Vom Lachen zur Ruhe, vom Karneval zur Fastenzeit, vom Heute zu Ostern.
Ein Gottesdienst am Karnevalssonntag ist immer eine kleine Gratwanderung – zwischen Frohsinn und Ernst, zwischen Maske und Wahrheit.
➡️ Die Predigt wurde in rheinischer Mundart in Dernau/Ahr gehalten. Hier steht die hochdeutsche Fassung zum Nachlesen und am Schluß ein Link zu den zitierten Karnevalsliedern.

Zu den schönsten Erinnerungen an meine Kindheit zählt jener jährlich wiederkehrende Abend, an dem der Vater die ersten Erdbeeren aus dem Kleingarten mit nach Hause brachte.
Es war jedes Jahr das gleiche Ritual. Tagelang wurde dieser Augenblick angekündigt und dann schließlich die ersten Früchte aufgeteilt und verspeist. Noch heute habe ich in der Erinnerung den Geschmack dieser Erdbeeren auf der Zunge.
Heute gibt es Erdbeeren zu jeder Jahreszeit. Sogar an Heiligen Abend. Früher musste man auf die Wärme des Frühlings und des Sommers warten, heute gibt es sie das ganze Jahr.
Briefe brauchten ihre Zeit, heute erlauben uns Telefon, WhatsApp und Emails zeitgleich mit allen Erdteilen im Gespräch zu sein.
In der Lesung haben wir gehört: Alles hätt sing Zick! – (Alles hat seine Zeit)
Zeit ist unterschiedlich Es gibt die Zeit, die im Flug vergeht – das sind die guten Stunden im Leben, , Stunden des Glücks, besonders Stunden gemeinsam mit einem lieben Menschen. Man meint, diese Zeit dürfte nie zu Ende gehen.
Die kölsche Band Cat Ballou singt:
Du un ich sin für die Ewigkeit bestimmt
Han mir uch nix in dr Täsch, mir maache unsre Wääch
Doch hürst du die Uhr, wie se tick
Alles jeiht su schnell vorbei
Kumm loss uns Jeschichte schrieve, die für immer us jehüre
Für die Ewigkeit
Du und ich sind für die Ewigkeit bestimmt.
Haben wir auch nichts in der Tasche, Wir machen unseren Weg.
Doch hörst du die Uhr, wie sie tickt?
Alles geht so schnell vorbei.
Komm, lass uns Geschichten schreiben, die für immer uns gehören. Für die Ewigkeit.
Und es gibt die Zeit, die dauert und dauert- wenn ich auf jemanden warte oder wenn ich im Examen sitze und mir partout nichts einfallen will, die Zeit, in der ich Schmerzen habe. Zeit, von der man wünscht, sie möge schneller vorbei gehen.
Alles hätt sing Zick – auch der Fastelovend. „Stellt üch vür dä Äschermettwoch wör schon do on et Äschekrüüz köm vellzo fröh dies Johr“, sangen die Bläck Föös vor 20 Jahren. Ävver en nä, wat hammer e Jlöck, et es noch lang net su wigg, denn der Herrjott jitt uns noch e paar Dag Zick; denn alles hätt eben sing Zick.
Stellt euch vor, der Aschermittwoch wäre schon da.
Und das Aschenkreuz käme viel zu früh dieses Jahr.
Aber nein, was haben wir ein Glück. Es ist noch lange nicht soweit.
Denn der Herrgott gibt uns noch ein paar Tage Zeit.
Zick vom Herrjott gemaht -: „Zick kannste dir nit kaufe, för kei Jeld ejal wie vill man hat,“ singen Kasalla auf den Karnevalsbühnen. (Zeit kannst du dir nicht kaufen, für kein Geld, egal wieviel man hat.)
Haben Sie noch das Evangelium im Ohr: Da sagte Jesus zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.
