Das Warten nicht verlernen

Advent im Einkaufszentrum

Advent ist die Zeit des Wartens – eigentlich. Doch was bleibt davon übrig, wenn wir durch Lichterglanz und Termindruck hetzen? Ein Impuls, der ermutigt, sich nicht treiben zu lassen und neu zu entdecken, worauf wir wirklich warten.

Stell dir vor, es ist Advent und keiner wartet. Dieser abgewandelte Szenespruch passt auf die Wochen, die vor uns liegen – so wie wir sie vielerorts erleben. Statt geduldigem Warten begegnet uns überall hektische Betriebsamkeit. Vieles muss noch vor Jahresende erledigt werden, die Festvorbereitungen nehmen uns in die Pflicht, die Termine der „besinnlichen Stunden“ häufen sich – und doch kommt kaum jemand zur Besinnung. Es wartet niemand, höchstens auf die rechtzeitige Lieferung der eigenen Weihnachtsbestellungen.

Auch die Straßen unserer Städte vermitteln kaum Atmosphäre der Erwartung. Das Glitzern und Leuchten ihrer Dekorationen begrüßt eher einen bereits angekommenen Herrscher: „König Kunde“. Gewartet wird allenfalls an den Ladenkassen auf den Feierabend, wenn das Geld in den Kassen klingelt – süßer als alle Weihnachtsglocken. Viele sehnen die Festtage herbei, weil sie endlich Raum zum Atemholen schenken, den Stress zwischen Einkauf und Umtausch für einige Stunden unterbrechen.

So erleben wir den Advent – jedes Jahr aufs Neue. Und jedes Jahr nehmen es sich viele vor: Dieses Jahr wird es anders. Weniger Hektik, kleinere Geschenke, mehr Zeit füreinander und für die Besinnung. Vielleicht tragen wir alle tief in uns ein Vor-Bild davon, wie diese Zeit des Wartens eigentlich aussehen müsste.

Warten – das wissen wir – erfordert Geduld und Konzentration. Wir können nichts anderes tun, als auszuharren; deshalb wird die Zeit uns oft so lang. Ob jemand kommt und wann jemand eintrifft, bestimmt nicht der Wartende. Warten erfordert Gelassenheit, die wächst, je sicherer ich bin, dass es sich lohnt.

So tritt uns am 1. Adventssonntag die Kirche mit einer Frohbotschaft gegenüber: Euer Warten lohnt sich, denn ER kommt. Und dabei ist nicht nur das Ereignis von Bethlehem gemeint, dem die Aufgeregtheit dieser Wochen gilt. Es geht um das Kommen des Menschensohnes, der in das Chaos der Welt tritt – nicht um Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern um zu richten, aufzurichten und in Ordnung zu bringen.

Dabei ist nicht nur der Kosmos im Großen gemeint: Auch meine kleine Welt mit ihrer ganz persönlichen Unordnung wird von ihm berührt werden. Die Sorgen des Alltags müssen mich angesichts dessen nicht verwirren; sie würden das Durcheinander nur vergrößern.
Er wird kommen und alles richten. Deshalb lohnt sich das Warten.

Wir brauchen den Advent – damit wir nicht vergessen, worauf wir warten, und damit wir das Warten nicht verlernen.


Gottes Melodie in uns – Gedanken zum Patronatsfest der Kirchenmusik

Wie klingt Gottes Melodie in unserem Leben?
Zum Patronatsfest der Kirchenmusik erinnert diese Predigt an die tiefe Kraft des Singens: Musik als Liebeserklärung an Gott, als Lebensmelodie, die uns trägt – im Chor wie im Alltag. Augustinus und Ignatius von Antiochien führen uns hinein in ein Hören, das unser Herz weitet und unseren Glauben zum Klingen bringt.

