Wir stehen auf den Schultern anderer

 

  „Gottes eigenes Land“ nennen die Menschen Yorkshire. Sie haben recht: ein fruchtbares Land mit weiten Feldern, Wiesen, Weiden. Und dazwischen immer wieder Zeugnisse gelebten Christseins und eindrucksvoller christlicher Geschichte. Man staunt heute noch, welche Kulturleistung die Benediktiner und nach ihnen die Zisterzienser dort vollbracht haben. Die Ruinen der Klosteranlagen lassen noch heute ihre Größe erkennen. Mehrere hundert Mönche und Brüder lebten dort in den Blütenzeiten des 12. , 13. und 14 Jahrhunderts. Die Abspaltung von Rom unter Heinrich VIII. zu Beginn des 16.Jahrhunderts hatte auch die Zerstörung dieser großen geistlichen Zentren zur Folge. 

Während man durch’s Land fährt hört man Geschichten von Männern aus dem 7.Jahrhundert, die den christlichen Glauben aufs europäische Festland gebracht haben: Willibrord, Suitbertus, Winfried (Bonifatius) . Vorausgegangen war eine wegweisende Entscheidung, die massgeblich von Wilfrid von York beeinflusst worden war: man wollte eine „römische“ Kirche sein, weltumfassend und nicht auf die eigene Nation beschränkt.

 

 Plötzlich wird mir wieder bewusst: wir stehen auf den Schultern anderer. Mit uns hat der Glaube nicht begonnen. Wir haben ihn geerbt von unseren Eltern, Großeltern und Lehrern. Wir, die wir uns oft für den Nabel der Welt halten, sind nur ein winziger Teil in der Geschichte der Menschheit. Dann kann man nur demütig und bescheiden werden. Welche Spuren werden wir einmal hinterlassen? Werden die Menschen dann beim Anblick unserer Werke auch spüren wie groß unser Glaube war – so wie in den verlassenen Abteien in Gottes eigenem Land?

Bilder von der Reise durch Yorkshire mit dem Bonner Münster Bauverein gibt es hier: https://flickr.com/photos/133589133@N08/sets/72157657663330149

78 Millionen für einen Menschen!

„Kevin de Bruyne wechselt wahrscheinlich für 78 Millionen € von Wolfsburg nach Manchester“ – der Moderator im Morgenmagazin verkündet es so als ob er ankündigen wolle, dass bei ALDI oder EDEKA der Milchpreis um 2 Cent sinkt oder steigt.
78 Millionen € für einen Menschen! Mir stockt der Atem. Ob Fußballspieler eigentlich wissen, dass sie gehandelt werden wie eine Ware? Fußballvereine sind heute große Wirtschaftsunternehmen. Hin und wieder wie im Fall Hoeness konnte man einen kleinen Blick hinter die Finanzkulissen erhaschen. Die Spieler –sie nennen sich Sportler – müssen für Geld „spielen“, kämpfen wie die bezahlten Gladiatoren in den römischen Arenen. Und da Geld nicht stinkt, was auch schon die alten Römer wussten, tun sie das gerne angesichts der Millionen, die auf ihren Bankkonten eingehen.
Mich stört das schon seit vielen Jahren. Ich bin kein Fußballfan; aber meine Sympathie gehört dem 1.FC Köln und es macht mir auch Freude mit anderen manches Fußballspiel im Fernsehen anzuschauen.
Nur die Gehälter der Spieler und die Transfersummen sind unverhältnismäßig. Die Polizisten, die vor den Stadien für Ordnung sorgen, müssen Jahrzehnte arbeiten, um nur ein Jahresgehalt der Kicker zu verdienen. Und die Krankenschwester, die den verletzten Star im Krankenhaus auf der Privatstation pflegt, muss damit leben, dass ihr Gehalt um ein paar Euro ansteigt, was oft nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren.
Das mag einfach klingen und ich will auch keinen Sozialneid schüren. Ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die mehr und andere, die weniger als andere verdienen. Aber Papst Franziskus fordert uns auf „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ zu sagen. In Evangelii Gaudium lesen wir: „Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“ (EG 53) Papst Franziskus nennt es „die große Herausforderung der Welt“ die „Globalisierung der Diskriminierung und der Gleichgültigkeit“ durch die „Globalisierung der Solidarität und Brüderlichkeit“ zu ersetzen. Für ihn steht fest: „Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel.“ Angesichts der vielen Flüchtlinge, die zur Zeit auf dieser Erde unterwegs sind, macht mich die Meldung über den Fußballer-Transfer zornig. Ich fürchte, der Papst hat recht: die Masse nimmt es hin!

