Dornenkrone im Angebot

Dornenkrone

Je öfter ich nach Jerusalem komme, umso mehr wird mir bewusst, wie unwichtig die eigentlichen Orte tatsächlich für mich sind. Es ist interessant, durch diese orientalische Stadt zu streifen, diesen Schmelztiegel der Religionen. Aber ob das Grab nun hier oder dort war, der Abendmahlssaal richtig lokalisiert ist oder Jesus wirklich an genau diesem Ort geweint hat, wo sich heute die Kirche „Dominus flevit“ erhebt, berührt mich wenig. Ich stehe staunend vor der langen Tradition dieser Orte und spüre gleichzeitig, dass die Geschichten, die dort verortet werden, sich in mir, in meinem Inneren abspielen müssen.

Das Wort von Angelus Silesius aus dem 17.Jahrhundert bewahrheitet sich wieder einmal: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ Gerne will ich die Orte zum Anlaß nehmen, um nachzudenken, mich zu besinnen und festzustellen, dass die alten Geschichten auch von meinem Leben erzählen: ich erlebe es auch, dass ein Stück Himmel auf Erden kommt wie damals bei den Hirten in Bethlehem (Lk 2). Ich kenne auch tränenreiche Stunden in meinem Leben und finde mich wieder im dem Wort des Psalms 56: „Sammle meine Tränen in deinem Krug“. Und ich bin dem österlichen Leben auf der Spur – um nur einige Beispiele zu nennen.

Ich freue mich in dem Land zu sein, dass Jesu irdische Heimat war. Es inspiriert mich. Gelassen kann ich die Menschenmassen sehen, die sich in die Grabeskirche, in die Geburtskirche oder an andere Orte drängen und dort oft stundenlang warten müssen, um für ein paar Sekunden an dem Ort sein zu können, der seit Jahrhunderten mit einer Stelle aus dem Neuen Testament verbunden wird. Ich brauche kein Kreuz auf der Schulter, um den Kreuzweg zu gehen, und erst recht keine Dornenkrone auf dem Kopf, auch wenn es sie im Angebot gibt.

Rothenburg – oder was Leerstellen lehren können

Rothenburg ob der Tauber. Touristenmagnet mit mehreren Millionen Besuchern jährlich. Man fotografiert, kauft ein, amüsiert sich über den Ideenreichtum der Souvenir-Produzenten, isst und trinkt – und bleibt ein Teil der Masse. Wer aber genauer hinschaut, der entdeckt in der Stadt und der näheren Umgebung zwei Kunstwerke, die eine nähere Betrachtung lohnen, weil der Betrachter ein Teil dieser Kunstwerke wird.

Für die St.Jakobskirche in Rothenburg schuf Tilmann Riemenschneider 1501-1505 den Heiligblut-Altar. Mit diesem Retabel sollte eine Heilig-Blut-Reliquie aus dem 13.Jahrhundert einen angemessenen und würdigen Rahmen finden. Sie ist in einem Bergkristall in einem vergoldeten Kreuz eingeschlossen.
Der Betrachter aber sieht als Erstes eine Abendmahlszene, in deren Mittelpunkt nicht Jesus steht, sondern Judas, der Verräter. In erkennt man deutlich an dem Beutel mit den 30 Silberlingen, dem Blutgeld, den er in den Händen hält. Trotzdem reicht ihm Jesus den Bissen Brot, lädt er ihn ein an den Tisch.
Die übrigen Apostel sind verwirrt und diskutieren miteinander, während Johannes, der Lieblingsjünger an der Brust des Herrn ruht.
Die Figur des Judas konnte auch aus dem Altar entfernt werden und man vermutet, dass an den Kartagen sein Platz deshalb leer blieb: deutliches Zeichen, dass die Betrachter, jede/r dieser Judas sein kann.
An den anderen Tagen lädt die zentrale Figur dieses Altarbildes ein, sich ihm anzuschließen. Sich trotz der eigenen Sünden vom Herrn zu Tisch bitten zu lassen. Wer sich einladen lässt und nach oben schaut, sieht das Reliquiar und hört die Botschaft: „Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.“ (1 Petrusbrief Kapitel 1, Verse 18-19)

