich erlebe, wie mein ganzes Leben, das mir doch so wertvoll war, auf dem Prüfstand steht, und Licht Gottes so manche Schattenseite sichtbar wird.
Aber: der, der da kommen wird, ist niemand anders als der, der schon da ist, der uns jetzt und hier schon begegnet, im Gebet, in seinem Wort und in der Speise der Eucharistie, in jedem Menschen, der unsere Hilfe braucht.
Er will uns nicht Angst machen, sondern jetzt und hier schon in diese Begegnung mit ihm einladen.
Die Christen in der ersten Jahrhunderte hatten das schon verstanden: als schon Erlöste feierten sie den Gottesdienst aufrecht, stehend – in der Osterzeit war sogar jedes Knien untersagt.
Nicht weil die Christen der ersten Zeit nicht fromm waren oder weil sie Gott die Ehre verweigern wollten. Sie wussten: es gibt nach dem letzten Tag noch ein einen Tag. Seinen Tag. Das Ende wird ein Neuanfang sein – und sie waren überzeugt: in Tod und Auferstehung Jesu haben wir es schon erlebt. In der Taufe ist es uns gesagt worden, dass dieses nicht nur für den Herrn gilt, sondern auch für uns. Richtet Euch auf, denn Eure Erlösung ist nahe!
Deshalb laden wir Sie ein, aufrecht in diesen Advent hineinzugehen, wie unser Mensch hier vorne in der Krippenweg-Darstellung. Aufrecht nach Bethlehem, nach Brothausen. Aufrecht und wachsam!