Fronleichnam auf Juist – es war alles anders, doch das Wesentliche war da

Meine Facebook-Timeline quillt über von Fronleichnamfotos: Bilder, wie wir sie aus katholischen Gegenden gewohnt sind. Kostbare Monstranzen, Blumenteppiche, geschmückte Altäre, Ministranten, Kommunionkinder („Engelche“, wie man im Rheinland sagt – der Witz ist bekannt), Weihrauchfässer, aus denen riesige Weihrauchwolken dampfen, Fahnen, Schützen, Ritter, Priester in festlichen Gewändern, Musikkapellen und was sonst noch so alles dazu gehört.

Ich erinnere mich an bestimmt 60 Fronleichnamsfeste an unterschiedlichen Orten: meistens im Rheinland und auch in Bayern. Als Messdiener fing es an und als Stadtdechant hörte es auf. Das Singen und Beten der Menschen klingt noch in meinen Ohren, ebenso wie die Schellen der Ministranten, ich rieche noch den Duft der Blumen und des Weihrauchs und denke noch ergriffen an die Prozession in Schweigen angesichts der Missbrauchsfälle im Jahre 2010.

Heute war alles anders! Zuerst einmal: es gibt kein Bild von unserer Prozession auf Juist in der Timeline. Es gab nichts von alledem, was wir rheinischen Katholiken zu Bestandteilen einer Prozession zählen würden (siehe oben). Und trotzdem war es ein ergreifendes Fronleichnamsfest an einem Tag, der hier kein Feiertag ist. Es waren wohl 80 – 100 Leute (gezählt hat niemand), die nach der Messe in der kleinen Pfarrkirche einmal „um den Block zogen“, während die Touristen in den Pferdekutschen oder auf ihren Fahrrädern anscheinend teilnahmslos vorbeifuhren.  Zwei Altärchen gab es unterwegs, wo wir kurz anhielten, um uns noch einmal an die Geschichte des Abraham zu erinnern, von der in der Liturgie die Rede war, bevor der Segen jeweils erteilt wurde.

„Du sollst ein Segen sein“, sagte Gott dem Abraham. „Wer Segen ausspricht, erwartet etwas von Gott, öffnet eine neue Dimension -verlässt das KleinKlein der Alltäglichkeiten. Wer um Segen bittet für sich oder andere, erwartet die Sichtbarkeit Gottes in der Welt. Wer sich unter den Segen stellt erwartet etwas: die Spürbarkeit Gottes in seinem Leben. Segnen heißt Hoffnung haben, Zukunft haben, dem Leben trauen. Ein Segen sein für andere -nicht Richter sein über andere, nicht Lehrer sein, nicht Herrscher sein.“ (aus der Predigt in der Messe)

Bewegend zu erleben, wie sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der zweiten Station einander zusprachen: „Du sollst ein Segen sein!“ bevor sie selbst gesegnet wurden.

Es war alles anders heute und doch das Wesentliche war da: Christus in der Gestalt des Brotes der Eucharistie inmitten einer Schar von Menschen, die miteinander gingen und sangen. Alles ganz einfach. Das hatte schon fast etwas Biblisches (Mt4,25). Etwas, das sich in die Seele einprägt – und das scheint nachhaltiger zu sein als Dutzende Fotos in der Timeline.

Drei Wünsche für einen Neupriester

Lieber Guido, liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Mit großer Feierlichkeit haben Sie gestern Abend und heute Guido Funke in seiner Heimatgemeinde willkommen geheißen und man könnte schon fast befürchten, sie wollten ihn damit auf ein hochwürdiges Podest stellen. Aber die Zeit für hochwürdige Podeste ist auch im Eichsfeld vorbei.
Sie feiern heute, dass einer von Ihnen ernst macht mit dem, was allen Christen aufgetragen ist, wozu wir alle berufen sind. Sie würdigen seine Entscheidung, die gefallen ist in einem langen Prozess der Berufung.
Und vielleicht denkt manch eine und einer von Ihnen, was der Guido da erlebt hat, das kenne ich auch – als mich entschieden habe, meinen Beruf zu ergreifen, als ich mich entschieden habe, meine Frau, meinen Mann zu heiraten, als ich eine lebenswichtige Entscheidung getroffen habe. Das geht meistens nicht von jetzt auf gleich.
Lieber Guido,
als ich vor über einem Jahr aus Anlass deiner Diakonenweihe hier in der Kirche saß und wusste, dass ich hier auch die Primizpredigt halten sollte, war mir klar: ich lasse diese Kirche predigen, in der Du groß geworden bist.
Sie ist dem Hl. Sebastian geweiht. Dessen Schicksal wünschen wir Dir nicht. Gerne möchte ich meine Wünsche an Dich an drei Heiligen orientieren, die in diesem Raum dargestellt sind:
• Der Heilige Petrus hier vorne im Pfingstbild auf dem Ambo
• Die Heilige Gertrud rechts am Altar
• und den Heiligen Bernhard links am Altar.
Wahrscheinlich hat Du sie oft angeschaut, wenn Du hier am Gottesdienst teilgenommen hast.