Als 1653 ein Kreuzigungsretabel von Tilmann Riemenschneider aus einer Rothenburger Kirche in das kleine Kirchlein in Detwang gebracht wurde, musste man feststellen, dass es 44cm zu breit war. Also musste man es seitlich verkürzen und auf zwei Figuren verzichten.
In der Gruppe der Frauen rechts unter dem Kreuz fehlt jetzt die Figur der Maria Magdalena und links unter dem Kreuz, wo der Hohepriester und die Soldaten stehen, hat man den römischen Hauptmann entfernen müssen.
Die Leerstellen machen das Bild unvollständig und laden den Betrachter ein, sie auszufüllen und die Plätze einzunehmen.
Den Platz der Sünderin, der viel verziehen worden ist und die am Ostertag zur Apostolin der Apostel wird. Auf sie trifft das Wort des Hohenlieds zu: „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt.“ (Hoheslied Kapitel 3 Verse 1-a)
Den Platz des Hauptmanns, der nicht mit den anderen spottet und mitläuft, sondern sich sein eigenes Urteil bildet und das erste Glaubensbekenntnis im Angesicht des Todes Jesu spricht: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Markus-Evangelium Kapitel 15 Vers 39)

Wir werden zu Nomaden mitten in der Stadt

Kriegsschäden im Nordquerhaus

Als 1947 eine Festschrift zum Goldenen Priesterjubiläums meines Vorgängers Johannes Hinsenkamp erschien begann ein Beitrag mit folgender Feststellung: „Der bedeutendste sakrale Bau der Stadt Bonn, die ehrwürdige Münsterkirche hat im Verlauf der Jahrhunderte oft schwere Wunden durch Krieg und Naturgewalten davongetragen. […] Aber der Wille ihrer Hüter, der Stiftsherren, und die Liebe der Bonner zu ihrem Münster waren stärker als die Mächte der Zerstörung.“

70 Jahre nach dieser Feststellung ist es wieder soweit. Nicht die Zerstörungen eines Krieges, sondern der Zahn der Zeit hat an diesem Bauwerk genagt. Was angesichts der vielen Glühbirnen und einer EU-Verordnung mit der Notwendigkeit einer neuen Beleuchtung begonnen hat, ist im Laufe der letzten Jahre zu einer dringend notwendigen Generalsanierung geworden.
Je weiter wir in der Planung fortgeschritten sind, umso mehr wurde uns bewusst: das ist nur möglich, wenn wir das Münster für eine Zeit lang schließen – wie es zuletzt auch in Hildesheim notwendig war.Der Kirchenvorstand hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht: wir denken an die vielen Menschen, denen das Münster viel bedeutet: Menschen, die hier getauft wurden, zur Erstkommunion gingen oder geheiratet haben. Die hier zum Gottesdienst kommen oder die das Münster als Ort des Gebetes und der Stille schätzen.
Für viele ist es so, als ob das Herz der Stadt stillgelegt wird, um es zu operieren. Wir werden alles daransetzen, dass die Operation nicht zu lange dauert – auch wenn wir uns auf mindestens zwei Jahre einstellen.
Ich bin tief bewegt, wie viele Menschen sich in den letzten Tagen in persönlichen Gesprächen oder auch in den sozialen Netzwerken zu unserem Münster bekannt haben und mit uns traurig sind, dass wir diesen Ort für eine Zeit verlieren.

Unser Papst hat seit einigen Tagen an seiner Wohnungstür ein großes Schild befestigt: Vietato lamentarsi, steht da! Jammern verboten – und weiter heißt es: Verstöße gegen das Verbot führen zu einem Opfersyndrom, das schlechte Stimmung verursacht und die Fähigkeit mindert, Probleme zu lösen. Um das Beste aus sich zu machen, bedarf es der Konzentration auf die eigenen Stärken und nicht auf die eigenen Grenzen.

Nicht jammern !