Heute feiern wir Christkönig. Und gestern war der Gedenktag der heiligen Cäcilia. Sie gilt seit dem Mittelalter als Patronin der Kirchenmusik.
Ist Musik überhaupt nötig im Gottesdienst? Ist es nötig, dass wir eine Orgel haben, einen Chor? Streng genommen: notwendig ist sie nicht. Die Messe ist gültig ohne Orgel, ohne Chor.
Trotzdem möchten wir die Musik nicht missen. Warum wohl?

Musik gehört zu den Grundäußerungen des Menschen. Er kann damit seine Gefühle ausdrücken: Liebe ebenso wie Hass, Freude ebenso wie Trauer.
Schon die kleinen Kinder fangen an, zu singen, oft wenn sie sich unbeobachtet fühlen.
Und wir Erwachsenen müssen zugeben, ohne Musik wäre das Leben ganz schön fad.
Wenn wir die Bibel schauen, müssen wir feststellen, dass immer dann, wenn etwas Besonderes geschieht, Musik eine große Rolle spielt:

  • Als Israel aus Ägypten befreit wurde, heißt es im Buch Exodus: „Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer.“ (Ex 15)
  • Können Sie sich Weihnachten vorstellen ohne den Gesang der Engel auf den Feldern Bethlehems.
  • Als der verlorene Sohn wieder nach Hause kam, feierte der Vater für ihn ein großes Fest. Von seinem älteren Bruder wird erzählt, dass er „von der Feldarbeit heimkam und Musik und Tanz hörte“.(Lk 15)

Auch die Engel im Himmel singen und wir ihnen. Jeden Sonntag, wenn wir Gottesdienst feiern, heißt es am Ende der Präfation: „darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln, mit all den Scharen des himmlischen Heeres, den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit.“

Unsere Sängerinnen und Sänger und ihr Chorleiter stehen damit in einer großen Tradition.
Allerdings stehen sie auch unter einem Anspruch. Der heilige Augustinus hat wunderschöne Worte über die Musik gefunden: cantare amantis es schreibt er an einer Stelle, das heißt übersetzt Singen ist Sache der Liebenden.
Kirchenmusik ist also nicht nur festliche Dekoration eines Gottesdienstes, sondern letztlich eine Liebeserklärung, unsere Liebeserklärung, die der Chor gekonnt in Wort und Melodie umsetzt.

In einer Predigt über Psalm 149 sagt Augustinus: „Ihr wollt Gottes Lob singen? Seid, was ihr singt. Ihr seid sein Loblied, wenn ihr recht lebt. Singt mit der Stimme, singt mit dem Herzen, singt mit dem Mund, singt mit dem Leben.“
Das ist schon ein Anspruch, den der Heilige Augustinus hier an die Sängerinnen und Sänger adressiert.

Aber, wenn wir heute über die Kirchenmusik nachdenken, geht es nicht nur um die Leute oben auf der Orgelempore und wir hier unten könnten uns bequem zurücklehnen. Es geht auch um uns alle.

Jedes Musikstück lebt von einer Melodie, sieben Noten zählt die Tonleiter. Unsere Ohren erzählen uns, was man damit alles machen kann. Die Vielzahl der Melodien, die auf Erden erklingen, ist wohl unzählbar.

Ignatius von Antiochien lebte zu Beginn des zweiten Jahrhunderts. Er wurde verhaftet und zur Hinrichtung nach Rom gebracht. Unterwegs schrieb er einige Briefe an die Gemeinden in Kleinasien.
In einem dieser Briefe lesen wir seine Aufforderung: „nehmt Gottes Melodie in euch auf“.
Ignatius war überzeugt, dass Gott jedem von uns eine Lebensmelodie zugedacht hat, ein Thema mit vielen Variationen – sein Lebensmotiv für uns. Wenn jeder die ihm zugedachte Melodie Gottes wirklich hört und in sich aufnimmt, dann wird der Zusammenklang aller Stimmen eine Symphonie.

Was ist Gottes Melodie für mich?
Ich höre sie nur, wenn ich still werde. Allerdings kann ich sie nicht auswendig lernen, denn das Lied geht immer weiter. Es wechselt im Lauf des Lebens die Tonart und sein Tempo, es bleibt immer neu, ist immer überraschend. Letztlich ist es ein Liebeslied, das Liebeslied Gottes für mich.