Angst vor dem Kulturschock

 

 Ich gestehe: ich habe Angst vor dem Kulturschock. Jetzt bin ich 14 Tage auf der Insel und habe mich an das Leben hier gewöhnt: keine Autos, kein Lärm, nur das Klappern der Pferdehufe. Keine Hektik, das Leben wird entschleunigt und muss sich den Gezeiten des Meeres anpassen. Ich liebe es, in der Domäne Loog zu sitzen und bei einem Pott Tee auf die Weite der Salzwiesen, des Watts und des Wassers je nach Tageszeit schauen. In den zwei Wochen habe ich die Reste der Schafskälte erlebt und ich bin im Pullover am Strand entlang gelaufen. Die letzten Tage waren schweißtreibend und am Abend war ich dankbar für die frische Brise, die vom Meer herüber wehte. „Wo geht’s heute hin“, die Frage, die oft am Anfang eines Urlaubstages steht, war schnell beantwortet: entweder per Fahrrad nach Osten zum Flugplatz oder nach Westen zur Domäne Bill. Und dann zu Fuß weiter. Mal kam der Wind von vorne, mal gab einem der Wind zusätzliche Schubkraft. 

Ich habe die Tage genossen – und morgen soll ich wieder aufs Festland und dann auch noch nach Berlin. Ich fürchte, es wird ein Kulturschock werden und ich werde mich zurücksehnen auf die 500 Meter zwischen Sandstrand und Wattenmeer. Heute morgen habe ich den Menschen im Gottesdienst von der Maus Frederik erzählt, die im Sommer fleißig Sonnenstrahlen, Farben und Worte für die grauen Wintertage gesammelt hatte. Vorräte, die wir in der Vorratskammer unserer Seele sammeln. Vorräte, denen Rost und Motten nichts anhaben können. (vgl. Matthäus-Evangelium 6 Kapitel 19,Vers)

Ich hoffe, ich  habe meine Vorratskammer in den letzten beiden Wochen gut aufgefüllt. Dann will ich es auch gerne für ein paar Tage mit Berlin versuchen, wo ich halb dienstlich, halb privat hin muss. Doch ein bißchen Angst bleibt doch.

Mehr Bilder von einem entschleunigten Urlaub gibt es hier

Gott ist mein Lotse

 

 „God is myn Leidsmann“ steht auf den Kacheln am Eingang des Insel-Pfarrhauses. Die erste Assoziation „Gott ist mein Leidensgefährte“ gefiel mir, weil sie mich erinnerte an die Solidarität des Gekreuzigten mit den Leidenden dieser Welt und auch mit mir mit meinen kleinen Leiden. Aber ich wurde belehrt: „Leidsmann“ leitet sich ab vom neuenglischen „loadsman“ und heißt übersetzt Lotse. Das altenglische Wort „lād“ (Weg) steckt genauso darin wie „ lǣdan“ (leiten). 

„Gott ist mein Lotse“ – ein Wort, das hier an die Küste besser passt als das bäuerliche „Gott ist mein Hirte“, das uns im 23. Psalm überliefert wird. Die Menschen hier wissen, wie wichtig ein Lotse ist, der die Fahrrinnen kennt, der weiß, wo Riffs und Untiefen lauern, der Entfernungen abschätzen kann, Wind und Wolken deuten und dafür sorgt, dass das Schiff den sicheren Hafen oder die Freiheit des offenen Meeres erreicht.

Die biblischen Bilder stimmen auch hier: Gott führt mich, er leitet mich, seine Hilfe (sein Stock und sein Stab) geben mir Zuversicht.

