„Handwerker des Friedens“

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Volkstrauertag – kann man eigentlich Trauer befehlen? Kann man einem ganzen Volk vorschreiben, an einem Tag zu trauern? Wir wissen Trauer ist etwas ganz persönliches, individuelles. Der Prozess dauert bei dem einen länger als bei der anderen.

Und heute sollen wir trauern, obwohl die meisten von uns gar nicht mehr direkt betroffen sind von den Opfern der beiden Kriege. Tun wir das, weil das so üblich ist und es dem guten Ton entspricht?

Die meisten zivilisierten Länder kennen einen solchen Tag. In den meisten Ländern heißt er „Gedenktag“ oder „Erinnerungstag“. Mit dieser Bezeichnung kann ich mich dann schon eher anfreunden. Der ehemalige Bundespräsident Gauck hat 2016 eine gute Richtung vorgegeben als er unter anderem sagte:

  • Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
  • Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
  • Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
  • Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
  • Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Und er zog den Schluss daraus:
Unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Unsere Verantwortung gilt dem Frieden. Das ist der Auftrag des heutigen Tages und dieser Verantwortung können wir uns mit einer Stunde am Sonntagmorgen und einer Kranzniederlegung nicht entledigen:

Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“, hat uns Jesus in der Bergpredigt zugerufen.

„Der Friede ist der Name Gottes“ und „wer den Namen Gottes anruft, um den Terrorismus, die Gewalt und den Krieg zu rechtfertigen, beschreitet nicht den Weg des Herrn.“ So heißt es im gemeinsamen Friedensappell, den Papst Franziskus und die Teilnehmer am Friedenstreffen der Religionen 2016 in Assisi unterzeichnet haben. Alle können demnach „Handwerker“ des Friedens sein.

Handwerker des Friedens nicht nur in der großen Politik, Handwerker des Friedens in der eigenen Familie, im Berufsleben, im Freundeskreis.

Bei dieser Gelegenheit mahnt uns Franziskus, der großen Krankheit unserer Zeit entgegenzutreten: der Gleichgültigkeit. „Wir dürfen nicht gleichgültig bleiben. Die Welt hat heute einen brennenden Durst nach Frieden.“

Vielleicht erinnern sich die Älteren unter Ihnen noch an Wolfgang Borchert. Der Schriftsteller verstarb 1947 im Alter von 26 Jahren. Sein letztes Gedicht klingt wie ein Manifest.
Der Text beginnt mit folgenden Zeilen:
Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“
Genauso soll das „Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro“ reagieren, der „Besitzer der Fabrik“, der „Forscher im Laboratorium“, der „Dichter“, der „Arzt“, der „Pfarrer“, der „Kapitän“, der „Pilot“, der „Schneider“, der „Richter“, der „Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt“.
Und schließlich:  “Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins: sagt NEIN!

Wir sollen Handwerker des Friedens sein und müssen bekennen: wir haben in den letzten 70 Jahren nicht NEIN gesagt! Wir haben den Durst der Welt nach Frieden nicht gestillt – weder in der großen und oft auch nicht in unserer kleinen.

Kehren wir noch einmal zurück zum Volkstrauertag. Trauer hat immer etwas mit Tränen zu tun.

„Tränen lügen nicht“ sang in den siebziger Jahren Michael Holm. Er hat recht. Tränen lügen nicht. Sie drücken aus, wofür es keine Worte gibt. Es gibt Dinge, die mit keiner anderen Antwort zufrieden sind, als mit Tränen.

Tränen erzählen von Träumen, von Schmerz und von Trauer, von Befreiung, Freude und Glück, von Wut und Reue über Sünde und Schuld, von Liebe, Verzeihung und Vergebung. Sie erzählen von ungelebtem Leben, nicht genutzten Chancen, Erfahrungen eigener und fremder Schuld, von Unterdrückung, Verlust und Trauer.

Sie sind vielleicht die menschlichste aller menschlichen Ausdrucksformen. Sie begleiten uns ein Leben lang von den ersten Tränen, die wir selbst auf den Armen unserer Mutter vergossen haben bis zu den Tränen, die andere an unserem Grab vergießen.

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Eine der schönsten Bitten finde ich im Alten Testament im Psalm 56 „Sammle meine Tränen in einem Krug, / zeichne sie auf in deinem Buch!“

Ein wunderschönes Bild: Keine Träne ist umsonst geweint. Gott zählt sie alle und heiligt sie, weil wir ihm so kostbar sind.

Der Prophet Jeremia schreibt sogar vom Weinen Gottes: “ Ach, wäre mein Haupt doch Wasser, / mein Auge ein Tränenquell: Tag und Nacht weinte ich.“ (Jer 8,23) Gott selbst kennt die Gabe der Tränen.