1) Petrus
Wir sehen hier vorne auf dem Ambo den Hl. Petrus bei seiner flammenden Predigt am Pfingstfest. Aber es gibt noch eine andere Stunde im Leben des Petrus, die verbunden ist mit deinem Weihespruch „Dein Wille geschehe!“
Es ist der Abend von Getsemani. Dort erlebt Petrus einen Jesus, den er so noch nie gesehen hat: weinend, kämpfend, ringend, Blut und Wasser schwitzend. Einen Menschen voller Angst und schließlich voller Gehorsam. „Dein Wille geschehe!“
Es soll noch schlimmer kommen: Judas, der Gefährte in den die Wanderjahren durch Israel, kommt mit Soldaten, die Jesus verhaften. Und der lässt sich verhaften! Das ist nicht mehr der Jesus, den Petrus bisher erlebt hat: Bisher hat er es doch immer geschafft, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. An wie viele brenzlige Situationen kann sich Petrus erinnern. Wo ist dieser machtvolle Jesus? Wo ist dieser Jesus, den er als den Christus, den Messias feierlich bekannt hatte? Ist das dieser Mann – schwach, gefesselt zwischen den Soldaten und Gerichtsdienern. Nein! Für diesen Menschen hat er nicht alles verlassen – den Beruf, die Familie, die Heimat. In Petrus bricht alles zusammen. Sollte er sich so getäuscht haben? „Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir irre werden;“ so hatte Jesus es beim Abendmahl angekündigt. Petrus erlebt es – mit seiner ganzen Existenz.
Ich wünsche Dir, lieber Guido, dass Du dies nie erleben musst!
Zwischen Getsemani und Pfingsten steht die Begegnung des Petrus mit dem Auferstandenen am See Genezareth. „Simon. Liebst du mich?“ fragt der Herr seinen Jünger. Er fragt nicht, hast Du alles begriffen, was ich gepredigt habe. Hast Du mein Leben, meine Sendung verstanden? Weißt Du jetzt was es heißt, den Willen des Vaters zu tun?
„Liebst du mich“, fragt ihn der Herr und im griechischen Text steht eine Vokabel, die von der ganz großen Liebe spricht, die einzigartig ist und nur dem einen, der einen gilt. Wenn wir das wissen, dann spüren wir plötzlich, wie schwer die Frage und  erst recht wie schwer die Antwort ist.
Und wieder in den griechischen Text geschaut, lautet die Antwort des Petrus: „Herr, Du weißt, dass ich Dein Freund bin“. So kannst Du, lieber Guido, so können wir alle antworten: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dein Freund sein will“. Du, Herr, suchst Menschen, die so, wie sie sind, für dich brennen. Sieh nicht den Petrus in mir, sieh nicht den Kaplan Funke in mir, sondern den Simon, den Guido, den Du wie damals den Simon am See gerufen hast mit seinen Licht- und Schattenseiten.
Lieber Guido, sag es dem Herrn immer wieder: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dein Freund sein will“.

2) Die hl. Gertrud von Helfta
Als Rheinländer steht mir die Hl. Gertrud von Nivelles aus dem nahen Belgien etwas näher und ich musste mich erst mit dieser großen Frau aus dem 13.Jahrhundert etwas näher beschäftigen. Sie wird „die Große“ genannt. Mit fünf Jahren kam sie, wohl ein Waisenkind, ins Kloster Helfta bei Eisleben, das zisterziensisch geprägt war, ohne dem Zisterzienserorden anzugehören.
Ihre theologischen Schriften sind sehr mühsam zu lesen, weil ihre Sprache nicht mehr unsere Sprache ist, und ihre Bilder sich uns heute nicht sofort erschließen.
In einem ihrer Werke fand ich ein Wort, das ich Dir gerne mitgeben möchte: „Gott habe Erbarmen mit mir, und er sage mir Segen und Heil; […..] auf daß mich auf rechten festen Boden führe sein lebenspendender Geisthauch, der gut ist.“ (aus Exercitium I 7-12).
Heute ist Pfingsten, wir feiern Gottes lebensspenden Geist, der gut ist – wie die hl. Gertrud mit Recht feststellt. Neben dem Ungeist, den wir oft erleben, neben dem bösen Geist, der sich in Wort und Taten der Menschen nicht selten äußert, ist Gottes Geist der gute Geist, dessen Früchte im Galaterbrief beschrieben werden: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5, 22)
Von daher verwundert es, wenn es von der Hl. Gertrud heißt: „Stundenlang war sie den Menschen ihrer Umgebung Zuhörerin, Ratgeberin, Trösterin. Gleichzeitig war sie eine hochgebildete und künstlerisch begabte Frau.“
Lieber Guido, Zuhören, Ratgeben, Trösten – ich weiß, dass Du das kannst. Ich wünsche Dir die Kraft dazu. Besonders das Letzte ist wichtig: „wir sind berufen, zu trösten“ sagt Papst Franziskus (5.5.2016)

3. Der Heilige Bernhard
Er lebte zu Beginn des 12.Jahrhunderts. 1115 gründete er das Kloster in Clairvaux und von dort aus 68 Klöster. Fünf Ordensgründungen des Zisterzienserordens gab es im Eichsfeld. Darunter die Abtei Reifenstein, die schon 1162 entstand. Und natürlich in unmittelbarer Nachbarschaft die Zisterzienserinnenabtei Anrode, die auf das 1267 zurückgeht. Der Bickenrieder Vitus Recke war im letzten Jahrhundert Abt der Abtei Himmerod, die von Bernhard von Clairvaux gegründet wurde.

Also darf Dich der Hl. Bernhard an diesem Festtag auch begleiten. Du ahnst vielleicht schon, welches Wort von ihm ich Dir mitgeben möchte: „Gönne Dich Dir selbst“. Er schrieb es seinem Schüler Papst Eugen III. Aber es gilt für jeden von uns, ob Kleriker oder Laie. „Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. […] Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber! […] Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.
Das sage ich nicht nur Dir, lieber Guido, das sage ich den Ehefrauen und Ehemännern, den Müttern und Vätern, den Großväter und Großmüttern. Das gilt jedem und jeder: Gönne Dich Dir selbst!

Ich habe als junger Priester den Fehler gemacht, ganz in der Arbeit aufzugehen. Es gibt so viel zu tun und man freut sich, endlich fertig zu sein und tun zu können, was man immer schon tun wollte. Und schnell vergisst man sich selbst, die Familie, die Freunde, Menschen, die einem wichtig sind! Widerstehe der Versuchung und „gönne Dich Dir selbst!“

Lieber Guido, das sind meine Wünsche an diesem Festtag an Dich – orientiert an den Heiligen deiner Heimatkirche. Nimm sie mit als Gefährtin und Gefährten auf Deinem Weg.

Primizpredigt gehalten am 9.Juni 2019 in der Kirche St.Sebastian Bickenriede
Die Primiz ist die erste hl.Messe, die ein Neupriester in seiner Heimatgemeinde feiert.

Eine gute Nacht!