Wir benötigen den Lotsen aber nicht nur auf dem Wasser. Auch im Dickicht oder im Gewirr unseres Alltags kann es notwendig werden, jemanden zu haben, der uns den richtigen Weg weist. Auch dort lauern Hindernisse, die uns auf Grund laufen lassen, und Untiefen, deren Strudel uns hinabreißen. Und wer die richtige Zeit verpasst, dessen Lebensschiff sitzt auf dem Trockenen und muss warten bis eine neue Flut kommt.

Es gibt viele, die sich uns als Lotsen andienen. Viele haben nur die eigenen Interessen im Blick. Manche machen lautstark in den Medien auf sich aufmerksam, aber ihre Worte sind Schall und Rauch. Sie versprechen, was sie nicht einhalten können.

Da gilt es, zu unterscheiden. „Gott ist mein Lotse“ – dieses Bekenntnis bewahrt davor, falschen Propheten zu folgen, und hilft, denen zu trauen, hinter deren Wirken Gott selbst sichtbar wird. Und wenn kein Mensch da ist, hilft auch ein Blick in die Heilige Schrift, durch die Gott selbst zu uns spricht.

Mensch, wo bist Du? Gedanken zu einer biblischen Frage in der Wies

 

 „Adam, wo bist Du? Mensch, wo bist Du?“ (Gen 3,9) Das ist dieFrage, die der gegeißelte Heiland stellt. Normalerweise fragen wir umgekehrt: Gott, wo bist Du? Wie kannst Du das zulassen? Warum greifst Du nicht ein?

Seit dem Paradies muss Gott mit ansehen wie der Mensch, sein Geschöpf, die Freiheit missbraucht, die er von ihm erhalten 

Mensch, wo bist Du – angesichts des Leids, in der Familie, an der Arbeit, in der Gemeinde, in unserem Land, auf dieser Erde?

Da gibt es viele Unschuldige, die wie Christus leiden müssen. Die Flüchtlinge, die Hungernden, die Gemobbten, die Ausgegrenzten, die schwarzen Schafe in unseren Familien – um nur einige zu nennen.

Merken Sie wie Sie in der Seele schon reflexartig reagieren? Was habe ich denn damit zu tun? Die anderen sind doch schuld. Manchmal haben die anderen auch Namen, manchmal sind es auch einfach nur die da oben. Aber so einfach geht es nicht wie die Geschichte aus dem 3.Kapitel des ersten Buchs der Bibel erzählt.

Drei Bilder aus diesem Gotteshaus können uns begleiten:

 

 Das Schweisstuch der Veronika

Die Geschichte kommt in der Bibel nicht vor. Sie gehört zum Schatz des Volksglaubens. Veronika soll dem Herrn auf seinem Kreuzweg ein Tuch gereicht haben, damit er sich den blutigen Schweiss abwischen konnte. Das Antlitz Christi sei in dem Tuch zurückgeblieben, habe sich in den Stoff eingeprägt. Wundersam?

Nein – das gehört mit zu unseren Lebenserfahrungen: wenn wir einem Menschen beistehen, wenn wir sein Leid lindern, dann prägt sich sein Bild ein in unsere Seele. Wir gehen anders von ihm weg. Wieviele Bilder gibt es schon in unserer Seele? Wer in meiner Umgebung oder auch in der weiten Welt wartet darauf, dass er in meiner Seele Spuren hinterlässt?

Das Schweisstuch der Veronika kann uns davor bewahren, sich davon zu stehlen. Es gilt, am Kreuzweg des anderen zu bleiben. Mensch, wo bist du? 

 Der Richterstuhl

Der leere Richterstuhl, der in unseren Blick fällt, wenn wir diese Kirche betreten, macht uns bewusst: diese Frage „Mensch, wo bist du?“ ist existentieller als die Frage nach einer bloßen Ortsbestimmung. Sie wird uns einmal vor diesem Thron gestellt werden: Mensch, wo bist Du gewesen!

Was hast Du getan und was hast Du nicht getan?

Früher hat man den Menschen Angst gemacht mit diesen Gedanken. 

Aber dieser Thron will uns nicht Angst machen. Er ist wie diese ganze Kirche eine Einladung. Wir sehen auf der Rückenlehne einen Ölzweig und ein Flammenschwert. Den Ölzweig des Friedens und das Flammenschwert der Gerechtigkeit. „Gerechtigkeit und Frieden küssen sich“, heißt es im Psalm 85 in einer messianischen Vision.

