Dornenkrone im Angebot

Dornenkrone

Je öfter ich nach Jerusalem komme, umso mehr wird mir bewusst, wie unwichtig die eigentlichen Orte tatsächlich für mich sind. Es ist interessant, durch diese orientalische Stadt zu streifen, diesen Schmelztiegel der Religionen. Aber ob das Grab nun hier oder dort war, der Abendmahlssaal richtig lokalisiert ist oder Jesus wirklich an genau diesem Ort geweint hat, wo sich heute die Kirche „Dominus flevit“ erhebt, berührt mich wenig. Ich stehe staunend vor der langen Tradition dieser Orte und spüre gleichzeitig, dass die Geschichten, die dort verortet werden, sich in mir, in meinem Inneren abspielen müssen.

Das Wort von Angelus Silesius aus dem 17.Jahrhundert bewahrheitet sich wieder einmal: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ Gerne will ich die Orte zum Anlaß nehmen, um nachzudenken, mich zu besinnen und festzustellen, dass die alten Geschichten auch von meinem Leben erzählen: ich erlebe es auch, dass ein Stück Himmel auf Erden kommt wie damals bei den Hirten in Bethlehem (Lk 2). Ich kenne auch tränenreiche Stunden in meinem Leben und finde mich wieder im dem Wort des Psalms 56: „Sammle meine Tränen in deinem Krug“. Und ich bin dem österlichen Leben auf der Spur – um nur einige Beispiele zu nennen.

Ich freue mich in dem Land zu sein, dass Jesu irdische Heimat war. Es inspiriert mich. Gelassen kann ich die Menschenmassen sehen, die sich in die Grabeskirche, in die Geburtskirche oder an andere Orte drängen und dort oft stundenlang warten müssen, um für ein paar Sekunden an dem Ort sein zu können, der seit Jahrhunderten mit einer Stelle aus dem Neuen Testament verbunden wird. Ich brauche kein Kreuz auf der Schulter, um den Kreuzweg zu gehen, und erst recht keine Dornenkrone auf dem Kopf, auch wenn es sie im Angebot gibt.

Rothenburg – oder was Leerstellen lehren können

Rothenburg ob der Tauber. Touristenmagnet mit mehreren Millionen Besuchern jährlich. Man fotografiert, kauft ein, amüsiert sich über den Ideenreichtum der Souvenir-Produzenten, isst und trinkt – und bleibt ein Teil der Masse. Wer aber genauer hinschaut, der entdeckt in der Stadt und der näheren Umgebung zwei Kunstwerke, die eine nähere Betrachtung lohnen, weil der Betrachter ein Teil dieser Kunstwerke wird.

Für die St.Jakobskirche in Rothenburg schuf Tilmann Riemenschneider 1501-1505 den Heiligblut-Altar. Mit diesem Retabel sollte eine Heilig-Blut-Reliquie aus dem 13.Jahrhundert einen angemessenen und würdigen Rahmen finden. Sie ist in einem Bergkristall in einem vergoldeten Kreuz eingeschlossen.
Der Betrachter aber sieht als Erstes eine Abendmahlszene, in deren Mittelpunkt nicht Jesus steht, sondern Judas, der Verräter. In erkennt man deutlich an dem Beutel mit den 30 Silberlingen, dem Blutgeld, den er in den Händen hält. Trotzdem reicht ihm Jesus den Bissen Brot, lädt er ihn ein an den Tisch.
Die übrigen Apostel sind verwirrt und diskutieren miteinander, während Johannes, der Lieblingsjünger an der Brust des Herrn ruht.
Die Figur des Judas konnte auch aus dem Altar entfernt werden und man vermutet, dass an den Kartagen sein Platz deshalb leer blieb: deutliches Zeichen, dass die Betrachter, jede/r dieser Judas sein kann.
An den anderen Tagen lädt die zentrale Figur dieses Altarbildes ein, sich ihm anzuschließen. Sich trotz der eigenen Sünden vom Herrn zu Tisch bitten zu lassen. Wer sich einladen lässt und nach oben schaut, sieht das Reliquiar und hört die Botschaft: „Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.“ (1 Petrusbrief Kapitel 1, Verse 18-19)

