Ich hatte einen Traum

Ich träumte von einer Kirche,
zu der Menschen aller Rassen
und Nationen gehörten,
viele Völker,
Priester und Laien,
einfache Menschen und Gebildete –
nicht gegeneinander,
sondern miteinander, füreinander.
In ihr waren die Worte
„ich, er, sie, ihr, die,“
Fremdworte. –

„Du“ und „wir“,
das war die Umgangssprache,
so gingen sie miteinander um.
Da gab es keine Machtkämpfe,
stand nicht einer gegen den anderen,
ging es nicht ums Rechthaben,
sondern um die Sache,
„die Sache Jesu“ – wie sie sagten
in der Kirche.

Ich träumte von einer Kirche,
in der sie sich
nicht bedienen ließen,
nicht von Laien,
nicht vom Priester,
in der sie dienten,
einer dem anderen,
in der sie es gut miteinander
und voneinander meinten.
Da sprachen sie offen,
nicht übereinander,
sondern miteinander,
geschwisterlich,
nicht herr-lich,
einfach so.

Ich träumte von einer Kirche,
da überließen sie die Seelsorge
nicht dem Priester,
machten ihn
nicht zum Allround-Mann
zwischen Frühschicht
und Dämmerschoppen,
sondern sorgten sich mit,
nicht um Zahlen und Gelder,
um Gesetze und Ordnungen,
sondern um Menschen
und bestellten die Priester
für die Menschen,
weils um die Sache ging,
die Sache Jesu“ –
wie sie sagten
in der Kirche.

Ich träumte von einer Kirche,
in der sie nicht nur
vom Gestern sprachen,
sondern mehr
vom Heute und vom Morgen,
weil ER morgen kommen,
ER, auf den sie warten.
Da hieß es nicht:
„Es war immer so“,
sondern:
„Was müssen wir heute tun?“ und
„Was wird morgen sein?“

So schritten sie mutig aus
in die Zukunft,
weils um die Sache ging,
„die Sache Jesu“ –
wie sie sagten,
in der Kirche.

Ich erwachte –
und ich sah eine Kirche,
in der vieles,
fast alles nicht so ist.
Ich verzweifelte,
resignierte.
Wollte zurück in meine Traumwelt –
da wurde ich belehrt:
Dein Traum ist alt;
zweitausend Jahre alt:
aufgeschrieben
von Markus und Matthäus,
Lukas und Johannes,
Paulus und Petrus,
in vielen Kapiteln und Versen.

Und ich sah:
Mein Traum stand da geschrieben:
„Die Zeit ist erfüllt,
das Reich Gottes ist nahe.“

Und ich fragte mich,
wann tun wir endlich das Unsrige,
damit der Traum
sichtbar, erlebbar
Wirklichkeit wird.

(c) Wilfried Schumacher

Die Sehnsucht – ein Stern, der aufbrechen lässt!

Ein Meister Gislebertus hat für die Kathedrale von Autun zu Beginn des 12.Jahrhunderts dieses Kapitell mit den schlafenden „Königen“ geschaffen. Ein Engel berührt zärtlich einen von ihnen und verweist auf den Stern.
Eine alte Geschichte, die wir alle von Kindesbeinen an kennen. Lesen wir sie nicht als einen Text aus längst vergangenen Tagen, sondern als unsere Geschichte.

  • Der Stern

„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen“ sagen die Weisen aus dem Morgenland dem König Herodes – mehr verraten sie uns nicht über diesen Stern und haben damit ganze Generationen von Sterndeutern in Atem gehalten, die immer noch versuchen, nachzuweisen, daß damals in jenen Jahren ein besonderer Stern sich gezeigt habe, der Halleysche Komet, oder ein besonders helle Kombination von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische. Damit ist unsere ach so wissenschaftsgläubige Welt dann zufrieden.

Der Stern hat die Menschen immer schon fasziniert. Aber: was veranlasst Menschen eigentlich, einem Stern zu folgen? Aufzubrechen – ohne Ziel? Fortzugehen, ohne zu wissen, wie lange?

Man wird sich wundlaufen an der Antwort, wenn man nicht gleichzeitig von der Sehnsucht des Menschen spricht. Jeder von uns trägt eine Sehnsucht im Herzen, die ihn suchen lässt, nicht nur einen Moment, sondern vielleicht ein ganzes Leben lang. Eine Sehnsucht, die Kraft gibt, nicht nachzulassen bei der Suche. Sie kann ganz unterschiedlich ausschauen, aber immer gleicht sie einem Stern, der einen aufbrechen lässt.

Alles beginnt mit der Sehnsucht.“ sagt Nelly Sachs und von Exupéry stammt das Wort: „Wenn du ein Schiff bauen willst, suche nicht Holz und Handwerker, sondern suche Männer, die die Sehnsucht nach dem weiten Meer im Herzen tragen.“ Die Sehnsucht ist der Motor, der mich beginnen lässt.

Die Geschichte der Drei Könige (Weisen?, Magier?)  fragt nach als Erstes nach unserer Sehnsucht? Nach dem Stern in unserem Leben.

  • Herodes

Wer sich in der Geografie Israels auskennt, weiß, das Jerusalem nicht weit entfernt liegt von Bethlehem. Jerusalem ist der Herrschaftsort des Herodes!  In unseren Weihnachtskrippen hat er keinen Platz hat, obwohl er dazu gehört.

Er war einerseits ein Schöngeist mit sehr viel Interesse an Architektur und Kunst, ein genialer Bauherr und in wirtschaftlichen Belangen sehr erfolgreich. Während seiner Herrschaft erreichte Judäa einen vorher nicht gekannten Glanz. Auf der anderen Seite war er ein tyrannischer Herrscher, der seine Macht und Kraft nur zur Durchsetzung eigener Kräfte verwendet. All seine Aktivitäten kreisen letztlich um sein eigenes Ich. Paläste, Frauen, Nachwuchs – alles dient seiner Verherrlichung.

