Fastentuch

Das Fastentuch 2026 in Dernau hat eine eigene Seite

Denn ein Fastentuch will nicht nur betrachtet werden.
Es will ins Gespräch bringen.
Was sehen Sie?
Was berührt Sie?
Was bleibt vielleicht offen?

Auf der eigenen Seite können Sie Ihre Eindrücke direkt als Kommentar teilen. Ich freue mich über Resonanz – zustimmend, fragend oder weiterführend.

Damit dieses Fastentuch den Raum bekommt, den es verdient, habe ich ihm eine eigene Internetseite eingerichtet: 👉 www.fastentuch-dernau.de

Dort finden Sie Hintergrundgedanken, geistliche Impulse – und auch die Möglichkeit, Ihre eigenen Gedanken zu hinterlassen.

Denn ein Fastentuch will nicht nur betrachtet werden.
Es will ins Gespräch bringen.
Was sehen Sie?
Was berührt Sie?
Was bleibt vielleicht offen?

Auf der eigenen Seite können Sie Ihre Eindrücke direkt als Kommentar teilen.
Ich freue mich über Resonanz – zustimmend, fragend oder weiterführend.
Der Blog hier bleibt weiterhin der Ort für die sonntäglichen geistlichen Texte.
Das Fastentuch aber bekommt seinen eigenen Raum.

Vielleicht schauen Sie vorbei. Und vielleicht entsteht daraus ein kleines Gespräch – über das, was uns in dieser Fastenzeit bewegt.

Fastelovendsminsche wissen „alles hät sing Zick“

Vom Lachen zur Ruhe, vom Karneval zur Fastenzeit, vom Heute zu Ostern.

Ein Gottesdienst am Karnevalssonntag ist immer eine kleine Gratwanderung – zwischen Frohsinn und Ernst, zwischen Maske und Wahrheit.
➡️ Die Predigt wurde in rheinischer Mundart in Dernau/Ahr gehalten. Hier steht die hochdeutsche Fassung zum Nachlesen und am Schluß ein Link zu den zitierten Karnevalsliedern.

Erdbeeren

Zu den schönsten Erinnerungen an meine Kindheit zählt jener jährlich wiederkehrende Abend, an dem der Vater die ersten Erdbeeren aus dem Kleingarten mit nach Hause brachte.

Es war jedes Jahr das gleiche Ritual. Tagelang wurde dieser Augenblick angekündigt und dann schließlich die ersten Früchte aufgeteilt und verspeist. Noch heute habe ich in der Erinnerung den Geschmack dieser Erdbeeren auf der Zunge.

Heute gibt es Erdbeeren zu jeder Jahreszeit. Sogar an Heiligen Abend. Früher musste man auf die Wärme des Frühlings und des Sommers warten, heute gibt es sie das ganze Jahr.
Briefe brauchten ihre Zeit, heute erlauben uns Telefon, WhatsApp und Emails zeitgleich mit allen Erdteilen im Gespräch zu sein.

In der Lesung haben wir gehört: Alles hätt sing Zick!(Alles hat seine Zeit)
Zeit ist unterschiedlich Es gibt die Zeit, die im Flug vergeht – das sind die guten Stunden im Leben, , Stunden des Glücks, besonders Stunden gemeinsam mit einem lieben Menschen. Man meint, diese Zeit dürfte nie zu Ende gehen.

Die kölsche Band Cat Ballou singt:
Du un ich sin für die Ewigkeit bestimmt
Han mir uch nix in dr Täsch, mir maache unsre Wääch
Doch hürst du die Uhr, wie se tick
Alles jeiht su schnell vorbei
Kumm loss uns Jeschichte schrieve, die für immer us jehüre
Für die Ewigkeit

Du und ich sind für die Ewigkeit bestimmt.
Haben wir auch nichts in der Tasche, Wir machen unseren Weg.
Doch hörst du die Uhr, wie sie tickt?
Alles geht so schnell vorbei.
Komm, lass uns Geschichten schreiben, die für immer uns gehören. Für die Ewigkeit.

Und es gibt die Zeit, die dauert und dauert- wenn ich auf jemanden warte oder wenn ich im Examen sitze und mir partout nichts einfallen will, die Zeit, in der ich Schmerzen habe. Zeit, von der man wünscht, sie möge schneller vorbei gehen.