Was ist Gottes Melodie für mich? Manchmal ist sie mir unheimlich fremd, wie ein Missklang, nur schwer nachzusingen, nachzuleben. Dann tröstet mich der Gedanke, dass meine Lebensmelodie erst im Zusammenhang und im Zusammenklang mit den andern einen Wohlklang ergibt.

Wir können unseren Sängerinnen und Sängern dankbar Beifall schenken. Und wir können ihr Fest heute auch zum Anlass nehmen, wieder neu auf Gottes Melodie in uns zu horchen. Das wäre die schönste Ehre für die Frauen und Männer da oben auf der Empore.

Der Clown, das Feuer und wir.

Ein Clown warnt vor einem brennenden Zirkus – und niemand glaubt ihm.
Kierkegaards Geschichte hilft, Maleachis Worte neu zu hören:
Was muss in unserem Leben ins Feuer,
und was darf im Licht der Gerechtigkeit bestehen?
Gedanken am Volkstrauertag.

Clown vor brennendem Zirkus

Ein Reisezirkus war in Dänemark in Brand geraten. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon für die Vorstellung geschminkt war, ins benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen. Denn das Feuer drohte über die ausgetrockneten Felder hinweg auch das Dorf zu erfassen. Der Clown rannte hinüber und rief die Menschen verzweifelt zur Hilfe. Doch die Dörfler hielten sein Flehen für einen besonders gelungenen Werbegag. Sie lachten, applaudierten und fanden, er spiele seine Rolle hervorragend.

Der Clown jedoch war den Tränen nahe. Er beschwor sie, dass es bitterer Ernst sei – aber sein Drängen vergrößerte nur das Gelächter. Bis das Feuer wirklich übergriff. Da war jede Hilfe zu spät. Zirkus und Dorf verbrannten gleichermaßen.

Kierkegaard erzählt diese Geschichte – und sie klingt erschreckend modern.
Denn dieser Clown läuft heute noch durch die Welt, nur nicht mehr geschminkt. Er trägt Plakate der Klimabewegung, ein Regenbogenkostüm oder spricht mit der Dringlichkeit derer, die vor Zukunftsgefahren warnen.

Und doch: vielerorts belächeln wir die „Clowns unserer Tage“, als wären ihre Rufe nur Theater. Dabei brennt es – an vielen Ecken unserer Welt. Der Krieg in der Ukraine zeigt es uns mit erschreckender Klarheit.

Diese Blindheit gegenüber dem Offensichtlichen – sie ist alt. Sehr alt. Vor fast 2500 Jahren trat in Israel ein Prophet auf, Maleachi, mit einer ganz ähnlichen Botschaft. Auch er sah, wie seine Gesellschaft sich selbst beschädigt:

  • eine Priesterschaft, die Mächtigen nach dem Mund redet,
  • zerbrochene Beziehungen und Enttäuschungen,
  • eine Justiz, in der Meineide über Leben entscheiden,
  • Arbeitsverhältnisse, die Menschen ausbeuten,
  • und eine Ordnung, die Schwachen und Fremden das Recht verweigert.

Maleachi greift angesichts dieser Missstände zu einem starken Bild:
Denn seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen.
Da werden alle Überheblichen und Frevler zu Spreu;
der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, spricht der Herr der Heere.“ (Mal 3,19)

Der „Tag des Herrn“ wird ein Tag der Entscheidung sein.
In der Sprache der Bibel heißt das: Das Unrecht, das Unwahre, das Zerstörerische wird keinen Bestand haben.

Wenn wir dieses Bild ernst nehmen, können wir uns fragen:
Was in meinem Leben müsste ein Raub der Flammen werden?
Wir verbrennen ja gern, was wir nicht behalten wollen.