(c) Rosel Eckstein / pixelio.de

Das ist nun mal wieder typisch für diese Männergesellschaft der Apostel. Die Frauen kommen vom Grab und erzählen, was sie erlebt haben, vor allem aber, wie eingetroffen ist, was Jesus beim Abendmahlgesagt hatte, und die Apostel tun es ab als Weibergeschwätz, als Nonsens, ohne jeden Sinn.

Nur einer steht auf und läuft zum Grab. Einer, der zwei Nächte hinter sich hat, wie er sie sich nie gewünscht hat und nie mehr wünschen wird.

Petrus – er war hinabgestiegen in die Tiefe seiner Seele. Was hatte er nicht alles gewollt – und letztlich war er doch nur voller Angst und ein Feigling gewesen. Er wollte dreinschlagen und anstelle des Meisters sterben, und dann hatte er ihn am Kreuz hängen sehen und begriffen, was er gemeint hatte, als er sagte: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben gibt für seine Freunde.“

In der Dunkelheit dieser Nacht ist es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen: Es wird ihm bewusst, dass er sich letztlich immer geweigert hat, sich lieben zu lassen, dass er sich letztlich immer geweigert hat, sich von Jesus retten zu lassen – er wollte der Retter sein, so hatte er jede Leidensankündigung abgewehrt. Er wollte der Retter sein und muss doch gerettet werden.

Wie schwer ist es doch, sich wirklich lieben zulassen! Es ist schwerer als andere zu lieben! Wer so weit gekommen ist, für den ist klar, dass das Kreuz, dass die Hingabe nicht das Ende gewesen sein kann. Jetzt verstehen wir die Unruhe, die den Petrus erfasst; jetzt verstehen wir, dass er zum Grab laufen muss. Er sieht keine Engel, nur ein leeres Grab.

Staunend geht er nach Hause, sagt die Schrift. Später werden die Apostel sagen: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.“(Lk 24,34)

In Bernsteins Werk „Messe“, das er dem Andenken John F. Kennedys gewidmet hat, wird gegen Ende eine Szene mit dem Priester gezeigt, der einen gläsernen Kelch in der Hand hält. Plötzlich stürzt er zu Boden, der Glaskelch fällt auf die Erde und zerschellt. Der Priester betrachtet ihn lange und sagt schließlich: „Mir war noch nie bewusst, dass zerbrochenes Glas so strahlend leuchtend kann“.

Das ist das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu – der Gekreuzigte lebt! Seine Wunden strahlen! Sein geschundener Leib ist verklärt! Das ist die Erfahrung, die Petrus macht: da, wo er sich am Ende glaubte, wo er sich für immer getrennt wähnte, da wo er sich seiner Zerbrechlichkeit und seines Zerbrochen-Seins bewusst wurde, da fing alles erst an, da war ihm der Herr so nah wie nie zuvor! Jetzt weiß er sich geliebt von ihm – ohne Ende, „ewig“– wie die Theologen sagen.

Deshalb – wegen dieser Erfahrung ist diese Nacht so anders alle anderen Nächte!
Die Welt mag vieles uns ermöglichen –man kann nur staunend betrachten, wie sich die Welt allein in den letzten 50 Jahren verändert hat –was alles erfunden und möglich gemacht wurde, um das Leben zu erleichtern. Nur eine solche Botschaft bringt sie selbst nicht hervor: Die Welt kann das Scheitern nicht aushalten, deshalb bleibt ihr das Kreuz ein Ärgernis und sie wird nie zur Hoffnung von Ostern finden.

Der Weg durch die Passion bis zum Ostermorgen ist wahrlich kein Spaziergang. Er führt den Petrus und uns in alle Dunkelheiten. Wir können uns dort wahrnehmen und annehmen – so wie wir sind und uns vom Herrn retten, erlösen und lieben lassen. Nur so wird er uns aus dem Dunkel ins Licht führen, aus dem Tod ins Leben.

„Geht und verkündet – das ist die Botschaft des Auferstandenen. Die Welt braucht diese Botschaft, weil sie sonst keine gute Nacht mehr hat. Amen

Der Hahn ist gerettet!

Der Hahn ist gerettet. Ein Mann bringt den Hahn in Sicherheit, der auf dem Vierungsturm von Notre Dame seine Runden drehte und wie durch ein Wunder den Sturz aus 93m Höhe überstand!

Wetterhähne gibt es auf Kirchturmspitzen seit dem Mittelalter. Ursprünglich konnten die Menschen aus ihnen die Windrichtung ablesen und Rückschlüsse auf das Wetter ziehen. Aber weshalb ein Hahn?

Sein Schrei am Morgen markiert den Sieg des Tages über die Nacht. “ Der Hahn weckt die Daliegenden […] Mit dem Hahnenschrei kehrt die Hoffnung zurück, Besserung wird den Kranken zuteil “ heißt es schon in einem Hymnus des Ambrosius aus dem 4.Jahrhundert.

Nicht nur am heutigen Gründonnerstag erinnert  uns der Hahn auf dem Kirchturm zudem an das Wort Jesu an Petrus aus dem Abendmahlssaal: „Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ (Johannes-Evangelium 13,38)  Wenige Stunden später in der Frühe des Karfreitags wird das Wort wahr. „Ich kenne den Menschen nicht“, sagt Petrus und  gleich darauf krähte ein Hahn. (Joh-Evangelium 18,27).

Seit jenen Tagen ist der Hahn Zeichen für die Schwäche eines Menschen, der statt sich zum Freund (und Meister) zu bekennen ihn verleugnet. Er erinnert aber auch an die Tränen des Petrus als ihm bewusst wird, was er getan hat. Nach Ostern wird ihn der Auferstandene selbst einladen, sein dreimaliges NEIN durch ein dreimaliges JA wieder gutzumachen (Joh 21,15ff).

Staunend notiert die Welt zur Zeit, wie sich überall die Solidarität mit der beschädigten Kathedrale manifestiert. Es scheint, dass es sich nicht schnell genug gehen kann, die Wunden des Gebäudes zu beseitigen. Statt sie einen „Augenblick“ lang auszuhalten – in einer Welt, in der soviel in Trümmern liegt, soviele Wunden täglich an Menschen(!) geschlagen werden.  Da ist es gut, dass der Hahn gerettet wurde. Er erinnert!

„Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…“

(c) Paroisse de la Cathedrale Saint Denis – France- Facebook

„Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…was für eine grausige Symbolik“, so schrieb gestern abend Stephan Wahl auf Facebook unter dem ersten Eindruck der Bilder aus Paris. Mit Millionen Menschen auf der Erde habe ich in der Nacht die Berichte aus Paris verfolgt (leider nicht im Deutschen Fernsehen), habe ich gesehen, wie das Feuer sich immer weiter vorwärts fraß, hörte ich die entsetzten Schreie als erste Flammen in den Haupttürmen sichtbar wurden. Es ist eine Tragödie!
Ein auch kulturelles Denkmal der Menschheit wird nach und nach beschädigt. Ganz abgesehen von den Gefühlen, die gläubige Menschen in Paris und an vielen Orten der Welt angesichts der Bilder umtreiben. Kirchen sind keine normalen Häuser – sie sind Gottes-Häuser wie die Synagogen und Moscheen, wie die Tempel der Hindus und der Buddhisten. Wenn man sie brennen sieht, spürt man, da brennt mehr als nur brennbares Material.

Deshalb hat mich das Wort von Stephan Wahl nicht los gelassen in dieser Nacht! „Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…“ Die ganze Kraft des Symbols wurde mir schmerzvoll bewusst. Wir erleben in den vergangenen Jahren und Monaten wie die Kirche brennt, die Flammen der Zerstörung sich immer weiter vorwärts fressen. Der Mißbrauch an Tausenden, der Machtmißbrauch und der Klerikalismus, die Uneinsichtigkeit vieler Amtsträger, die nicht wahrhaben wollen, was unter ihren Augen geschieht, aber alle Welt sieht.

Aus Paris hört man heute morgen, dass wohl die Grundsubstanz des Gebäudes Bestand hat und der französische Präsident hat versprochen, die Kathedrale wieder aufzubauen. Ob und wie das gelingt, wird man sehen. Es fehlt gewiss nicht an Handwerkern und Ingenieuren; aber es fehlt an dem mittelalterlichen Geist, der solche Gebäude zustande brachte. „Ein Steinhaufen hört auf Steinhaufen zu sein, sobald ein einziger Mensch ihn betrachtet, der das Bild einer Kathedrale in sich trägt“ schreibt Antoine de Saint-Exupery.

„Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…“ – auch bei unserer Kirche hat die Grundsubstanz Bestand. Wie in Paris wird man das Verkohlte und Verbrannte hinausschaffen müssen. Aber anders als dort brauchen wir keinen Neubau des Alten, keine Kopie des Vergangenen, sondern unsere Kirche muss eine Kirche von heute sein. „Aggiornamento“, sagt der hl. Johannes XXIII. Nicht dem Zeitgeist angepaßt, aber in der Zeit von heute!

Da werden dann die Frauen tragende Säulen sein und nicht mehr nur „Säulenheilige“; in ihren stützenden Funktionen gleichberechtigt mit den Männern.  Es wird eine große Vielfalt der Liturgie geben, an der (auch verheiratete ?) Priester und Laien beteiligt sind. Das neue Haus wird bunt sein, gefärbt von den unterschiedlichen Konfessionen, die immer mehr zueinander finden. Es gibt viele Ideen, wie die Kirche der Zukunft aussehen könnte und müsste.

„Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…“- die Bilder aus Paris bekommen jenseits ihrer realen Tragik eine ungeheure symbolische Kraft – passend zur Karwoche und zum Osterfest, zur Tragödie und zur Auferstehung.

Nachtrag: Ein Leser macht mich aufmerksam auf den Brief des Züricher Generalvikars vergangene Woche: „Die Kirche steht in Flammen!“

 

Ein Herz für sich selbst haben

(c)Wolfgang-Discherl/pixelio.de

 Täglich gebiert unsere Leitungsgesellschaft neue Perfektionisten. Menschen, die alles richtig machen wollen, die keine Fünf gerade sein lassen können. Alles muss perfekt sein – im Beruf, in der Freizeit, beim Sport, in der Beziehung, in der Sexualität, beim Aussehen – kein Bereich des Lebens ist davon ausgenommen.

Perfektionisten leiden unter ihren Fehlern und meinen, nur wenn sie perfekt sind, sind sie etwas wert, nur wenn sie vollkommen und fehlerfrei sind, ist ihnen die Liebe sicher. Aber – so sagt die amerikanische Schriftstellerin Pearl. S. Buck: Das Streben nach Perfektionismus und Vollkommenheit macht manchen Menschen vollkommen unerträglich.

Natürlich verdienen Menschen, die hochgesteckte Ziele erreicht haben, unsere volle Anerkennung. Aber selbst der Beste wird von sich nicht sagen können, dass er immer alles richtig macht und keine Fehler gemacht hat. Nobody is perfect. Die ständige Sehnsucht nach unerreichter Perfektion macht viele Menschen krank, frustriert und unglücklich. Bei immer mehr Menschen wird diese Sehnsucht zur Sucht!

Ein Wüstenvater des 4.Jahrhunderts hat einmal gesagt: Wenn Du ein Herz hast, kannst Du gerettet werden!“ Das ist die tröstliche Botschaft für alle Perfektionisten, für alle, die gegenüber sich selbst unbarmherzig sind.

Sie brauchen ein Herz für sich selbst. Sie müssen sich selbst in den Arm nehmen wie der Vater den Sohn im heutigen Evangelium (Lk 15) in die Arme nimmt und dabei die Fesseln lösen, die sie zwingen oder die Peitsche zerbrechen, die sie antreibt.

Wer barmherzig ist mit sich selbst, der kommt zuerst einmal mit sich selbst in Berührung. Der findet sein eigenes Herz, das nicht nur für andere, sondern auch für ihn selbst schlägt.