Alles hätt sing Zick – auch der Fastelovend. „Stellt üch vür dä Äschermettwoch wör schon do on et Äschekrüüz köm vellzo fröh dies Johr“, sangen die Bläck Föös vor 20 Jahren. Ävver en nä, wat hammer e Jlöck, et es noch lang net su wigg, denn der Herrjott jitt uns noch e paar Dag Zick; denn alles hätt eben sing Zick.

Stellt euch vor, der Aschermittwoch wäre schon da.
Und das Aschenkreuz käme viel zu früh dieses Jahr.
Aber nein, was haben wir ein Glück. Es ist noch lange nicht soweit.
Denn der Herrgott gibt uns noch ein paar Tage Zeit.

Zick vom Herrjott gemaht -: „Zick kannste dir nit kaufe, för kei Jeld ejal wie vill man hat,“ singen Kasalla auf den Karnevalsbühnen. (Zeit kannst du dir nicht kaufen, für kein Geld, egal wieviel man hat.)

Haben Sie noch das Evangelium im Ohr: Da sagte Jesus zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. 

Das gibt es: man hat keine Ruhe. Viel Arbeit, viel Sorge, viel Angst, viel Frust, viele Menschen, die etwas von einem wollen. Dann tut es gut, wenn einer sagt: Ruh‘ dich ein wenig aus!

Da fällt mir eine Geschichte von Tünnes und Schäl ein:
Weisst Du, Tünnes“, sinniert Schäl vor sich hin, „das Leben heutzutage ist doch eine einzige Hetze. Ich mach da nicht mehr mit. Ich sag mir immer, ’nur Ruhe, Schäl‘. Ich ess langsam, ich geh langsam spazieren, ich fahre langsam mit dem Auto und mit der Arbeit lass ich mir auch Zeit.“„Das ist aber langweilig“, meint Tünnes. „Gibt es denn gar nichts, was bei dir schnell geht?“ Sagt der Schäl: „Oh doch – ich werde sehr schnell müde.“

Zeit, die hat der Herrjott gemacht. Zeit, die gibt es nur auf der Erde; im Himmel gibt es keine Zeit mehr, nur noch Ewigkeit.
Der Rheinländer weiß das und denkt darüber nach:
Wenn du jroos bes und ich nit mieh ben
Ben ich mir sicher, dann kann ich dich sinn
Sing för mich, ich kann dich hüüre.
Mer sinn uns widder – ich jläuv do draan
Mer sinn uns widder – janz sicher irjendwann
Sinn mer uns widder – op d’r andre Sick
Ich waad op dich

Wenn du groß bist und ich nicht mehr bin
Bin ich mir sicher, dann kann ich dich sehen
Sing für mich, dann kann ich dich hören
Wir sehen uns wieder – ich glaube daran
Wir sehen uns wieder – ganz sicher irgendwann
Sehen wir uns wieder – auf der anderen Seite
Ich warte auf dich.

So singt Kasalla – und man meint, man sei beim Requiem in einer Kirche.
Wir in der Erdenzeit und die im Himmel in der Ewigkeit. Das geht zusammen, nicht nur in der Kirche, auch auf den Karnevalsbühnen:
Op die Liebe un et Lävve,
op die Freiheit un dr Dud.
Kumm mer drinke uch met denne die im Himmel sin,
alle Jläser huh!
Alle Jläser zo de Stääne,
denn die Engel die uns fähle stusse jähn
met uns an.

Auf die Liebe und das Leben
auf die Freiheit und den Tod.
Komm, wir trinken auch mit denen, die im Himmel sind,
alle Gläser hoch!
Alle Gläser zu den Sternen,
denn die Engel, die uns fehlen, stoßen gerne mit uns an.

Und Ludwig Sebus fügt hinzu: Ich will üch danze sinn, wenn ich ne Engel bin.
Ich will Euch tanzen sehn, wenn ich ein Engel bin!