Das gibt es: man hat keine Ruhe. Viel Arbeit, viel Sorge, viel Angst, viel Frust, viele Menschen, die etwas von einem wollen. Dann tut es gut, wenn einer sagt: Ruh‘ dich ein wenig aus!
Da fällt mir eine Geschichte von Tünnes und Schäl ein:
Weisst Du, Tünnes“, sinniert Schäl vor sich hin, „das Leben heutzutage ist doch eine einzige Hetze. Ich mach da nicht mehr mit. Ich sag mir immer, ’nur Ruhe, Schäl‘. Ich ess langsam, ich geh langsam spazieren, ich fahre langsam mit dem Auto und mit der Arbeit lass ich mir auch Zeit.“„Das ist aber langweilig“, meint Tünnes. „Gibt es denn gar nichts, was bei dir schnell geht?“ Sagt der Schäl: „Oh doch – ich werde sehr schnell müde.“
Zeit, die hat der Herrjott gemacht. Zeit, die gibt es nur auf der Erde; im Himmel gibt es keine Zeit mehr, nur noch Ewigkeit.
Der Rheinländer weiß das und denkt darüber nach:
Wenn du jroos bes und ich nit mieh ben
Ben ich mir sicher, dann kann ich dich sinn
Sing för mich, ich kann dich hüüre.
Mer sinn uns widder – ich jläuv do draan
Mer sinn uns widder – janz sicher irjendwann
Sinn mer uns widder – op d’r andre Sick
Ich waad op dich
Wenn du groß bist und ich nicht mehr bin
Bin ich mir sicher, dann kann ich dich sehen
Sing für mich, dann kann ich dich hören
Wir sehen uns wieder – ich glaube daran
Wir sehen uns wieder – ganz sicher irgendwann
Sehen wir uns wieder – auf der anderen Seite
Ich warte auf dich.
So singt Kasalla – und man meint, man sei beim Requiem in einer Kirche.
Wir in der Erdenzeit und die im Himmel in der Ewigkeit. Das geht zusammen, nicht nur in der Kirche, auch auf den Karnevalsbühnen:
Op die Liebe un et Lävve,
op die Freiheit un dr Dud.
Kumm mer drinke uch met denne die im Himmel sin,
alle Jläser huh!
Alle Jläser zo de Stääne,
denn die Engel die uns fähle stusse jähn
met uns an.
Auf die Liebe und das Leben
auf die Freiheit und den Tod.
Komm, wir trinken auch mit denen, die im Himmel sind,
alle Gläser hoch!
Alle Gläser zu den Sternen,
denn die Engel, die uns fehlen, stoßen gerne mit uns an.
Und Ludwig Sebus fügt hinzu: Ich will üch danze sinn, wenn ich ne Engel bin.
Ich will Euch tanzen sehn, wenn ich ein Engel bin!
Alles hat seine Zeit – am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dann fängt die Fastenzeit an. Sie ist nicht eingeführt, weil wir uns zu viel Winterspeck angefuttert haben, und Diät halten müssen. Sondern weil sie uns vorbereitet auf ein großes Fest, auf Ostern. Das höchste Fest der Christen! Ostern sagt: du brauchst keine Angst zu haben vor dem Tod, denn das Leben geht danach für Dich weiter, ewig, im Himmel, beim Herrgott.
Damit wir ein solches Fest richtig feiern können, heißt es vorher „fasten, verzichten“. Nur wenn ich merke, dass mir etwas fehlt, kann ich mich anschließend wieder daran freuen. Deshalb fasten wir und deshalb wird vorher noch einmal kräftig „op die Tromm gekloppt“.
Wer nicht fastet, kann kaum richtig Karneval feiern. Schon die Heilige Theresa von Avila wusste: Wenn fasten, dann fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn.
Also seid Fastelovendsminsche – denn die wissen „alles hätt sing Zick“ (alles hat seine Zeit!)

Die zitierten Karnevalslieder finden Sie in dieser Playlist:
Fotos: easybienetre/pixelio.de / Peter Strobel/pfarrbriefservice.de
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