Der Richterstuhl mit diesen beiden Symbolen lädt uns ein, so zu leben, dass dies Wirklichkeit wird. Gerechtigkeit und Frieden – Ausdruck einer Sehnsucht, die wir alle tief in uns tragen. Gerechtigkeit und Frieden, darum geht es den Staatslenkern in Ellmau, darum geht es den friedlichen Demonstranten.

Gerechtigkeit und Frieden sind eigentlich paradiesische Zustände, die der Mensch verwirkt hat, weil er wie Gott sein wollte. Die der Mensch immer verwirkt, wenn er wie Gott sein will.

Und schließlich: wenn Sie gleich wieder hinausgehen; wenn Sie Ihre Gebete und Anliegen dem gegeißelten Heiland vorgetragen haben, dann sehen Sie beim Hinausgehen

 

 Die verschlossene Himmelstür

Sie sagt Ihnen, Mensch, Du hast noch Zeit! Es wird der Moment kommen, da Chronos, der mythologische Herr über die Zeit mit seinem Stundenglas am Boden liegt und Deine Zeit abgelaufen ist. Dann  gilt, was über der Tür steht: es wird keine Zeit mehr sein!

So schön dieser Ort auch ist, so zufrieden Sie auch sind, das Ziel erreicht zu haben. Das hier ist noch nicht der Himmel, allenfalls ein Abbild. 

Deshalb nehmen Sie beim Hinausgehen Ihr Leben neu als Geschenk an. Es ist noch Zeit, sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen, wenn wir dem Bösen, wenn wir dem Leid begegnen. 

Unsere Welt lebt von den Menschen, die sich nicht verstecken, lebt von denen, die Gott nicht suchen muss. Hoffentlich gehören wir dazu.

Gebt Ihr ihnen zu essen!

 

 Fronleichnam ist wohl das katholischste aller Feste des Kirchenjahres – an vielen Orten verbunden mit alten Traditionen. Blumenteppiche, festlich geschmückten Straßen, Altären in allen Himmelsrichtungen. Eine selbstbewusste Gemeinde, betend und singend. In der City, in der noch kaum einer wohnt, ist dies anders. Allenfalls die Frühstücksgäste in den Gaststätten und Touristen, die die Stadt besuchen, werden uns zuschauen. 

Ich befürchte, die meisten von ihnen werden uns nicht verstehen. Weil wir nicht mehr ihre Sprache sprechen und weil sie der Meinung sind, dass wir keine Ahnung vom Leben und seinen Herausforderungen haben. Ihnen allen, die heute unseren Weg säumen, möchte ich sagen: eben in unserem Gottesdienst war von Euch die Rede. Die Bibel erzählt von 5000,

  • die ohne Orientierung waren, 
  • die eine Nahrung suchten, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt, 
  • die geachtet werden wollten, wertgeschätzt werden wollten, wenigstens von einem geliebt werden möchten. 

Und ich möchte sie fragen, erkennt Ihr euch wieder in denen, von denen die Bibel in ihrer Sprache sagt „sie waren wie Schafe, die keine Hirten haben“?

Jesus lehrte sie lange. Was er ihnen gesagt hat, weiß ich nicht. Aber so wie ich Jesus kenne, wird er sie mit seinen Worten gefesselt haben. 

  • Nicht wie jene, die Euch Anerkennung versprechen und Euch dann vor laufenden Kameras vorführen – wie man es im Fernsehen immer wieder beobachten kann. 
  • Nicht wie jene, die euch Genuss und Wohlergehen verheißen und am Ende nur auf euer Geld aus sind. 
  • Nicht wie jene, die Euch eine Gemeinschaft vorgaukeln, die es in der realen Welt nicht gibt, sondern nur im virtuellen Raum, der schnell wie eine Seifenblase zerplatzt.

Jesus ist anders – er ist Nahrung, die wirklich nährt! Keine Fastfood, die bald wieder hungrig macht.°

Vielleicht würden die Menschen, die uns zuschauen, sich wiederkennen. Vielleicht würden sie uns auch fragen: und wer seid Ihr? Steht von Euch auch etwas in der Bibel?