Als 1653 ein Kreuzigungsretabel von Tilmann Riemenschneider aus einer Rothenburger Kirche in das kleine Kirchlein in Detwang gebracht wurde, musste man feststellen, dass es 44cm zu breit war. Also musste man es seitlich verkürzen und auf zwei Figuren verzichten.
In der Gruppe der Frauen rechts unter dem Kreuz fehlt jetzt die Figur der Maria Magdalena und links unter dem Kreuz, wo der Hohepriester und die Soldaten stehen, hat man den römischen Hauptmann entfernen müssen.
Die Leerstellen machen das Bild unvollständig und laden den Betrachter ein, sie auszufüllen und die Plätze einzunehmen.
Den Platz der Sünderin, der viel verziehen worden ist und die am Ostertag zur Apostolin der Apostel wird. Auf sie trifft das Wort des Hohenlieds zu: „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt.“ (Hoheslied Kapitel 3 Verse 1-a)
Den Platz des Hauptmanns, der nicht mit den anderen spottet und mitläuft, sondern sich sein eigenes Urteil bildet und das erste Glaubensbekenntnis im Angesicht des Todes Jesu spricht: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Markus-Evangelium Kapitel 15 Vers 39)

Wir werden zu Nomaden mitten in der Stadt

Kriegsschäden im Nordquerhaus

Als 1947 eine Festschrift zum Goldenen Priesterjubiläums meines Vorgängers Johannes Hinsenkamp erschien begann ein Beitrag mit folgender Feststellung: „Der bedeutendste sakrale Bau der Stadt Bonn, die ehrwürdige Münsterkirche hat im Verlauf der Jahrhunderte oft schwere Wunden durch Krieg und Naturgewalten davongetragen. […] Aber der Wille ihrer Hüter, der Stiftsherren, und die Liebe der Bonner zu ihrem Münster waren stärker als die Mächte der Zerstörung.“

70 Jahre nach dieser Feststellung ist es wieder soweit. Nicht die Zerstörungen eines Krieges, sondern der Zahn der Zeit hat an diesem Bauwerk genagt. Was angesichts der vielen Glühbirnen und einer EU-Verordnung mit der Notwendigkeit einer neuen Beleuchtung begonnen hat, ist im Laufe der letzten Jahre zu einer dringend notwendigen Generalsanierung geworden.
Je weiter wir in der Planung fortgeschritten sind, umso mehr wurde uns bewusst: das ist nur möglich, wenn wir das Münster für eine Zeit lang schließen – wie es zuletzt auch in Hildesheim notwendig war.Der Kirchenvorstand hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht: wir denken an die vielen Menschen, denen das Münster viel bedeutet: Menschen, die hier getauft wurden, zur Erstkommunion gingen oder geheiratet haben. Die hier zum Gottesdienst kommen oder die das Münster als Ort des Gebetes und der Stille schätzen.
Für viele ist es so, als ob das Herz der Stadt stillgelegt wird, um es zu operieren. Wir werden alles daransetzen, dass die Operation nicht zu lange dauert – auch wenn wir uns auf mindestens zwei Jahre einstellen.
Ich bin tief bewegt, wie viele Menschen sich in den letzten Tagen in persönlichen Gesprächen oder auch in den sozialen Netzwerken zu unserem Münster bekannt haben und mit uns traurig sind, dass wir diesen Ort für eine Zeit verlieren.