Er vernichtet alles und jeden, was und wer sich ihm in den Weg stellt. Seine eigenen Söhne müssen sterben, weil sie ihm gefährlich werden können.

Bevor wir den Stab über ihm brechen, müssen wir feststellen: es gibt die Dimension des Herodes auch in uns. Herodes ist nicht ausgestorben, immer wieder macht er sich in uns bemerkbar: wenn wir andere nicht sein lassen, wenn wir nur ums uns selbst kreisen, selbstgenügsam sind in unserem Handeln, zu Opfern unserer Leidenschaft werden.

Wer seinen Sehnsüchten folgt, wird immer auch den eigenen Schattenseiten, dem Dunklen auf seinem Lebensbild begegnen.

  • Anbetung

„Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter, da fielen sie nieder und huldigten ihm“

Das klingt so einfach, aber es ist ein großer Schritt. Ein Kind und seine Mutter zu finden, das ist nichts Besonderes – und doch zu wissen, das ist die Erfüllung meiner Sehnsucht – dazu bedarf es schon der Hilfe eines Sterns.

„Gott ist verwechselbar“ – ihn zu finden, ist nicht so einfach – das kennen wir aus unserem eigenen Leben. Wir stellen oft fest, dass wir an ihm vorbeigelaufen sind.

Wenn ich diese Geschichte höre, werde ich erinnert an eine Szene aus dem Kleinen Prinzen von A.d.S.Exupery. Nach einem langen Weg kommt der kleine Prinz endlich an den Brunnen in der Wüste. Er trinkt und stellt fest: „Dieses Wasser war etwas ganz anderes ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der Rolle des Brunnens, aus der Mühe meiner Arme.“

So ähnlich stelle ich mir das auch vor: Der ganze Weg schwingt mit in diesem Augenblick der Anbetung – die eigene Sehnsucht, der Aufbruch, die Ungewissheit, die Begegnung mit Herodes, die Zuverlässigkeit des Sterns.

Die Hoffnungen und Sehnsüchte der Männer werden erfüllt, nicht mit einer abstrakten Theorie, nicht mit einer Lehre, nicht mit einer Vision, sondern mit einem Kind.

Sie knien nieder, stehen nicht mehr breitbeinig, mächtig auf ihren Füßen.  Sie finden ein Kind und erkennen darin, den Sinn ihres Lebens, die Mitte ihres Lebens, erkennen darin Gott.

 

So ist die Geschichte eine Ermutigung für uns alle, der Sehnsucht in uns Raum zu geben, sie nicht zu ersticken. Aufzubrechen wie die Männer aus dem Morgenland, dem Herodes, dem Dunklen in uns zu begegnen – aber nicht dabei zu bleiben, sondern von Neuem dem Stern folgen und schließlich, Gott zu finden – nach einem langen, langen Weg.

Es ist keine alte Geschichte, es ist immer wieder auch unsere Geschichte. Ich finde mich darin wieder.

Sie nimmt uns aber auch in die Pflicht: Ich kenne Menschen, denen kein Stern leuchtet bzw. geleuchtet hat. Die anklagend fragen, wo war der Stern als ich Orientierung gebraucht hätte?

Sie sind so verbittert, so enttäuscht, dass sie den Kopf nicht mehr heben, dass sie den Stern, der ihnen vielleicht jetzt leuchtet, nicht erkennen wollen oder können.

Unsere ausgestreckte Hand „dort“ wird ihnen nicht helfen, allenfalls unsere zärtliche Hilfe, ihren Kopf zu heben.

Wir sind auch in die Pflicht, diesen Stern anderen zu zeigen, sie behutsam an die Hand zu nehmen, damit sie finden, was sie in der Tiefe ihres Herzens suchen

Drei Bücher für den guten Rutsch

(c) angieconscious/pixelio.de

Hat man Ihnen auch einen „guten Rutsch“ gewünscht? Dutzendfach habe ich das in den letzten Tagen immer wieder gehört. Mit „Rutschen“ hat der Wunsch wenig zu tun, eher mit einem hebräischen Wort: Rosh, das Haupt. Rosh ha shana – heißt der Neujahrstag bei den Juden – das Haupt des neuen Jahres. „Der gute Rutsch“ ist also ein guter „Neujahrstag“.

Neujahr – auch kein einfaches Datum. Die Römer verlegten schon 153 v. Chr. den Jahresbeginn vom 1. März auf den 1. Januar. 1691 setzte Papst Innozenz XII. den 1.Januar auch als christlichen Neujahrstag fest. Aber das galt nicht überall: die einen feierten Neujahr am 6.Januar, andere am 25.März, andere zu Ostern.

Immer war es ein Heilsereignis, das als Beginn des Neuen gedeutet wurde: die Erscheinung des Herrn, die Verkündigung des Gottessohnes, das Osterfest, oder am 1.Januar das Fest der Namengebung Jesu. „Jesus, soll mein erstes Wort im neuen Jahr sein“, heißt es in einer Bach-Kantate zum neuen Jahr.

Auch die Liturgie kennt den Neujahrstag als solchen nicht. Deshalb wundert es nicht, dass auch das Brauchtum dieses Tages aus anderen Religionen und Kulturen übernommen wurde:

der Neujahrsbrezel kommt auch aus dem Jiddischen, ein süßes Brot ohne Anfang und Ende, so wie auch Zeit dahinläuft. Mit Feuerwerk und Böllerschießen sollte einerseits militärische Macht demonstriert und auch die bösen Geister vertrieben werden. Der Rausch, den man an Neujahr ausschläft, ist schon bei Cicero nachgewiesen. (Ad Atticum).

Der jüdische Talmud lehrt, dass drei Bücher im Himmel am Neujahrstag eröffnet werden:

  • Das Buch des Lebens der Bösen,
  • das Buch des Lebens der Rechtschaffenen,
  • und das Buch des Lebens derer, die dazwischen sind, der Durchschnittlichen“.

