Israel II: Die weggefegten Gebete

Es ist wie immer am späten Freitagnachmittag an der Klagemauer in Jerusalem: eine eigentümliche Spannung liegt in der Luft. Von allen Seiten strömen die Menschen herbei: die einen mit ihren Schabbesdeckeln oder ihren Gebetsmänteln, andere in Alltags- oder Freizeitdress nur mit einer Kippa auf dem Kopf, Soldaten in ihren Uniformen mit ihren Maschinengewehren. Die Lautsprecher-durchsage kündet den Shabbat an.

In den Ritzen der Klagemauer stecken die Zettel mit den Gebeten. Hier am einzig verbliebenen Rest des jüdischen Tempels glaubt man, Gott besonders nahe zu sein, und um sicher zu gehen, dass er sich der Anliegen erinnert, überreicht man sie gleichsam auch noch einmal in Schriftform. Wieviele Gebete mögen von hier in den Himmel gestiegen sein?

In der letzten Stunde vor dem Shabbatbeginn wird Ordnung geschaffen auf dem Platz vor der Klagemauer. Tische und Bänke werden sortiert und auch das Reinigungspersonal rückt an. Gebetszettel, die nicht fest in der Mauer stecken oder zu Boden gefallen sind, werden aufgefegt und in Müllsäcken „entsorgt“.

Auf den ersten Blick befremdet es mich. Eben noch habe ich staunend auf die Zettel geschaut und der vielen Menschen gedacht, die hier gebetet haben, jetzt werden sie zusammen gefegt wie weggeworfener Papierabfall.  Mir wird bewusst: so wichtig es für uns Menschen ist, dass wir Orte haben, an denen wir beten können, Dinge, die unser Gebet „fassbar“ machen wie die kleinen Zettel oder die Kerzen, die in unseren Kirchen brennen, für Gott zählt nur das betende Herz. Von dort findet das Anliegen seinen Weg zu ihm.

Manchmal braucht es so „brutale“ Methoden, um es uns neu bewusst zu machen.

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