Israel IV: Das „Mehr“ am blutroten Stein


Blutroter Stein säumt den Weg von Jerusalem nach Jericho hinab. Dort wo die Tradition den Ort markiert, an dem der Mann unter die Räuber fiel, wie Lukas es in seinem 10.Kapitel erzählt.(Verse 25-37) Dort, wo heute eine Schnellstraße Jerusalem mit dem Toten Meer verbindet und dabei die karge Wüstenlandschaft durchschneidet.

Wer da unter die Räuber fällt, die einen halb tot liegen lassen, ist verloren. Erst recht, wenn die Frommen, die auch den Weg nehmen, die „Strassenseite“ wechseln, um nicht hinsehen zu müssen. Erst der Samariter, der Kultfremde, mit dem die Frommen gar nichts zu tun haben wollen, schaut genau hin, wird von Mitleid bewegt und hilft. Er wäscht die Wunden des Verletzten aus und verbindet ihn. Soweit so gut, könnte man sagen – er hat seine Pflicht getan.
Aber er tut „mehr“: er setzt ihn auf sein eigenes Lasttier und bringt ihn zur Herberge. – Jetzt ist es genug, möchte man meinen. Jetzt können sich andere um ihn kümmern.
Aber er tut „mehr“: er sorgt auch dort noch für ihn. Vorbildlich – und man hätte Verständnis, wenn er es dabei bewenden ließe.
Aber er tut „mehr“: „ Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“
Die Barmherzigkeit kommt so schnell nicht ans Ende. Es gibt immer noch ein „mehr“.
Eine ehemalige Karawanserei und eine in ihren Umrissen markierte byzantinische Kirche ist heute zwischen den roten Felsen wieder zu sehen. Durch die Jahrhunderte hindurch klingt die alte Geschichte an diesem Ort: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab“.
Sie ereignet sich heute überall auf der Welt. Es gibt immer noch die, die auf die andere Seite wechseln und nicht hinschauen, und jene, deren Barmherzigkeit keine Grenzen kennt.

P.S.: Geschrieben am 4.Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus, der seiner Kirche die Barmherzigkeit neu gelehrt hat.

Israel III: Unterirdisch

Ich war schon oft in Jerusalem, aber die Höhle des Salomon, wie das Plakat am Eingang etwas reißerisch verkündet, habe ich bisher gemieden. Irgendsoein Touristen-Nepp – war meine Vermutung. Heute wurde ich eines Besseren belehrt: die Höhle ist mindestens 2000 Jahre alt, wenn nicht sogar noch 1000 Jahre älter. Auf jeden Fall wurde sie seit dem Bau des herodianischen Tempels im ersten vorchristlichen Jahrhundert und bis ins 16.Jahrhundert nach Christus als Steinbruch benutzt. Andere Quellen glauben sogar, dass schon König Salomon die Steine des Steinbruchs für seinen Tempel- und Palastbau verwendet hat.
Der Zugang zur Höhle befindet sich östlich des Damaskus-Tores. 230 m weit reicht sie unter der Altstadt-Mauer hinein ins moslemische Viertel. Die größte Halle ist 100m breit und die durchschnittliche Höhe mißt 15 m.
Als sie im 19.Jahrhundert entdeckt wurde, haben die Freimaurer sie mit König Salomon in Verbindung gebracht. Für sie war der Herrscher der erste Freimaurer. Sie nutzten die Höhle für ihre Feierlichkeiten.
Die Legende berichtet von einem anderen Namensgeber: König Zedekiah versuchte während der Belagerung der Stadt durch die Höhle zu fliehen. Er wurde aber gefangengenommen und seine Söhne wurden vor seinen Augen umgebracht. Er selbst wurde geblendet. (Nachzulesen im 2.Buch der Könige Kapitel 25) Wenn wundert es da, dass das Wasser, das aus einer Quelle herabtropft als „Zedekiahs Tränen“ identifiziert wird.
An einigen Stellen sieht man heute noch im Fels die Ansätze der Blöcke, die man hier aus dem Kalkstein gebrochen hat und man erinnert sich an die großen Blöcke der Klagemauer. Und wenn man der anderen Theorie folgt wird plötzlich das erste Buch der Könige (Kapitel 5, Vers 31) lebendig: „ Der König ließ mächtige, kostbare Steine brechen, um mit Quadern das Fundament des Tempels zu legen.“
So schließt sich am letzten Tag in Jerusalem ein Kreis: vieles, was man oberirdisch in vielfältiger Architektur bestaunt hat, stammt aus diesem Steinbruch – sozusagen vor der Haustür.