Das Bild des Buches, in dem die Taten der Menschen aufgeschrieben sind, findet sich auch in der christlichen Tradition. Paulus spricht vom „Buch des Lebens“ (Phil 4,3) und auch die Geheime Offenbarung kennt dieses Bild (Offb 20,12) In dem mittelalterlichen Hymnus „Dies irae“ heißt es vom Gericht über die Menschen: Und ein Buch wird aufgeschlagen, ….Treu darin ist eingetragen   Jede Schuld aus Erdentagen.

Drei Bücher.

  1. Das erste das Buch des Lebens der Bösen!

Wir können es wenden wie wir wollen, es gibt das Böse in unserem Leben. Es gibt falsche Entscheidungen, Worte, die verletzen, Taten, die anderen schaden.

Dazu gehört auch die Erfahrung, die Paulus in seinem Römerbrief notiert hat: Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. (Röm 7,19)

Niemand wird vollkommen durch die 365 Tage des neuen Jahres gehen. Hoffentlich finden sich am Ende nur wenige Eintragungen im „Buch des Lebens der Bösen“.

  1. Das Buch des Lebens der Rechtschaffenen

Darin wird eingetragen die Liebe, die wir empfangen und verschenken. Darin wird sich finden, was und gelingt und welche Früchte unserer Bemühungen wir ernten werden. Das, was wir überstehen, und das, was wir meistern werden. Vor allem aber das, was Gott selbst dazu beigetragen hat.

Wir werden uns hoffentlich in vielen Stunden dankbar erleben, als Geschöpfe beschenkt von einem Schöpfer, verflochten in die Gemeinschaft der anderen Geschöpfe.

  1. Das dritte Buch ist das Buch derer, die dazwischen sind, der Durchschnittlichen, der Mittelmäßigen.

In diesem Buch stehen alle die faulen Kompromisse, die wir immer wieder machen, die Vorsätze, zu deren Umsetzung uns die Kraft und der Willen fehlen, die hochgesteckten Ziele, die wir nicht erreichen.

„Mittelmässig“ zu sein – ist wohl das schlimmste Urteil über einen Menschen. „Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ sagt der Engel in der Geheimen Offenbarung der Gemeinde in Laodizea – (Offb 3,15-16)

Wenn es einen Vorsatz für dieses Jahr gibt, dann den: sich nicht mehr zufrieden zu geben mit der Mittelmässigkeit.

Drei Bücher, die am Neujahrstag geöffnet werden.

Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und – wie es am jüdischen Neujahrstag Brauch ist – : „Mögest du für das Gute eingeschrieben und gesiegelt werden”.

Ein Fest, das im Weg steht!

…so steinigten sie Stephanus“

„Die bekannteste Erzählung, die es gibt, wo Christen leben“, nennt Walter Jens, die Weihnachtsgeschichte. „Und die geschändeste dazu: mißverstanden wie keine zweite, vom Nüchternen ins Sentimentale verkehrt… Eine kreisende Frau, und ein Mann, der im Stall, es kann auch eine Höhle gewesen sein, der Gebärenden beisteht – stilisiert zum ‘trauten, hochheiligen Paar’. Die Krippe auf die Maße eines Nürnberger Spielzeugs gebracht!“

Er hat recht – und damit wir uns nicht in aller Rührseligkeit genügen, tut es gut, daß es heute dieses Fest gibt: das Fest des ersten Märtyrers Stephanus.

Aber das Fest hilft uns zum Wesentlichen der Weihnachtsbotschaft vorzustoßen, die Krippe aus einer neuen Perspektive zu betrachten:

 Manchmal bedarf es der Hindernisse, um uns aufzuhalten, um uns den Spiegel vorzuhalten –

  • ich kenne Menschen, die sind gebannt von ihrer Geschichte, andere kennen nur das Negative, andere sind gegenüber allem mißtrauisch;
  • ich kenne Menschen, die sind nie zufrieden, sie wollen immer noch mehr, mehr Liebe, mehr Reichtum, mehr Macht;
  • ich kenne Menschen, die sind immer in Eile, in ihrem Leben gibt es nur Leistung, nie das Spiel –

Ihnen stellt Gott gleichsam das Kind in der Krippe in den Weg -dieser Anfang in Bethlehem – in Windeln, wie auch unser Anfang war – ist ein Zeichen dafür, daß Gott die Hoffnung mit dieser Welt nicht aufgegeben hat.

Die Existenz eines Kindes ist immer eine verdankte und beschenkte; es wird angenommen und geliebt, ohne Verdienst und ohne Leistung. „So gehe ich mit der Welt, so gehe ich mit Dir um“  – sagt Gott jedem, der vor der Krippe steht.

Die Krippe steht im Weg – wie dieses Fest am heutigen Tag: „In der Heiligen Nacht will Gott nicht Verhältnisse ändern, er will, Verhalten ändern, damit sich Verhältnisse ändern.“ – genau deshalb hat er uns das Kind „in den Weg gestellt“.

Seien wir ehrlich: das Fest des Stephanus verträgt sich nicht mit unseren weihnachtlichen Gefühlen von Harmonie und Frieden.

An keinem anderen Tag im Jahr stören uns die Katastrophennachrichten, empört uns Kriegsberichterstattung, empfinden wir die Kluft zwischen Engelchören und der Realität dieses Lebens größer und ärgerlicher als an Weihnachten. Das paßt nicht zusammen!

Und wie es paßt –

  • der Stall in Bethlehem war keine blitzsaubere Wöchnerinnen-Station mit Kabelfernsehanschluß;
  • die drei war ausgestoßen, weil niemand „Platz“ für sie hatte.,
  • die Hirten auf den Feldern der Stadt gehörten nicht zu den Etablierten, die auf den Gästelisten aller Veranstalter stehen – ihr Beruf galt als unrein, weshalb sie auch vom gottesdienstlichem Geschehen ausgeschlossen waren –
  • die Flucht nach Ägypten war kein Ausflug an die Pyramiden mit Nilschiffahrt und Kamelritt – nach Katalog gebucht –
    es war die Flucht vor einem mörderischen Herrscher, so wie heute viele auf der Flucht sind!

