Le chaim – auf das Leben!

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In diesem Jahr beschert uns der Kalender eine Besonderheit: nicht nur die in West und Ost getrennten Christen feiern gemeinsam Ostern. Auch die Juden feiern in diesen Tagen ihr Pessach-Fest. Am Vorabend eines Pessach-Festes wurde Jesus gekreuzigt!
In den meisten europäischen Sprachen ist die Beziehung noch hörbar. Die Franzosen feiern Pâques, die Italiener Pasqua, die Niederländer Pasen, die Dänen Påske und die Finnen Pääsiäinen. Nur wir Deutsche haben uns vermutlichen von iro-schottischen Mönchen während unserer Missionierung verleiten lassen von Ostern, im Englischen Eastern zu sprechen und damit wahrscheinlich an die angelsächsische Lichtgöttin „Ostara“ zu erinnern.
Bei beiden Festen geht es um das Leben. Die Juden feiern die Befreiung ihrer Väter aus der Knechtschaft Ägyptens so als seien sie selbst befreit worden. Das Pessachfest ist ein großer Dank für Rettung, für das Gute, für die Liebe, das Erbarmen, den Frieden – kurz: für das Leben. Wir Christen feiern die Auferweckung Jesu von den Toten und die damit verbundene Hoffnung, dass das ewige Leben bei Gott auf uns alle wartet.
Christen und Juden verbindet die Überzeugung, dass Gott ein „Freund des Lebens“ ist (Buch der Weisheit 11,26) Das Bewusstsein hierfür ist vielen Menschen abhandengekommen. Der Mensch selbst hat sich zum Herrn über das Leben gemacht. Das Leben ist bedroht: durch rücksichtsloses wirtschaftliches Handeln, durch politische Machtgelüste und religiösen Fanatismus. Die Nachrichten, die täglich auf uns einströmen, können Angst machen, und an der Botschaft vom Leben verzweifeln lassen.
Aber genau das wollen diejenigen, denen das Leben anderer nichts wert ist. Deshalb erinnere ich mich gerne an einen jüdischen Trinkspruch und mache aus ihm meinen Ostergruß: „Le chaim – auf das Leben!“ Werden und bleiben wir in dieser Welt Förderer und Freunde des Lebens, im Kleinen wie im Großen. In diesem Sinne Pask Seder – Gesegnete Ostern! – Happy Easter! – Joyeuses Pâques! – Buona Pasqua – Χριστος ανεστη – Pesach Sameach – Christos woskrese! Oder eben: Le chaim!

Israel VI: Wenn ein Engel plötzlich eintritt

Wenn man von oben auf das heutige Nazareth herabschaut, ist der Turm der Verkündigungsbasilika auf den ersten Blick kaum auszumachen. Was an dieser Stelle lokalisiert wird, ist zwar einzigartig in der Menschheitsgeschichte, und doch fügt es sich ein in das Alltägliche heute. Das provoziert.

Zuerst einmal ist die Botschaft der Bibel eindeutig: es geschah nicht irgendwo in einem Märchenland, sondern der Engel wird von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer jungen Frau namens Maria gesandt. (Lukasevangelium 1.Kapitel Vers 26)
Ganz lapidar schreibt der Evangelist: „Der Engel trat bei ihr ein“. Folgt man den Darstellungen der Kunst, so trifft er auf eine Frau, die eben noch in einem (heiligen) Buch gelesen hat und ganz bereit und offen ist, den Gruß des Engels und seine Botschaft anzuhören.

Was aber, wenn Maria beschäftigt war? Vielleicht mit irgendeiner Hausarbeit? Mit Kochen, mit Putzen? Ganz so abwegig ist der Gedanke nicht, denn auch Jesus hat seine Jünger nicht beim Bibelstudium oder in der Synagoge berufen, sondern vom Fischerboot und von der Zollstation weg.