Alles hat seine Zeit – am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dann fängt die Fastenzeit an. Sie ist nicht eingeführt, weil wir uns zu viel Winterspeck angefuttert haben, und Diät halten müssen. Sondern weil sie uns vorbereitet auf ein großes Fest, auf Ostern. Das höchste Fest der Christen! Ostern sagt: du brauchst keine Angst zu haben vor dem Tod, denn das Leben geht danach für Dich weiter, ewig, im Himmel, beim Herrgott.
Damit wir ein solches Fest richtig feiern können, heißt es vorher „fasten, verzichten“. Nur wenn ich merke, dass mir etwas fehlt, kann ich mich anschließend wieder daran freuen. Deshalb fasten wir und deshalb wird vorher noch einmal kräftig „op die Tromm gekloppt“.

Wer nicht fastet, kann kaum richtig Karneval feiern. Schon die Heilige Theresa von Avila wusste: Wenn fasten, dann fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn.
Also seid Fastelovendsminsche – denn die wissen „alles hätt sing Zick“ (alles hat seine Zeit!)

Die zitierten Karnevalslieder finden Sie in dieser Playlist:

Fotos: easybienetre/pixelio.de / Peter Strobel/pfarrbriefservice.de
weitere Texte zu diesem Thema:
Januar 2024 – Geistliches – was auffällt, einfällt, zufällt
Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei – Geistliches – was auffällt, einfällt, zufällt
Februar 2021 – Geistliches – was auffällt, einfällt, zufällt

Der Mensch ist ein Gerufener

Manche Entscheidungen im Leben fallen nicht nach langem Abwägen, sondern reifen im Inneren eines Menschen. In den biblischen Texten dieses Sonntags ist von solchen Momenten die Rede: von Dunkelheit und Licht, von Aufbruch und Berufung. Die Predigt geht der Frage nach, was es heute heißt, ein Gerufener zu sein – mitten im Alltag.

Wichtige Entscheidungen im Leben fallen nicht am Schreibtisch und nicht nach langem Abwägen von Pro und Contra, sondern sie reifen im Inneren eines Menschen. Da spürt man plötzlich: Jetzt ist es Zeit. Jetzt muss sich etwas ändern. Jetzt kann ich nicht einfach so weitermachen wie bisher.

Solche Momente kennen wir alle. Sie begegnen uns im beruflichen Leben, in familiären Situationen, im Abschied von einem Menschen oder auch dann, wenn etwas zu Ende geht und noch nicht klar ist, was danach kommen wird. Es sind Augenblicke, in denen das Leben selbst eine Frage an uns stellt.

Die Schriftlesungen sprechen genau von solchen Momenten:
Der Prophet Jesaja richtet sein Wort an ein Volk, das in dunkler Zeit lebt – unter Fremdherrschaft, geprägt von Angst und Unsicherheit. Und gerade in diese Situation hinein sagt er:
„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht.“
Jesaja beschönigt nichts. Aber er hält fest: Gott setzt ein Zeichen. Licht wächst nicht dort, wo alles geordnet ist, sondern dort, wo Menschen Orientierung verloren haben und neu hoffen lernen müssen.

Das Evangelium greift diese Verheißung auf. Matthäus erzählt uns nicht zufällig, warum Jesus Nazareth verlässt. Der Auslöser ist die Gefangennahme Johannes des Täufers – ein Einschnitt, ein Ende. Und genau darin erkennt Jesus: Jetzt ist meine Zeit.

Er zieht nach Kafarnaum, in das Gebiet, von dem Jesaja gesprochen hat, dorthin, wo Menschen auf Licht warten. Jesus beginnt seine öffentliche Wirksamkeit nicht im geschützten Raum einer Synagoge oder gar des Tempels, sondern an den Rändern des Landes. Und er verkündet dort: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe.“

Historisches Foto (ca. 1910): Fischer auf dem See Genezareth
Historisches Foto (ca. 1910): Fischer auf dem See Genezareth

Unmittelbar danach erzählt das Evangelium von der Berufung der ersten Jünger. Jesus begegnet Menschen mitten in ihrem Alltag. Fischer bei der Arbeit. Und er sagt: „Kommt her, mir nach.“

Dass sie ihre Netze liegen lassen, wirkt auf den ersten Blick erschreckend radikal. Es wird klar: Jesus ruft nicht zu einem Zusatzprogramm des Lebens, sondern betrifft das Hauptprogramm..
Nachfolge ist kein Hobby. Sie stellt die Frage nach der Richtung des Lebens. Nicht jeder muss alles hinter sich lassen, aber jeder muss sich fragen lassen: Was bestimmt mein Leben als Christ wirklich?
Und damit sind wir bei uns.