  • Was an Vergangenem sollte in Flammen aufgehen?
  • Was in mir möchte ich nicht mehr mit mir herumtragen?
  • Wo brauche ich Reinigung – so wie Edelmetall im Feuer geläutert wird?

    Ein Moment Musik aus Taizé hilft, diese Fragen an sich heranzulasse.

Aber Maleachi kennt nicht nur das Feuer, das verbrennt. Er kennt auch das Licht, das wärmt und heilt:
Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet,
wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen,
und ihre Flügel bringen Heilung.“ (Mal 3,20)

Darum dürfen wir auch fragen:

  • Was in meinem Leben kann bestehen im Licht der Gerechtigkeit?
  • Was möchte ich hineinhalten in dieses Licht, damit es wachsen und Bestand haben kann?

    Die Taizé-Melodie öffnet Raum zum Nachdenken.

Maleachi stellt uns heute beides vor Augen:
das Feuer, das reinigt –
und das Licht, das heilt.

Beides zeigt, was Gott will:
nicht vernichten, sondern klären;
nicht erschrecken, sondern aufrichten.

Darum dürfen wir unser Leben neu in dieses Licht der Sonne der Gerechtigkeit stellen –
in ein Licht, das uns führt,
und eine Wärme verströmt, die uns Kraft schenkt für das, was kommt.

Das überraschende letzte Bild: Zillis und der heilige Martin

Kirchendecke Zillis

Die romanische Decke von Zillis erzählt das Leben Jesu – doch die letzte Szene zeigt nicht Kreuz und Auferstehung, sondern die Mantelteilung des heiligen Martin. Eine starke Spur: Die biblische Geschichte geht weiter, wo Menschen teilen, hinsehen und sich Gott anvertrauen. Drei Überschriften zeigen, was Martin uns heute sagt.

Im Sommer war ich mit einer Gruppe – auch mit Leuten aus dem Ahrtal – in der Schweiz unterwegs. In der St.-Martinskirche von Zillis in Graubünden sieht man an der Decke 153 romanische Bilder: das Leben Jesu. Aber: die Leidensgeschichte endet mit der Dornenkrönung. Es gibt kein Kreuz, keine Auferstehung, keine Himmelfahrt, kein Pfingsten. Stattdessen zeigen die letzten sieben Tafeln: die Mantelteilung und Szenen aus dem Leben des heiligen Martin.

Als wolle der Künstler des 12. Jahrhunderts sagen: Den Kreuzestod Jesu kann man nicht einfach anschauen wie einen Film. Mitleiden – das Mitfühlen mit dem Leid der anderen – ist die eigentliche Fortsetzung der Passion.
In der Geschichte des heiligen Martin wird die biblische Geschichte weitergeschrieben. Ich würde dieser Martinsgeschichte drei Überschriften geben:

1. Nicht nur den Mantel – das Leben teilen

Der Schriftsteller Josef Reding legt dem sterbenden Martin den Satz in den Mund: „Nicht nur den Mantel, das Leben teilen. Wenn es nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden.

„Teilen verbindet“ – das ist das Motto unserer Aktion hier in der Kirche, während draußen der Martinsmarkt stattfindet. Es spricht eine Erfahrung aus, die wir alle kennen: Es tut gut, wenn jemand etwas mit uns teilt – und es tut gut, selbst zu teilen.
Das muss nicht Geld sein. Es kann Zeit sein, Freude, Begeisterung, Aufmerksamkeit.

Der arme Bettler von damals sitzt auch heute noch am Weg. Vielleicht nicht hier im Ort, aber sichtbar in den Bildern und Nachrichten aus aller Welt. Teilen heißt: andere teilhaben lassen an meinem Leben. Edzard Schaper hat einmal eine Erzählung geschrieben mit dem Titel „Mantel der Barmherzigkeit“. Dieser Mantel besteht nicht aus Euroscheinen, sondern aus Zuwendung – aus dem Willen, einen anderen Menschen wahrzunehmen.