Mir gefällt der Gedanke, dass Maria sich erst einmal bereit machen musste, sich lösen musste von ihrer Tätigkeit, um sich der schwierigen Botschaft zu öffnen. Es fiel ihr vielleicht leicht, weil sie nicht von jenem Hochmut besessen war, dass Gott in dieser Welt nicht vorkommt.

Sie sagt „JA“ zum Ansinnen Gottes, dass sein Sohn in ihr Mensch werden soll. So kann an diesem Ort der Himmel die Erde berühren.

Bleibt die Frage: wen findet der Engel vor, wenn er bei mir eintritt? Und wie findet er mich vor?

Wann? – das ist mir in Nazareth neu bewusst worden: in den Alltäglichkeiten meines Lebens. Wird er von mir auch ein JA bekommen?

Israel V: Berührung

Auf den ersten Eindruck befremdet und fasziniert das Altarbild in der Krypta der neuen Kirche von Magdala am See Genesareth. Es stammt von dem italienischen Künstler Daniel Cariola.

Man sieht ein Gewirr von Männerbeinen- und füßen, das erahnen läßt, welche Menge an Menschen in der Szene versammelt sind. Ein weißes bodenlanges Gewand in der Mitte. Durch das Gewirr der Beine hindurch findet eine zarte Frauenhand ihren Weg, um das Gewand Jesu zu berühren.

Die Evangelisten haben die Geschichte aufgeschrieben, unter anderem Markus in seinem 5.Kapitel (Vers 25 folgende). Eine schon 12 Jahre an Blufluss leidende Frau, die schon unzählige Ärzte konsultiert und dadurch ihr ganzes Vermögen aufgewendet hat, sieht die Berührung Jesu als letztes „Heilmittel“. Sie schafft es, den Saum seines Gewandes zu berühren und wird geheilt. „Dein Glaube hat dich gerettet. Los, geh in Frieden und sei gesund von deiner Plage!“

Das liest sich so einfach wie eine schöne Wundergeschichte – und stellt mir gleichzeitig die Frage nach meinem Glauben. Was traue ich Gott eigentlich zu?

Und: es gibt nicht nur das Hören und das Sehen, das kognitive Element des Glaubens. Auch das Berühren gehört dazu, der emotionale Moment. Johannes schreibt in seinem ersten Brief ganz am Anfang: „Was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens.“

Das Fragen geht weiter: wie können Menschen heute mit Gott in Berührung kommen? Die einfachste Antwort, die aber vielen Menschen nicht weiterhilft, wäre der Verweis auf die Sakramente. Viel schwieriger wird es, wenn wir Papst Franziskus folgen, der sagt: „Wir alle sind berufen, lebendige Schreiber des Evangeliums, Überbringer der Guten Nachricht für alle Männer und Frauen von heute zu werden.“ (3.4.2017)

Vielleicht reicht es auch, wenn wir den „Händen“, die Jesus berühren wollen, nicht den Weg versperren.

Fragen über Fragen vor diesem Bild.

 

 

Israel IV: Das „Mehr“ am blutroten Stein


Blutroter Stein säumt den Weg von Jerusalem nach Jericho hinab. Dort wo die Tradition den Ort markiert, an dem der Mann unter die Räuber fiel, wie Lukas es in seinem 10.Kapitel erzählt.(Verse 25-37) Dort, wo heute eine Schnellstraße Jerusalem mit dem Toten Meer verbindet und dabei die karge Wüstenlandschaft durchschneidet.