Im letzten Buch der Bibel sagt der Seher Johannes: “ Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. (Offb 21, 4)
Es ist die große Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde, die Vision vom himmlischen Jerusalem. Dorthin lädt Gott uns ein.
Wie oft sind unsere Tränen verbunden mit der Klage: „Ich habe keinen Menschen“. Keinen Menschen, der mich versteht, keinen, der mir zuhört, keinen, der mich tröstet, keinen, der mir beisteht, keinen, der meine Trauer, meine Freude und meine Hoffnung mit mir teilt. Gott selbst wendet sich uns zu. Er hat jeden von uns ganz persönlich im Blick. Der Gott, der unsere Tränen abwischt! Ein Bild für die Nähe und Geborgenheit, die Gott uns im Glauben schenkt.
Wo auch nur eine Träne auf dieser Welt geweint wird; Gott weiß es. Unser Leben mit Freud und Leid ist in seinen guten Händen aufgehoben. Das ist der Trost, der uns an einem solchen Tag auch geschenkt wird.

 

Die Taufe – der Rettungsgriff Christi

Was aber bedeutet die Taufe?  Die Osternacht gibt uns eine dreifache Antwort:

  1. Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Quelle: Wikipedia

In der Ostkirche wird auf vielen Ikonen die Auferstehung dargestellt, wie Jesus hinabsteigt in die Unterwelt und Adam und Eva mit einem typischen Rettungsgriff wie ihn auch heute noch Retter in unterschiedlichen Situationen praktizieren, herausreißt aus ihren Gräbern. Dahinter steckt das alte Weltbild, das die Welt in Etagen einteilt, Himmel, Erde, Unterwelt.

„Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ – heißt es im Glaubensbekenntnis. Jesus hat sich weder das Leben noch das Sterben einfach gemacht. Sein Abstieg ging tief, mitten in das Reich des Todes hinein. Bis in die tiefste Tiefe ist er nach unten hinabgestiegen. Bis an den „toten Punkt“. Vielleicht kennen Sie das auch aus Ihrer Biografie. Den „toten Punkt“, wo alles zusammenbricht. Wo es weder ein zurück noch ein nach vorne gibt.

Als Toter ist Jesus zu den Toten hinabgestiegen. In ihm ist Gott zu den Toten gekommen und der hat ihn dort nicht gelassen. Er hat den Tod besiegt. Auf den Darstellungen der Ostkirche sind Adam und Eva zu sehen. Sie stehen stellvertretend für die ganze Menschheit. Mit einem Rettungsgriff zieht der Auferstandene sie aus der Macht des Todes. Genau das geschieht in der Taufe. Jesu Rettungsgriff fasst uns an den Handgelenken und zieht uns hinein in seine Auferstehung.

  1. Geht!

Haben Sie noch das Evangelium von eben im Ohr: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. […] Nun aber geht! Er geht euch voraus nach Galiläa! (Mk 16,7) Nun aber geht – jede entscheidende Begegnung in der Bibel ist verbunden mit dem Auftrag „Geht!“ Papst Franziskus spricht immer wieder von den „Sofa-Christen“, die die Welt vom Sofa aus betrachten oder sie unter ihrem Balkon vorbeiziehen lassen.

Die Sofa-Christen überhören geflissentlich das Wort „Geht“. In Ihrem Taufschein steht zwar, dass sie getauft sind. Aber sie brechen nicht mehr auf, sie gestalten nicht mehr ihre Welt aus der Botschaft des Evangeliums. Wenn in unserer Gesellschaft der „Untergang des christlichen Abendlands“ beklagt wird, dann liegt das nicht an REWE, der den „Traditionshasen“ verkauft, sondern an den „Sofa-Christen“ unserer Tage.

Erliegen Sie nicht dieser Versuchung. Lassen Sie sich stattdessen nach Galiläa schicken, d.h. dorthin, wo Sie Augen- und Ohrenzeuge der Botschaft Jesu werden können. Dafür brauchen Sie nicht ins Heilige Land zu reisen. Es genügt, wenn Sie in der Bibel lesen.

  1. Es liegt an uns!

Noch einmal möchte ich an das Evangelium von eben erinnern. An den letzten Satz: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ (Mk 16,8) Das ist der ursprüngliche Schluss des Markus-Evangeliums. Ende. Aus. Wo bleibt die Botschaft? Sie sagten niemandem etwas davon.
Wo sind all die Geschichten von den Jüngern, von Maria von Magdala, der Apostolin der Apostel. Von Johannes, Petrus, den Emmaus-Jüngern und Thomas? – Markus weiß davon nichts! Dieser ursprüngliche Schluss des Markus-Evangeliums provoziert. Ein paar Jahrhunderte nach der Urfassung des Markus-Evangeliums taucht plötzlich noch ein zweiter Schluss auf, der die Provokation der ursprünglichen Fassung auflösen will.
Markus hat eine Absicht mit diesem Schluss. Er will seine Hörerinnen und Hörer herausfordern. Wenn die Frauen am Ostermorgen schweigen, dann müssen wir reden! Die Botschaft des jungen Mannes im weißen Gewand muss weitergesagt werden: „Er ist auferstanden“. Als Getaufte ist dies unsere erste Pflicht: Zeuge, Zeugin der Auferstehung zu sein – damit die Botschaft nicht in Vergessenheit gerät.