Israel II: Die weggefegten Gebete

Es ist wie immer am späten Freitagnachmittag an der Klagemauer in Jerusalem: eine eigentümliche Spannung liegt in der Luft. Von allen Seiten strömen die Menschen herbei: die einen mit ihren Schabbesdeckeln oder ihren Gebetsmänteln, andere in Alltags- oder Freizeitdress nur mit einer Kippa auf dem Kopf, Soldaten in ihren Uniformen mit ihren Maschinengewehren. Die Lautsprecher-durchsage kündet den Shabbat an.

In den Ritzen der Klagemauer stecken die Zettel mit den Gebeten. Hier am einzig verbliebenen Rest des jüdischen Tempels glaubt man, Gott besonders nahe zu sein, und um sicher zu gehen, dass er sich der Anliegen erinnert, überreicht man sie gleichsam auch noch einmal in Schriftform. Wieviele Gebete mögen von hier in den Himmel gestiegen sein?

In der letzten Stunde vor dem Shabbatbeginn wird Ordnung geschaffen auf dem Platz vor der Klagemauer. Tische und Bänke werden sortiert und auch das Reinigungspersonal rückt an. Gebetszettel, die nicht fest in der Mauer stecken oder zu Boden gefallen sind, werden aufgefegt und in Müllsäcken „entsorgt“.

Auf den ersten Blick befremdet es mich. Eben noch habe ich staunend auf die Zettel geschaut und der vielen Menschen gedacht, die hier gebetet haben, jetzt werden sie zusammen gefegt wie weggeworfener Papierabfall.  Mir wird bewusst: so wichtig es für uns Menschen ist, dass wir Orte haben, an denen wir beten können, Dinge, die unser Gebet „fassbar“ machen wie die kleinen Zettel oder die Kerzen, die in unseren Kirchen brennen, für Gott zählt nur das betende Herz. Von dort findet das Anliegen seinen Weg zu ihm.

Manchmal braucht es so „brutale“ Methoden, um es uns neu bewusst zu machen.

Israel I: Spinksen und staunen

„Spinksen“ – sagt man im Rheinland, wenn man schon einen Blick auf etwas tun kann, das eigentlich noch verborgen ist. In der Geburtskirche in Bethlehem konnten wir gestern zwischen Gerüsten und Planen hindurch auf die frisch restaurierten Mosaike aus der Kreuzfahrerzeit schauen und waren fasziniert von ihrer Schönheit.
Besonders sind wohl die Engel, die in einer langen Prozession auf den Seitenwänden in strahlendem Gold, Silber und sattem Grün Richtung Geburtsgrotte schreiten: „Normalerweise sind die Engel komplett von Gold umgeben, weil sie nicht von der irdischen Welt sind, hier aber haben alle Engel ihre Füße auf dem Boden, denn das ist der Ort, an dem Gottes Sohn auf die Welt hinabgestiegen ist,“ erläutert der italienische Restaurator Girolomo Nukatolo. Hier in Bethlehem haben sich eben Himmel und Erde berührt.
Wenn die Arbeiten in einigen Jahren fertig sind, wird man auch die anderen Details erkennen: die Stammbäume Jesu nach Matthäus 1:1-17 und in Lukas 3:23-38, die den Besucher auf beiden Seiten ebenso vorbereiten auf den Besuch der Geburtsgrotte.
Darüber die Darstellung der Konzilien im ersten Jahrtausend.
Übrigens: die Kaiserin Helena, die im Bonner Münster besonders verehrt wird, hat die erste Kirche an diesem Ort errichtet, und die Mosaiken entstanden in der Zeit, in der unser Münster seine heutige Gestalt erhielt.

Blasphemie oder eben rheinisch?

Das Kirchenlied der Stadtpatrone bei einer Karnevalsveranstaltung –wie gestern Abend in der „Kayjass“ der Lustigen Bucheckern geschehen – ist das nicht Blasphemie? Der Nicht-Rheinländer wird das meinen. Er weiß zu wenig von der Beziehung zwischen Karneval und Religion.