Wer da unter die Räuber fällt, die einen halb tot liegen lassen, ist verloren. Erst recht, wenn die Frommen, die auch den Weg nehmen, die „Strassenseite“ wechseln, um nicht hinsehen zu müssen. Erst der Samariter, der Kultfremde, mit dem die Frommen gar nichts zu tun haben wollen, schaut genau hin, wird von Mitleid bewegt und hilft. Er wäscht die Wunden des Verletzten aus und verbindet ihn. Soweit so gut, könnte man sagen – er hat seine Pflicht getan.
Aber er tut „mehr“: er setzt ihn auf sein eigenes Lasttier und bringt ihn zur Herberge. – Jetzt ist es genug, möchte man meinen. Jetzt können sich andere um ihn kümmern.
Aber er tut „mehr“: er sorgt auch dort noch für ihn. Vorbildlich – und man hätte Verständnis, wenn er es dabei bewenden ließe.
Aber er tut „mehr“: „ Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“
Die Barmherzigkeit kommt so schnell nicht ans Ende. Es gibt immer noch ein „mehr“.
Eine ehemalige Karawanserei und eine in ihren Umrissen markierte byzantinische Kirche ist heute zwischen den roten Felsen wieder zu sehen. Durch die Jahrhunderte hindurch klingt die alte Geschichte an diesem Ort: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab“.
Sie ereignet sich heute überall auf der Welt. Es gibt immer noch die, die auf die andere Seite wechseln und nicht hinschauen, und jene, deren Barmherzigkeit keine Grenzen kennt.

P.S.: Geschrieben am 4.Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus, der seiner Kirche die Barmherzigkeit neu gelehrt hat.

Israel III: Unterirdisch

Ich war schon oft in Jerusalem, aber die Höhle des Salomon, wie das Plakat am Eingang etwas reißerisch verkündet, habe ich bisher gemieden. Irgendsoein Touristen-Nepp – war meine Vermutung. Heute wurde ich eines Besseren belehrt: die Höhle ist mindestens 2000 Jahre alt, wenn nicht sogar noch 1000 Jahre älter. Auf jeden Fall wurde sie seit dem Bau des herodianischen Tempels im ersten vorchristlichen Jahrhundert und bis ins 16.Jahrhundert nach Christus als Steinbruch benutzt. Andere Quellen glauben sogar, dass schon König Salomon die Steine des Steinbruchs für seinen Tempel- und Palastbau verwendet hat.
Der Zugang zur Höhle befindet sich östlich des Damaskus-Tores. 230 m weit reicht sie unter der Altstadt-Mauer hinein ins moslemische Viertel. Die größte Halle ist 100m breit und die durchschnittliche Höhe mißt 15 m.
Als sie im 19.Jahrhundert entdeckt wurde, haben die Freimaurer sie mit König Salomon in Verbindung gebracht. Für sie war der Herrscher der erste Freimaurer. Sie nutzten die Höhle für ihre Feierlichkeiten.
Die Legende berichtet von einem anderen Namensgeber: König Zedekiah versuchte während der Belagerung der Stadt durch die Höhle zu fliehen. Er wurde aber gefangengenommen und seine Söhne wurden vor seinen Augen umgebracht. Er selbst wurde geblendet. (Nachzulesen im 2.Buch der Könige Kapitel 25) Wenn wundert es da, dass das Wasser, das aus einer Quelle herabtropft als „Zedekiahs Tränen“ identifiziert wird.
An einigen Stellen sieht man heute noch im Fels die Ansätze der Blöcke, die man hier aus dem Kalkstein gebrochen hat und man erinnert sich an die großen Blöcke der Klagemauer. Und wenn man der anderen Theorie folgt wird plötzlich das erste Buch der Könige (Kapitel 5, Vers 31) lebendig: „ Der König ließ mächtige, kostbare Steine brechen, um mit Quadern das Fundament des Tempels zu legen.“
So schließt sich am letzten Tag in Jerusalem ein Kreis: vieles, was man oberirdisch in vielfältiger Architektur bestaunt hat, stammt aus diesem Steinbruch – sozusagen vor der Haustür.

Israel II: Die weggefegten Gebete

Es ist wie immer am späten Freitagnachmittag an der Klagemauer in Jerusalem: eine eigentümliche Spannung liegt in der Luft. Von allen Seiten strömen die Menschen herbei: die einen mit ihren Schabbesdeckeln oder ihren Gebetsmänteln, andere in Alltags- oder Freizeitdress nur mit einer Kippa auf dem Kopf, Soldaten in ihren Uniformen mit ihren Maschinengewehren. Die Lautsprecher-durchsage kündet den Shabbat an.