2. Ein Mann der Stille

Die Geschichte des heiligen Martin könnte leicht dazu verführen, das Christsein nur als tätige Nächstenliebe zu verstehen.
Aber Martin war auch ein Mann der Stille und des Gebets. Viele Jahre lebte er als Mönch. Gerade weil er die Stille suchte, ging von ihm Kraft aus. Menschen spürten seine innere Tiefe – so sehr, dass sie ihn zum Bischof von Tours wählten, obwohl er das gar nicht wollte.

Auch hier wird die biblische Geschichte fortgeschrieben: Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen. Beide müssen im richtigen Verhältnis zueinander stehen Der heilige Martin lädt uns ein – zur Hinwendung zum Menschen und zugleich zur Hinwendung zu Gott.
Er erinnert uns daran: tätige Liebe wächst aus der Stille, und Stille führt zur tätigen Liebe.

3. Das Entscheidende ist nicht das Halbe

Die bekannteste Szene aus dem Leben des hl.Martin ist die mit dem halben Mantel. Vom Pferd herab mag Martin sich groß vorgekommen sein, als er die Hälfte verschenkte. Doch eigentlich war es nur etwas Halbes.
Da erscheint ihm Christus im Traum – bekleidet mit dieser Mantelhälfte. Und Martin erkennt: Nicht die Tat allein zählt, nicht das Stück, das ich gebe, sondern dass Gott mich ganz will.

Gott will nicht nur einen Teil von uns, sondern unser ganzes Leben.
Papst Franziskus hat oft vor Christen gewarnt, die nur an der Oberfläche leben – „die nur an der Oberfläche Christen sind“, sagt er. Sie sind Ausdruck eines „christlichen Mittelmaßes“. Ihr Herz kühlt sich ab und wird lau.

Das Entscheidende ist nicht das Halbe, sondern das Ganze unserer Existenz.
Die Geschichte des heiligen Martin schreibt die biblische Geschichte fort.

Und unsere Lebensgeschichte?
Sie sollte das auch tun – damit am Ende erkennbar wird, welche Überschriften sie trägt.

Das Pferd des Heiligen Martin - Deckengemälde Zillis 12.Jahrhundert

Das Pferd des Hl. Martin in der Decke von Zillis. Miteinander teilen – Teilen tut gut!
Ein konkretes Projekt:
Die Kinder in Bethlehem brauchen uns.
Mehr dazu auf meiner Webseite!

Weinstock und Reben – Was Winzer heute trägt

Das Martinsfest ist für viele im Tal Anlass zum Erntedank.
Mitten in großen Herausforderungen schenkt das Evangelium ein starkes Bild:
Gott vergleicht sich mit einem Winzer.
Ein Wort, das stärkt, tröstet und Mut macht, Frucht zu bringen – gerade jetzt.

Wenn ich an die Bibel denke, fallen mir sofort einige Berufe ein, die immer wieder vorkommen:
die Fischer am See Gennesaret, die Jesus zu Aposteln beruft;
die Zöllner, die verhasst waren, weil sie mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten;
die Arbeiter auf den Feldern und in den Weinbergen;
und die Hirten, von denen schon in der Weihnachtsgeschichte die Rede ist.

Auch Ihr Beruf, der Beruf des Winzers, spielt im Neuen Testament eine besondere Rolle – eine herausragende sogar.

Foto: Anton Eilmansberger/pfarrbriefservie.de

Im Evangelium lesen wir: Jesus sagt:
„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.“

Winzer sein heißt nicht zuerst, Wein zu ernten und zu verkaufen, sondern sich um den Weinstock und die Reben zu kümmern.
Der gute Wein wächst nicht von selbst. Er braucht Geduld, Arbeit und Fürsorge. Sie wissen das: Der Winzer muss immer wieder hinaus in den Weinberg – lange bevor geerntet wird.
Vor diesem Hintergrund lesen wir das Wort Jesu noch einmal:
Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.“
Welch eine Aussage: Gott – ein Winzer!
Das ist nur noch vergleichbar mit dem Wort Jesu: „Ich bin der gute Hirt.“
Beides sagt uns: Gott kümmert sich um uns.