„Vom Rhein – das heißt vom Abendland. Das ist natürlicher Adel.“, so lesen wir ins Carl Zuckmayers „Des Teufels General“. Natürlicher Adel – vom Abendland, sagt Zuckmayer, vom christlichen Abendland, muss man ergänzen. 529 gründete Benedikt das Kloster Monte Cassino in Italien. „Ora et labora – bete und arbeite!“ – das war sein Erfolgsrezept. Damit haben die Mönche Europa kultiviert. Zu dieser Kultur gehört auch der Karneval. Er ist nicht bütze, tanzen, jeck sein, sich verkleiden, weil es schön ist und man Spaß dran hat, sondern weil es Fastelovend ist, d.h. der Abend vor der Fastenzeit.

Und die ist auch nicht eingeführt, weil wir uns zu viel Winterspeck angefuttert haben, und Diät halten müssen. Sondern weil sie uns vorbereitet auf ein großes Fest, auf Ostern. Das höchste Fest der Christen! An diesem Tag feiern wir dass Gott seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, und, dass der Tod nicht das letzte Wort im Leben hat. Welch ein Fest, denn vor dem Tod haben wir alle Angst. Ostern sagt: du brauchst keine Angst zu haben vor dem Tod, denn das Leben geht danach für Dich weiter, ewig, im Himmel, beim Herrgott.

Damit wir ein solches Fest, eine solche Botschaft richtig feiern können, heißt es vorher „fasten, verzichten“. Nur wenn ich merke, dass mir etwas fehlt, kann ich mich anschließend wieder daran freuen. Oder anders gesagt: wer jeden Tag Champagner trinkt, weiß nicht mehr, dass es etwas Besonderes ist! Deshalb fasten wir und deshalb wird vorher noch einmal kräftig „op die Tromm gekloppt“. Wer nicht fastet, kann kaum richtig Karneval feiern. Schon Theresa von Avila sagt: Wenn fasten, dann fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn.

Ursprünglich waren die jecken Tage auf die letzte Woche vor Aschermittwoch beschränkt. In vielen Sprachen wird Weiberfastnacht der „fette Donnerstag“ genannt. Es war der letzte Schlachttag vor der österlichen Fastenzeit, denn im Mittelalter galt der Donnerstag als allgemeiner Schlacht- und Backtag. Der Beginn des Karnevalstreibens.

Karneval und christlicher Glaube gehören zusammen – und unter den Christen sind die Katholiken eher dabei als die anderen Konfessionen. Vielleicht auch deshalb weil der katholische Glaube der „normale“ Glaube im Rheinland ist. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Mit seiner Religion verbindet den Rheinländer eine fast verliebte Vertrautheit, die vielleicht dann und wann mal zu weit geht, aber niemals böse gemeint ist. Sein Humor relativiert alles; immer aber im Wissen um ein Letztes, Gültiges, Absolutes.
Und weil zum „normalen Glauben“ auch die Prozessionen gehören, liebt der Rheinländer die Prozessionen – die frommen an Fronleichnam und die lustigen an Rosenmontag. Es tut ihm gut, wenn der Weihrauch duftet, weiß gekleidete Mädchen fromme Lieder singen, Fahnen flattern, die Ornate der Geistlichen oder Uniformen der Karnevalisten Farbe ins Bild bringen, Bläser und Sänger sich zusammenfinden.

Deshalb kann auch mitten im Karneval ein Kirchenlied erklingen – „irgendswie“ (wie der Rheinländer sagt) gehört das alles zusammen.

 

Von Bohnenkönigen und anderen Tollitäten

Man muss schon zweimal in den Kalender schauen heute: zuerst Festlicher Gottesdienst am Dreikönigstag und anschließend Prinzenproklamation. Passt das denn zusammen? Sind die Kronen, die die Könige vor dem Kind in der Krippe niederlegen, und die Prinzenmütze des Prinzen Karneval nicht etwas total Gegensätzliches? Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt, dass es Verbindendes gibt.

Die franzöische Bäckerei an der Ecke verkauft heute Galette des Rois, Königskuchen. Eingebacken in den Blätterteig eine kleine Porzellanfigur,   Fève (dicke Bohne) genannt.  Wer in seinem Kuchenstück die Figur (oder eine Bohne) findet, wird mit einer Pappkrone gekrönt und ist König für einen Tag.

Bohnenkönig

Galette des Rois

Den Brauch kennt man nicht nur in Frankreich, auch bei uns wurde und wird in diesen Tagen um das Dreikönigsfest der Bohnenkönig ausgerufen.Seit dem 13.Jahrhundert ist dies überliefert. Der Bohnenkönig suchte sich nicht nur eine Königin, sondern versammelte um sich einen närrischen Hofstaat. Wenn der König trank, mussten alle rufen, der König trinkt! Ein Motiv, das auch in der Kunst seine Darstellungen fand.