 

Bilanz einer Reise, die Mut gemacht hat!

(c) Reinhard Sentis

Am letzten Wochenende bin ich aus Israel zurückgekommen.  Die Reise war ganz anders als meine vorangegangenen Reisen, die ich entweder privat oder als Pilgerreise mit anderen Pilgern unternommen hatte.
Diesmal war ich mit Fußballern unterwegs, besser gesagt mit Menschen aus dem Management des Bonner SC. Sie engagieren sich in unserem Projekt „Bonn hilft Bethlehem“ und wollten sich einmal vor Ort ansehen, was ihre Hilfe konkret bedeutet.

Drei Dinge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:
Das Erste ist ein Satz, den eine 21jährige palästinensische Studentin in Bethlehem sagte. Sie hilft dort ehrenamtlich im Jugendclub der Salesianer an der Technical School, die wir seit 5 Jahren unterstützen. Wir haben sie nach ihren Träume gefragt und sie antwortete uns: wir dürfen nicht darauf warten, dass die Lösungen, besonders der Frieden von außen kommt. Er muss in uns heranwachsen. Wir müssen ihn leben. Damit hatte sie ausgesprochen, was der Apostel Paulus im Kolosserbrief schreibt: Der Friede Christi wohne in Euren Herzen (Kol 3,15) – Und gleichzeitig gab sie all denjenigen einen Korb, die meinen, die anderen, die da oben, nur nicht man selbst trage die Verantwortung dafür, dass sich etwas ändere. Dass gilt für die große Politik genauso wie für das Leben in der Kirche als auch für die ganz persönlichen Verhältnisse.

Das zweite ist ein Wort von Father Vincent, dem geistlichen Leiter des Jugendclubs in Bethlehem. Er gibt den Kindern und Jugendlichen durch seine Arbeit eine zweite Familie, in der sie das Miteinander, den Respekt voreinander und Fair play lernen. Ihn haben wir nach seinen Wünschen gefragt. Er muss die Arbeit durch Spenden finanzieren und braucht jedes Jahr 10.000 €. Das sind pro Jugendlicher, der in den Club kommt, 35 Euro.
Sein größter Wunsch ist ein Kunstrasenplatz für die sportlichen Aktivitäten, die bisher auf dem asphaltierten Schulhof stattfinden. Da ist wahrscheinlich eine sechsstellige Summe notwendig. Als er merkte, wie wir angesichts des Betrags alle die Luft anhielten, meinte er nur: Wir können von dem Großen träumen; aber wir ändern etwas, wenn wir kleine Schritte gehen. Tun Sie die Schritte, die Ihnen möglich sind. Man konnte förmlich spüren, wie die Last der übergroßen Erwartung von unseren Schultern fiel und gleichzeitig dieses Wort uns alle beflügelte, die nächste Schritte zu tun. Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte gehen, können das Gesicht der Welt verändern.

Und ein drittes Erlebnis. In der kleinen Gruppe von 12 Personen gab es Katholiken, Protestanten und auch Nichtgetaufte. Es gab welche, die kannten die biblischen Geschichten, die an einzelnen Orten lokalisiert werden, und anderen mussten sie erschlossen werden.
Ein Beispiel: Wir waren in der Wüste, standen in den Ruinen Nabatäerstadt Mamshit und beobachteten einen Hirten, der etwas entfernt am Hang seine Herde vorantrieb. Plötzlich stellte einer von uns fest: „Schaut mal, der kümmert sich um jedes einzelne Schaf, wenn eines zurückbleibt, geht er zurück und holt es.“ Für mich war es die Gelegenheit Lukas 15 zu zitieren: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Das war eine Kurzkatechese, zu der mich die Beobachtung eines Teilnehmers herausgefordert hatte. Für mich deshalb so nachhaltig, weil kirchliches Handeln normalerweise verläuft. Da lernen wir nicht von anderen, sondern meinen, sie müssten von uns etwas lernen.

Die Begegnungen auf dieser Reise, von denen ich bruchstückhaft erzählt habe,  machen mir Mut:

  • Ich selbst bin mitverantwortlich, dass sich etwas verändert;
  • Ich muss den nächsten kleinen Schritt tun und nicht auf den großen Sprung warten;
  • Und ich kann von den Menschen, mit denen ich unterwegs bin im Leben, etwas lernen.