Solange wir es anderen, unseren Eltern, Geschwistern, Lehrern, Vorgesetzten, Chefs, Freunden, Partnern oder Liebhabern überlassen, darüber zu bestimmen, ob wir etwas wert sind oder nicht, bleiben wir Gefangene in einer Welt, die nach ihren eigenen Wertmaßstäben her befindet, ob wir akzeptabel oder abzulehnen sind.

Das eigene Herz wahrnehmen, bedeutet auch Gottes Stimme zu hören, der unsere Stimme gehört hat, bevor je ein Mensch sie vernommen hat, der uns anschaut bevor uns ein Mensch gesehen hat.

Unseren Wert, unsere Einmaligkeit, unsere Individualität erhalten wir nicht von denen, die begrenzt und endlich in dieser Welt leben, sondern von dem, der ewig ist, der uns immer noch ansieht, selbst wenn wir unansehnlich geworden sind, der uns immer noch anhört, selbst wenn unsere Stimme auf dieser Erde verstummt ist.

Kurz vor seinem Tod fragt der Theologe Heinrich Schlier: Was bin ich? Und antwortet: Gott sieht mich. Ich bin sein Augenblick“.

Barmherzig sein mit sich selbst kann nur der, der zu dieser Tiefe in sich selbst vorstößt. Ich bin Gottes Augenblick. Nur dann kann er so an sich selbst handeln, wie es der Vater im Evangelium an seinem Sohn getan hat: vergeben.

Sich selbst die eigene Endlichkeit, die eigene Zebrechlichkeit, die Menschlichkeit vergeben.

Ich weiß aus eigenem Erleben, das dies wohl die schwierigste Form der Barmherzigkeit ist. Deshalb hilft vielleicht eine kleine Geschichte aus Indien:
„Es war einmal ein Wasserträger in Indien. Auf seinen Schultern ruhte ein schwerer Holzstab, an dem rechts und links je ein großer Wasserkrug befestigt war.

Nun hatte einer der Krüge einen Sprung. Der andere hingegen war perfekt geformt und mit ihm konnte der Wasserträger am Ende seines langen Weges vom Fluss zum Haus seines Herrn eine volle Portion Wasser abliefern. In dem kaputten Krug war hingegen immer nur etwa die Hälfte des Wassers, wenn er am Haus ankam.

Für volle zwei Jahre lieferte der Wasserträger seinem Herrn also einen vollen und einen halbvollen Krug. Nach zwei Jahren Scham hielt der kaputte Krug es nicht mehr aus und sprach zu seinem Träger: „Ich schäme mich so für mich selbst und ich möchte mich bei dir entschuldigen.“ Der Wasserträger schaute den Krug an und fragte: „Aber wofür denn? Wofür schämst du dich?“

„Ich war die ganze Zeit nicht in der Lage, das Wasser zu halten, so dass du durch mich immer nur die Hälfte zu dem Haus deines Herrn bringen konntest. Du hast die volle Anstrengung, bekommst aber nicht den vollen Lohn, weil du immer nur anderthalb statt zwei Krüge Wasser ablieferst.“ sprach der Krug.

(c)Wolfgang-Discherl/pixelio.de

Dem Wasserträger tat der alte Krug leid und er wollte ihn trösten. So sprach er: „Achte gleich einmal, wenn wir zum Haus meines Herren gehen, auf die wundervollen Wildblumen am Straßenrand.“ Ist dir aufgefallen, dass sie nur auf deiner Seite des Weges wachsen, nicht aber auf der, wo ich den anderen Krug trage? Ich wusste von Beginn an über deinen Sprung. Und so habe ich einige Wildblumensamen gesammelt und sie auf Deiner Seite des Weges verstreut. Jedes Mal, wenn wir zum Haus meines Herrn liefen, hast du sie gewässert. Ich habe jeden Tag einige dieser wundervollen Blumen pflücken können und damit den Tisch meines Herrn dekoriert. Und all diese Schönheit hast du geschaffen.“

Vielleicht eine tröstliche Geschichte für alle die, denen es schwer fällt, mit sich selbst barmherzig zu sein – weil alles so perfekt sein muss.

Die drei Ur-Wünsche des Menschen

(c) Dorothea Jacob / pixelio.de

„Die zarteste Versuchung…” – da fällt Ihnen gewiss sofort ein, wie der Satz weitergeht. Sie haben es quasi auf der Zunge. So hat uns vor einigen Jahren ein Schokoladehersteller von seinem Produkt überzeugen wollen. Der irische Dichter Oscar Wilde meint: „Versuchungen sollte man nachgeben, – man weiß nicht, ob sie wieder kommen”.

Man ist geneigt ihm zuzustimmen, denn das Spiel mit dem Genuss hat seine Reize – ganz gleich welcher Natur er ist. Wenn wir dadurch Wohlbefinden, Ausgleich, Glück, Zufriedenheit erfahren können – wer will da schon Nein sagen.

Das Evangelium am ersten Fastensonntag erzählt von den Versuchungen Jesu. (Lk 4,1-13) Vielleicht haben Sie beim Hören oder Lesen schon innerlich abgewunken und gesagt: kann mir nicht passieren. Mich fordert keiner auf, Steine in der Wüste zu Brot zu machen, oder sich von der Zinne des Tempels zu stürzen und den Teufel anzubeten.

Und doch ist in diesem Text auch von uns dies Rede.

In Sagen, Mythen und Märchen tauchen immer wieder drei Urwünsche des Menschen auf, die auch von dem Psychologen und Soziologen bestätigt werden.

Zu einem geglückten Leben gehört für den Menschen, dass er einen Namen hat, dass er etwas machen, wachsen und sich entfalten kann, dass er Heimat und Besitz hat.

Um diese drei Urwünsche geht es in diesem Evangelium. Schauen wir uns diese drei Urwünsche genauer an:

1. Einen Namen haben

Jeder und jede von uns möchte einmalig sein, nicht austausch-bar, einen Namen und damit ein unverwechselbares Gesicht haben. Wenigstens ein Mensch muss uns anschauen und uns dadurch im wahrsten Sinne des Wortes „Ansehen“ geben.