In den Ritzen der Klagemauer stecken die Zettel mit den Gebeten. Hier am einzig verbliebenen Rest des jüdischen Tempels glaubt man, Gott besonders nahe zu sein, und um sicher zu gehen, dass er sich der Anliegen erinnert, überreicht man sie gleichsam auch noch einmal in Schriftform. Wieviele Gebete mögen von hier in den Himmel gestiegen sein?

In der letzten Stunde vor dem Shabbatbeginn wird Ordnung geschaffen auf dem Platz vor der Klagemauer. Tische und Bänke werden sortiert und auch das Reinigungspersonal rückt an. Gebetszettel, die nicht fest in der Mauer stecken oder zu Boden gefallen sind, werden aufgefegt und in Müllsäcken „entsorgt“.

Auf den ersten Blick befremdet es mich. Eben noch habe ich staunend auf die Zettel geschaut und der vielen Menschen gedacht, die hier gebetet haben, jetzt werden sie zusammen gefegt wie weggeworfener Papierabfall.  Mir wird bewusst: so wichtig es für uns Menschen ist, dass wir Orte haben, an denen wir beten können, Dinge, die unser Gebet „fassbar“ machen wie die kleinen Zettel oder die Kerzen, die in unseren Kirchen brennen, für Gott zählt nur das betende Herz. Von dort findet das Anliegen seinen Weg zu ihm.

Manchmal braucht es so „brutale“ Methoden, um es uns neu bewusst zu machen.

Israel I: Spinksen und staunen

„Spinksen“ – sagt man im Rheinland, wenn man schon einen Blick auf etwas tun kann, das eigentlich noch verborgen ist. In der Geburtskirche in Bethlehem konnten wir gestern zwischen Gerüsten und Planen hindurch auf die frisch restaurierten Mosaike aus der Kreuzfahrerzeit schauen und waren fasziniert von ihrer Schönheit.
Besonders sind wohl die Engel, die in einer langen Prozession auf den Seitenwänden in strahlendem Gold, Silber und sattem Grün Richtung Geburtsgrotte schreiten: „Normalerweise sind die Engel komplett von Gold umgeben, weil sie nicht von der irdischen Welt sind, hier aber haben alle Engel ihre Füße auf dem Boden, denn das ist der Ort, an dem Gottes Sohn auf die Welt hinabgestiegen ist,“ erläutert der italienische Restaurator Girolomo Nukatolo. Hier in Bethlehem haben sich eben Himmel und Erde berührt.
Wenn die Arbeiten in einigen Jahren fertig sind, wird man auch die anderen Details erkennen: die Stammbäume Jesu nach Matthäus 1:1-17 und in Lukas 3:23-38, die den Besucher auf beiden Seiten ebenso vorbereiten auf den Besuch der Geburtsgrotte.
Darüber die Darstellung der Konzilien im ersten Jahrtausend.
Übrigens: die Kaiserin Helena, die im Bonner Münster besonders verehrt wird, hat die erste Kirche an diesem Ort errichtet, und die Mosaiken entstanden in der Zeit, in der unser Münster seine heutige Gestalt erhielt.

Blasphemie oder eben rheinisch?

Das Kirchenlied der Stadtpatrone bei einer Karnevalsveranstaltung –wie gestern Abend in der „Kayjass“ der Lustigen Bucheckern geschehen – ist das nicht Blasphemie? Der Nicht-Rheinländer wird das meinen. Er weiß zu wenig von der Beziehung zwischen Karneval und Religion.

„Vom Rhein – das heißt vom Abendland. Das ist natürlicher Adel.“, so lesen wir ins Carl Zuckmayers „Des Teufels General“. Natürlicher Adel – vom Abendland, sagt Zuckmayer, vom christlichen Abendland, muss man ergänzen. 529 gründete Benedikt das Kloster Monte Cassino in Italien. „Ora et labora – bete und arbeite!“ – das war sein Erfolgsrezept. Damit haben die Mönche Europa kultiviert. Zu dieser Kultur gehört auch der Karneval. Er ist nicht bütze, tanzen, jeck sein, sich verkleiden, weil es schön ist und man Spaß dran hat, sondern weil es Fastelovend ist, d.h. der Abend vor der Fastenzeit.