Ich würde ihnen drei Antworten geben:

1. Wir sind wie die Jünger, die Euch wegschicken wollen.

5000 Menschen machen Arbeit, müssen versorgt werden, spätestens dann wenn der Magen knurrt. „Schick sie weg!“, sagen die Jünger zu Jesus. Jeder soll sich um sich selbst kümmern.Und wer es nicht selber kann, muss zu den Profis gehen – zur Stadtverwaltung, zur Caritas, zur Tafel – oder wer sich sonst noch um sie kümmert. 

5000 Mann – diese träge Masse macht Angst. Man weiß gar nicht, wer alles dazu gehört: 

  • vielleicht Fremde, Flüchtlinge, die ganz anders sind als wir. 
  • Vielleicht Patchwork-Familien, wo man nicht weiß, wer zu wem gehört, 
  • Leute, die ohne Trauschein zusammenleben, Geschiedene und Wiederverheirate, Leute, die nicht der Norm entsprechen. 

Schick sie weg. Wir, deine Jünger, wollen lieber mit Dir allein sein! 

Schön wäre es. Doch der Herr durchkreuzt unseren Plan. „Gebt Ihr ihnen zu essen!“ heißt der Auftrag. So einfach wie wir uns die Lösung vorgestellt haben, ist sie nicht!

2. Wir sind die, die nur wenig haben

Angesichts von 5000 hungrigen Männern klingt der Auftrag „Gebt Ihr ihnen zu essen“  schon fast wie Hohn –auf jeden Fall wie eine Überforderung.„Wieviel Brot habt Ihr? Seht nach, was Ihr habt“ – nicht viel! Fünf Brote und zwei Fische – das ist die ganze Ausbeute. Das reicht hinten und vorne nicht. So wenig Brot für all die hungrigen Mäuler.

Seht nach, was Ihr habt! Wir haben so wenig Antworten auf die drängenden Fragen, so wenig Zeit für die vielen Erwartungen, die man an uns stellt. Wir haben so wenig Liebe angesichts einer an Liebe armen Welt.

Wenn wir ehrlich sind, wir haben nicht viel in unseren Händen. Und doch haben wir nicht Nichts.

3. Wir sind die, die austeilen, was sie haben –

hier stutze ich ein wenig, weil ich mir nicht so sicher bin.

Die Jünger bringen dem Herrn was sie haben. Und während sie sich noch den Kopf zerbrechen, wie das nun gehen soll, sorgt er für die notwendige Unterbrechung. 

Jesus betet! Er, der Mittler zwischen Gott und Mensch in Person, stellt die Verbindung zum himmlischen Vater her: Er blickt zum Himmel, er spricht den Lobpreis und bricht das Brot. Und das solcherart „verwandelte“ Brot gibt er den Jüngern, die es weiterreichen. Sie werden von Jesus ermächtigt, den Menschen zu essen zu geben und so das Wunder auszuführen. 

Gott wirkt es nicht ohne uns, und wir können es nicht ohne Gott wirken. 

Auf mittelalterlichen Illustrationen sieht man oft Jesus in der Mitte, der nach rechts und links seinen Jüngern das Brot reicht, das sie weitergeben.

Der Herr nimmt das, was wir haben, und im Teilen reicht es für alle.

Wer mit fünf Broten und zwei Fischen anfängt, fünftausend satt machen zu wollen, der läuft Gefahr, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Aber die Jünger gehorchen! Diese Stelle ist einer der Höhepunkte ihres Glaubens.

Genau an dieser Stelle stutze ich, weil ich bei mir selbst feststelle, dass es mir an diesem Glauben oft fehlt. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“, heißt es in einem modernen geistlichen Lied. Ich zweifle, ob ich immer bereit bin, zu geben.

Gebt Ihr ihnen zu essen! – dieser Auftrag Jesu ist nicht verstummt. Er gilt auch heute noch. Die 5000 sitzen nicht mehr im Gras am Ufer des See Genesareth. Sie leben mit uns in dieser Stadt, leben mit uns auf dieser Welt.