 

Judas statt Matthias

Die deutsche Kirche feiert heute den Apostel Matthias. Nach der Himmelfahrt Jesu war es notwendig geworden, die Zwölfzahl wieder herzustellen, nachdem sich Judas Iskariot nach seinem schändlichen Verrat das Leben genommen hatte.
Dies geschah nicht von oben herab, sondern die 120 „Brüder“ hatten die Möglichkeit Kandidaten vorzuschlagen, die „Zeuge der Auferstehung“ waren. Schließlich entschied das Los und Matthias wurde in das Kollegium der Apostel aufgenommen. Die Zwölfzahl war wieder hergestellt. Judas und seine Tat hatten die Chance, in Vergessenheit zu geraten – wie das oft so ist, wenn Nachfolger bestellt sind.

Aber die Evangelien haben die Erinnerung an Judas Iskariot bewahrt. Und in der Kirche von Magdala findet man sein „Bild“ in der Reihe der  ursprünglichen Zwölf. Allerdings ohne „Heiligenschein“ und auch sein Name ist nicht wie bei den anderen in goldenen Lettern geschrieben.

Judas ist eine tragische Figur. Seine Vorstellungen, die er von diesem Jesus hatte, und seine Erwartungen, die er an ihn knüpfte, zerbrachen je mehr er ihn kennenlernte. Das war nicht „sein“ Messias, „sein“ Gottessohn“. Und als dann noch Geld ins Spiel kam, war der Sprung auf die andere Seite nur noch ein kleiner Schritt.

Ausgerechnet mit einem Kuß hat er seine Tat besiegelt. Welch eine Tragik. In der Alltagssprache gilt er als der Inbegriff des Verräters und nach deutschem Recht darf niemand dessen Namen als Vornamen bekommen.

In der Kirche von Magdala hängt das Bild des Judas in einer Reihe mit den anderen Aposteln und wenn man nicht genau hinschaut, dann fällt er gar nicht auf. 12 Männer, jeder mit einer eigenen Biografie, jeder mit seiner eigener Beziehung zu Jesus. 12 Männer, so unterschiedlich sie auch waren, gemeinsam mit Jesus unterwegs durch das Land.

Der Betrachter stellt fest: manchmal bin ich so klar im Bekenntnis wie Petrus, manchmal auch so vorlaut und voreilig wie er, manchmal mache ich mir Sorge um meinen Rang und meinen Wert wie die Zebedäus-Brüder, manchmal führe ich Menschen zum Herrn wie Philippus und Andreas, manchmal bin ich zweifelnd wie Thomas, manchmal erlebe ich mich mittendrin im Geschehen wie Petrus, Johannes und Jakobus.

Der Judas erinnert daran, dass niemand vor dessen Schicksal gefeit ist: wenn sich die eigene Vorstellung und die Erwartung an Gott und sein Handeln nicht bewahrheiten. Hoffentlich findet er dann Menschen, die ihn in dieser schwierigen Situation nicht allein lassen.

Judas statt Matthias – der „Ersatz“-Apostel wird es als Zeuge der Auferstehung ertragen.

Die grauen Herren und das graue Kreuz

In Michael Endes Kinderbuch „Momo“ spielen die grauen Herren eine wichtige Rolle. Sie sind eine menschenähnliche Erscheinung, sind sehr zahlreich und wirken stets beschäftigt. Wer sie sieht, vergisst sie in der Regel wieder.
Die grauen Herren haben eine Glatze, sind grau gekleidet, tragen runde graue Hüte und fahren graue Autos. Sie verbreiten eine ungewöhnliche Kälte.Sie haben nur ein Ziel, den Erwachsenen vorzuschlagen, ein Zeitsparkonto bei der Zeit-Spar-Kasse einzurichten. Wer dies tut, richtet sein Leben aufs Zeitsparen ein, wird hastig, mürrisch und gereizt.
Vernachlässigt werden die Kinder. Auch sie sollen durch automatisiertes Spielzeug und vom „Immer-mehr-Haben-wollen“ Teil des grauen Systems werden. Eines dieser Kinder, Momo, das die Gabe des Zuhörens hat, durchschaut das gefährliche Treiben und setzt ihm schließlich ein Ende.

Angesichts des grauen Aschenkreuzes, das uns heute auf die Stirn gezeichnet wird, habe ich mich an diese Geschichte von Momo und den grauen Männern erinnert.
Das Aschenkreuz mag für jeden und jede verschiedene Bedeutungen haben: der eine sieht es als Buß-Zeichen, den anderen erinnert es an die Vergänglichkeit, jemand anders sieht darin schon einen Hinweis auf den Karfreitag. Oder man erkennt darin den Ruf zur Umkehr.