Unser Papst hat seit einigen Tagen an seiner Wohnungstür ein großes Schild befestigt: Vietato lamentarsi, steht da! Jammern verboten – und weiter heißt es: Verstöße gegen das Verbot führen zu einem Opfersyndrom, das schlechte Stimmung verursacht und die Fähigkeit mindert, Probleme zu lösen. Um das Beste aus sich zu machen, bedarf es der Konzentration auf die eigenen Stärken und nicht auf die eigenen Grenzen.

Nicht jammern !

Traurig sein – dürfen wir; aber Jammern wollen wir nicht. Stattdessen fragen wir uns, welche Chance und welche Herausforderung bringt uns diese neue Situation.
Die beiden Schrifttexte mögen uns ein paar Hinweise geben, wobei wir den Text über Abraham bewusst gewählt haben während der Text des Evangeliums an diesem Sonntag in der Liturgie gelesen wird – kein Zufall, sondern Wort Gottes in unsere Situation hinein.
Mit dem Auszug aus dem Münster verlieren wir unser Zuhause. Zwar finden wir Obdach in St.Remigius und der Schlosskirche, denen wir für die Gastfreundschaft danken. Aber es sind für uns Gottesdienstorte, kein Zuhause – wir werden zu Nomaden in mitten der Stadt.
Das habe ich mir nicht vorgestellt als ich vor 19 Jahren an diesen Ort kam, das haben die wenigsten von Ihnen sich vorstellen können – genauso wenig wie Abraham daran gedacht hat, dass er mit 75 Jahren noch einmal sein Land, sein Vaterhaus, seine Verwandtschaft verlassen sollte.

Aufbrechen wie Abraham
Und doch sehe ich in diesem Nomadendasein die Chance und Herausforderung dieser kommenden mindestens zwei Jahre. Aufbrechen wie Abraham! Papst Franziskus sagt: „Aufbrechen bedeutet, die Versuchung zu überwinden, nur unter uns Gespräche zu führen und die vielen Menschen zu vergessen, die von uns ein Wort der Barmherzigkeit, des Trostes, der Hoffnung erwarten.“ (22.11.2014)

Du sollst ein Segen sein“ gibt Gott dem Abraham mit auf den Weg. Uns trifft vielleicht heute das Wort aus dem Evangelium und es muss heißen: „Seid Sauerteig in dieser Stadt“.
Sauerteig arbeitet still und unsichtbar, doch die Wirkungen seiner Arbeit sind sehr wohl sichtbar. Unter eine gewaltige Menge Mehl, mischt die Frau ein wenig Sauerteig. Doch der geringe Anteil Sauerteig, unter die riesige Menge Mehl gemengt und geknetet, durchdringt und verändert das Mehl.

Ich bin neugierig darauf, was das für uns heißt. Genauso neugierig bin ich darauf zu sehen, wie viele Menschen sich mit uns auf diesen Weg machen.
Ich möchte Sie alle einladen, lassen Sie sich mit uns zum Aufbruch drängen wie Abraham, dass wir gemeinsam unseren „Beitrag zum Leben und zur Zukunft der Stadt (zu) leisten […], sie mit dem Sauerteig des Evangeliums (zu) durchdringen, um so Zeichen und Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes zu sein“. (vgl. Papst Franziskus 31.12.2013)

Angesichts des anderen Bildes im Evangelium ist mir dabei gar nicht bange: wenn wir das Richtige tun, dann wird es uns ergehen wie dem kleinen Senfkorn, das zu einem großen Baum emporwächst, der 3000 Mal größer ist als das Senfkorn.

Das Gleichnis vom Senfkorn ist ein Hoffnungsgleichnis. Es reißt einen großartigen Horizont der Hoffnung auf. Mit dieser Hoffnung habe ich die Kirche verschlossen. Ich freue mich auf die nächsten Jahre und den Wiedereinzug in ein generalsaniertes Münster.