Dass Jesus dieses Bild wählt, ist kein Zufall. Der Weinstock gehört zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Seit jeher ist der Wein nicht nur ein Mittel des Genusses, sondern auch Teil des Gottesdienstes.
Der Wein erfreut des Menschen Herz“, heißt es im Psalm 104. Den Menschen ist der Wein gegeben, um Freude zu bringen.

Der heilige Augustinus schrieb im 4. Jahrhundert: „Der Wein erfrischt matte Kräfte, verscheucht Traurigkeit, und vertreibt die Müdigkeit der Seele.“ Seinem Denken steht auch unser Papst nahe, wenn er sagt, dass wahre Freude ein Geschenk Gottes ist – nicht das, was betäubt, sondern das, was belebt.

Der Beruf des Winzers ist durch die Jahrhunderte im Kern gleich geblieben.
Aber in den letzten Jahrzehnten steht er vor großen Herausforderungen:

  • Der Klimawandel ist vielleicht der größte Stressfaktor:
    Hitze, Trockenheit, Spätfrost und Starkregen bedrohen die Erträge.
  • Vieles ist noch immer Handarbeit in Ihrem Beruf,
    aber der technische und digitale Wandel macht auch vor Weinbergen und Kellern nicht Halt.
  • Der Weinkonsum verändert sich spürbar.
    Wein ist heute mehr als ein Produkt – er ist Teil von Kultur, Tourismus und Erlebnis.
  • Zugleich greifen immer mehr Menschen, besonders Jüngere, zu alkoholfreien Produkten.
    Manche sehen alkoholfreien Wein skeptisch – „Das ist kein richtiger Wein“, sagen sie.
    Andere verstehen ihn als zeitgemäße Ergänzung, die neue Zielgruppen erreicht, ohne die Tradition zu verraten.

Das alles sind große Herausforderungen, die sich natürlich auch wirtschaftlich bemerkbar machen.
Ich kann gut verstehen, dass einem manchmal die Freude am Beruf vergeht und man sich fragt, wie es weitergehen kann und ob man nicht aussteigen soll.
Aber in schwierigen Zeiten gab es immer auch die andere Möglichkeit:
nämlich die Herausforderungen anzunehmen und sie gemeinsam zu bestehen.
Genau das stand auch hinter der Gründung des Winzervereins 1873 und des Weinbauvereins 1881.
Schon damals wussten Ihre Vorfahren: Gemeinschaft ist die beste Antwort auf Not.

Am Anfang unserer Überlegungen stand das Wort Jesu:
Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.“
Und Jesus sagt weiter:
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“

Das ist der Sinn unseres Lebens: Frucht zu bringen.
Nicht, dass wir Erfolg haben oder Karriere machen, nicht dass wir reich werden.
Frucht dient immer dem Leben – indem sie neues Leben hervorbringt oder das Leben nährt, das schon da ist.

Es geht um das Leben:
um Ihr Leben, um das Ihrer Familien,
um das Leben dieses Ortes, dieses Tales, dieser Gemeinschaft.
Sie haben einen der ältesten Berufe der Menschheit –
mehr noch: Sie glauben an einen Gott, der sein Wirken mit der Arbeit eines Winzers vergleicht.

Ich wünsche Ihnen,
dass Ihnen dieses Bild Hoffnung schenkt
und Sie beflügelt, Frucht zu bringen –
in Ihrer Arbeit, in Ihren Familien,
in unserer Gemeinschaft hier im Tal.

Ein guter Jahrgang

Gedanken zu Allerseelen an der Ahr

Der Tod bleibt nicht das Ende – er ist die Ernte des Lebens.
Wie ein Winzer seine Trauben prüft, so schaut Gott auf das, was in uns gereift ist.
Jeder Mensch trägt Sonne und Regen in sich – und jeder Jahrgang ist anders.
Ein Gedanke zu Allerseelen, mitten aus dem Leben der Winzer.