Der Mensch ist ein Gerufener. Wir leben, weil Gott uns ins Leben gerufen hat. Und dieser Ruf ist nicht anonym. Gott ruft nicht eine Masse, sondern den einzelnen Menschen. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“, sagt der Prophet Jesaja.

Berufung heißt nicht, etwas Außergewöhnliches leisten zu müssen, sondern den eigenen Platz im Leben verantwortlich einzunehmen – dort, wo ich stehe.
Kardinal Newman, ein großer Theologe des 19.Jahrhunderts hat es einmal so formuliert: Ich bin berufen, etwas zu tun oder zu sein, wofür kein anderer berufen ist. Ich habe einen Platz in Gottes Ratschluss auf Erden, den kein anderer hat.

Aber wie findet ich meinen Platz in Gottes Heilsplan oder besser, wo höre ich Gottes Ruf? Die Antwort, die das Evangelium gibt: in deinem Alltag – so wie er auch die Jünger in ihrem Fischeralltag am See Genezareth antrifft und ruft.
Ich werde ihn gewahr,
wenn ich bereit bin, mein Leben anders zu leben als nach den Prinzipien dieser Welt,
wenn ich bereit bin, zu akzeptieren, dass dieser Ruf mein ganzes Leben betrifft und nicht nur den Feierabend,
wenn ich lerne, Veränderungen in meinem Leben auch zu deuten als Augenblicke, in denen der Ruf Gottes hörbar werden will.

Dabei ist die eigentliche Frage nicht, ob Gott ruft, sondern ob wir bereit sind, darauf zu antworten. Oft reagieren wir ausweichend. Wir sagen: später. Oder: jetzt passt es gerade nicht. Oder: ich habe doch schon genug getan. Und manchmal richten wir uns sehr gut ein in einem Leben, das funktioniert, und überhören dabei den Ruf, der uns weiterführen möchte.

Vielleicht liegt die größte Gefahr für den Glauben heute nicht im offenen Widerstand gegen Gott, sondern in einem ruhigen, gut organisierten Weiterleben, als hätte er uns nichts zu sagen.

Werner Bergengrün hat es einmal so formuliert: „Ein Wort, ein Blick, ein Lächeln kann eine Brücke sein für den Herrn, der immer im Kommen ist“.
Es gilt das Wort zu hören und das Lächeln zu sehen – und richtig zu deuten. Und: unsere Netze wirklich einmal liegen zu lassen und aufzubrechen

Lass es nur zu!

Mit diesen wenigen Worten nimmt Jesus Johannes dem Täufer die Einwände aus der Hand – und eröffnet einen neuen Blick auf Gott und auf unser eigenes Leben.
Das Fest der Taufe des Herrn ist mehr als ein liturgischer Schlusspunkt der Weihnachtszeit: Es ist eine Einladung, Gottes Nähe zu entdecken, Kontrolle loszulassen und Hoffnung zu wagen – nicht als naiven Optimismus, sondern als Vertrauen, das auch durch dunkle Wasser trägt.

Weihnachten liegt hinter uns.
Die vertrauten Gestalten sind verschwunden, die Erzählung ist abgeschlossen.
Auch wir sind wieder im Alltag angekommen: Termine, Arbeit, Schule – ein neues Jahr hat begonnen.
Was bleibt von Weihnachten? Was nehmen wir mit?

Das heutige Fest der Taufe Jesu ist wie eine Zusammenfassung der letzten Wochen, ein großer Schlussakkord und zugleich wie eine Ouvertüre. Verbinden wir unsere Gedanken mit drei Wünschen für dieses Jahr, das ja noch am Anfang steht.

  • Gott mit uns

    Schauen wir auf die Szene am Jordan. Zu Hunderten sind die Menschen gekommen, um sich taufen zu lassen von Johannes, dem großen Prediger der Wüste. Menschen aus wohl ganz unterschiedlichen Gegenden, mit ganz unterschiedlichen Erwartungen und auch Hoffnungen.