Es paßt!

Gott wird Mensch in diese konkrete Welt hinein – nicht in eine Welt, die wir uns erträumen, die irgendwann einmal sein wird – nein in diese Welt, in der wir leben und die wir alle irgendwie mitgestalten und auch verunstalten!

Gott wird Mensch auch in meine ganz konkrete Welt hinein – in mein Leben, auch wenn es noch so kaputt ist, noch so zerrissen, noch so unordentlich, noch so sündig – in mir will Gott Mensch werden!

„Der zur Weihnacht geboren wurde,
hat nicht auf Probe mit uns gelebt,
ist nicht auf Probe für uns gestorben,
hat nicht auf Probe geliebt.
Er ist das Ja und sagt das Ja,
ein ganz unwiderrufliches göttliches Ja
zu uns, zur Menschheit, zur Welt.“ (Hemmerle)

Christen haben zu allen Zeiten die Diskrepanz zwischen einer Welt, wie sie Jesus gelebt und verkündet hat, und den Realitäten ihres Lebens, als Auftrag angenommen, diese Welt so zu gestalten, wie sie der Botschaft Jesu entspricht

– weil sie begriffen haben, daß sie seit Bethlehem Gott dort finden, wo man ihn am wenigsten vermutet: in den Lagern der Flüchtlinge, bei den Obdachlosen, bei den unheilbar Kranken, bei den Traurigen und Verzweifelten, bei den Enttäuschten und Mutlosen –
und in sich selber, auch wenn man sich noch wertlos vorkommt.

Davon gibt dieser Stephanus Zeugnis – wen wundert es da, daß er den Himmel offen sieht, wie die Hirten in Bethlehem.

Gott im Boot meines Lebens

Weihnachten 2018 Pfarrkirche Juist

Sie haben es gewiss schon gesehen: Die Hl. Familie befindet sich hier vorne nicht in einem Stall, sondern in einem Boot. Was soll das? fragen Sie sich mit Recht, auch wenn sie diese Darstellung als Juister schon gewohnt sind.

Schiffe sind für Sie, die Sie hier auf der Insel leben, aber auch für mich als Rheinländer nichts Ungewöhnliches: Seit Jahrhunderten transportieren die Schiffe auf den Meeren und auf den Strömen Menschen und Güter, nicht nur von der Insel zum Festland, oder von einem Ufer zum anderen, sondern auch über weite Entfernungen. Manch einer von Ihnen hat vielleicht schon einmal eine Kreuzfahrt unternommen und die Annehmlichkeiten einer solchen Schifffahrt genossen.

Unsere Sprache kennt viele Assoziationen aus der Seefahrt: „Wir sitzen alle in einem Boot“, heißt es da.
„Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“, befürchten einige.
„Da wird jemand ausgebootet“, stellen wir fest.
„Einer kommt vom Kurs ab“ und „Klippen müssen umschifft werden“.
Wir kennen menschliche Wracks und wissen, dass Menschen Schiffbruch erleiden können auch wenn sie sich nicht auf offenem Meer befinden.

Albert Einstein hat festgestellt: „Mir kommt das Leben der Menschen vor wie ein großes Schiff.“ Und Martin Luther meint: „Unser Leben ist gleich wie eine Schifffahrt.“ –

Sie merken, es geht um uns bei diesem Zeichen hier vorne, um Sie und mich. Ich möchte Sie einladen, ein wenig bei diesem Bild zu verweilen.

Mit welchem Schiff lässt sich Ihr Leben vergleichen:

  • Mit einem Lastkahn, der schwer zu tragen hat und nicht nur die eigenen, sondern auch fremde Lasten trägt?
  • Mit einem Ausflugsdampfer, auf dem nur Frohsinn herrscht?
  • Mit einem Treidelkahn auf einem Fluß, der nicht aus eigener Kraft vorankommt und gezogen werden muss?
  • Mit einem Segelschiff, das bei passendem Wind majestätisch durch das Wasser segelt und bei Flaute vor sich hin dümpelt?

Mit welchem Schiff lässt sich Ihr Leben vergleichen?

Hohe Wellen und Gegenwind bringen das Schiff in große Not. Jeder von uns kennt Wellen und Gegenwind auch aus seinem eigenen Leben. Nicht nur am dunklen Welthorizont ziehen dunkle Wolken auf und blitzt es und kracht es.

Auch im privaten Bereich gibt es viel Not:

  • Da ist der Mensch, der enormen Gegenwind bekommt, weil er entschieden zu seiner Überzeugung steht.
  • Da ist ein anderer, der von einer Welle der Entmutigung eingeholt wird, und keine Zukunft mehr sieht.
  • Da ist das Ehepaar, das in den Strudel gegenseitiger Vorwürfe geraten ist und deren Ehe zu scheitern droht.
  • Da ist die Familie, die in die Tiefen einer schweren Krankheit hineingezogen wird.
  • Und da ist die Verwandtschaft, bei der es in den zwischenmenschlichen Beziehungen nur so brodelt und einfach keine Versöhnung in Sicht kommt.

Ja, das Bild ist treffend – unser Leben ist wie ein Schiff!
Heute feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist! Heute feiern wir, dass Gottes Sohn hineingelegt worden ist in das Schiff meines Lebens.
Vielleicht sträubt sich jetzt etwas in Ihnen – weil ihr Lebensschiff Ihnen als wenig geeignet erscheint, um eine solche Fracht zu transportieren.

  • Weil es nicht aufgeräumt ist und sie immer noch alte Sachen mit sich herumschleppen.
  • Weil es Ihnen zu ramponiert erscheint, weil sie oft angestoßen sind, wenn Sie in einem Hafen Halt gemacht haben.
  • Weil Sie sich nie Zeit genommen haben, die Schäden zu reparieren, die Schiff im Laufe der Jahre bekommen hat.

Egal in welchem Zustand das Schiff ist – das Kind will mit Ihnen unterwegs sein. Nicht nur heute und morgen, sondern Ihre ganze Lebensreise lang.