Wer das nicht hat, der leidet Mangel, der wird krank! Wenn der Mensch reduziert wird auf seine Arbeitskraft im Berufsleben, auf seine intellektuelle Leistung in Ausbildung und Studium, auf seine zu befriedigenden Bedürfnisse in seiner Freizeit, dann reagiert zuerst seine Seele und schließlich auch sein Leib.

Bei diesem ersten Urwunsch setzt der Teufel an, wenn er Jesus auffordert:“Stürz sich herab vom Tempel und die Engel werden dich auffangen und heil zu Boden bringen“. In einer großen Show, soll Jesus sich dem Publikum präsentieren, das sich in Jerusalem beim Tempel aufhält. Jesus der Superstar, der „seinen Weg“ macht. Der Beifall wäre ihm sicher, noch bevor er ein Wort seiner Botschaft verkündet hat.

Der aber antwortete mit einem Zitat aus der Schrift „Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht herausfordern!“ D.h. erkenne an, dass du Geschöpf bist und einen Schöpfer hast. Du brauchst dir keine Namen selbst zu machen. Gott selbst hat dich bei deinem Namen gerufen. Er ist es, der dir Ansehen verleiht!

2. Macht haben

Der zweite Ur-Wunsch des Menschen: Wir wünschen uns, dass wir etwas machen können, dass wir mitschreiben können an der Geschichte unseres Lebens und andere uns nicht ständig das Leben vorschreiben. Wir möchten wachsen können, selbst kreativ sein.

Es geht also um Macht im Sinne von „machen“, etwas machen können. Dazu gehört auch die persönliche Freiheit, die ihre Grenzen hat an der Freiheit des anderen. Nicht also um die Macht, die die Freiheit des anderen unterdrückt.

Auch in der Versuchungsgeschichte Jesu spiegelt sich dieser Wunsch nach Macht wider. Wenn der Herr den Teufel anbetet, dann soll er Macht bekommen über alle Reiche der Erde. Jesus widersteht auch dieser Versuchung. Für ihn geht es nicht um das eigene Reich, sondern um das Reich Gottes, das anbrechen soll.

Er will Gott über sich verfügen lassen. Gott soll seine Geschichte vor- schreiben. Deshalb ist für ihn die Frage nach dem Willen des Vaters die zentrale Handlungsanweisung für sein Leben.

3. Besitz, Heimat haben

Der dritte Wunsch: der Mensch braucht einen Ort, wo er zuhause ist, einen Ort, den er besitzen kann, der sein Besitz ist, seine Heimat.

Das muss kein Prachtbau sein, keine hoch herrschaftliche Villa. Das kann die Decke sein, in die sich der Obdachlose einhüllt.

Mach aus diesem Stein Brot, sagt der Versucher zu Jesus. Mach aus diesem Stein Brot und du bist mit einem Schlag steinreich. Jesus könnte sich selbstmächtig am Leben erhalten. Auch hier widersteht er, wenn er sagt“ vom Brot allein kann niemand leben“. Leben kann nur, wer Gottes Wort annehmen und befolgt.

 

Die drei Urwünsche bestimmen bewusst oder unbewusst unseren Lebensalltag. Sie treiben uns an. Sind durchaus lebenserhaltend. Gefährlich werden sie, wenn wir ihnen ungezügelt nachgeben. Dann nehmen wir und nicht selten auch andere Schaden. Sie wollen gezähmt werden.

Die Kirche selbst macht uns leider in diesen Wochen und Monaten vor, wohin zum Beispiel unkontrollierte Machtausübung führen kann. Die immer neuen Zahlen über sexuellen Mißbrauch und den Umgang damit beweisen es auf bitterste Weise. Aber bleiben wir bei uns:

Nehmen wir mit in diese ersten Fastenwoche, was Jesus selbst uns mit auf den Weg gibt.
Er sagt uns:

· Gott gibt Dir Ansehen. Du bist von ihm geliebt.

· Frag nach dem Willen Gottes und lass Gott an Deiner Geschichte mitschreiben.

· Sei nicht besessen von deinem Besitz.

Ich hatte einen Traum

Ich träumte von einer Kirche,
zu der Menschen aller Rassen
und Nationen gehörten,
viele Völker,
Priester und Laien,
einfache Menschen und Gebildete –
nicht gegeneinander,
sondern miteinander, füreinander.
In ihr waren die Worte
„ich, er, sie, ihr, die,“
Fremdworte. –

„Du“ und „wir“,
das war die Umgangssprache,
so gingen sie miteinander um.
Da gab es keine Machtkämpfe,
stand nicht einer gegen den anderen,
ging es nicht ums Rechthaben,
sondern um die Sache,
„die Sache Jesu“ – wie sie sagten
in der Kirche.

Ich träumte von einer Kirche,
in der sie sich
nicht bedienen ließen,
nicht von Laien,
nicht vom Priester,
in der sie dienten,
einer dem anderen,
in der sie es gut miteinander
und voneinander meinten.
Da sprachen sie offen,
nicht übereinander,
sondern miteinander,
geschwisterlich,
nicht herr-lich,
einfach so.

Ich träumte von einer Kirche,
da überließen sie die Seelsorge
nicht dem Priester,
machten ihn
nicht zum Allround-Mann
zwischen Frühschicht
und Dämmerschoppen,
sondern sorgten sich mit,
nicht um Zahlen und Gelder,
um Gesetze und Ordnungen,
sondern um Menschen
und bestellten die Priester
für die Menschen,
weils um die Sache ging,
die Sache Jesu“ –
wie sie sagten
in der Kirche.

Ich träumte von einer Kirche,
in der sie nicht nur
vom Gestern sprachen,
sondern mehr
vom Heute und vom Morgen,
weil ER morgen kommen,
ER, auf den sie warten.
Da hieß es nicht:
„Es war immer so“,
sondern:
„Was müssen wir heute tun?“ und
„Was wird morgen sein?“

So schritten sie mutig aus
in die Zukunft,
weils um die Sache ging,
„die Sache Jesu“ –
wie sie sagten,
in der Kirche.