Traurig sein – dürfen wir; aber Jammern wollen wir nicht. Stattdessen fragen wir uns, welche Chance und welche Herausforderung bringt uns diese neue Situation.
Die beiden Schrifttexte mögen uns ein paar Hinweise geben, wobei wir den Text über Abraham bewusst gewählt haben während der Text des Evangeliums an diesem Sonntag in der Liturgie gelesen wird – kein Zufall, sondern Wort Gottes in unsere Situation hinein.
Mit dem Auszug aus dem Münster verlieren wir unser Zuhause. Zwar finden wir Obdach in St.Remigius und der Schlosskirche, denen wir für die Gastfreundschaft danken. Aber es sind für uns Gottesdienstorte, kein Zuhause – wir werden zu Nomaden in mitten der Stadt.
Das habe ich mir nicht vorgestellt als ich vor 19 Jahren an diesen Ort kam, das haben die wenigsten von Ihnen sich vorstellen können – genauso wenig wie Abraham daran gedacht hat, dass er mit 75 Jahren noch einmal sein Land, sein Vaterhaus, seine Verwandtschaft verlassen sollte.

Aufbrechen wie Abraham
Und doch sehe ich in diesem Nomadendasein die Chance und Herausforderung dieser kommenden mindestens zwei Jahre. Aufbrechen wie Abraham! Papst Franziskus sagt: „Aufbrechen bedeutet, die Versuchung zu überwinden, nur unter uns Gespräche zu führen und die vielen Menschen zu vergessen, die von uns ein Wort der Barmherzigkeit, des Trostes, der Hoffnung erwarten.“ (22.11.2014)

Du sollst ein Segen sein“ gibt Gott dem Abraham mit auf den Weg. Uns trifft vielleicht heute das Wort aus dem Evangelium und es muss heißen: „Seid Sauerteig in dieser Stadt“.
Sauerteig arbeitet still und unsichtbar, doch die Wirkungen seiner Arbeit sind sehr wohl sichtbar. Unter eine gewaltige Menge Mehl, mischt die Frau ein wenig Sauerteig. Doch der geringe Anteil Sauerteig, unter die riesige Menge Mehl gemengt und geknetet, durchdringt und verändert das Mehl.

Ich bin neugierig darauf, was das für uns heißt. Genauso neugierig bin ich darauf zu sehen, wie viele Menschen sich mit uns auf diesen Weg machen.
Ich möchte Sie alle einladen, lassen Sie sich mit uns zum Aufbruch drängen wie Abraham, dass wir gemeinsam unseren „Beitrag zum Leben und zur Zukunft der Stadt (zu) leisten […], sie mit dem Sauerteig des Evangeliums (zu) durchdringen, um so Zeichen und Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes zu sein“. (vgl. Papst Franziskus 31.12.2013)

Angesichts des anderen Bildes im Evangelium ist mir dabei gar nicht bange: wenn wir das Richtige tun, dann wird es uns ergehen wie dem kleinen Senfkorn, das zu einem großen Baum emporwächst, der 3000 Mal größer ist als das Senfkorn.

Das Gleichnis vom Senfkorn ist ein Hoffnungsgleichnis. Es reißt einen großartigen Horizont der Hoffnung auf. Mit dieser Hoffnung habe ich die Kirche verschlossen. Ich freue mich auf die nächsten Jahre und den Wiedereinzug in ein generalsaniertes Münster.