    Jesus reiht sich ein in die Schar – so, als ob er sagen wollte: Ich bin einer von euch. Ich kenne eure Hoffnungen und eure Abgründe. Ich weiß um das Leid, das Menschen trifft – unverschuldet, oft unaussprechlich.
    Darum bin ich hier..
    Ja, ich weiß, wie oft ihr alle unterwegs seid und Ausschau haltet, nach Gesundheit, nach Heilung, nach Wunder, nach Frieden, Freude und Glück.

    Jesus, der Herr, reiht sich ein unter uns Menschen: Ein großartiges Bild der tiefen Solidarität Gottes mit den Menschen. Hier wird schon deutlich, was der Engel dem Josef im Traum gesagt hat: Sein Name wird sein Immanuel – Gott mit uns!

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses Mit-sein Gottes in diesem Jahr immer wieder erfahren.

    • Lass es nur zu

    Jesus kommt zu Johannes, um sich taufen zu lassen. Aber der Täufer wehrt ab: „Ich müsste von Dir getauft werden“. Der Täufer repräsentiert den logisch denkenden Menschen, der klar erkennt, eigentlich müsste es umgekehrt sein.

    Wie kann sich Jesus von mir taufen lassen. Gewiss darüber kann man lange spekulieren, aber statt lange Diskussion zu führen, sagt Jesus, fast zärtlich: „Lass es nur zu!“

    Das Wort schmeckt einem logisch denkenden Menschen nicht, denn es nimmt uns das Heft aus der Hand. „Geschehen lassen“, wo wir doch am liebstes alles selbst bestimmen und nicht gerne über uns verfügen lassen.
    Das öffentliche Wirken Jesu beginnt damit, dass Gottes Wille erfüllt wird und dies geschieht im Zulassen.

    Ich kenne Menschen, die erfahren haben: Erst als sie aufgehört haben, alles erzwingen zu wollen, wurde ein neuer Weg möglich – anders als gedacht, aber tragfähig.
    Vielleicht kennen sie ähnliche Beispiele aus Ihrer Biografie oder aus dem Leben Ihrer Freunde und Bekannte. Wenn wir unseren eigenen Willen lassen, und Gottes Willen zulassen, verändert sich unser Leben, wird das Heil möglich.

    Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, sich dem Willen Gottes zu öffnen, ihn zuzulassen.

    • Hoffnung statt Optimismus

    Auf einer griechischen Ikone wird die Taufe Jesu im Jordan dargestellt. Man sieht eine enge Schlucht ab. Zwischen zwei schroff abfallenden Felsen erscheinen in der Tiefe die dunklen, fast schwarzen Fluten des Jordan. In diesen Schlund taucht Jesus ein, gleichsam in die dunkle Tiefe unserer Welt.

    Dorthin ist der Sohn Gottes hinabgestiegen. Er hat die dunkle Realität unseres Lebens und unserer Welt mit all ihrer Zerrissenheit und Bodenlosigkeit mit Haut und Haaren angenommen. Jesus wird getauft mit den Wassern dieser Wirklichkeit. Mit allen Wassern dieser Welt wird er gewaschen, indem er eintaucht in die Abgründe dieses Lebens.

    Aber er taucht nicht nur hinab, sondern er steigt auch wieder hinauf. „Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel!“ Die Taufe, jede Taufe ist ein Augenblick der Hoffnung. Der offene Himmel ist kein Augenblicksereignis, sondern ist die Zusage an den getauften Jesus, an jeden Getauften: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“

    Ich wünsche Ihnen, dass der Himmel immer für Sie offen bleibt und dass das Wort: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter“ für Sie zur Quelle Ihrer Hoffnung wird.

    Aus Zehn mach eins

    Siegel der neuen Gemeinde Ahr-Eifel
    Siegel der neuen Pfarrei

    Zehn Gemeinden werden eine.
    Was nach Verwaltung klingt, berührt etwas Existenzielles: Heimat, Verantwortung, Zukunft von Kirche vor Ort.
    Diese Predigt ist in einer konkreten Situation entstanden – und stellt eine Frage, die viele Gemeinden heute umtreibt:
    Warten wir auf Entscheidungen von oben – oder gestalten wir Kirche selbst?