Und die ist auch nicht eingeführt, weil wir uns zu viel Winterspeck angefuttert haben, und Diät halten müssen. Sondern weil sie uns vorbereitet auf ein großes Fest, auf Ostern. Das höchste Fest der Christen! An diesem Tag feiern wir dass Gott seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, und, dass der Tod nicht das letzte Wort im Leben hat. Welch ein Fest, denn vor dem Tod haben wir alle Angst. Ostern sagt: du brauchst keine Angst zu haben vor dem Tod, denn das Leben geht danach für Dich weiter, ewig, im Himmel, beim Herrgott.

Damit wir ein solches Fest, eine solche Botschaft richtig feiern können, heißt es vorher „fasten, verzichten“. Nur wenn ich merke, dass mir etwas fehlt, kann ich mich anschließend wieder daran freuen. Oder anders gesagt: wer jeden Tag Champagner trinkt, weiß nicht mehr, dass es etwas Besonderes ist! Deshalb fasten wir und deshalb wird vorher noch einmal kräftig „op die Tromm gekloppt“. Wer nicht fastet, kann kaum richtig Karneval feiern. Schon Theresa von Avila sagt: Wenn fasten, dann fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn.

Ursprünglich waren die jecken Tage auf die letzte Woche vor Aschermittwoch beschränkt. In vielen Sprachen wird Weiberfastnacht der „fette Donnerstag“ genannt. Es war der letzte Schlachttag vor der österlichen Fastenzeit, denn im Mittelalter galt der Donnerstag als allgemeiner Schlacht- und Backtag. Der Beginn des Karnevalstreibens.

Karneval und christlicher Glaube gehören zusammen – und unter den Christen sind die Katholiken eher dabei als die anderen Konfessionen. Vielleicht auch deshalb weil der katholische Glaube der „normale“ Glaube im Rheinland ist. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Mit seiner Religion verbindet den Rheinländer eine fast verliebte Vertrautheit, die vielleicht dann und wann mal zu weit geht, aber niemals böse gemeint ist. Sein Humor relativiert alles; immer aber im Wissen um ein Letztes, Gültiges, Absolutes.
Und weil zum „normalen Glauben“ auch die Prozessionen gehören, liebt der Rheinländer die Prozessionen – die frommen an Fronleichnam und die lustigen an Rosenmontag. Es tut ihm gut, wenn der Weihrauch duftet, weiß gekleidete Mädchen fromme Lieder singen, Fahnen flattern, die Ornate der Geistlichen oder Uniformen der Karnevalisten Farbe ins Bild bringen, Bläser und Sänger sich zusammenfinden.

Deshalb kann auch mitten im Karneval ein Kirchenlied erklingen – „irgendswie“ (wie der Rheinländer sagt) gehört das alles zusammen.

 

Von Bohnenkönigen und anderen Tollitäten

Man muss schon zweimal in den Kalender schauen heute: zuerst Festlicher Gottesdienst am Dreikönigstag und anschließend Prinzenproklamation. Passt das denn zusammen? Sind die Kronen, die die Könige vor dem Kind in der Krippe niederlegen, und die Prinzenmütze des Prinzen Karneval nicht etwas total Gegensätzliches? Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt, dass es Verbindendes gibt.

Die franzöische Bäckerei an der Ecke verkauft heute Galette des Rois, Königskuchen. Eingebacken in den Blätterteig eine kleine Porzellanfigur,   Fève (dicke Bohne) genannt.  Wer in seinem Kuchenstück die Figur (oder eine Bohne) findet, wird mit einer Pappkrone gekrönt und ist König für einen Tag.