Die Mobilität wird vom Himmel bestimmt

„Nächste Verbindung zum Festland morgen 11.45“ – die Ankündigung am Hafen von Juist wirkt anachronistisch in einer Gesellschaft, in der Mobilität schon fast ein unverzichtbares Lebensprinzip ist. Man will möglich schnell von A nach B kommen, man hasst Staus auf den Autobahnen und die Verspätung bei der Bundesbahn. Wenn Flugzeuge ausfallen, ist die gesamte Erholung in Gefahr.
Und hier auf der Insel heißt es „Warten“. Nicht nur ein paar Minuten, Stunden, sondern bis morgen. Die Mobilität hier wird von den Gezeiten bestimmt, periodische Wasserbewegungen des Meeres mit Hoch- und Niedrigwasser an den Küsten. Ebbe und Flut sind eine Folge der Gezeitenkräfte von Mond und Sonne.
Man sieht das Wasser kommen und gehen – fast unmerklich steigen und sinken die Fluten. Vom Himmel aus wie von unsichtbarer Hand bestimmt.
Die Bewohner auf der Insel haben es gelernt, mit den Gezeiten zu leben. Sie kennen den Fahrplan der Fähre, die nicht nur Touristen bringt, sondern auch Lebensmittel, die Post, alle Güter die man benötigt. Sie ist die Nabelschnur zum Festland – in unseren Zeiten unterstützt vom Rettungshubschrauber, der für Notfälle zur Verfügung steht. Und weil der Fahrplan der Fähre an manchen Tagen extrem ungünstig ist, gibt es ein paar Mal am Tag auch ein Flugverbindung mit der kleinen Propellermaschine. Ein Tribut an die Mobiltätsgesellschaft.
Doch es ändert nichts am Lebensrhythmus der Insulaner und der Besucher: alles geht langsamer, „entschleunigt“ – wie es heute heißt. Es macht innerlich Freude, sich darauf einzulassen. Auf mich wirkt es archaischer, menschlicher, weil man noch mehr im Takt der Natur lebt. An den Gezeiten kann der Macher Mensch nichts ändern.
Und während der IC durchs Land rast, um mich wieder nach Hause zu bringen – komme ich mir vor als käme ich aus einer anderen Welt, als hätte ich ein Paradies verlassen müssen.

Was ist der Mensch (wert)?

Claudia Hautumm/pixelio.de

Ich oute mich mal zuerst: ich bin weder -Experte noch Fußballfans. Ich freue mich, wenn der Bonner SC oder der 1.FC Köln gewinnt, und bin mit den richtigen Fans traurig, wenn sie verlieren. Aber wenn ich heute lese, dass Bayern München einen italienischen Fußballspieler gekauft hat und die Medien melden: „der 22 Jahre alte Offensivakteur kostet 41,5 Millionen“, dann fehlt mir nicht nur jedes Verständnis. Es ist in meinen Augen ein Ärgernis.
Papst Franziskus sagt in seiner Botschaft zum Welttag der Armen: „Wenn heutzutage immer mehr ein unverschämter Reichtum zutage tritt, der sich in den Händen weniger Privilegierter ansammelt und der nicht selten mit Illegalität und der beleidigenden Ausbeutung der menschlichen Würde einhergeht, erregt die Ausbreitung der Armut in großen Teilen der weltweiten Gesellschaft Ärgernis.“
Angesichts der Armut, die uns aus vielen Tausend Gesichtern in dieser Welt anblickt, entlarvt ein solcher Milionen-Transfer, dass es hinter der sportlichen Fassade um handfeste wirtschaftliche Interessen geht.
Was ist der Mensch (wert)? die Frage drängt sich mir auf. Ein Mensch ist nicht zu bezahlen. Es gibt keine Summe, die angemessen wäre, weil ein Mensch keine Ware ist. Allenfalls seine Leistung ist zu entlohnen – und da fallen mir eine Menge Leute ein, die für ihre Arbeit nicht gerecht bezahlt werden und die für eine funktionierende Gesellschaft wichtiger sind als ein 22 Jahre alter Offensivakteur, für den man 41,5 Millionen bezahlt und der auch entsprechend besoldet werden wird.

Die Botschaft des Papstes zum Welttag der Armut hier

Le chaim – auf das Leben!