Die Stürme werden nicht weniger, der Gegenwind wird weiterhin zu spüren sein, noch manche Welle wird Ihnen Sorgen machen und die Lasten nehmen auch nicht ab – aber das Kind, das die Engel „Retter Messias, der Herr“ nennen, will mit Ihnen auf die Lebensreise gehen. Nicht nur mit dem Lächeln eines Kindes, sondern mit der ganzen Macht seiner Botschaft!

Wie soll das gehen? Schauen Sie auf die Hirten: Sie kehren nach ihrem Gang zur Krippe nach Bethlehem zu den Herden zurück, aber sie sind nicht mehr dieselben.

Sie tun dieselbe Arbeit wie vorher. Sie leben in denselben Verhältnissen und sind doch andere geworden. Sie kehren zurück und loben Gott wegen alle dem, was sie gehört und gesehen haben.

Früher hatten sie keine Zeit für das Gotteslob; denn als Hirten müssen sie weiterhin auf ihre Herden aufpassen und können nicht am Gottesdienst teilnehmen.

Als Menschen aber, die die Botschaft der Engel hörten und die in Bethlehem gewesen waren, erinnern sie sich an Gott.
So hat sich ihr Alltag hat sich verändert.

Es kommt ein Schiff geladen – so beginnt ein altes Advents- und Weihnachtslied. Jetzt ist es mit seiner teuren Last angekommen und das Kind ist umgestiegen in unser Lebensboot.

Schiffe sind nicht gemacht für den Hafen. Sie müssen hinaus. Jetzt an Weihnachten haben wir hoffentlich alle irgendwo festgemacht. Aber danach geht es wieder hinaus – mit dem menschgewordenen Gott im gleichen Boot. Wenn das kein Grund zu Freude ist!

„Handwerker des Friedens“

(c)Wolfgang Teuber/pixelio.de

Volkstrauertag – kann man eigentlich Trauer befehlen? Kann man einem ganzen Volk vorschreiben, an einem Tag zu trauern? Wir wissen Trauer ist etwas ganz persönliches, individuelles. Der Prozess dauert bei dem einen länger als bei der anderen.

Und heute sollen wir trauern, obwohl die meisten von uns gar nicht mehr direkt betroffen sind von den Opfern der beiden Kriege. Tun wir das, weil das so üblich ist und es dem guten Ton entspricht?

Die meisten zivilisierten Länder kennen einen solchen Tag. In den meisten Ländern heißt er „Gedenktag“ oder „Erinnerungstag“. Mit dieser Bezeichnung kann ich mich dann schon eher anfreunden. Der ehemalige Bundespräsident Gauck hat 2016 eine gute Richtung vorgegeben als er unter anderem sagte:

  • Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
  • Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
  • Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
  • Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
  • Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Und er zog den Schluss daraus:
Unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Unsere Verantwortung gilt dem Frieden. Das ist der Auftrag des heutigen Tages und dieser Verantwortung können wir uns mit einer Stunde am Sonntagmorgen und einer Kranzniederlegung nicht entledigen:

Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“, hat uns Jesus in der Bergpredigt zugerufen.

„Der Friede ist der Name Gottes“ und „wer den Namen Gottes anruft, um den Terrorismus, die Gewalt und den Krieg zu rechtfertigen, beschreitet nicht den Weg des Herrn.“ So heißt es im gemeinsamen Friedensappell, den Papst Franziskus und die Teilnehmer am Friedenstreffen der Religionen 2016 in Assisi unterzeichnet haben. Alle können demnach „Handwerker“ des Friedens sein.

Handwerker des Friedens nicht nur in der großen Politik, Handwerker des Friedens in der eigenen Familie, im Berufsleben, im Freundeskreis.

Bei dieser Gelegenheit mahnt uns Franziskus, der großen Krankheit unserer Zeit entgegenzutreten: der Gleichgültigkeit. „Wir dürfen nicht gleichgültig bleiben. Die Welt hat heute einen brennenden Durst nach Frieden.“

Vielleicht erinnern sich die Älteren unter Ihnen noch an Wolfgang Borchert. Der Schriftsteller verstarb 1947 im Alter von 26 Jahren. Sein letztes Gedicht klingt wie ein Manifest.
Der Text beginnt mit folgenden Zeilen:
Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“
Genauso soll das „Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro“ reagieren, der „Besitzer der Fabrik“, der „Forscher im Laboratorium“, der „Dichter“, der „Arzt“, der „Pfarrer“, der „Kapitän“, der „Pilot“, der „Schneider“, der „Richter“, der „Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt“.
Und schließlich:  “Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins: sagt NEIN!

Wir sollen Handwerker des Friedens sein und müssen bekennen: wir haben in den letzten 70 Jahren nicht NEIN gesagt! Wir haben den Durst der Welt nach Frieden nicht gestillt – weder in der großen und oft auch nicht in unserer kleinen.

Kehren wir noch einmal zurück zum Volkstrauertag. Trauer hat immer etwas mit Tränen zu tun.

„Tränen lügen nicht“ sang in den siebziger Jahren Michael Holm. Er hat recht. Tränen lügen nicht. Sie drücken aus, wofür es keine Worte gibt. Es gibt Dinge, die mit keiner anderen Antwort zufrieden sind, als mit Tränen.

Tränen erzählen von Träumen, von Schmerz und von Trauer, von Befreiung, Freude und Glück, von Wut und Reue über Sünde und Schuld, von Liebe, Verzeihung und Vergebung. Sie erzählen von ungelebtem Leben, nicht genutzten Chancen, Erfahrungen eigener und fremder Schuld, von Unterdrückung, Verlust und Trauer.

Sie sind vielleicht die menschlichste aller menschlichen Ausdrucksformen. Sie begleiten uns ein Leben lang von den ersten Tränen, die wir selbst auf den Armen unserer Mutter vergossen haben bis zu den Tränen, die andere an unserem Grab vergießen.