Vom Bohnenkönig, dem „König auf Zeit“, ist es nur ein kleiner Schritt zum Narrenherrscher auf Zeit, der heute gemeinhin als „Prinz Karneval“ bezeichnet wird. Viele Elemente, die den alten Brauch des Königsspiels bestimmten, hat sich bis heute in den Gepflogenheiten des Karnevals erhalten. Nicht nur der närrische Hofstaat, der den Prinzen umgibt, auch die festen Regeln, nach denen gespielt wurde und heute auch gespielt wird. Da durfte man keine Fehler machen. Da darf man keine Fehler machen.

Verlorengegangen ist der Bezug zum Dreikönigsfest – obwohl vielerorts das Fest den Beginn des Sitzungskarnevals markiert. An der Bonner Stadtkrippe im Bonner Münster gibt es den Bezug noch. Hier kommen die Tollitäten im Schlepptau der Drei Könige zum Kind in der Krippe – wohlwissend, dass ihre Herrschaft endlich ist. Heute geht’s los – am Aschermittwoch ist alles vorbei.


Licht in der Dunkelheit

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Fenster in der Kirche in Boden/Tirol

Nebel und Nässe, grauverhangener Himmel und auch der erste Frost prägen diesen Monat November. Der Abschied vom Sommer ist endgültig, die Natur hat ihren farbenprächtigen Mantel abgelegt,
mit dem sie sich in den letzten Wochen noch einmal üppig geschmückt hatte und das Kleid des Todes übergezogen. Die Kälte kündet schon vom bevorstehenden Winter. Es zieht uns zurück in die Häuser, ins Trockne und Warme. Die Elemente draußen verbreiten
eine Ahnung vom Tod: der Nebel, der sich wie ein Schleier über dieWelt legt und alles scheinbar Bekannte geheimnisvoll verhüllt, lässt uns einsam, melancholisch werden. Da tut es gut, dass das kirchliche Brauchtum in diesen Tagen einen anderen Akzent setzt: das Martinsfest wirkt wie ein Kontrast in diesem düsteren Monat.
Das Licht der Laternen und das Martinsfeuer kämpfen an gegen den Nebel und die Dunkelheit. Die frohen Lieder, die die Kinder singen, künden von der Tat des Heiligen, die ihm in den Herzen der Menschen einen Platz gesichert hat: mit einem Bettler am Stadttor von Amiens teilte er seinen Soldatenmantel. Gewiss nur ein kleiner Akt der Nächstenliebe und doch spüren die Menschen durch die Jahrhunderte hindurch, dass solche Taten das Leben eigentlich ausmachen, das Leben ermöglichen. Das Martinsfest markierte früher den letzten Tag vor der damals noch üblichen Fastenzeit vor Weihnachten. Nach einem üppigen Mahl begann die Zeit der Vorbereitung auf jenes Fest, das von der Liebe Gottes zu den Menschen in einer Weise kündet, die Menschen selbst sich nicht ausdenken können: „Gott wird Mensch!“

Das Weihnachtsfasten gibt es nicht mehr. Aber trotzdem begegnet uns das Fest in unseren Großstädten schon auf Schritt und Tritt: die Dekorationen und Illuminationen der Geschäfte sprechen eine eindeutige Sprache. Wir spüren, dass das kalte Licht dieser Kerzen die Dunkelheit unseres Lebens nicht durchdringen kann. Die Geschenke, die da angeboten werden, sind kaum dazu angetan, anderen das Leben zu ermöglichen. In den Martinsfackeln der Kinder jedoch leuchtet schon das Licht der Heiligen Nacht auf und das Leben des Heiligen erscheint so wie der Widerschein jener Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden und die allein das Leben schenkt über den Tod hinaus.

Ich will noch einmal die Netze auswerfen!