Die Mobilität wird vom Himmel bestimmt

„Nächste Verbindung zum Festland morgen 11.45“ – die Ankündigung am Hafen von Juist wirkt anachronistisch in einer Gesellschaft, in der Mobilität schon fast ein unverzichtbares Lebensprinzip ist. Man will möglich schnell von A nach B kommen, man hasst Staus auf den Autobahnen und die Verspätung bei der Bundesbahn. Wenn Flugzeuge ausfallen, ist die gesamte Erholung in Gefahr.
Und hier auf der Insel heißt es „Warten“. Nicht nur ein paar Minuten, Stunden, sondern bis morgen. Die Mobilität hier wird von den Gezeiten bestimmt, periodische Wasserbewegungen des Meeres mit Hoch- und Niedrigwasser an den Küsten. Ebbe und Flut sind eine Folge der Gezeitenkräfte von Mond und Sonne.
Man sieht das Wasser kommen und gehen – fast unmerklich steigen und sinken die Fluten. Vom Himmel aus wie von unsichtbarer Hand bestimmt.
Die Bewohner auf der Insel haben es gelernt, mit den Gezeiten zu leben. Sie kennen den Fahrplan der Fähre, die nicht nur Touristen bringt, sondern auch Lebensmittel, die Post, alle Güter die man benötigt. Sie ist die Nabelschnur zum Festland – in unseren Zeiten unterstützt vom Rettungshubschrauber, der für Notfälle zur Verfügung steht. Und weil der Fahrplan der Fähre an manchen Tagen extrem ungünstig ist, gibt es ein paar Mal am Tag auch ein Flugverbindung mit der kleinen Propellermaschine. Ein Tribut an die Mobiltätsgesellschaft.
Doch es ändert nichts am Lebensrhythmus der Insulaner und der Besucher: alles geht langsamer, „entschleunigt“ – wie es heute heißt. Es macht innerlich Freude, sich darauf einzulassen. Auf mich wirkt es archaischer, menschlicher, weil man noch mehr im Takt der Natur lebt. An den Gezeiten kann der Macher Mensch nichts ändern.
Und während der IC durchs Land rast, um mich wieder nach Hause zu bringen – komme ich mir vor als käme ich aus einer anderen Welt, als hätte ich ein Paradies verlassen müssen.

Was ist der Mensch (wert)?

Claudia Hautumm/pixelio.de

Ich oute mich mal zuerst: ich bin weder -Experte noch Fußballfans. Ich freue mich, wenn der Bonner SC oder der 1.FC Köln gewinnt, und bin mit den richtigen Fans traurig, wenn sie verlieren. Aber wenn ich heute lese, dass Bayern München einen italienischen Fußballspieler gekauft hat und die Medien melden: „der 22 Jahre alte Offensivakteur kostet 41,5 Millionen“, dann fehlt mir nicht nur jedes Verständnis. Es ist in meinen Augen ein Ärgernis.
Papst Franziskus sagt in seiner Botschaft zum Welttag der Armen: „Wenn heutzutage immer mehr ein unverschämter Reichtum zutage tritt, der sich in den Händen weniger Privilegierter ansammelt und der nicht selten mit Illegalität und der beleidigenden Ausbeutung der menschlichen Würde einhergeht, erregt die Ausbreitung der Armut in großen Teilen der weltweiten Gesellschaft Ärgernis.“
Angesichts der Armut, die uns aus vielen Tausend Gesichtern in dieser Welt anblickt, entlarvt ein solcher Milionen-Transfer, dass es hinter der sportlichen Fassade um handfeste wirtschaftliche Interessen geht.
Was ist der Mensch (wert)? die Frage drängt sich mir auf. Ein Mensch ist nicht zu bezahlen. Es gibt keine Summe, die angemessen wäre, weil ein Mensch keine Ware ist. Allenfalls seine Leistung ist zu entlohnen – und da fallen mir eine Menge Leute ein, die für ihre Arbeit nicht gerecht bezahlt werden und die für eine funktionierende Gesellschaft wichtiger sind als ein 22 Jahre alter Offensivakteur, für den man 41,5 Millionen bezahlt und der auch entsprechend besoldet werden wird.