Wenn wir heute mit der Prozession durch die Straßen ziehen, dann wollen wir bekennen, dass wir uns diesem Auftrag stellen. Schon im 4.Jahrhundert sagte der Hl. Johannes Chrysostomos: „Das Sakrament des Altares ist nicht zu trennen vom Sakrament des Bruders und der Schwester“. Ist nicht zu trennen vom Dienst am Nächsten. Nur so können wir uns ehrlich mit dem Sakrament des Altares auf den Weg machen.

Vom hohen Ross herabgestiegen

Eine ungewöhnliche Martinsdarstellung begegnet uns in Rottenburg. Nicht von oben herab wendet sich der Soldat dem Bettler zu. Er ist vom hohen Ross herabgestiegen. Aug in Aug stehen sich die beiden gegenüber. Das gemeinsame Fundament ist das Kreuz. Barmherzigkeit, die vom Papst immer wieder propagierte Haltung des Christen, bedeutet wörtlich: den anderen wie in einem Mutterschoß bergen. Das geht nicht von oben herab. Für den Heiligen Franziskus begann die Umkehr auch damit, dass er vom Pferd herabstieg, den Aussätzigen umarmte und küsste.  

Ohne Smartphone online sein

(c) Ute Mulder_pixelio.de

Ich gebe zu, ich bin ein intensiver Smartphone-Nutzer. Als vor zwanzig Jahren die ersten bezahlbaren Handys auf den Markt kamen, war ich mit dabei. Ich war damals viel mit dem PKW unterwegs und konnte im Stau stehend schon telefonisch meine Verspätung ankündigen. Das nahm den Stress. Die Smartphones erleichterten mir den Alltag, denn endlich musste ich keine doppelten Kalender mehr führen und hatte einige Dokumente auch unterwegs zur Verfügung. Der Computer zuhause war zum Mitnehmen auf Taschenformat geschrumpft. Alles in allem ein Riesenfortschritt, alles in allem eine Arbeitserleichterung.
Da wirkte der Vortrag, den der Bonner Informatikprofessor Alexander Markowetz am Dienstagabend bei der IHK hielt, wie eine kalte Dusche. Drei Stunden am Tag benutzen wir unser Smartphone. Wir schalten es an und klicken irgendetwas an, behauptet er als Zwischenergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung, bei der über 200.000 Leute ihre Handy-Nutzung „überwachen“ lassen. Die Telefonfunktion wird täglich im Schnitt nicht mal zehn Minuten genutzt. 55 Mal pro Tag entsperren wir im Durchschnitt das Smartphone. Fazit: Alle zehn Minuten tippen wir auf unser Handy.
Nun bewahren mich viele Einzelbegegnungen und Gespräche davor, in diesen Rhythmus zu verfallen. Aber ich bin doch erschrocken und stelle fest, dass ich mich auch verführen lassen, die sogenannten Mini-Pausen, die es immer wieder im Alltag gibt, durch einen Blick auf das Handy auszufüllen. Ich kann noch mal schnell die Mails prüfen, in den Kalender schauen oder auf Facebook Kontakte pflegen. Diese Pausen, die es gibt, wenn wir irgendwo warten müssen, sind wichtig für die Kreativität und helfen, seelische Erkrankungen zu vermeiden.
Professor Marowetz fordert: „Wir müssen es schaffen, Smartphones überlegt einzusetzen. Also die Dinger nur dann zu nutzen, wenn es wirklich etwas bringt. Wir müssen uns eine digitale Diät verordnen. Exzessiver Smartphone-Konsum ist das neue Fett, das wir bekämpfen müssen.“
Übrigens: wir könnten auch vom Kirchenjahr lernen. Diese Tage vor Pfingsten sind auch eine Zeit des Wartens. Für die Jünger damals galt es die Abwesenheit des Herrn und den ausstehenden Heiligen Geist auszuhalten. Sie verbrachten die verordnete Unterbrechung mit Gebet. Eigentlich eine gute Alternative. Ohne Smart-phone online sein – mit Gott!