(c) okamuwi / pixelio.de

Eine der schönsten Bitten finde ich im Alten Testament im Psalm 56 „Sammle meine Tränen in einem Krug, / zeichne sie auf in deinem Buch!“

Ein wunderschönes Bild: Keine Träne ist umsonst geweint. Gott zählt sie alle und heiligt sie, weil wir ihm so kostbar sind.

Der Prophet Jeremia schreibt sogar vom Weinen Gottes: “ Ach, wäre mein Haupt doch Wasser, / mein Auge ein Tränenquell: Tag und Nacht weinte ich.“ (Jer 8,23) Gott selbst kennt die Gabe der Tränen.

Im letzten Buch der Bibel sagt der Seher Johannes: “ Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. (Offb 21, 4)
Es ist die große Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde, die Vision vom himmlischen Jerusalem. Dorthin lädt Gott uns ein.
Wie oft sind unsere Tränen verbunden mit der Klage: „Ich habe keinen Menschen“. Keinen Menschen, der mich versteht, keinen, der mir zuhört, keinen, der mich tröstet, keinen, der mir beisteht, keinen, der meine Trauer, meine Freude und meine Hoffnung mit mir teilt. Gott selbst wendet sich uns zu. Er hat jeden von uns ganz persönlich im Blick. Der Gott, der unsere Tränen abwischt! Ein Bild für die Nähe und Geborgenheit, die Gott uns im Glauben schenkt.
Wo auch nur eine Träne auf dieser Welt geweint wird; Gott weiß es. Unser Leben mit Freud und Leid ist in seinen guten Händen aufgehoben. Das ist der Trost, der uns an einem solchen Tag auch geschenkt wird.

 

Die Taufe – der Rettungsgriff Christi

Was aber bedeutet die Taufe?  Die Osternacht gibt uns eine dreifache Antwort:

  1. Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Quelle: Wikipedia

In der Ostkirche wird auf vielen Ikonen die Auferstehung dargestellt, wie Jesus hinabsteigt in die Unterwelt und Adam und Eva mit einem typischen Rettungsgriff wie ihn auch heute noch Retter in unterschiedlichen Situationen praktizieren, herausreißt aus ihren Gräbern. Dahinter steckt das alte Weltbild, das die Welt in Etagen einteilt, Himmel, Erde, Unterwelt.

„Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ – heißt es im Glaubensbekenntnis. Jesus hat sich weder das Leben noch das Sterben einfach gemacht. Sein Abstieg ging tief, mitten in das Reich des Todes hinein. Bis in die tiefste Tiefe ist er nach unten hinabgestiegen. Bis an den „toten Punkt“. Vielleicht kennen Sie das auch aus Ihrer Biografie. Den „toten Punkt“, wo alles zusammenbricht. Wo es weder ein zurück noch ein nach vorne gibt.

Als Toter ist Jesus zu den Toten hinabgestiegen. In ihm ist Gott zu den Toten gekommen und der hat ihn dort nicht gelassen. Er hat den Tod besiegt. Auf den Darstellungen der Ostkirche sind Adam und Eva zu sehen. Sie stehen stellvertretend für die ganze Menschheit. Mit einem Rettungsgriff zieht der Auferstandene sie aus der Macht des Todes. Genau das geschieht in der Taufe. Jesu Rettungsgriff fasst uns an den Handgelenken und zieht uns hinein in seine Auferstehung.

  1. Geht!

Haben Sie noch das Evangelium von eben im Ohr: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. […] Nun aber geht! Er geht euch voraus nach Galiläa! (Mk 16,7) Nun aber geht – jede entscheidende Begegnung in der Bibel ist verbunden mit dem Auftrag „Geht!“ Papst Franziskus spricht immer wieder von den „Sofa-Christen“, die die Welt vom Sofa aus betrachten oder sie unter ihrem Balkon vorbeiziehen lassen.

Die Sofa-Christen überhören geflissentlich das Wort „Geht“. In Ihrem Taufschein steht zwar, dass sie getauft sind. Aber sie brechen nicht mehr auf, sie gestalten nicht mehr ihre Welt aus der Botschaft des Evangeliums. Wenn in unserer Gesellschaft der „Untergang des christlichen Abendlands“ beklagt wird, dann liegt das nicht an REWE, der den „Traditionshasen“ verkauft, sondern an den „Sofa-Christen“ unserer Tage.

Erliegen Sie nicht dieser Versuchung. Lassen Sie sich stattdessen nach Galiläa schicken, d.h. dorthin, wo Sie Augen- und Ohrenzeuge der Botschaft Jesu werden können. Dafür brauchen Sie nicht ins Heilige Land zu reisen. Es genügt, wenn Sie in der Bibel lesen.

  1. Es liegt an uns!

Noch einmal möchte ich an das Evangelium von eben erinnern. An den letzten Satz: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ (Mk 16,8) Das ist der ursprüngliche Schluss des Markus-Evangeliums. Ende. Aus. Wo bleibt die Botschaft? Sie sagten niemandem etwas davon.
Wo sind all die Geschichten von den Jüngern, von Maria von Magdala, der Apostolin der Apostel. Von Johannes, Petrus, den Emmaus-Jüngern und Thomas? – Markus weiß davon nichts! Dieser ursprüngliche Schluss des Markus-Evangeliums provoziert. Ein paar Jahrhunderte nach der Urfassung des Markus-Evangeliums taucht plötzlich noch ein zweiter Schluss auf, der die Provokation der ursprünglichen Fassung auflösen will.
Markus hat eine Absicht mit diesem Schluss. Er will seine Hörerinnen und Hörer herausfordern. Wenn die Frauen am Ostermorgen schweigen, dann müssen wir reden! Die Botschaft des jungen Mannes im weißen Gewand muss weitergesagt werden: „Er ist auferstanden“. Als Getaufte ist dies unsere erste Pflicht: Zeuge, Zeugin der Auferstehung zu sein – damit die Botschaft nicht in Vergessenheit gerät.

 

Bilanz einer Reise, die Mut gemacht hat!