Für mich markiert es in diesem Jahr wieder einmal der Beginn einer heiligen Zeit und es lädt mich ein, diesmal etwas kritisch darüber nachzudenken, was ich mit meiner Zeit anfange.
Ich muss gestehen, manchmal verfalle ich auch den „grauen Herren“ in mir, die mich zum Zeit-sparen verführen wollen und mir doch die Zeit stehlen:

  • Da ist der Perfektionismus. Es soll alles gut und richtig sein. Aber jeder weitere kleine Schritt hin zu einem (vermeintlich) perfekten Ergebnis nimmt eine immer größere Zeit in Anspruch.
  • Da ist die Versuchung, Dinge aufschieben und ich erlebe, wieviel Zeit ich damit verbringe, daran zu denken, statt die Sache gleich anzupacken.
  • Da ist die Ablenkung, die vor allem auch durch die Digitalisierung des Lebens geschieht. Das Smartphones, Facebook, die sozialen Medien – alles buhlt ständig um meine Aufmerksamkeit.
  • Und alle die anderen vergeblichen Versuche, Zeit zu sparen.

Und wie geht es Ihnen mit Ihrer Zeit?
Die grauen Herren in „Momo“ versuchen die Menschen dahingehend zu überzeugen, dass sie alles ein bisschen schneller erledigen und auf unnötige Zeitfresser wie Freundschaften, Nachbarschaftshilfe und ähnliches zu verzichten.

Momo dagegen ist reich an Zeit. Sie spart sie nicht, sondern lebt im hier und jetzt: „Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis.“ sagt sie. „Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

 Zeit ist Leben – vielleicht wäre das auch eine Möglichkeit, die Fastenzeit zu gestalten. Darauf zu verzichten, Zeit zu sparen – stattdessen dem Rat des Apostels Paulus im Epheserbrief zu folgen, der uns zuruft: „Nutzt die Zeit“ oder wie es in einer neuen Übersetzung heißt: „ Nutzt jede Gelegenheit zum Guten!“

In der Geschichte von Momo heißt es am Schluss, als Momo den Menschen die gestohlene Zeit zurückbringen kann: „Und in der großen Stadt sah man, was man seit langem nicht mehr gesehen hatte: „Überall standen Leute, plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. Wer zur Arbeit ging, hatte Zeit, die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. (…) Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten, denn es kam nicht mehr darauf an, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertig zu bringen. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von nun an war ja wieder genug davon da.“
Das wäre es doch, wenn wir in den nächsten 40 Tagen nicht Zeit sparen, sondern Zeit verschenken.

Mit dem Aschenkreuz, dem grauen Kreuz auf der Stirn, können wir das Treiben der grauen Herren in uns durchkreuzen. Wir dürfen uns die Zeit von ihnen nicht rauben lassen.
Unser Erzbischof macht uns in seinem Fastenhirtenwort Mut: „Nicht alles ist zu jeder Zeit dran. Erst recht dann nicht, wenn Zeiten, Räume, Mittel oder Kräfte knapp bemessen sind.“
Die 40 Tage der Fastenzeit sind für ihn eine Zeit, in der wir uns von Gott finden lassen können.
Eine geschenkte Zeit.

Auf geht’s: von Bethlehem nach Jerusalem

In alten Kirchen sieht man oft auf dem Triumphbogen rechts und links die Darstellungen zweier Städte: Bethlehem und Jerusalem. Zwischen beiden spannt sich der Bogen. Zwischen beiden liegt eine eigentümliche Spannung.
Bethlehem – wer denkt da nicht an die Weihnachtsgeschichte, an das Kind im Stall, an die Chöre der Engel, die Hirten, die Anbetung durch die Weisen aus dem Morgenland? Der Name der Stadt steht für Geborgenheit und Wärme, Liebe und Freude, für die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes.
Jerusalem – andere Bilder drängen sich auf: die: Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern und dem Hohen Rat, die Vertreibung der Geschäftemacher aus dem Tempel, der Prozess Jesu, sein Leidensweg, sein Tod am Kreuz. Hektik und Lärm, Gesetze und Norm, Rücksichtslosigkeit und Profitgier, Leid, Schmerz und Tod.
Bethlehem wird zum Synonym für das Fest, die Feier im menschlichen Leben, während Jerusalem mehr den Alltag mit seinen Eigengesetzlichkeiten repräsentiert.

Heute beginnt wieder der Weg von Bethlehem nach Jerusalem. Und dabei begleitet uns das Fest der Taufe des Herrn wie ein Proviantpaket für den Weg. Die Zusage, die Gott jedem und jeder von uns in der Taufe gegeben hat: „Ich bin Gottes geliebter Sohn, Gottes geliebte Tochter“ und der Auftrag, der dieser Erwählung entspricht, ist der Proviant in unserem Lebensrucksack !

