Myrrhe im Advent – dem Bitteren einen Raum geben

Ein leeres Zelt, ein König aus der Krippe – und eine Schale mit Myrrhe.
Unser Adventbild lädt ein, auch dem Schweren und Bitteren Raum zu geben.
Warum das kein Widerspruch zum Advent ist.

Was ist das denn hier vor dem Altar: ein Zelt? Davor ein König aus der Krippe? Und was liegt da in der Schale vor ihm?

Ja, Sie sehen richtig: ein König aus der Krippe. Und er ist nicht zu früh dran. Er steht symbolisch für uns, die wir – wie er – unterwegs sind. Auch er ist aufgebrochen, ohne das Ziel zu kennen. In diesem Advent will er uns begleiten, zusammen mit seinen beiden Weggefährten.

Und das Zelt? Das führt uns weit zurück. In einer der ältesten Erzählungen der Bibel wohnt Gott selbst in einem Zelt. Als das Volk Israel, befreit aus der Sklaverei Ägyptens, durch die Wüste zieht, wohnt es in Zelten – und Gott wohnt mitten unter ihnen: außerhalb des Lagers in einem eigenen Zelt. Darin werden die Tafeln der Zehn Gebote aufbewahrt. Zeichen seiner Gegenwart. Das Volk Israel nimmt Gott mit auf seinem Weg, trägt Gott quasi mit sich im Gepäck.
Sie ahnen vielleicht wohin das führt, wenn Sie an Weihnachten denken. Aber noch sind wir im Advent!

Vor dem König liegt in einer Schale etwas Harz – eines der drei Gaben der Weisen. Auf den ersten Blick kein Geschenk, das eine junge Familie dringend braucht. Also muss es mehr bedeuten.

Das Harz ist wohlriechend, aber es schmeckt bitter. Es ist Myrrhe. Ein Luxusgut damals.
Es desinfiziert und hilft Blutungen zu stillen und Narben zu bilden. Man verwendet es zur Einbalsamierung der Toten. Der Wein, der Jesus am Kreuz gereicht wurde, war wohl auch mit Myrrhe angereichert als Betäubungsmittel
Myrrhe – das ist kein weihnachtliches Symbol. Es passt eher zum Karfreitag. Und doch gehört es zu diesem Advent.
Denn dieser König bringt das Bittere unseres Lebens mit. Die Myrrhe steht für all das, was uns zusetzt: Belastungen, die auf der Seele liegen wie ein Stein. Verletzungen, die nicht heilen wollen. Erfahrungen, die uns wehgetan oder müde gemacht haben.

Damit wird klar: Unsere Installation ist keine adventliche Dekoration.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim“ – So fragt mich der König mit seinem Geschenk: was bringst Du Bitteres mit aus diesem Jahr? Welches Leid hast Du erfahren? Welche Enttäuschungen und Verwundungen begleiten Dich, die nicht so schnell heilen wollen? Was hast Du Tödliches erfahren? Was hat dir den Atem genommen, was war zu schwer?
Das sind keine leichten Fragen. Oft verstecken wir ja das Bittere, das Unangenehme  – so als dürfe es keinen Platz haben.

Aber auch die schweren Stunden kehren an Weihnachten heim. Und im Advent darf ich sie noch einmal anschauen, ohne Angst, ohne Beschönigung. Genau dazu will uns dieses Adventbild hier vorne einladen und ermutigen.
Der König geht mit uns – gerade mit dem, was bitter ist.

2.Advent in Dernau