Ich erwachte –
und ich sah eine Kirche,
in der vieles,
fast alles nicht so ist.
Ich verzweifelte,
resignierte.
Wollte zurück in meine Traumwelt –
da wurde ich belehrt:
Dein Traum ist alt;
zweitausend Jahre alt:
aufgeschrieben
von Markus und Matthäus,
Lukas und Johannes,
Paulus und Petrus,
in vielen Kapiteln und Versen.

Und ich sah:
Mein Traum stand da geschrieben:
„Die Zeit ist erfüllt,
das Reich Gottes ist nahe.“

Und ich fragte mich,
wann tun wir endlich das Unsrige,
damit der Traum
sichtbar, erlebbar
Wirklichkeit wird.

(c) Wilfried Schumacher

Die Sehnsucht – ein Stern, der aufbrechen lässt!

Ein Meister Gislebertus hat für die Kathedrale von Autun zu Beginn des 12.Jahrhunderts dieses Kapitell mit den schlafenden „Königen“ geschaffen. Ein Engel berührt zärtlich einen von ihnen und verweist auf den Stern.
Eine alte Geschichte, die wir alle von Kindesbeinen an kennen. Lesen wir sie nicht als einen Text aus längst vergangenen Tagen, sondern als unsere Geschichte.

  • Der Stern

„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen“ sagen die Weisen aus dem Morgenland dem König Herodes – mehr verraten sie uns nicht über diesen Stern und haben damit ganze Generationen von Sterndeutern in Atem gehalten, die immer noch versuchen, nachzuweisen, daß damals in jenen Jahren ein besonderer Stern sich gezeigt habe, der Halleysche Komet, oder ein besonders helle Kombination von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische. Damit ist unsere ach so wissenschaftsgläubige Welt dann zufrieden.

Der Stern hat die Menschen immer schon fasziniert. Aber: was veranlasst Menschen eigentlich, einem Stern zu folgen? Aufzubrechen – ohne Ziel? Fortzugehen, ohne zu wissen, wie lange?

Man wird sich wundlaufen an der Antwort, wenn man nicht gleichzeitig von der Sehnsucht des Menschen spricht. Jeder von uns trägt eine Sehnsucht im Herzen, die ihn suchen lässt, nicht nur einen Moment, sondern vielleicht ein ganzes Leben lang. Eine Sehnsucht, die Kraft gibt, nicht nachzulassen bei der Suche. Sie kann ganz unterschiedlich ausschauen, aber immer gleicht sie einem Stern, der einen aufbrechen lässt.

Alles beginnt mit der Sehnsucht.“ sagt Nelly Sachs und von Exupéry stammt das Wort: „Wenn du ein Schiff bauen willst, suche nicht Holz und Handwerker, sondern suche Männer, die die Sehnsucht nach dem weiten Meer im Herzen tragen.“ Die Sehnsucht ist der Motor, der mich beginnen lässt.

Die Geschichte der Drei Könige (Weisen?, Magier?)  fragt nach als Erstes nach unserer Sehnsucht? Nach dem Stern in unserem Leben.

  • Herodes

Wer sich in der Geografie Israels auskennt, weiß, das Jerusalem nicht weit entfernt liegt von Bethlehem. Jerusalem ist der Herrschaftsort des Herodes!  In unseren Weihnachtskrippen hat er keinen Platz hat, obwohl er dazu gehört.

Er war einerseits ein Schöngeist mit sehr viel Interesse an Architektur und Kunst, ein genialer Bauherr und in wirtschaftlichen Belangen sehr erfolgreich. Während seiner Herrschaft erreichte Judäa einen vorher nicht gekannten Glanz. Auf der anderen Seite war er ein tyrannischer Herrscher, der seine Macht und Kraft nur zur Durchsetzung eigener Kräfte verwendet. All seine Aktivitäten kreisen letztlich um sein eigenes Ich. Paläste, Frauen, Nachwuchs – alles dient seiner Verherrlichung.

Er vernichtet alles und jeden, was und wer sich ihm in den Weg stellt. Seine eigenen Söhne müssen sterben, weil sie ihm gefährlich werden können.

Bevor wir den Stab über ihm brechen, müssen wir feststellen: es gibt die Dimension des Herodes auch in uns. Herodes ist nicht ausgestorben, immer wieder macht er sich in uns bemerkbar: wenn wir andere nicht sein lassen, wenn wir nur ums uns selbst kreisen, selbstgenügsam sind in unserem Handeln, zu Opfern unserer Leidenschaft werden.

Wer seinen Sehnsüchten folgt, wird immer auch den eigenen Schattenseiten, dem Dunklen auf seinem Lebensbild begegnen.

  • Anbetung

„Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter, da fielen sie nieder und huldigten ihm“

Das klingt so einfach, aber es ist ein großer Schritt. Ein Kind und seine Mutter zu finden, das ist nichts Besonderes – und doch zu wissen, das ist die Erfüllung meiner Sehnsucht – dazu bedarf es schon der Hilfe eines Sterns.

„Gott ist verwechselbar“ – ihn zu finden, ist nicht so einfach – das kennen wir aus unserem eigenen Leben. Wir stellen oft fest, dass wir an ihm vorbeigelaufen sind.

Wenn ich diese Geschichte höre, werde ich erinnert an eine Szene aus dem Kleinen Prinzen von A.d.S.Exupery. Nach einem langen Weg kommt der kleine Prinz endlich an den Brunnen in der Wüste. Er trinkt und stellt fest: „Dieses Wasser war etwas ganz anderes ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der Rolle des Brunnens, aus der Mühe meiner Arme.“

So ähnlich stelle ich mir das auch vor: Der ganze Weg schwingt mit in diesem Augenblick der Anbetung – die eigene Sehnsucht, der Aufbruch, die Ungewissheit, die Begegnung mit Herodes, die Zuverlässigkeit des Sterns.

Die Hoffnungen und Sehnsüchte der Männer werden erfüllt, nicht mit einer abstrakten Theorie, nicht mit einer Lehre, nicht mit einer Vision, sondern mit einem Kind.

Sie knien nieder, stehen nicht mehr breitbeinig, mächtig auf ihren Füßen.  Sie finden ein Kind und erkennen darin, den Sinn ihres Lebens, die Mitte ihres Lebens, erkennen darin Gott.