(c) Eckstein/Pixelio

(c) Eckstein/Pixelio

Unser Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat mich zum 1. September 2016 für weitere sechs Jahre im Amt des Stadtdechanten bestätigt. Der Verlängerung war eine Befragung des Katholikenrates und der Bonner Dechanten vorausgegangen. Zu einem Zeitpunkt, in dem andere Zeitgenossen über ihre Rente nachdenken, bin ich bereit, noch einmal anzutreten. Ich danke dem Erzbischof ebenso wie dem Katholikenrat und meinen Mitbrüdern in Bonn für das Vertrauen. Alleine kann ich diese Aufgabe nicht bewältigen. Deshalb bin ich sehr dankbar für ein starkes Team an Referentinnen und Referenten, die sich mit mir zusammen um die Kirche in der Stadt sorgen.
Für mich ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre die pastorale Neuausrichtung des Erzbistums. Dieser geistliche Weg, zu dem der Erzbischof aufgerufen hat, ist eine große und wichtige Herausforderung auch für uns in Bonn. Aber dank so vieler kompetenter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unzähliger engagierter Katholiken vor Ort in den Gemeinden bin ich zuversichtlich, dass wir gemeinsam diesen Weg gehen und fördern können. Ich bin noch einmal angetreten, weil ich glaube und hoffe, dass dieser Weg hilft, der Kirche ein Gesicht zu geben, von dem sich weniger Menschen als bisher abwenden. Das erscheint mir dringend notwendig zu sein.
Der Erzbischof beabsichtigt, in naher Zukunft die noch bestehenden Dekanate (in Bonn sind es vier) aufzulösen und damit die Aufgaben der Stadt- und Kreisdechanten zu vermehren. Ich möchte dann noch mehr ein gutes Auge auf die hauptamtlichen Pastoralkräfte werfen, die oft bis an ihre Leistungsgrenze gefordert werden.
So bleibe ich also – als Stadtdechant und als Münsterpfarrer. „Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen“, hieß es am heute am 1.September im Tagesevangelium. Ich bitte Sie um Ihr Gebet, dass die Netze nicht leer bleiben.

Msgr. Wilfried Schumacher | Münsterpfarrer

Persönliche/r Referent/in gesucht

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Mein bisheriger persönlicher Referent wechselt als Diakon in den hauptamtlichen Dienst. Deshalb wird bei mir eine Stelle frei. Ich suche

Persönliche/n Referenten/in des Stadtdechanten und Leiters der Citypastoral

mit einem Beschäftigungsumfang von 100%.

Diese interessanten Aufgaben erwarten Sie:

  • Sie arbeiten dem Stadtdechanten und Leiter der Citypastoral zu und führen sein Büro
  • Sie koordinieren die Arbeit der Referate und Einrichtungen des Stadtdekanates und der Citypastoral
  • Sie unterstützen organisatorisch Veranstaltungen und begleiten Projekte auf Stadtebene und in der Citypastoral
  • Sie sorgen für den ungehinderten internen Betriebsablauf in unserem Haus mit rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
  • Sie verantworten einzelne Bereiche und kommunizieren intern die Entscheidungen der Leitungsebene
  • Sie vertreten die Leitung im Binnenverhältnis

Sie passen zu uns, wenn Sie

  • fundierte Kenntnisse innerkirchlicher Abläufe besitzen,
  • ein Organisationstalent sind und in komplexen Situationen den Überblick behalten,
  • selbstständig und im Bewusstsein der Verantwortung für das Ganze arbeiten wollen,
  • teamfähig, überzeugungsstark, souverän und kreativ sind,
  • ein hohes Maß an Eigeninitiative und Flexibilität mitbringen,
  • sehr gute Kenntnisse in allen gängigen Office-Anwendungen und im Internet haben,
  • mit den sozialen Medien vertraut sind,
  • sicher in deutscher Sprache mündlich und schriftlich kommunizieren können.

Die Anstellung und Vergütung erfolgt auf Grundlage der kirchlichen Arbeits- und Vergütungsordnung (KAVO). Außerdem bieten wir eine zusätzliche Altersversorgung sowie weitere Sozialleistungen.

Wenn Sie diese werteorientierte Herausforderung reizt, Sie der katholischen Kirche angehören und im Leben der katholischen Kirche verankert sind, dann freuen wir uns auf Ihre Bewerbung. Bitte schicken Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen bis zum 31.08.2016 zu. Die eingehenden Bewerbungen werden vertraulich behandelt.

Katholisches Stadtdekanat Bonn, StS Verwaltung
Gerhard-von-Are-Straße 5, 53111 Bonn
stadtdekanat@katholisch-bonn.de

Bei Fragen zu unserem Stellenangebot erhalten Sie Informationen bei Herrn Klaus Ersfeld (0228/98588-93).

 

Ein Stich ins Herz!