Der Tod führt in unserer Welt ein Einsiedlerdasein.
Wir haben ihn abgeschoben, verdrängt. Gestorben wird im Fernsehen.
Doch wenn er plötzlich in unser Leben tritt –
wenn jemand stirbt, den wir geliebt, gekannt, geschätzt haben –,
werden wir unsicher. Verlegen. Ängstlich.
Der Tod des Anderen bringt die Wahrheit über uns ans Licht:
Der Tod ist der Ernstfall des Lebens.
Reden wir also nicht nur von den Toten, reden wir auch von uns.

Im Evangelium lesen wir die Wort Jesu: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.

Winzer sein, d.h. nicht zuerst Wein ernten und verkaufen, sondern sich um den Weinstock und die Rebe kümmern. Der gute Wein wächst nicht von selbst. Er braucht Geduld, Arbeit und Fürsorge. Sie wissen das: als Winzer muss man oft in den Weinberg gehen, um an Ende die Traube zu ernten.
Vor diesem Hintergrund: welch eine Aussage: Gott ein Winzer! Gott kümmert sich um uns!

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, sagt Jesus

Die Touristen auf dem Rotweinwanderweg sehen die schönen Reben, prall und leuchtend. Doch wer genau hinschaut, sieht mehr: die Sonne, den Regen, die Schädlinge – die ganze Geschichte eines Jahres.

Für unsere Toten ist mit ihrem Tod die Zeit der Ernte gekommen.
Der Winzer betrachtet die Ernte und fällt sein Urteil über den Ertrag, den sie bringt.
Unsere Toten sind nun in die Hand Gottes gelegt worden, der weiß, was ihr Leben ausgemacht hat.

Für den Winzer gibt es besondere Gelegenheiten, seinen Wein vorzustellen. Man spricht von der „Weinprobe“. Probieren geht über Studieren, sagen die Leute. Und lassen sich auf der Zunge zergehen, was ihnen an Köstlichkeiten gereicht wird. Schlucke, ja Schlückchen genügen, um über den Wein ins Schwärmen zu geraten. Geradezu blumig wird über ihn geredet. Seine besten Weine bewahrt der Winzer in seiner Schatzkammer auf.
Aber die Kenner verstehen – auch ohne Formeln, ohne Befunde. Wein ist etwas Schönes, ist ein Geschenk! Ein Wunder! Ein Gedicht! Vielleicht ein Gebet.

Was aber ist, wenn statt der Weinprobe die Lebensprobe angesagt wird?
Da vergeht vieles nicht mehr auf der Zunge, sondern bleibt im Halse stecken.
Geschwärmt wird auch nicht immer. Dafür ist vieles zu sauer, zu fade, hat manches einen schlechten Beigeschmack.
So mancher Mensch bleibt ganz allein mit der Probe seines Lebens.

Der Tod stellt auch uns auf die Probe. Er erinnert uns daran, dass unser eigenes Leben zur Prüfung reift. Wird man von mir sagen, dass ich ein „guter Jahrgang“ bin?

Bitten wir deshalb in dieser Stunde, dass es uns gelingt, dem Bild des Evangeliums zu entsprechen:
Ich möchte wie die Rebe am Weinstock sein. Wachsen. Die Erde und die Sonne aufnehmen. Für Menschen eine Freude werden. Ihr Leben schön und reich machen. Zu einem Fest einladen.
Jesus, der sich als Weinstock vorstellt, hat besonders die Mühseligen und Beladenen zu sich gerufen. Mit ihnen hat er gefeiert. Vor den Augen der Menschen, die sie längst abgeschrieben haben.
Wein ist ein Bild für das Leben.

Von vielen Toten, die wir beweinen, können wir gewiss sagen, dass sie ein guter Jahrgang waren. Beten wir für sie an diesem Tag und seien wir dankbar. Vor allem: Geben wir ihnen einen festen Platz in der Schatzkammer unseres Herzens – dort, wo die guten Erinnerungen aufbewahrt werden.