    Wir stehen auf den Schultern anderer.
    Die Forscherin lebt von den Erkenntnissen, die andere vor ihr gewonnen haben.
    Politiker profitieren von dem, was ihre Vorgänger aufgebaut haben.
    Kinder wachsen in dem auf, was Eltern ihnen ermöglichen.
    Schülerinnen und Schüler lernen von dem, was Lehrerinnen und Lehrer weitergeben.
    Und wir als Glaubende stehen auf dem Glauben derer, die vor uns waren.
    Auch hier. An diesem Ort!

    Unser Dorf ist alt. Über 1100 Jahre alt.
    Und diese Pfarrei hat im letzten Jahr 925 Jahre gefeiert.
    Das ist eine lange Geschichte – länger, als unsere Erinnerungen reichen. Die meisten von uns kommen vielleicht bis 1900 zurück. Weiter nicht.
    Und doch stehen wir heute auf dem, was Generationen vor uns getragen haben.
    Am Neujahrstag gab es eine große Zäsur: die Pfarrei wurde nach 925 Jahren aufgelöst und Teil der neuen Pfarrei St.Andreas, Ahr-Eifel.
    Die meisten hier im Ort werden gar nicht bemerken, dass sie jetzt keine Pfarrei, sondern nur noch ein Bezirk sind. Und seitdem hier kein Pastor mehr wohnt, hat sich eh schon vieles verändert.

    Wie es jetzt weitergeht, hängt wesentlich von Ihnen ab. Nicht zuerst von Trier, nicht vom Dekan, nicht von hauptamtlichen Kräften. Kirche in Dernau lebt davon, dass Menschen in Dernau Verantwortung übernehmen..
    Für die Eucharistie brauchen Sie einen Priester.
    Für manche Sakramente einen Diakon.
    Aber das Leben der Gemeinde – das Gebet, das Miteinander, das Weitergeben des Glaubens – das liegt in Ihren Händen.

    Ich höre von den mühsamen Prozessen im Vorfeld der Bildung der neuen Pfarrei. Da hat man die Einwohnerzahlen gegeneinander aufgerechnet, da hat man dieses oder jenes verlangt. Was kriegen wir? Was kriegen die?
    Ich komme von außen hier in die Pfarrei und ich prophezeie Ihnen: wenn das Aufrechnen das neue Miteinander in der Pfarrei wird, dann macht in ein paar Jahren der letzte das Licht in Dernau und an vielen anderen Orten auch aus.

    Das Ahrtal mit seinen Bergdörfern hat nach der Flut ein großes Zeugnis der Solidarität und des Miteinanders abgelegt. Da ging es nicht darum, kommst Du aus Dernau oder aus Krälingen oder aus Staffeln oder Altenahr. Da ging es drum, wie können wir diese große Katastrophe gemeinsam bewältigen.
    Wenn wir aus diesem Geist des Miteinanders heraus, die neue Pfarrei gestalten, dann hat diese Pfarrei St.Andreas eine gute Zukunft.

    Dernau hat – neben Altenahr – in der neuen Pfarrei ein echtes Privileg: eine regelmäßige Sonntagsmesse um 11 Uhr. Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Auf diesem Privileg könnten wir uns ausruhen.
    Besser aber wäre es: Dieses Privileg weitet unseren Blick.
    Für Rech und Mayschoss und all die anderen Orte.
    Sie sollen wissen und erleben: Unsere Türen stehen offen und wir heißen sie gastfreundlich willkomen.  Und wir selbst müssen bereit sein, auch zu ihnen zu gehen.

    Die neue Struktur bietet auch die Chance für ein neues Miteinander hier im mittleren Tal. Das kann nicht von oben verordnet werden, das geht nur von unten! Das geht auch nur, wenn die alten Ressentiments, die schon die Großväter gegeneinander hatten, in die Mottenkiste der Geschichte gelegt werden.

    Dass das gelingen kann, erlebe ich auch an anderer Stelle.
    Anfang des Advents habe ich mit dem Erzbischof von Berlin über die Pastoral in seinem Bistum gesprochen. Er hat Pfarreien, die sind riesig. – teilweise mit einem Durchmesser von 70 und mehr Kilometern. Vor Ort gibt es oft nur wenige Christen.
    Bischof Koch sagte mir: Unser Prinzip ist, die Leute vor Ort sind überzeugt: wir sind Kirche vor Ort!
    Ein tolles Prinzip: Wir sind Kirche vor Ort. Wir warten nicht auf die da oben in Trier, in Ahrweiler oder Altenahr. Wir sind Kirche in Dernau.