(c) Reinhard Sentis

Am letzten Wochenende bin ich aus Israel zurückgekommen.  Die Reise war ganz anders als meine vorangegangenen Reisen, die ich entweder privat oder als Pilgerreise mit anderen Pilgern unternommen hatte.
Diesmal war ich mit Fußballern unterwegs, besser gesagt mit Menschen aus dem Management des Bonner SC. Sie engagieren sich in unserem Projekt „Bonn hilft Bethlehem“ und wollten sich einmal vor Ort ansehen, was ihre Hilfe konkret bedeutet.

Drei Dinge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:
Das Erste ist ein Satz, den eine 21jährige palästinensische Studentin in Bethlehem sagte. Sie hilft dort ehrenamtlich im Jugendclub der Salesianer an der Technical School, die wir seit 5 Jahren unterstützen. Wir haben sie nach ihren Träume gefragt und sie antwortete uns: wir dürfen nicht darauf warten, dass die Lösungen, besonders der Frieden von außen kommt. Er muss in uns heranwachsen. Wir müssen ihn leben. Damit hatte sie ausgesprochen, was der Apostel Paulus im Kolosserbrief schreibt: Der Friede Christi wohne in Euren Herzen (Kol 3,15) – Und gleichzeitig gab sie all denjenigen einen Korb, die meinen, die anderen, die da oben, nur nicht man selbst trage die Verantwortung dafür, dass sich etwas ändere. Dass gilt für die große Politik genauso wie für das Leben in der Kirche als auch für die ganz persönlichen Verhältnisse.

Das zweite ist ein Wort von Father Vincent, dem geistlichen Leiter des Jugendclubs in Bethlehem. Er gibt den Kindern und Jugendlichen durch seine Arbeit eine zweite Familie, in der sie das Miteinander, den Respekt voreinander und Fair play lernen. Ihn haben wir nach seinen Wünschen gefragt. Er muss die Arbeit durch Spenden finanzieren und braucht jedes Jahr 10.000 €. Das sind pro Jugendlicher, der in den Club kommt, 35 Euro.
Sein größter Wunsch ist ein Kunstrasenplatz für die sportlichen Aktivitäten, die bisher auf dem asphaltierten Schulhof stattfinden. Da ist wahrscheinlich eine sechsstellige Summe notwendig. Als er merkte, wie wir angesichts des Betrags alle die Luft anhielten, meinte er nur: Wir können von dem Großen träumen; aber wir ändern etwas, wenn wir kleine Schritte gehen. Tun Sie die Schritte, die Ihnen möglich sind. Man konnte förmlich spüren, wie die Last der übergroßen Erwartung von unseren Schultern fiel und gleichzeitig dieses Wort uns alle beflügelte, die nächste Schritte zu tun. Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte gehen, können das Gesicht der Welt verändern.

Und ein drittes Erlebnis. In der kleinen Gruppe von 12 Personen gab es Katholiken, Protestanten und auch Nichtgetaufte. Es gab welche, die kannten die biblischen Geschichten, die an einzelnen Orten lokalisiert werden, und anderen mussten sie erschlossen werden.
Ein Beispiel: Wir waren in der Wüste, standen in den Ruinen Nabatäerstadt Mamshit und beobachteten einen Hirten, der etwas entfernt am Hang seine Herde vorantrieb. Plötzlich stellte einer von uns fest: „Schaut mal, der kümmert sich um jedes einzelne Schaf, wenn eines zurückbleibt, geht er zurück und holt es.“ Für mich war es die Gelegenheit Lukas 15 zu zitieren: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Das war eine Kurzkatechese, zu der mich die Beobachtung eines Teilnehmers herausgefordert hatte. Für mich deshalb so nachhaltig, weil kirchliches Handeln normalerweise verläuft. Da lernen wir nicht von anderen, sondern meinen, sie müssten von uns etwas lernen.

Die Begegnungen auf dieser Reise, von denen ich bruchstückhaft erzählt habe,  machen mir Mut:

  • Ich selbst bin mitverantwortlich, dass sich etwas verändert;
  • Ich muss den nächsten kleinen Schritt tun und nicht auf den großen Sprung warten;
  • Und ich kann von den Menschen, mit denen ich unterwegs bin im Leben, etwas lernen.

 

Judas statt Matthias

Die deutsche Kirche feiert heute den Apostel Matthias. Nach der Himmelfahrt Jesu war es notwendig geworden, die Zwölfzahl wieder herzustellen, nachdem sich Judas Iskariot nach seinem schändlichen Verrat das Leben genommen hatte.
Dies geschah nicht von oben herab, sondern die 120 „Brüder“ hatten die Möglichkeit Kandidaten vorzuschlagen, die „Zeuge der Auferstehung“ waren. Schließlich entschied das Los und Matthias wurde in das Kollegium der Apostel aufgenommen. Die Zwölfzahl war wieder hergestellt. Judas und seine Tat hatten die Chance, in Vergessenheit zu geraten – wie das oft so ist, wenn Nachfolger bestellt sind.

Aber die Evangelien haben die Erinnerung an Judas Iskariot bewahrt. Und in der Kirche von Magdala findet man sein „Bild“ in der Reihe der  ursprünglichen Zwölf. Allerdings ohne „Heiligenschein“ und auch sein Name ist nicht wie bei den anderen in goldenen Lettern geschrieben.

Judas ist eine tragische Figur. Seine Vorstellungen, die er von diesem Jesus hatte, und seine Erwartungen, die er an ihn knüpfte, zerbrachen je mehr er ihn kennenlernte. Das war nicht „sein“ Messias, „sein“ Gottessohn“. Und als dann noch Geld ins Spiel kam, war der Sprung auf die andere Seite nur noch ein kleiner Schritt.

Ausgerechnet mit einem Kuß hat er seine Tat besiegelt. Welch eine Tragik. In der Alltagssprache gilt er als der Inbegriff des Verräters und nach deutschem Recht darf niemand dessen Namen als Vornamen bekommen.