(c) BirgitH/pixelio.de

In diesem Jahr beschert uns der Kalender eine Besonderheit: nicht nur die in West und Ost getrennten Christen feiern gemeinsam Ostern. Auch die Juden feiern in diesen Tagen ihr Pessach-Fest. Am Vorabend eines Pessach-Festes wurde Jesus gekreuzigt!
In den meisten europäischen Sprachen ist die Beziehung noch hörbar. Die Franzosen feiern Pâques, die Italiener Pasqua, die Niederländer Pasen, die Dänen Påske und die Finnen Pääsiäinen. Nur wir Deutsche haben uns vermutlichen von iro-schottischen Mönchen während unserer Missionierung verleiten lassen von Ostern, im Englischen Eastern zu sprechen und damit wahrscheinlich an die angelsächsische Lichtgöttin „Ostara“ zu erinnern.
Bei beiden Festen geht es um das Leben. Die Juden feiern die Befreiung ihrer Väter aus der Knechtschaft Ägyptens so als seien sie selbst befreit worden. Das Pessachfest ist ein großer Dank für Rettung, für das Gute, für die Liebe, das Erbarmen, den Frieden – kurz: für das Leben. Wir Christen feiern die Auferweckung Jesu von den Toten und die damit verbundene Hoffnung, dass das ewige Leben bei Gott auf uns alle wartet.
Christen und Juden verbindet die Überzeugung, dass Gott ein „Freund des Lebens“ ist (Buch der Weisheit 11,26) Das Bewusstsein hierfür ist vielen Menschen abhandengekommen. Der Mensch selbst hat sich zum Herrn über das Leben gemacht. Das Leben ist bedroht: durch rücksichtsloses wirtschaftliches Handeln, durch politische Machtgelüste und religiösen Fanatismus. Die Nachrichten, die täglich auf uns einströmen, können Angst machen, und an der Botschaft vom Leben verzweifeln lassen.
Aber genau das wollen diejenigen, denen das Leben anderer nichts wert ist. Deshalb erinnere ich mich gerne an einen jüdischen Trinkspruch und mache aus ihm meinen Ostergruß: „Le chaim – auf das Leben!“ Werden und bleiben wir in dieser Welt Förderer und Freunde des Lebens, im Kleinen wie im Großen. In diesem Sinne Pask Seder – Gesegnete Ostern! – Happy Easter! – Joyeuses Pâques! – Buona Pasqua – Χριστος ανεστη – Pesach Sameach – Christos woskrese! Oder eben: Le chaim!

Blasphemie oder eben rheinisch?

Das Kirchenlied der Stadtpatrone bei einer Karnevalsveranstaltung –wie gestern Abend in der „Kayjass“ der Lustigen Bucheckern geschehen – ist das nicht Blasphemie? Der Nicht-Rheinländer wird das meinen. Er weiß zu wenig von der Beziehung zwischen Karneval und Religion.

„Vom Rhein – das heißt vom Abendland. Das ist natürlicher Adel.“, so lesen wir ins Carl Zuckmayers „Des Teufels General“. Natürlicher Adel – vom Abendland, sagt Zuckmayer, vom christlichen Abendland, muss man ergänzen. 529 gründete Benedikt das Kloster Monte Cassino in Italien. „Ora et labora – bete und arbeite!“ – das war sein Erfolgsrezept. Damit haben die Mönche Europa kultiviert. Zu dieser Kultur gehört auch der Karneval. Er ist nicht bütze, tanzen, jeck sein, sich verkleiden, weil es schön ist und man Spaß dran hat, sondern weil es Fastelovend ist, d.h. der Abend vor der Fastenzeit.

Und die ist auch nicht eingeführt, weil wir uns zu viel Winterspeck angefuttert haben, und Diät halten müssen. Sondern weil sie uns vorbereitet auf ein großes Fest, auf Ostern. Das höchste Fest der Christen! An diesem Tag feiern wir dass Gott seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, und, dass der Tod nicht das letzte Wort im Leben hat. Welch ein Fest, denn vor dem Tod haben wir alle Angst. Ostern sagt: du brauchst keine Angst zu haben vor dem Tod, denn das Leben geht danach für Dich weiter, ewig, im Himmel, beim Herrgott.

Damit wir ein solches Fest, eine solche Botschaft richtig feiern können, heißt es vorher „fasten, verzichten“. Nur wenn ich merke, dass mir etwas fehlt, kann ich mich anschließend wieder daran freuen. Oder anders gesagt: wer jeden Tag Champagner trinkt, weiß nicht mehr, dass es etwas Besonderes ist! Deshalb fasten wir und deshalb wird vorher noch einmal kräftig „op die Tromm gekloppt“. Wer nicht fastet, kann kaum richtig Karneval feiern. Schon Theresa von Avila sagt: Wenn fasten, dann fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn.

Ursprünglich waren die jecken Tage auf die letzte Woche vor Aschermittwoch beschränkt. In vielen Sprachen wird Weiberfastnacht der „fette Donnerstag“ genannt. Es war der letzte Schlachttag vor der österlichen Fastenzeit, denn im Mittelalter galt der Donnerstag als allgemeiner Schlacht- und Backtag. Der Beginn des Karnevalstreibens.