Jesus, der „Immanuel“, der Gott-mit-uns, geht mit uns den alltäglichen Weg nach Jerusalem. Er kennt die Strecke gut, denn er ist diesen Weg schon einmal vor uns gegangen.

siehe auch: „Katholische für Fortgeschrittene“

 

Dornenkrone im Angebot

Dornenkrone

Je öfter ich nach Jerusalem komme, umso mehr wird mir bewusst, wie unwichtig die eigentlichen Orte tatsächlich für mich sind. Es ist interessant, durch diese orientalische Stadt zu streifen, diesen Schmelztiegel der Religionen. Aber ob das Grab nun hier oder dort war, der Abendmahlssaal richtig lokalisiert ist oder Jesus wirklich an genau diesem Ort geweint hat, wo sich heute die Kirche „Dominus flevit“ erhebt, berührt mich wenig. Ich stehe staunend vor der langen Tradition dieser Orte und spüre gleichzeitig, dass die Geschichten, die dort verortet werden, sich in mir, in meinem Inneren abspielen müssen.

Das Wort von Angelus Silesius aus dem 17.Jahrhundert bewahrheitet sich wieder einmal: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ Gerne will ich die Orte zum Anlaß nehmen, um nachzudenken, mich zu besinnen und festzustellen, dass die alten Geschichten auch von meinem Leben erzählen: ich erlebe es auch, dass ein Stück Himmel auf Erden kommt wie damals bei den Hirten in Bethlehem (Lk 2). Ich kenne auch tränenreiche Stunden in meinem Leben und finde mich wieder im dem Wort des Psalms 56: „Sammle meine Tränen in deinem Krug“. Und ich bin dem österlichen Leben auf der Spur – um nur einige Beispiele zu nennen.

Ich freue mich in dem Land zu sein, dass Jesu irdische Heimat war. Es inspiriert mich. Gelassen kann ich die Menschenmassen sehen, die sich in die Grabeskirche, in die Geburtskirche oder an andere Orte drängen und dort oft stundenlang warten müssen, um für ein paar Sekunden an dem Ort sein zu können, der seit Jahrhunderten mit einer Stelle aus dem Neuen Testament verbunden wird. Ich brauche kein Kreuz auf der Schulter, um den Kreuzweg zu gehen, und erst recht keine Dornenkrone auf dem Kopf, auch wenn es sie im Angebot gibt.

Rothenburg – oder was Leerstellen lehren können

Rothenburg ob der Tauber. Touristenmagnet mit mehreren Millionen Besuchern jährlich. Man fotografiert, kauft ein, amüsiert sich über den Ideenreichtum der Souvenir-Produzenten, isst und trinkt – und bleibt ein Teil der Masse. Wer aber genauer hinschaut, der entdeckt in der Stadt und der näheren Umgebung zwei Kunstwerke, die eine nähere Betrachtung lohnen, weil der Betrachter ein Teil dieser Kunstwerke wird.

Für die St.Jakobskirche in Rothenburg schuf Tilmann Riemenschneider 1501-1505 den Heiligblut-Altar. Mit diesem Retabel sollte eine Heilig-Blut-Reliquie aus dem 13.Jahrhundert einen angemessenen und würdigen Rahmen finden. Sie ist in einem Bergkristall in einem vergoldeten Kreuz eingeschlossen.
Der Betrachter aber sieht als Erstes eine Abendmahlszene, in deren Mittelpunkt nicht Jesus steht, sondern Judas, der Verräter. In erkennt man deutlich an dem Beutel mit den 30 Silberlingen, dem Blutgeld, den er in den Händen hält. Trotzdem reicht ihm Jesus den Bissen Brot, lädt er ihn ein an den Tisch.
Die übrigen Apostel sind verwirrt und diskutieren miteinander, während Johannes, der Lieblingsjünger an der Brust des Herrn ruht.
Die Figur des Judas konnte auch aus dem Altar entfernt werden und man vermutet, dass an den Kartagen sein Platz deshalb leer blieb: deutliches Zeichen, dass die Betrachter, jede/r dieser Judas sein kann.
An den anderen Tagen lädt die zentrale Figur dieses Altarbildes ein, sich ihm anzuschließen. Sich trotz der eigenen Sünden vom Herrn zu Tisch bitten zu lassen. Wer sich einladen lässt und nach oben schaut, sieht das Reliquiar und hört die Botschaft: „Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.“ (1 Petrusbrief Kapitel 1, Verse 18-19)