    Wir sorgen uns, dass hier miteinander gebetet und das Wort Gottes gehört wird.Wir sorgen uns, dass es bei uns fähige Leute, gibt, die andere beerdigen.
    Wir sorgen dafür, dass die Kinder hier etwas über den Glauben erfahren.
    Um ein paar Beispiel zu nennen.

    925 Jahre sind zu Ende gegangen.
    925plus hat begonnen.
    Es geht weiter – anders.
    Und wir, Sie und ich mache dabei gerne mit, wir gestalten das mit.

    Fragen wir also nicht zuerst:
    Was muss diese neue Pfarrei für uns tun?
    Sondern:
    Was können wir gemeinsam für diese neue Pfarrei tun?

    Gott zeltet mitten unter uns

    Weihnachten erzählt von einem Gott, der nicht fern bleibt, sondern sein Zelt mitten unter uns aufschlägt.
    Zwischen Angst und Hoffnung, Bitterkeit und Kostbarkeit unseres Lebens wird sichtbar:
    Gott ist da – gefährlich nahe. Eine Weihnachtspredigt über Nähe, Trost und den Mut, aufzubrechen.

    Weihnachten ist und bleibt das Lieblingsfest der Deutschen. Mit hohen Erwartungen. Mit manchem Frust. Mit vielen Traditionen. Gutes Essen gehört dazu, Geschenke, Familie, Freunde – und doch ist da mehr. Sonst wären wir heute Morgen nicht hier. Wir spüren: Da muss mehr sein

    Aber zuerst einmal gibt es eine Enttäuschung: es ist hier nicht anders als letztes Jahr und alle Jahre zuvor. Immer dieselbe Geschichte von dem Kind, dessen Eltern keine Unterkunft fanden, das in einem Stall geboren wurde und zu dessen Geburt Weise aus dem Morgenland kamen, um zu gratulieren.
    Immer dieselbe Geschichte – hier drinnen. Jahr für Jahr. Vertraut. Fast schon abgenutzt.

    Draußen aber weihnachtet nichts! Von wegen „Fürchtet Euch nicht!“ Die Menschen fürchten sich.
    Vor Krieg und Gewalt.
    Vor Machthabern, denen man nicht mehr trauen kann.
    Vor dem, was aus unserer Welt noch werden soll.
    Und auch bei uns: viel Verzagtheit, viel Klagen – obwohl es vielen nicht schlecht geht.
    Weihnachten 2025.

    Das ist die Welt, wie sie ist – unsere Welt.
    Und genau diese Welt bringen wir heute mit in diese Kirche. Da drüben steht die große Krippe mit viel Engagement und Liebe von 19 Männern und Frauen in den letzten Wochen aufgebaut wurde. Aber hier vor dem Altar steht ein Zelt. Wer hat sich das denn ausgedacht?

    Wir nicht! Es war unser Pfarrpatron, der Heilige Apostel und Evangelist Johannes. Er kennt in seinem Evangelium die bilderreiche Geschichte vom Stall, den Hirten und den Königen nicht.
    Er schreibt stattdessen fast schon nüchtern – wir haben es selbst gehört: Und das Wort (Gottes) ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

    Wenn man nachschaut im griechischen Originaltext übersetzt, steht da: Und das Wort (Gottes) ist Fleisch geworden und hat unter uns gezeltet, hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen.
    Dieses Wort des Johannes-Evangeliums hat uns bewogen, im Advent ein Zelt hier vorne aufbauen zu lassen, in das wir eben das Kind gelegt haben. Nicht gebettet auf Heu und auf Stroh, sondern beschützt von den Zeltplanen.

    Gott im Zelt – das sprengt unsere Vorstellungen.
    Eine ungeheuerliche Behauptung: der Gott Israels war nämlich nicht einer dieser griechischen Gottheiten, zu deren Vergnügungen es gehörte, gelegentlich in Menschengestalt zu erscheinen.
    Der Gott des alten Israel ist der Schöpfer der Welt, der Gesetzgeber der Zehn Gebote, den man nicht anschauen darf. Deshalb sagt Johannes: „Niemand hat Gott je gesehen“ (1,18) und behauptet im gleichen Zusammenhang: er ist Mensch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen.

