Zwischen Zuneigung und Hass

Religion ist immer auch eine Sache der Emotionen. „Recordare“ sagt der Lateiner. Glauben – das Herz wieder schenken. Und unser deutscher (indogermanischer) Begriff bedeutet in seiner altindischen Wurzel „sein Herz auf jemanden setzen“. Das Gegenteil besteht in der Verweigerung des Herzens, schlimmstenfalls im Hass. Kaum jemand steht der Religion indifferent gegenüber. Die Kathedralen Frankreichs erzählen von beidem: von der Verehrung Gottes und der Heiligen und vom Hass auf alles Religiöse, vor allem auch auf die Kirche. Die Feudalherrschaft der Kirche, ihre oft schamlose Beteiligung an der Macht und der Ausbeutung der Menschen blieb in den Religionskriegen und den Jahren der Revolution nicht ohne Folgen. Die Figuren an den Kirchenportalen wurden zerschlagen – Ausdruck von Wut und Hass. Die abgeschlagenen Köpfe mahnen uns, dass die Kirchen immer auf der Seite der Armen und Schwachen stehen muss.

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< Portal S.Etienne Beauvais - Krönung Mariens 20130725-180342.jpg Portal Kathedrale von Senlis – Krönung Mariens

20130725-180429.jpg Madonna – Kathedrale von Senlis

20130725-180522.jpg Goldene Madonna Kathedrale von Amiens

20130725-180806.jpg Madonna – Kirche vonn Morienval

20130725-180951.jpg Madonna – Abbaye Royaumont

Grenzüberschreitend

„Altius, citius, fortius“ (höher, schneller, weiter (eigentlich stärker)), das Motto der neuzeitlichen Olympiade hat die Menschheit schon immer beflügelt. Oft ist damit allerdings auch der Versuch verbunden, die Grenzen, die uns der Schöpfer gesetzt hat, zu überwinden und selbst an die Stelle Gottes zu treten. Die Bibel erzählt von dem gescheiterten Versuch beim Turmbau zu Babel, als die Menschen einen Turm bauen wollen, der bis an den Himmel reichen sollte. (Bibel Buch Genesis Kapitel 11) Der jüdische Talmud weiß, dass man beim Bau mehr weinte um einen Stein, der herunterfiel, als um einen Menschen, der dabei verletzt oder getötet wurde. Bald schon stand man vor dem Scherbenhaufen seiner Bemühungen. Auch die Geschichte der Gotik kennt einen solchen Versuch der Grenzüberschreitung: in Beauvais wollte man die größte Kathedrale bauen, größer, höher als alle bekannten gotischen Kathedralen. Auch hier scheiterte der Mensch mit seinem Stolz. Übrig bleibt ein Torso, der uns durch die Jahrhunderte hindurch mahnt, demütig zu sein, dass heißt, die Grenzen anzuerkennen, die uns der Schöpfer gesetzt hat.

20130725-084727.jpg Die Kathedrale von Beauvais bleibt unvollendet

20130725-084959.jpg Das Langhaus fehlt. Stattdessen steht dort noch der alte karolingische Vorgängerbau

20130725-085123.jpg Auch heute noch notwendig: riesige Stützen

20130725-085235.jpg Stüttzen auch im Querschiff

20130725-085336.jpg Schon gewaltig: Gewölbe des Chors

20130725-085431.jpg Die Schöpfung – der Schöpfer und sein Geschöpf. Wandteppich aus dem 20.Jahrhdt. in der Tapisserie neben der Kathedrale