Als 1653 ein Kreuzigungsretabel von Tilmann Riemenschneider aus einer Rothenburger Kirche in das kleine Kirchlein in Detwang gebracht wurde, musste man feststellen, dass es 44cm zu breit war. Also musste man es seitlich verkürzen und auf zwei Figuren verzichten.
In der Gruppe der Frauen rechts unter dem Kreuz fehlt jetzt die Figur der Maria Magdalena und links unter dem Kreuz, wo der Hohepriester und die Soldaten stehen, hat man den römischen Hauptmann entfernen müssen.
Die Leerstellen machen das Bild unvollständig und laden den Betrachter ein, sie auszufüllen und die Plätze einzunehmen.
Den Platz der Sünderin, der viel verziehen worden ist und die am Ostertag zur Apostolin der Apostel wird. Auf sie trifft das Wort des Hohenlieds zu: „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt.“ (Hoheslied Kapitel 3 Verse 1-a)
Den Platz des Hauptmanns, der nicht mit den anderen spottet und mitläuft, sondern sich sein eigenes Urteil bildet und das erste Glaubensbekenntnis im Angesicht des Todes Jesu spricht: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Markus-Evangelium Kapitel 15 Vers 39)

Wir werden zu Nomaden mitten in der Stadt

Kriegsschäden im Nordquerhaus

Als 1947 eine Festschrift zum Goldenen Priesterjubiläums meines Vorgängers Johannes Hinsenkamp erschien begann ein Beitrag mit folgender Feststellung: „Der bedeutendste sakrale Bau der Stadt Bonn, die ehrwürdige Münsterkirche hat im Verlauf der Jahrhunderte oft schwere Wunden durch Krieg und Naturgewalten davongetragen. […] Aber der Wille ihrer Hüter, der Stiftsherren, und die Liebe der Bonner zu ihrem Münster waren stärker als die Mächte der Zerstörung.“

70 Jahre nach dieser Feststellung ist es wieder soweit. Nicht die Zerstörungen eines Krieges, sondern der Zahn der Zeit hat an diesem Bauwerk genagt. Was angesichts der vielen Glühbirnen und einer EU-Verordnung mit der Notwendigkeit einer neuen Beleuchtung begonnen hat, ist im Laufe der letzten Jahre zu einer dringend notwendigen Generalsanierung geworden.
Je weiter wir in der Planung fortgeschritten sind, umso mehr wurde uns bewusst: das ist nur möglich, wenn wir das Münster für eine Zeit lang schließen – wie es zuletzt auch in Hildesheim notwendig war.Der Kirchenvorstand hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht: wir denken an die vielen Menschen, denen das Münster viel bedeutet: Menschen, die hier getauft wurden, zur Erstkommunion gingen oder geheiratet haben. Die hier zum Gottesdienst kommen oder die das Münster als Ort des Gebetes und der Stille schätzen.
Für viele ist es so, als ob das Herz der Stadt stillgelegt wird, um es zu operieren. Wir werden alles daransetzen, dass die Operation nicht zu lange dauert – auch wenn wir uns auf mindestens zwei Jahre einstellen.
Ich bin tief bewegt, wie viele Menschen sich in den letzten Tagen in persönlichen Gesprächen oder auch in den sozialen Netzwerken zu unserem Münster bekannt haben und mit uns traurig sind, dass wir diesen Ort für eine Zeit verlieren.

Unser Papst hat seit einigen Tagen an seiner Wohnungstür ein großes Schild befestigt: Vietato lamentarsi, steht da! Jammern verboten – und weiter heißt es: Verstöße gegen das Verbot führen zu einem Opfersyndrom, das schlechte Stimmung verursacht und die Fähigkeit mindert, Probleme zu lösen. Um das Beste aus sich zu machen, bedarf es der Konzentration auf die eigenen Stärken und nicht auf die eigenen Grenzen.

Nicht jammern !

Traurig sein – dürfen wir; aber Jammern wollen wir nicht. Stattdessen fragen wir uns, welche Chance und welche Herausforderung bringt uns diese neue Situation.
Die beiden Schrifttexte mögen uns ein paar Hinweise geben, wobei wir den Text über Abraham bewusst gewählt haben während der Text des Evangeliums an diesem Sonntag in der Liturgie gelesen wird – kein Zufall, sondern Wort Gottes in unsere Situation hinein.
Mit dem Auszug aus dem Münster verlieren wir unser Zuhause. Zwar finden wir Obdach in St.Remigius und der Schlosskirche, denen wir für die Gastfreundschaft danken. Aber es sind für uns Gottesdienstorte, kein Zuhause – wir werden zu Nomaden in mitten der Stadt.
Das habe ich mir nicht vorgestellt als ich vor 19 Jahren an diesen Ort kam, das haben die wenigsten von Ihnen sich vorstellen können – genauso wenig wie Abraham daran gedacht hat, dass er mit 75 Jahren noch einmal sein Land, sein Vaterhaus, seine Verwandtschaft verlassen sollte.