Die Botschaft des Papstes zum Welttag der Armut hier

Le chaim – auf das Leben!

(c) BirgitH/pixelio.de

In diesem Jahr beschert uns der Kalender eine Besonderheit: nicht nur die in West und Ost getrennten Christen feiern gemeinsam Ostern. Auch die Juden feiern in diesen Tagen ihr Pessach-Fest. Am Vorabend eines Pessach-Festes wurde Jesus gekreuzigt!
In den meisten europäischen Sprachen ist die Beziehung noch hörbar. Die Franzosen feiern Pâques, die Italiener Pasqua, die Niederländer Pasen, die Dänen Påske und die Finnen Pääsiäinen. Nur wir Deutsche haben uns vermutlichen von iro-schottischen Mönchen während unserer Missionierung verleiten lassen von Ostern, im Englischen Eastern zu sprechen und damit wahrscheinlich an die angelsächsische Lichtgöttin „Ostara“ zu erinnern.
Bei beiden Festen geht es um das Leben. Die Juden feiern die Befreiung ihrer Väter aus der Knechtschaft Ägyptens so als seien sie selbst befreit worden. Das Pessachfest ist ein großer Dank für Rettung, für das Gute, für die Liebe, das Erbarmen, den Frieden – kurz: für das Leben. Wir Christen feiern die Auferweckung Jesu von den Toten und die damit verbundene Hoffnung, dass das ewige Leben bei Gott auf uns alle wartet.
Christen und Juden verbindet die Überzeugung, dass Gott ein „Freund des Lebens“ ist (Buch der Weisheit 11,26) Das Bewusstsein hierfür ist vielen Menschen abhandengekommen. Der Mensch selbst hat sich zum Herrn über das Leben gemacht. Das Leben ist bedroht: durch rücksichtsloses wirtschaftliches Handeln, durch politische Machtgelüste und religiösen Fanatismus. Die Nachrichten, die täglich auf uns einströmen, können Angst machen, und an der Botschaft vom Leben verzweifeln lassen.
Aber genau das wollen diejenigen, denen das Leben anderer nichts wert ist. Deshalb erinnere ich mich gerne an einen jüdischen Trinkspruch und mache aus ihm meinen Ostergruß: „Le chaim – auf das Leben!“ Werden und bleiben wir in dieser Welt Förderer und Freunde des Lebens, im Kleinen wie im Großen. In diesem Sinne Pask Seder – Gesegnete Ostern! – Happy Easter! – Joyeuses Pâques! – Buona Pasqua – Χριστος ανεστη – Pesach Sameach – Christos woskrese! Oder eben: Le chaim!

Israel VI: Wenn ein Engel plötzlich eintritt

Wenn man von oben auf das heutige Nazareth herabschaut, ist der Turm der Verkündigungsbasilika auf den ersten Blick kaum auszumachen. Was an dieser Stelle lokalisiert wird, ist zwar einzigartig in der Menschheitsgeschichte, und doch fügt es sich ein in das Alltägliche heute. Das provoziert.

Zuerst einmal ist die Botschaft der Bibel eindeutig: es geschah nicht irgendwo in einem Märchenland, sondern der Engel wird von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer jungen Frau namens Maria gesandt. (Lukasevangelium 1.Kapitel Vers 26)
Ganz lapidar schreibt der Evangelist: „Der Engel trat bei ihr ein“. Folgt man den Darstellungen der Kunst, so trifft er auf eine Frau, die eben noch in einem (heiligen) Buch gelesen hat und ganz bereit und offen ist, den Gruß des Engels und seine Botschaft anzuhören.

Was aber, wenn Maria beschäftigt war? Vielleicht mit irgendeiner Hausarbeit? Mit Kochen, mit Putzen? Ganz so abwegig ist der Gedanke nicht, denn auch Jesus hat seine Jünger nicht beim Bibelstudium oder in der Synagoge berufen, sondern vom Fischerboot und von der Zollstation weg.