    Gott – nicht fern und unerreichbar,
    sondern mitten unter uns.
    Als einer von uns. Von den Windeln bis zum Leichentuch.

    In Jesus zeltet Gott mitten unter uns.
    So nah kommt Gott uns. Man möchte fast sagen „gefährlich nahe“. Der zeltende Gott – das ist keine schöne Kulisse wie so manche Krippenlandschaft, vor der sich das Leben abspielt, sondern das greift mitten hinein in unser Leben.

    Vor dem Zelt hier vorne stehen drei Dinge:
    Eine Schale mit Myrrhe, ein Weihrauchfass und eine Schale mit Gold. Gaben, die wir mit den drei Königen, den drei Weisen in Verbindung bringen. Sie werden hier zu Zeichen für unser Leben:

    Die Myrrhe steht für das Bittere in unserem Leben. Für alle die Dinge, die ganz schön quälen und auf der Seele liegen können. Ich denke an das Leid, das wir erfahren. An Enttäuschungen und Verwundungen, die nicht heilen wollen. An Fragen und Zweifel, die uns umtreiben. An das, was im Alltag schwer auf uns lastet. Auf den ersten Blick passt das alles nicht zu dem Fest – und doch darf es jetzt hier sein. Es hat Platz vor diesem Zelt, nein in diesem Zelt –

    Weihrauch war in der Antike kostbarer und teurer als Gold. Wenn er angezündet wird, verteilt er sich schnell im ganzen Raum und riecht sehr intensiv. Gerüche sind in unserer Welt sehr wichtig.
    Wir sind Christi Wohlgeruch„, sagt Paulus in seinem 2.Korintherbrief – ein ungeheurer Anspruch. Er meint damit, wir Christen duften nach dem Evangelium. Er meint nicht den Duft eines Parfüms, das schnell verfliegt, sondern etwas Bleibendes, was die eigene Welt erfüllt.
    In unserer Welt stinkt so vieles zum Himmel. Und genau deshalb traut Gott uns zu: Ihr könnt etwas verändern. In euren Familien. In euren Beziehungen. Am Arbeitsplatz. Durch euer Verhalten kann aus Gestank ein Wohlgeruch werden.

    Als Zeichen von Reichtum und Macht schreibt Gold seit Jahrtausenden Geschichte. Gold ist kostbar und verführerisch: denn wer sich von der „Kostbarkeit“ des Materiellen blenden lässt, vergisst schnell, dass das Leben das „kostbarste“ ist, was uns Menschen geschenkt ist.
    Dieses Gold sagt uns: „Du Mensch, du bist kostbar!“
    In all‘ unserer Gebrechlichkeit, unserer Begrenztheit, mit allen Fehlern, Schwächen, Unzulänglichkeiten, gilt doch: unser Leben hat einen Wert, der mit keinem Gold dieser Welt aufzuwiegen ist.
    Der Wert des menschlichen Lebens wird an Weihnachten ein für allemal offenbar. Seit der Menschwerdung Gottes hat das menschliche Leben einen göttlichen Wert.

    Gott zeltet mitten uns -aber nicht um Camping-Urlaub zu machen, sondern um mit uns unterwegs zu sein.
    Das Zelt Gottes unter uns Menschen will durch uns weit gemacht werden für die Menschen – damit sie darin eine Bleibe finden und in den Stürmen des Lebens nicht allein sind

    Es tut gut, an der Krippe anzukommen – mit allem, was unser Leben ausmacht.
    Aber wir können nicht bleiben.
    Wir werden aufbrechen müssen: zu den Menschen –
    mit einem Gott, der bei uns bleibt
    und uns nicht von der Seite weicht.

    Wilffried Schumacher - vor Dernau

    Ich wünsche Ihnen allen von Herzen Gesegnete Weihnachten,
    eine ruhige Zeit zwischen den Jahren
    und ein gutes Jahr 2026.
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    Ich freue mich, wenn du mitliest und dabei bist.