In der Kirche von Magdala hängt das Bild des Judas in einer Reihe mit den anderen Aposteln und wenn man nicht genau hinschaut, dann fällt er gar nicht auf. 12 Männer, jeder mit einer eigenen Biografie, jeder mit seiner eigener Beziehung zu Jesus. 12 Männer, so unterschiedlich sie auch waren, gemeinsam mit Jesus unterwegs durch das Land.

Der Betrachter stellt fest: manchmal bin ich so klar im Bekenntnis wie Petrus, manchmal auch so vorlaut und voreilig wie er, manchmal mache ich mir Sorge um meinen Rang und meinen Wert wie die Zebedäus-Brüder, manchmal führe ich Menschen zum Herrn wie Philippus und Andreas, manchmal bin ich zweifelnd wie Thomas, manchmal erlebe ich mich mittendrin im Geschehen wie Petrus, Johannes und Jakobus.

Der Judas erinnert daran, dass niemand vor dessen Schicksal gefeit ist: wenn sich die eigene Vorstellung und die Erwartung an Gott und sein Handeln nicht bewahrheiten. Hoffentlich findet er dann Menschen, die ihn in dieser schwierigen Situation nicht allein lassen.

Judas statt Matthias – der „Ersatz“-Apostel wird es als Zeuge der Auferstehung ertragen.

Die grauen Herren und das graue Kreuz

In Michael Endes Kinderbuch „Momo“ spielen die grauen Herren eine wichtige Rolle. Sie sind eine menschenähnliche Erscheinung, sind sehr zahlreich und wirken stets beschäftigt. Wer sie sieht, vergisst sie in der Regel wieder.
Die grauen Herren haben eine Glatze, sind grau gekleidet, tragen runde graue Hüte und fahren graue Autos. Sie verbreiten eine ungewöhnliche Kälte.Sie haben nur ein Ziel, den Erwachsenen vorzuschlagen, ein Zeitsparkonto bei der Zeit-Spar-Kasse einzurichten. Wer dies tut, richtet sein Leben aufs Zeitsparen ein, wird hastig, mürrisch und gereizt.
Vernachlässigt werden die Kinder. Auch sie sollen durch automatisiertes Spielzeug und vom „Immer-mehr-Haben-wollen“ Teil des grauen Systems werden. Eines dieser Kinder, Momo, das die Gabe des Zuhörens hat, durchschaut das gefährliche Treiben und setzt ihm schließlich ein Ende.

Angesichts des grauen Aschenkreuzes, das uns heute auf die Stirn gezeichnet wird, habe ich mich an diese Geschichte von Momo und den grauen Männern erinnert.
Das Aschenkreuz mag für jeden und jede verschiedene Bedeutungen haben: der eine sieht es als Buß-Zeichen, den anderen erinnert es an die Vergänglichkeit, jemand anders sieht darin schon einen Hinweis auf den Karfreitag. Oder man erkennt darin den Ruf zur Umkehr.

Für mich markiert es in diesem Jahr wieder einmal der Beginn einer heiligen Zeit und es lädt mich ein, diesmal etwas kritisch darüber nachzudenken, was ich mit meiner Zeit anfange.
Ich muss gestehen, manchmal verfalle ich auch den „grauen Herren“ in mir, die mich zum Zeit-sparen verführen wollen und mir doch die Zeit stehlen:

  • Da ist der Perfektionismus. Es soll alles gut und richtig sein. Aber jeder weitere kleine Schritt hin zu einem (vermeintlich) perfekten Ergebnis nimmt eine immer größere Zeit in Anspruch.
  • Da ist die Versuchung, Dinge aufschieben und ich erlebe, wieviel Zeit ich damit verbringe, daran zu denken, statt die Sache gleich anzupacken.
  • Da ist die Ablenkung, die vor allem auch durch die Digitalisierung des Lebens geschieht. Das Smartphones, Facebook, die sozialen Medien – alles buhlt ständig um meine Aufmerksamkeit.
  • Und alle die anderen vergeblichen Versuche, Zeit zu sparen.

Und wie geht es Ihnen mit Ihrer Zeit?
Die grauen Herren in „Momo“ versuchen die Menschen dahingehend zu überzeugen, dass sie alles ein bisschen schneller erledigen und auf unnötige Zeitfresser wie Freundschaften, Nachbarschaftshilfe und ähnliches zu verzichten.

Momo dagegen ist reich an Zeit. Sie spart sie nicht, sondern lebt im hier und jetzt: „Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis.“ sagt sie. „Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

 Zeit ist Leben – vielleicht wäre das auch eine Möglichkeit, die Fastenzeit zu gestalten. Darauf zu verzichten, Zeit zu sparen – stattdessen dem Rat des Apostels Paulus im Epheserbrief zu folgen, der uns zuruft: „Nutzt die Zeit“ oder wie es in einer neuen Übersetzung heißt: „ Nutzt jede Gelegenheit zum Guten!“

In der Geschichte von Momo heißt es am Schluss, als Momo den Menschen die gestohlene Zeit zurückbringen kann: „Und in der großen Stadt sah man, was man seit langem nicht mehr gesehen hatte: „Überall standen Leute, plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. Wer zur Arbeit ging, hatte Zeit, die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. (…) Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten, denn es kam nicht mehr darauf an, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertig zu bringen. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von nun an war ja wieder genug davon da.“
Das wäre es doch, wenn wir in den nächsten 40 Tagen nicht Zeit sparen, sondern Zeit verschenken.

Mit dem Aschenkreuz, dem grauen Kreuz auf der Stirn, können wir das Treiben der grauen Herren in uns durchkreuzen. Wir dürfen uns die Zeit von ihnen nicht rauben lassen.
Unser Erzbischof macht uns in seinem Fastenhirtenwort Mut: „Nicht alles ist zu jeder Zeit dran. Erst recht dann nicht, wenn Zeiten, Räume, Mittel oder Kräfte knapp bemessen sind.“
Die 40 Tage der Fastenzeit sind für ihn eine Zeit, in der wir uns von Gott finden lassen können.
Eine geschenkte Zeit.