Ein Fest, das im Weg steht!

…so steinigten sie Stephanus“

„Die bekannteste Erzählung, die es gibt, wo Christen leben“, nennt Walter Jens, die Weihnachtsgeschichte. „Und die geschändeste dazu: mißverstanden wie keine zweite, vom Nüchternen ins Sentimentale verkehrt… Eine kreisende Frau, und ein Mann, der im Stall, es kann auch eine Höhle gewesen sein, der Gebärenden beisteht – stilisiert zum ‘trauten, hochheiligen Paar’. Die Krippe auf die Maße eines Nürnberger Spielzeugs gebracht!“

Er hat recht – und damit wir uns nicht in aller Rührseligkeit genügen, tut es gut, daß es heute dieses Fest gibt: das Fest des ersten Märtyrers Stephanus.

Aber das Fest hilft uns zum Wesentlichen der Weihnachtsbotschaft vorzustoßen, die Krippe aus einer neuen Perspektive zu betrachten:

 Manchmal bedarf es der Hindernisse, um uns aufzuhalten, um uns den Spiegel vorzuhalten –

  • ich kenne Menschen, die sind gebannt von ihrer Geschichte, andere kennen nur das Negative, andere sind gegenüber allem mißtrauisch;
  • ich kenne Menschen, die sind nie zufrieden, sie wollen immer noch mehr, mehr Liebe, mehr Reichtum, mehr Macht;
  • ich kenne Menschen, die sind immer in Eile, in ihrem Leben gibt es nur Leistung, nie das Spiel –

Ihnen stellt Gott gleichsam das Kind in der Krippe in den Weg -dieser Anfang in Bethlehem – in Windeln, wie auch unser Anfang war – ist ein Zeichen dafür, daß Gott die Hoffnung mit dieser Welt nicht aufgegeben hat.

Die Existenz eines Kindes ist immer eine verdankte und beschenkte; es wird angenommen und geliebt, ohne Verdienst und ohne Leistung. „So gehe ich mit der Welt, so gehe ich mit Dir um“  – sagt Gott jedem, der vor der Krippe steht.

Die Krippe steht im Weg – wie dieses Fest am heutigen Tag: „In der Heiligen Nacht will Gott nicht Verhältnisse ändern, er will, Verhalten ändern, damit sich Verhältnisse ändern.“ – genau deshalb hat er uns das Kind „in den Weg gestellt“.

Seien wir ehrlich: das Fest des Stephanus verträgt sich nicht mit unseren weihnachtlichen Gefühlen von Harmonie und Frieden.

An keinem anderen Tag im Jahr stören uns die Katastrophennachrichten, empört uns Kriegsberichterstattung, empfinden wir die Kluft zwischen Engelchören und der Realität dieses Lebens größer und ärgerlicher als an Weihnachten. Das paßt nicht zusammen!

Und wie es paßt –

  • der Stall in Bethlehem war keine blitzsaubere Wöchnerinnen-Station mit Kabelfernsehanschluß;
  • die drei war ausgestoßen, weil niemand „Platz“ für sie hatte.,
  • die Hirten auf den Feldern der Stadt gehörten nicht zu den Etablierten, die auf den Gästelisten aller Veranstalter stehen – ihr Beruf galt als unrein, weshalb sie auch vom gottesdienstlichem Geschehen ausgeschlossen waren –
  • die Flucht nach Ägypten war kein Ausflug an die Pyramiden mit Nilschiffahrt und Kamelritt – nach Katalog gebucht –
    es war die Flucht vor einem mörderischen Herrscher, so wie heute viele auf der Flucht sind!

Es paßt!

Gott wird Mensch in diese konkrete Welt hinein – nicht in eine Welt, die wir uns erträumen, die irgendwann einmal sein wird – nein in diese Welt, in der wir leben und die wir alle irgendwie mitgestalten und auch verunstalten!

Gott wird Mensch auch in meine ganz konkrete Welt hinein – in mein Leben, auch wenn es noch so kaputt ist, noch so zerrissen, noch so unordentlich, noch so sündig – in mir will Gott Mensch werden!

„Der zur Weihnacht geboren wurde,
hat nicht auf Probe mit uns gelebt,
ist nicht auf Probe für uns gestorben,
hat nicht auf Probe geliebt.
Er ist das Ja und sagt das Ja,
ein ganz unwiderrufliches göttliches Ja
zu uns, zur Menschheit, zur Welt.“ (Hemmerle)

Christen haben zu allen Zeiten die Diskrepanz zwischen einer Welt, wie sie Jesus gelebt und verkündet hat, und den Realitäten ihres Lebens, als Auftrag angenommen, diese Welt so zu gestalten, wie sie der Botschaft Jesu entspricht

– weil sie begriffen haben, daß sie seit Bethlehem Gott dort finden, wo man ihn am wenigsten vermutet: in den Lagern der Flüchtlinge, bei den Obdachlosen, bei den unheilbar Kranken, bei den Traurigen und Verzweifelten, bei den Enttäuschten und Mutlosen –
und in sich selber, auch wenn man sich noch wertlos vorkommt.

Davon gibt dieser Stephanus Zeugnis – wen wundert es da, daß er den Himmel offen sieht, wie die Hirten in Bethlehem.

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