Mir gefällt der Gedanke, dass Maria sich erst einmal bereit machen musste, sich lösen musste von ihrer Tätigkeit, um sich der schwierigen Botschaft zu öffnen. Es fiel ihr vielleicht leicht, weil sie nicht von jenem Hochmut besessen war, dass Gott in dieser Welt nicht vorkommt.

Sie sagt „JA“ zum Ansinnen Gottes, dass sein Sohn in ihr Mensch werden soll. So kann an diesem Ort der Himmel die Erde berühren.

Bleibt die Frage: wen findet der Engel vor, wenn er bei mir eintritt? Und wie findet er mich vor?

Wann? – das ist mir in Nazareth neu bewusst worden: in den Alltäglichkeiten meines Lebens. Wird er von mir auch ein JA bekommen?

Israel V: Berührung

Auf den ersten Eindruck befremdet und fasziniert das Altarbild in der Krypta der neuen Kirche von Magdala am See Genesareth. Es stammt von dem italienischen Künstler Daniel Cariola.

Man sieht ein Gewirr von Männerbeinen- und füßen, das erahnen läßt, welche Menge an Menschen in der Szene versammelt sind. Ein weißes bodenlanges Gewand in der Mitte. Durch das Gewirr der Beine hindurch findet eine zarte Frauenhand ihren Weg, um das Gewand Jesu zu berühren.

Die Evangelisten haben die Geschichte aufgeschrieben, unter anderem Markus in seinem 5.Kapitel (Vers 25 folgende). Eine schon 12 Jahre an Blufluss leidende Frau, die schon unzählige Ärzte konsultiert und dadurch ihr ganzes Vermögen aufgewendet hat, sieht die Berührung Jesu als letztes „Heilmittel“. Sie schafft es, den Saum seines Gewandes zu berühren und wird geheilt. „Dein Glaube hat dich gerettet. Los, geh in Frieden und sei gesund von deiner Plage!“

Das liest sich so einfach wie eine schöne Wundergeschichte – und stellt mir gleichzeitig die Frage nach meinem Glauben. Was traue ich Gott eigentlich zu?

Und: es gibt nicht nur das Hören und das Sehen, das kognitive Element des Glaubens. Auch das Berühren gehört dazu, der emotionale Moment. Johannes schreibt in seinem ersten Brief ganz am Anfang: „Was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens.“

Das Fragen geht weiter: wie können Menschen heute mit Gott in Berührung kommen? Die einfachste Antwort, die aber vielen Menschen nicht weiterhilft, wäre der Verweis auf die Sakramente. Viel schwieriger wird es, wenn wir Papst Franziskus folgen, der sagt: „Wir alle sind berufen, lebendige Schreiber des Evangeliums, Überbringer der Guten Nachricht für alle Männer und Frauen von heute zu werden.“ (3.4.2017)

Vielleicht reicht es auch, wenn wir den „Händen“, die Jesus berühren wollen, nicht den Weg versperren.

Fragen über Fragen vor diesem Bild.

 

 

Israel IV: Das „Mehr“ am blutroten Stein


Blutroter Stein säumt den Weg von Jerusalem nach Jericho hinab. Dort wo die Tradition den Ort markiert, an dem der Mann unter die Räuber fiel, wie Lukas es in seinem 10.Kapitel erzählt.(Verse 25-37) Dort, wo heute eine Schnellstraße Jerusalem mit dem Toten Meer verbindet und dabei die karge Wüstenlandschaft durchschneidet.