 

So ist die Geschichte eine Ermutigung für uns alle, der Sehnsucht in uns Raum zu geben, sie nicht zu ersticken. Aufzubrechen wie die Männer aus dem Morgenland, dem Herodes, dem Dunklen in uns zu begegnen – aber nicht dabei zu bleiben, sondern von Neuem dem Stern folgen und schließlich, Gott zu finden – nach einem langen, langen Weg.

Es ist keine alte Geschichte, es ist immer wieder auch unsere Geschichte. Ich finde mich darin wieder.

Sie nimmt uns aber auch in die Pflicht: Ich kenne Menschen, denen kein Stern leuchtet bzw. geleuchtet hat. Die anklagend fragen, wo war der Stern als ich Orientierung gebraucht hätte?

Sie sind so verbittert, so enttäuscht, dass sie den Kopf nicht mehr heben, dass sie den Stern, der ihnen vielleicht jetzt leuchtet, nicht erkennen wollen oder können.

Unsere ausgestreckte Hand „dort“ wird ihnen nicht helfen, allenfalls unsere zärtliche Hilfe, ihren Kopf zu heben.

Wir sind auch in die Pflicht, diesen Stern anderen zu zeigen, sie behutsam an die Hand zu nehmen, damit sie finden, was sie in der Tiefe ihres Herzens suchen

Drei Bücher für den guten Rutsch

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Hat man Ihnen auch einen „guten Rutsch“ gewünscht? Dutzendfach habe ich das in den letzten Tagen immer wieder gehört. Mit „Rutschen“ hat der Wunsch wenig zu tun, eher mit einem hebräischen Wort: Rosh, das Haupt. Rosh ha shana – heißt der Neujahrstag bei den Juden – das Haupt des neuen Jahres. „Der gute Rutsch“ ist also ein guter „Neujahrstag“.

Neujahr – auch kein einfaches Datum. Die Römer verlegten schon 153 v. Chr. den Jahresbeginn vom 1. März auf den 1. Januar. 1691 setzte Papst Innozenz XII. den 1.Januar auch als christlichen Neujahrstag fest. Aber das galt nicht überall: die einen feierten Neujahr am 6.Januar, andere am 25.März, andere zu Ostern.

Immer war es ein Heilsereignis, das als Beginn des Neuen gedeutet wurde: die Erscheinung des Herrn, die Verkündigung des Gottessohnes, das Osterfest, oder am 1.Januar das Fest der Namengebung Jesu. „Jesus, soll mein erstes Wort im neuen Jahr sein“, heißt es in einer Bach-Kantate zum neuen Jahr.

Auch die Liturgie kennt den Neujahrstag als solchen nicht. Deshalb wundert es nicht, dass auch das Brauchtum dieses Tages aus anderen Religionen und Kulturen übernommen wurde:

der Neujahrsbrezel kommt auch aus dem Jiddischen, ein süßes Brot ohne Anfang und Ende, so wie auch Zeit dahinläuft. Mit Feuerwerk und Böllerschießen sollte einerseits militärische Macht demonstriert und auch die bösen Geister vertrieben werden. Der Rausch, den man an Neujahr ausschläft, ist schon bei Cicero nachgewiesen. (Ad Atticum).

Der jüdische Talmud lehrt, dass drei Bücher im Himmel am Neujahrstag eröffnet werden:

  • Das Buch des Lebens der Bösen,
  • das Buch des Lebens der Rechtschaffenen,
  • und das Buch des Lebens derer, die dazwischen sind, der Durchschnittlichen“.

Das Bild des Buches, in dem die Taten der Menschen aufgeschrieben sind, findet sich auch in der christlichen Tradition. Paulus spricht vom „Buch des Lebens“ (Phil 4,3) und auch die Geheime Offenbarung kennt dieses Bild (Offb 20,12) In dem mittelalterlichen Hymnus „Dies irae“ heißt es vom Gericht über die Menschen: Und ein Buch wird aufgeschlagen, ….Treu darin ist eingetragen   Jede Schuld aus Erdentagen.

Drei Bücher.

  1. Das erste das Buch des Lebens der Bösen!

Wir können es wenden wie wir wollen, es gibt das Böse in unserem Leben. Es gibt falsche Entscheidungen, Worte, die verletzen, Taten, die anderen schaden.

Dazu gehört auch die Erfahrung, die Paulus in seinem Römerbrief notiert hat: Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. (Röm 7,19)

Niemand wird vollkommen durch die 365 Tage des neuen Jahres gehen. Hoffentlich finden sich am Ende nur wenige Eintragungen im „Buch des Lebens der Bösen“.

  1. Das Buch des Lebens der Rechtschaffenen

Darin wird eingetragen die Liebe, die wir empfangen und verschenken. Darin wird sich finden, was und gelingt und welche Früchte unserer Bemühungen wir ernten werden. Das, was wir überstehen, und das, was wir meistern werden. Vor allem aber das, was Gott selbst dazu beigetragen hat.

Wir werden uns hoffentlich in vielen Stunden dankbar erleben, als Geschöpfe beschenkt von einem Schöpfer, verflochten in die Gemeinschaft der anderen Geschöpfe.

  1. Das dritte Buch ist das Buch derer, die dazwischen sind, der Durchschnittlichen, der Mittelmäßigen.

In diesem Buch stehen alle die faulen Kompromisse, die wir immer wieder machen, die Vorsätze, zu deren Umsetzung uns die Kraft und der Willen fehlen, die hochgesteckten Ziele, die wir nicht erreichen.

„Mittelmässig“ zu sein – ist wohl das schlimmste Urteil über einen Menschen. „Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ sagt der Engel in der Geheimen Offenbarung der Gemeinde in Laodizea – (Offb 3,15-16)

Wenn es einen Vorsatz für dieses Jahr gibt, dann den: sich nicht mehr zufrieden zu geben mit der Mittelmässigkeit.

Drei Bücher, die am Neujahrstag geöffnet werden.

Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und – wie es am jüdischen Neujahrstag Brauch ist – : „Mögest du für das Gute eingeschrieben und gesiegelt werden”.