Karneval und christlicher Glaube gehören zusammen – und unter den Christen sind die Katholiken eher dabei als die anderen Konfessionen. Vielleicht auch deshalb weil der katholische Glaube der „normale“ Glaube im Rheinland ist. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Mit seiner Religion verbindet den Rheinländer eine fast verliebte Vertrautheit, die vielleicht dann und wann mal zu weit geht, aber niemals böse gemeint ist. Sein Humor relativiert alles; immer aber im Wissen um ein Letztes, Gültiges, Absolutes.
Und weil zum „normalen Glauben“ auch die Prozessionen gehören, liebt der Rheinländer die Prozessionen – die frommen an Fronleichnam und die lustigen an Rosenmontag. Es tut ihm gut, wenn der Weihrauch duftet, weiß gekleidete Mädchen fromme Lieder singen, Fahnen flattern, die Ornate der Geistlichen oder Uniformen der Karnevalisten Farbe ins Bild bringen, Bläser und Sänger sich zusammenfinden.

Deshalb kann auch mitten im Karneval ein Kirchenlied erklingen – „irgendswie“ (wie der Rheinländer sagt) gehört das alles zusammen.

 

Von Bohnenkönigen und anderen Tollitäten

Man muss schon zweimal in den Kalender schauen heute: zuerst Festlicher Gottesdienst am Dreikönigstag und anschließend Prinzenproklamation. Passt das denn zusammen? Sind die Kronen, die die Könige vor dem Kind in der Krippe niederlegen, und die Prinzenmütze des Prinzen Karneval nicht etwas total Gegensätzliches? Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt, dass es Verbindendes gibt.

Die franzöische Bäckerei an der Ecke verkauft heute Galette des Rois, Königskuchen. Eingebacken in den Blätterteig eine kleine Porzellanfigur,   Fève (dicke Bohne) genannt.  Wer in seinem Kuchenstück die Figur (oder eine Bohne) findet, wird mit einer Pappkrone gekrönt und ist König für einen Tag.

Bohnenkönig

Galette des Rois

Den Brauch kennt man nicht nur in Frankreich, auch bei uns wurde und wird in diesen Tagen um das Dreikönigsfest der Bohnenkönig ausgerufen.Seit dem 13.Jahrhundert ist dies überliefert. Der Bohnenkönig suchte sich nicht nur eine Königin, sondern versammelte um sich einen närrischen Hofstaat. Wenn der König trank, mussten alle rufen, der König trinkt! Ein Motiv, das auch in der Kunst seine Darstellungen fand.

Vom Bohnenkönig, dem „König auf Zeit“, ist es nur ein kleiner Schritt zum Narrenherrscher auf Zeit, der heute gemeinhin als „Prinz Karneval“ bezeichnet wird. Viele Elemente, die den alten Brauch des Königsspiels bestimmten, hat sich bis heute in den Gepflogenheiten des Karnevals erhalten. Nicht nur der närrische Hofstaat, der den Prinzen umgibt, auch die festen Regeln, nach denen gespielt wurde und heute auch gespielt wird. Da durfte man keine Fehler machen. Da darf man keine Fehler machen.

Verlorengegangen ist der Bezug zum Dreikönigsfest – obwohl vielerorts das Fest den Beginn des Sitzungskarnevals markiert. An der Bonner Stadtkrippe im Bonner Münster gibt es den Bezug noch. Hier kommen die Tollitäten im Schlepptau der Drei Könige zum Kind in der Krippe – wohlwissend, dass ihre Herrschaft endlich ist. Heute geht’s los – am Aschermittwoch ist alles vorbei.


Licht in der Dunkelheit

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Fenster in der Kirche in Boden/Tirol