Aufbrechen wie Abraham
Und doch sehe ich in diesem Nomadendasein die Chance und Herausforderung dieser kommenden mindestens zwei Jahre. Aufbrechen wie Abraham! Papst Franziskus sagt: „Aufbrechen bedeutet, die Versuchung zu überwinden, nur unter uns Gespräche zu führen und die vielen Menschen zu vergessen, die von uns ein Wort der Barmherzigkeit, des Trostes, der Hoffnung erwarten.“ (22.11.2014)

Du sollst ein Segen sein“ gibt Gott dem Abraham mit auf den Weg. Uns trifft vielleicht heute das Wort aus dem Evangelium und es muss heißen: „Seid Sauerteig in dieser Stadt“.
Sauerteig arbeitet still und unsichtbar, doch die Wirkungen seiner Arbeit sind sehr wohl sichtbar. Unter eine gewaltige Menge Mehl, mischt die Frau ein wenig Sauerteig. Doch der geringe Anteil Sauerteig, unter die riesige Menge Mehl gemengt und geknetet, durchdringt und verändert das Mehl.

Ich bin neugierig darauf, was das für uns heißt. Genauso neugierig bin ich darauf zu sehen, wie viele Menschen sich mit uns auf diesen Weg machen.
Ich möchte Sie alle einladen, lassen Sie sich mit uns zum Aufbruch drängen wie Abraham, dass wir gemeinsam unseren „Beitrag zum Leben und zur Zukunft der Stadt (zu) leisten […], sie mit dem Sauerteig des Evangeliums (zu) durchdringen, um so Zeichen und Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes zu sein“. (vgl. Papst Franziskus 31.12.2013)

Angesichts des anderen Bildes im Evangelium ist mir dabei gar nicht bange: wenn wir das Richtige tun, dann wird es uns ergehen wie dem kleinen Senfkorn, das zu einem großen Baum emporwächst, der 3000 Mal größer ist als das Senfkorn.

Das Gleichnis vom Senfkorn ist ein Hoffnungsgleichnis. Es reißt einen großartigen Horizont der Hoffnung auf. Mit dieser Hoffnung habe ich die Kirche verschlossen. Ich freue mich auf die nächsten Jahre und den Wiedereinzug in ein generalsaniertes Münster.

Die Mobilität wird vom Himmel bestimmt

„Nächste Verbindung zum Festland morgen 11.45“ – die Ankündigung am Hafen von Juist wirkt anachronistisch in einer Gesellschaft, in der Mobilität schon fast ein unverzichtbares Lebensprinzip ist. Man will möglich schnell von A nach B kommen, man hasst Staus auf den Autobahnen und die Verspätung bei der Bundesbahn. Wenn Flugzeuge ausfallen, ist die gesamte Erholung in Gefahr.
Und hier auf der Insel heißt es „Warten“. Nicht nur ein paar Minuten, Stunden, sondern bis morgen. Die Mobilität hier wird von den Gezeiten bestimmt, periodische Wasserbewegungen des Meeres mit Hoch- und Niedrigwasser an den Küsten. Ebbe und Flut sind eine Folge der Gezeitenkräfte von Mond und Sonne.
Man sieht das Wasser kommen und gehen – fast unmerklich steigen und sinken die Fluten. Vom Himmel aus wie von unsichtbarer Hand bestimmt.
Die Bewohner auf der Insel haben es gelernt, mit den Gezeiten zu leben. Sie kennen den Fahrplan der Fähre, die nicht nur Touristen bringt, sondern auch Lebensmittel, die Post, alle Güter die man benötigt. Sie ist die Nabelschnur zum Festland – in unseren Zeiten unterstützt vom Rettungshubschrauber, der für Notfälle zur Verfügung steht. Und weil der Fahrplan der Fähre an manchen Tagen extrem ungünstig ist, gibt es ein paar Mal am Tag auch ein Flugverbindung mit der kleinen Propellermaschine. Ein Tribut an die Mobiltätsgesellschaft.
Doch es ändert nichts am Lebensrhythmus der Insulaner und der Besucher: alles geht langsamer, „entschleunigt“ – wie es heute heißt. Es macht innerlich Freude, sich darauf einzulassen. Auf mich wirkt es archaischer, menschlicher, weil man noch mehr im Takt der Natur lebt. An den Gezeiten kann der Macher Mensch nichts ändern.
Und während der IC durchs Land rast, um mich wieder nach Hause zu bringen – komme ich mir vor als käme ich aus einer anderen Welt, als hätte ich ein Paradies verlassen müssen.