Zeitdiebe

Spätestens seit Michael Endes Kinderbuch „Momo“ kennen wir die Zeitdiebe, jene grauen Herren, die als Agenten der Zeitsparkasse, den Menschen vorgaukeln, man gönne reich an Zeit reich werden, in dem man Zeit spart. Stattdessen wird das Leben hektischer. Man kennt keine Pause, keine Freizeit, kein Vergnügen. Das Leben wird arm und freudlos, weil niemand mehr Zeit für den anderen übrig hat.

Eigentlich bedurfte es nicht dieser Geschichte, die dank der Schildkröte Kassiopeia und Meister Hora ein gutes Ende nimmt, um uns auf die Gefährlichkeit der Zeitdiebe aufmerksam zu machen. Wir kennen sie nur allzu gut; denn sie sind ein Teil von uns. Manchmal bedarf es eines kritischen Blicks auf das eigene Zeitmanagement, um sie zu enttarnen.

Da klingt es verlockend, wenn uns die Werbung auffordert, „Zeit für sich selbst zu haben“. Jeder kennt das: irgendwo in unserem Herzen gibt es die Wünsche, dies oder jenes werde ich mal machen, wenn ich Zeit habe. Die Zeit für uns selbst ist wichtig! „Quality time“ wird sie in einem Zeitmanagementsystem genannt. 

Aber es gibt daneben auch eine Zeit, die sich zwar nicht mehr vermehrt, sondern die wertvoller wird, wenn man sie nicht behält, sondern weggibt. „Die Zeit für andere“, die Zeit, die ich verschenke – an meine Kinder oder Enkel, an meinen Partner, an meine Eltern und Großeltern, an andere Menschen, denen ich mit meinen Fähigkeiten etwas Gutes tun kann.

Zeit zu verschenken – ein probates Mittel gegen die Zeitdiebe unserer Tage.

Heilige Woche – Abbildung des Lebens

FastentuchDas Fastentuch vor der Orgel sei für sie ein Ausdruck ihrer Gemütslage in diesen Tagen nach der schrecklichen Tragödie mit dem Germanwings-Flugzeug, sagte eine Teilnehmerin bei der Erkundung des Fastentuchs am vergangenen Mittwoch. Der Blick in das Dunkle, in das scheinbar endlose schwarze Loch zeigt gewiss das, was viele Menschen in den vergangenen Tagen empfunden haben – besonders die nächsten Angehörigen der Opfer, ihre Freunde, Bekannten und Kollegen. Blankes Entsetzen, große Fassungslosigkeit, abgrundtiefe Trauer erfasste sie. Als dann die Behörden bekanntgaben, dass wahrscheinlich der Co-Pilot 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat, kam bei vielen Wut und auch Hass dazu. Aber unser Fastentuch gibt auch seine Seelenlage wieder. Wer so etwas tut, der ist nicht nur in der Pilotenkanzel allein. Fassungslos stehen wir in diesen Tagen vor der Ohnmacht Gottes, der seinen Sohn nicht vom Kreuz holt, sondern aus dem Grab. Gott kapituliert vor dem freien Willen des Menschen, auch dann, wenn der Wille in einem solchen Moment nicht frei ist. Ich möchte Gott gerne fragen: warum tust du das? Wo waren deine Schutzengel für den Co-Piloten und die Menschen im Flugzeug in dieser Stunde? Ich bekomme keine Antwort. So werde ich diese Frage mitnehmen, um sie am Ende meines Lebens Gott zu stellen. Dann wird er mir eine Antwort geben. Bei aller Ratlosigkeit weiß ich aber eins: die Stunde des Todes ist die Stunde der größten Solidarität Gottes mit dem Menschen. Mit diesen Ereignissen im Kopf und im Herzen machen wir uns auf in die Karwoche. Wir spüren vielleicht in diesem Jahr, dass es hier nicht nur um ein Erinnern geht, nicht um ein Heiliges Spiel, sondern dass unser Leben in diesen Tagen abgebildet ist. Dabei können wir nur hoffen und beten, dass es uns immer wieder gelingt, dem Dunklen, dem Tod den Rücken zuzukehren und sich dem Licht und Leben zuzuwenden. Die Menschen, die vom Flugzeugabsturz betroffen sind, werden dazu mehr als nur eine Woche benötigen.Fastentuch 2