Gebt Ihr ihnen zu essen!

 

 Fronleichnam ist wohl das katholischste aller Feste des Kirchenjahres – an vielen Orten verbunden mit alten Traditionen. Blumenteppiche, festlich geschmückten Straßen, Altären in allen Himmelsrichtungen. Eine selbstbewusste Gemeinde, betend und singend. In der City, in der noch kaum einer wohnt, ist dies anders. Allenfalls die Frühstücksgäste in den Gaststätten und Touristen, die die Stadt besuchen, werden uns zuschauen. 

Ich befürchte, die meisten von ihnen werden uns nicht verstehen. Weil wir nicht mehr ihre Sprache sprechen und weil sie der Meinung sind, dass wir keine Ahnung vom Leben und seinen Herausforderungen haben. Ihnen allen, die heute unseren Weg säumen, möchte ich sagen: eben in unserem Gottesdienst war von Euch die Rede. Die Bibel erzählt von 5000,

  • die ohne Orientierung waren, 
  • die eine Nahrung suchten, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt, 
  • die geachtet werden wollten, wertgeschätzt werden wollten, wenigstens von einem geliebt werden möchten. 

Und ich möchte sie fragen, erkennt Ihr euch wieder in denen, von denen die Bibel in ihrer Sprache sagt „sie waren wie Schafe, die keine Hirten haben“?

Jesus lehrte sie lange. Was er ihnen gesagt hat, weiß ich nicht. Aber so wie ich Jesus kenne, wird er sie mit seinen Worten gefesselt haben. 

  • Nicht wie jene, die Euch Anerkennung versprechen und Euch dann vor laufenden Kameras vorführen – wie man es im Fernsehen immer wieder beobachten kann. 
  • Nicht wie jene, die euch Genuss und Wohlergehen verheißen und am Ende nur auf euer Geld aus sind. 
  • Nicht wie jene, die Euch eine Gemeinschaft vorgaukeln, die es in der realen Welt nicht gibt, sondern nur im virtuellen Raum, der schnell wie eine Seifenblase zerplatzt.

Jesus ist anders – er ist Nahrung, die wirklich nährt! Keine Fastfood, die bald wieder hungrig macht.°

Vielleicht würden die Menschen, die uns zuschauen, sich wiederkennen. Vielleicht würden sie uns auch fragen: und wer seid Ihr? Steht von Euch auch etwas in der Bibel?

Ich würde ihnen drei Antworten geben:

1. Wir sind wie die Jünger, die Euch wegschicken wollen.

5000 Menschen machen Arbeit, müssen versorgt werden, spätestens dann wenn der Magen knurrt. „Schick sie weg!“, sagen die Jünger zu Jesus. Jeder soll sich um sich selbst kümmern.Und wer es nicht selber kann, muss zu den Profis gehen – zur Stadtverwaltung, zur Caritas, zur Tafel – oder wer sich sonst noch um sie kümmert. 

5000 Mann – diese träge Masse macht Angst. Man weiß gar nicht, wer alles dazu gehört: 

  • vielleicht Fremde, Flüchtlinge, die ganz anders sind als wir. 
  • Vielleicht Patchwork-Familien, wo man nicht weiß, wer zu wem gehört, 
  • Leute, die ohne Trauschein zusammenleben, Geschiedene und Wiederverheirate, Leute, die nicht der Norm entsprechen. 

Schick sie weg. Wir, deine Jünger, wollen lieber mit Dir allein sein! 

Schön wäre es. Doch der Herr durchkreuzt unseren Plan. „Gebt Ihr ihnen zu essen!“ heißt der Auftrag. So einfach wie wir uns die Lösung vorgestellt haben, ist sie nicht!

2. Wir sind die, die nur wenig haben

Angesichts von 5000 hungrigen Männern klingt der Auftrag „Gebt Ihr ihnen zu essen“  schon fast wie Hohn –auf jeden Fall wie eine Überforderung.„Wieviel Brot habt Ihr? Seht nach, was Ihr habt“ – nicht viel! Fünf Brote und zwei Fische – das ist die ganze Ausbeute. Das reicht hinten und vorne nicht. So wenig Brot für all die hungrigen Mäuler.

Seht nach, was Ihr habt! Wir haben so wenig Antworten auf die drängenden Fragen, so wenig Zeit für die vielen Erwartungen, die man an uns stellt. Wir haben so wenig Liebe angesichts einer an Liebe armen Welt.

Wenn wir ehrlich sind, wir haben nicht viel in unseren Händen. Und doch haben wir nicht Nichts.

3. Wir sind die, die austeilen, was sie haben –

hier stutze ich ein wenig, weil ich mir nicht so sicher bin.

Die Jünger bringen dem Herrn was sie haben. Und während sie sich noch den Kopf zerbrechen, wie das nun gehen soll, sorgt er für die notwendige Unterbrechung. 

Jesus betet! Er, der Mittler zwischen Gott und Mensch in Person, stellt die Verbindung zum himmlischen Vater her: Er blickt zum Himmel, er spricht den Lobpreis und bricht das Brot. Und das solcherart „verwandelte“ Brot gibt er den Jüngern, die es weiterreichen. Sie werden von Jesus ermächtigt, den Menschen zu essen zu geben und so das Wunder auszuführen. 

Gott wirkt es nicht ohne uns, und wir können es nicht ohne Gott wirken. 

Auf mittelalterlichen Illustrationen sieht man oft Jesus in der Mitte, der nach rechts und links seinen Jüngern das Brot reicht, das sie weitergeben.

Der Herr nimmt das, was wir haben, und im Teilen reicht es für alle.

Wer mit fünf Broten und zwei Fischen anfängt, fünftausend satt machen zu wollen, der läuft Gefahr, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Aber die Jünger gehorchen! Diese Stelle ist einer der Höhepunkte ihres Glaubens.

Genau an dieser Stelle stutze ich, weil ich bei mir selbst feststelle, dass es mir an diesem Glauben oft fehlt. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“, heißt es in einem modernen geistlichen Lied. Ich zweifle, ob ich immer bereit bin, zu geben.

Gebt Ihr ihnen zu essen! – dieser Auftrag Jesu ist nicht verstummt. Er gilt auch heute noch. Die 5000 sitzen nicht mehr im Gras am Ufer des See Genesareth. Sie leben mit uns in dieser Stadt, leben mit uns auf dieser Welt.



Wenn wir heute mit der Prozession durch die Straßen ziehen, dann wollen wir bekennen, dass wir uns diesem Auftrag stellen. Schon im 4.Jahrhundert sagte der Hl. Johannes Chrysostomos: „Das Sakrament des Altares ist nicht zu trennen vom Sakrament des Bruders und der Schwester“. Ist nicht zu trennen vom Dienst am Nächsten. Nur so können wir uns ehrlich mit dem Sakrament des Altares auf den Weg machen.

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