SchreinDer Schrein steht wieder an seinem Platz. Der Sachschaden ist wohl nicht sehr hoch. Alles also wieder in Ordnung? Auf den ersten Blick: Ja – und doch bleibt etwas zurück, was ich auch 400km von Bonn entfernt noch spüre.

Was ist passiert? Ein Mann reißt den 100 Zentner schweren Schrein aus seiner bronzenen Umhüllung in der Krypta des Münsters und lässt ihn zu Boden fallen. (Ob er geistig verwirrt ist oder nicht, ändert nichts an der Tatsache). In dem Schrein die Gebeine der Märtyrer Cassius, Florentius und ihre Gefährten – die als Stadtpatrone von Bonn verehrt werden.

Ein paar Knochen, wird vielleicht man einer sagen, und über die Verehrung der Reliquien lächeln oder gar spotten: Was macht Ihr soviel Aufhebens darum. Aber die Mutter, die die erste Locke ihres Kindes aufbewahrt und hütet, wird uns verstehen. Sie erinnert sie vielleicht an das erste Lachen ihres Kindes. Der alte Mann, der nach über 50 Ehejahren den Ehering seiner verstorbenen Frau aufbewahrt, wird uns verstehen. Er erinnert ihn an gemeinsame Jahre und an viele Stunden erfahrener Liebe und Zuneigung. Und auch der Fußballfan, der den Elfmeterpunkt beim entscheidenden Spiel ausgegraben und in seinem Garten wieder eingegraben hat, wird uns verstehen. Er erinnert ihn an einen Glanzpunkt in der Geschichte seines Vereins und holt die Mannschaft gleichsam auf den Rasen hinter dem Haus.

Erinnerungsstücke, Reliquien (von lat. reliquiae „Zurückgelassenes, Überbleibsel“) , ohne großen materiellen Wert, doch für die Menschen von immenser Bedeutung. Sie sind ihnen heilig, besonders wertvoll.

Genauso wie die Reliquien der Stadtpatrone uns heilig sind. Über ihren Gräbern wurde das Münster erbaut. Damals im 11.Jahrhundert glaubten  die Menschen: wer die Reliquien von Heiligen besitzt, ist dem Himmel näher. Das machte sie so wertvoll. Schon viele hundert Jahre vorher, stand an dieser Stelle eine Kirche zu Ehren der Heiligen Cassius und Florentius. 691 findet sich eine erste Urkunde darüber.

Für Gerhard von Are, Propst des Cassius-Stiftes im 12.Jahrhundert, war das Münster, das er großzügig erweitern ließ, ein großer Schrein für den Schrein mit den Gebeinen der Heiligen. Um das Münster herum entstand das mittelalterliche Bonn. Unsere Stadt ist erbaut auf den Gräbern christlicher Märtyrer!

Die Gebeine der Stadtpatrone sind seit über 1300 Jahren das Heiligste, das wir in dieser Stadt haben. Deshalb war dieses Attentat auf den Schrein wie ein Stich ins Herz, der noch immer schmerzt, auch wenn wieder alles in Ordnung ist. Jede Zerstörung ist schlimm. Aber wenn der Täter etwas anderes attackiert hätte, würde man es leichter wegstecken.

Die Gebeine  überstanden die Wirren aller Zeiten . Brandschatzung, Plünderung, Zerstörung haben zwar die Schreine zerstört; aber die Reliquien blieben erhalten. Sie sind unser kostbarer Schatz.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie uns heute demütig machen. Denn wir erkennen an ihnen, dass die Geschichte (auch unseres Glaubens) nicht mit uns begonnen hat, sondern wir auf den Schultern anderer stehen. Weil sie uns verweisen auf das Lebensbeispiel von Menschen, die für ihren Glauben, für ihre Überzeugung ihr Leben gelassen haben. Ein Los, das leider heute vielen Christen auf der Welt beschieden ist. Unsere Märtyrer machen uns solidarisch mit ihnen.

Schon vor 1200 Jahren wird an unserem Münster eine Kleriker-Gemeinschaft nachgewiesen, deren Aufgabe es u.a. war, die Gebeine der Heiligen zu hüten. Das haben sie bis zum Jahre 1802 getan. Heute stehen wir in dieser langen Tradition. Unsere Zeit, in der vieles möglich zu sein scheint, was sich unsere Eltern und Großeltern nicht vorstellen konnten, stellt uns dabei vor neue Herausforderungen.
Allein schon deshalb ist nicht wieder alles in Ordnung!