Nebel und Nässe, grauverhangener Himmel und auch der erste Frost prägen diesen Monat November. Der Abschied vom Sommer ist endgültig, die Natur hat ihren farbenprächtigen Mantel abgelegt,
mit dem sie sich in den letzten Wochen noch einmal üppig geschmückt hatte und das Kleid des Todes übergezogen. Die Kälte kündet schon vom bevorstehenden Winter. Es zieht uns zurück in die Häuser, ins Trockne und Warme. Die Elemente draußen verbreiten
eine Ahnung vom Tod: der Nebel, der sich wie ein Schleier über dieWelt legt und alles scheinbar Bekannte geheimnisvoll verhüllt, lässt uns einsam, melancholisch werden. Da tut es gut, dass das kirchliche Brauchtum in diesen Tagen einen anderen Akzent setzt: das Martinsfest wirkt wie ein Kontrast in diesem düsteren Monat.
Das Licht der Laternen und das Martinsfeuer kämpfen an gegen den Nebel und die Dunkelheit. Die frohen Lieder, die die Kinder singen, künden von der Tat des Heiligen, die ihm in den Herzen der Menschen einen Platz gesichert hat: mit einem Bettler am Stadttor von Amiens teilte er seinen Soldatenmantel. Gewiss nur ein kleiner Akt der Nächstenliebe und doch spüren die Menschen durch die Jahrhunderte hindurch, dass solche Taten das Leben eigentlich ausmachen, das Leben ermöglichen. Das Martinsfest markierte früher den letzten Tag vor der damals noch üblichen Fastenzeit vor Weihnachten. Nach einem üppigen Mahl begann die Zeit der Vorbereitung auf jenes Fest, das von der Liebe Gottes zu den Menschen in einer Weise kündet, die Menschen selbst sich nicht ausdenken können: „Gott wird Mensch!“

Das Weihnachtsfasten gibt es nicht mehr. Aber trotzdem begegnet uns das Fest in unseren Großstädten schon auf Schritt und Tritt: die Dekorationen und Illuminationen der Geschäfte sprechen eine eindeutige Sprache. Wir spüren, dass das kalte Licht dieser Kerzen die Dunkelheit unseres Lebens nicht durchdringen kann. Die Geschenke, die da angeboten werden, sind kaum dazu angetan, anderen das Leben zu ermöglichen. In den Martinsfackeln der Kinder jedoch leuchtet schon das Licht der Heiligen Nacht auf und das Leben des Heiligen erscheint so wie der Widerschein jener Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden und die allein das Leben schenkt über den Tod hinaus.

Ich will noch einmal die Netze auswerfen!

(c) Eckstein/Pixelio

(c) Eckstein/Pixelio

Unser Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat mich zum 1. September 2016 für weitere sechs Jahre im Amt des Stadtdechanten bestätigt. Der Verlängerung war eine Befragung des Katholikenrates und der Bonner Dechanten vorausgegangen. Zu einem Zeitpunkt, in dem andere Zeitgenossen über ihre Rente nachdenken, bin ich bereit, noch einmal anzutreten. Ich danke dem Erzbischof ebenso wie dem Katholikenrat und meinen Mitbrüdern in Bonn für das Vertrauen. Alleine kann ich diese Aufgabe nicht bewältigen. Deshalb bin ich sehr dankbar für ein starkes Team an Referentinnen und Referenten, die sich mit mir zusammen um die Kirche in der Stadt sorgen.
Für mich ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre die pastorale Neuausrichtung des Erzbistums. Dieser geistliche Weg, zu dem der Erzbischof aufgerufen hat, ist eine große und wichtige Herausforderung auch für uns in Bonn. Aber dank so vieler kompetenter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unzähliger engagierter Katholiken vor Ort in den Gemeinden bin ich zuversichtlich, dass wir gemeinsam diesen Weg gehen und fördern können. Ich bin noch einmal angetreten, weil ich glaube und hoffe, dass dieser Weg hilft, der Kirche ein Gesicht zu geben, von dem sich weniger Menschen als bisher abwenden. Das erscheint mir dringend notwendig zu sein.
Der Erzbischof beabsichtigt, in naher Zukunft die noch bestehenden Dekanate (in Bonn sind es vier) aufzulösen und damit die Aufgaben der Stadt- und Kreisdechanten zu vermehren. Ich möchte dann noch mehr ein gutes Auge auf die hauptamtlichen Pastoralkräfte werfen, die oft bis an ihre Leistungsgrenze gefordert werden.
So bleibe ich also – als Stadtdechant und als Münsterpfarrer. „Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen“, hieß es am heute am 1.September im Tagesevangelium. Ich bitte Sie um Ihr Gebet, dass die Netze nicht leer bleiben.

Msgr. Wilfried Schumacher | Münsterpfarrer