Bohnenkönig

Galette des Rois

Den Brauch kennt man nicht nur in Frankreich, auch bei uns wurde und wird in diesen Tagen um das Dreikönigsfest der Bohnenkönig ausgerufen.Seit dem 13.Jahrhundert ist dies überliefert. Der Bohnenkönig suchte sich nicht nur eine Königin, sondern versammelte um sich einen närrischen Hofstaat. Wenn der König trank, mussten alle rufen, der König trinkt! Ein Motiv, das auch in der Kunst seine Darstellungen fand.

Vom Bohnenkönig, dem „König auf Zeit“, ist es nur ein kleiner Schritt zum Narrenherrscher auf Zeit, der heute gemeinhin als „Prinz Karneval“ bezeichnet wird. Viele Elemente, die den alten Brauch des Königsspiels bestimmten, hat sich bis heute in den Gepflogenheiten des Karnevals erhalten. Nicht nur der närrische Hofstaat, der den Prinzen umgibt, auch die festen Regeln, nach denen gespielt wurde und heute auch gespielt wird. Da durfte man keine Fehler machen. Da darf man keine Fehler machen.

Verlorengegangen ist der Bezug zum Dreikönigsfest – obwohl vielerorts das Fest den Beginn des Sitzungskarnevals markiert. An der Bonner Stadtkrippe im Bonner Münster gibt es den Bezug noch. Hier kommen die Tollitäten im Schlepptau der Drei Könige zum Kind in der Krippe – wohlwissend, dass ihre Herrschaft endlich ist. Heute geht’s los – am Aschermittwoch ist alles vorbei.


Licht in der Dunkelheit

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Fenster in der Kirche in Boden/Tirol

Nebel und Nässe, grauverhangener Himmel und auch der erste Frost prägen diesen Monat November. Der Abschied vom Sommer ist endgültig, die Natur hat ihren farbenprächtigen Mantel abgelegt,
mit dem sie sich in den letzten Wochen noch einmal üppig geschmückt hatte und das Kleid des Todes übergezogen. Die Kälte kündet schon vom bevorstehenden Winter. Es zieht uns zurück in die Häuser, ins Trockne und Warme. Die Elemente draußen verbreiten
eine Ahnung vom Tod: der Nebel, der sich wie ein Schleier über dieWelt legt und alles scheinbar Bekannte geheimnisvoll verhüllt, lässt uns einsam, melancholisch werden. Da tut es gut, dass das kirchliche Brauchtum in diesen Tagen einen anderen Akzent setzt: das Martinsfest wirkt wie ein Kontrast in diesem düsteren Monat.
Das Licht der Laternen und das Martinsfeuer kämpfen an gegen den Nebel und die Dunkelheit. Die frohen Lieder, die die Kinder singen, künden von der Tat des Heiligen, die ihm in den Herzen der Menschen einen Platz gesichert hat: mit einem Bettler am Stadttor von Amiens teilte er seinen Soldatenmantel. Gewiss nur ein kleiner Akt der Nächstenliebe und doch spüren die Menschen durch die Jahrhunderte hindurch, dass solche Taten das Leben eigentlich ausmachen, das Leben ermöglichen. Das Martinsfest markierte früher den letzten Tag vor der damals noch üblichen Fastenzeit vor Weihnachten. Nach einem üppigen Mahl begann die Zeit der Vorbereitung auf jenes Fest, das von der Liebe Gottes zu den Menschen in einer Weise kündet, die Menschen selbst sich nicht ausdenken können: „Gott wird Mensch!“

Das Weihnachtsfasten gibt es nicht mehr. Aber trotzdem begegnet uns das Fest in unseren Großstädten schon auf Schritt und Tritt: die Dekorationen und Illuminationen der Geschäfte sprechen eine eindeutige Sprache. Wir spüren, dass das kalte Licht dieser Kerzen die Dunkelheit unseres Lebens nicht durchdringen kann. Die Geschenke, die da angeboten werden, sind kaum dazu angetan, anderen das Leben zu ermöglichen. In den Martinsfackeln der Kinder jedoch leuchtet schon das Licht der Heiligen Nacht auf und das Leben des Heiligen erscheint so wie der Widerschein jener Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden und die allein das Leben schenkt über den Tod hinaus.