Wer da unter die Räuber fällt, die einen halb tot liegen lassen, ist verloren. Erst recht, wenn die Frommen, die auch den Weg nehmen, die „Strassenseite“ wechseln, um nicht hinsehen zu müssen. Erst der Samariter, der Kultfremde, mit dem die Frommen gar nichts zu tun haben wollen, schaut genau hin, wird von Mitleid bewegt und hilft. Er wäscht die Wunden des Verletzten aus und verbindet ihn. Soweit so gut, könnte man sagen – er hat seine Pflicht getan.
Aber er tut „mehr“: er setzt ihn auf sein eigenes Lasttier und bringt ihn zur Herberge. – Jetzt ist es genug, möchte man meinen. Jetzt können sich andere um ihn kümmern.
Aber er tut „mehr“: er sorgt auch dort noch für ihn. Vorbildlich – und man hätte Verständnis, wenn er es dabei bewenden ließe.
Aber er tut „mehr“: „ Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“
Die Barmherzigkeit kommt so schnell nicht ans Ende. Es gibt immer noch ein „mehr“.
Eine ehemalige Karawanserei und eine in ihren Umrissen markierte byzantinische Kirche ist heute zwischen den roten Felsen wieder zu sehen. Durch die Jahrhunderte hindurch klingt die alte Geschichte an diesem Ort: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab“.
Sie ereignet sich heute überall auf der Welt. Es gibt immer noch die, die auf die andere Seite wechseln und nicht hinschauen, und jene, deren Barmherzigkeit keine Grenzen kennt.

P.S.: Geschrieben am 4.Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus, der seiner Kirche die Barmherzigkeit neu gelehrt hat.

Israel III: Unterirdisch

Ich war schon oft in Jerusalem, aber die Höhle des Salomon, wie das Plakat am Eingang etwas reißerisch verkündet, habe ich bisher gemieden. Irgendsoein Touristen-Nepp – war meine Vermutung. Heute wurde ich eines Besseren belehrt: die Höhle ist mindestens 2000 Jahre alt, wenn nicht sogar noch 1000 Jahre älter. Auf jeden Fall wurde sie seit dem Bau des herodianischen Tempels im ersten vorchristlichen Jahrhundert und bis ins 16.Jahrhundert nach Christus als Steinbruch benutzt. Andere Quellen glauben sogar, dass schon König Salomon die Steine des Steinbruchs für seinen Tempel- und Palastbau verwendet hat.
Der Zugang zur Höhle befindet sich östlich des Damaskus-Tores. 230 m weit reicht sie unter der Altstadt-Mauer hinein ins moslemische Viertel. Die größte Halle ist 100m breit und die durchschnittliche Höhe mißt 15 m.
Als sie im 19.Jahrhundert entdeckt wurde, haben die Freimaurer sie mit König Salomon in Verbindung gebracht. Für sie war der Herrscher der erste Freimaurer. Sie nutzten die Höhle für ihre Feierlichkeiten.
Die Legende berichtet von einem anderen Namensgeber: König Zedekiah versuchte während der Belagerung der Stadt durch die Höhle zu fliehen. Er wurde aber gefangengenommen und seine Söhne wurden vor seinen Augen umgebracht. Er selbst wurde geblendet. (Nachzulesen im 2.Buch der Könige Kapitel 25) Wenn wundert es da, dass das Wasser, das aus einer Quelle herabtropft als „Zedekiahs Tränen“ identifiziert wird.
An einigen Stellen sieht man heute noch im Fels die Ansätze der Blöcke, die man hier aus dem Kalkstein gebrochen hat und man erinnert sich an die großen Blöcke der Klagemauer. Und wenn man der anderen Theorie folgt wird plötzlich das erste Buch der Könige (Kapitel 5, Vers 31) lebendig: „ Der König ließ mächtige, kostbare Steine brechen, um mit Quadern das Fundament des Tempels zu legen.“
So schließt sich am letzten Tag in Jerusalem ein Kreis: vieles, was man oberirdisch in vielfältiger Architektur bestaunt hat, stammt aus diesem Steinbruch – sozusagen vor der Haustür.