Wenn Gott leise kommt

Manchmal wünschen wir uns ein eindeutiges Zeichen vom Himmel. Doch Gott kommt oft anders, als wir ihn erwarten. Elija begegnet ihm „in einer Stimme verschwebenden Schweigens“. Und den Jüngern kommt Jesus mitten im Sturm entgegen. Vielleicht erfahren auch wir seine Nähe gerade dort, wo ein Mensch uns Mut macht, uns die Hand reicht und uns spüren lässt: Du bist nicht allein.

Sonnenstrahlen brechen durch dunkle Wolken über einem ruhigen See.

Beim Evangelium vom Gang Jesu über den See fragen viele zuerst: Ist das wirklich so geschehen? Dabei möchte Matthäus gar nicht zuerst unsere Neugier über ein Wunder wecken. Er möchte unseren Blick auf etwas richten, das bis heute gilt. Drei Sätze erzählen davon.

1.) Sie hatten Gegenwind
stellt der Evangelist fest. Und damit meint er nicht nur die Jünger auf dem See, er spricht auch von den Christen des ersten Jahrhunderts, die sich in der jüdischen und heidnischen Umwelt behaupten mussten. Und er spricht von den Christen heute.

In unserem Land muss man sich nicht selten rechtfertigen, wenn man Christ ist und als solcher lebt. Da ist man schnell von gestern und erntet in der harmlosen Variante nur noch ein müdes Lächeln.

Sie hatten Gegenwind – es geht also nicht nur um das Boot auf dem See Genezareth, es geht auch um die Christen heute.

2.) In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen;  er ging auf dem See. –
Der Herr, der auf dem Wasser geht, mag uns verwundern. Für Matthäus ist die entscheidende Botschaft nicht, wie Jesus über das Wasser kommt. Entscheidend ist: Der Herr lässt die Seinen im Chaos nicht allein. Er kommt ihnen entgegen. Er kommt zu ihnen.

Wenn wir ehrlich sind, dann versuchen wir selbst lieber Ordnung in das Chaos zu bringen, anstatt auf den Herrn zu vertrauen, der uns im Sturm des Lebens entgegenkommen will. Das Evangelium heute aber lädt uns ein, genau darauf zu vertrauen.

3.) Jesus streckte sofort die Hand aus und ergriff ihn
es ist Petrus, der im Übermut des Glaubens auf die Idee kommt, es Jesus gleich zu tun. Solange er auf Jesus zu geht, solange er ihn im Blick behält, gelingt es ihm. Aber als er wieder auf das Chaos starrt, droht er unterzugehen.
Da ergreift der Herr seine Hand und rettet ihn.

Wenn wir in unser Leben schauen, dann entdecken wir den Griff der Hand Gottes in unterschiedlichen Lebenssituationen, manchmal eher zärtlich, manchmal kaum spürbar, manchmal kräftig zupackend. Er bewahrt mich, wenn ich sinke und wenn es keine schnellen Lösungen gibt.

Auch die erste Lesung erzählt davon. Elija sucht Gott im Sturm, im Erdbeben und im Feuer. Doch Gott begegnet ihm in einer Stimme verschwebenden Schweigens -so übersetzt es Martin Buber.

Elija begegnet Gott nicht im Gewaltigen. Er begegnet ihm in einer Stimme verschwebenden Schweigens. Gerade darin liegt die Verbindung zum Evangelium: Gott kommt oft anders, als wir ihn erwarten.

Wir kennen solche Situationen. Plötzlich sind Menschen da, die mir Mut machen, die meine Angst sehen und verstehen. Nicht immer fällt es leicht, darin den Herrn selbst zu entdecken, der mir entgegenkommt und mich ergreift.

Auch ich wünsche mir manchmal ein eindeutiges Zeichen vom Himmel. Doch Elija und Petrus lehren mich etwas anderes. Gott kommt oft leise. Im Wort eines Menschen. In einer ausgestreckten Hand. In einer unerwarteten Begegnung. Gerade so lässt er mich erfahren: Hab Vertrauen. Ich bin da.
Das lässt mich leben, das lässt mich aufleben, das lässt mich überleben.

Johannes Tauler, ein Mystiker des Mittelalters sagt in einer Predigt: „Gott kann donnern und stürmen, aber er neigt sich dem Menschen, der auf ihn wartet, zärtlich zu.“ Dass wir diese zärtliche Nähe Gottes immer wieder erfahren dürfen – das wünsche ich Ihnen und mir.

Foto: (c) Bernward Fricker /pfarrbriefservice.de

Bring her, was da ist

Nicht der Mangel steht im Mittelpunkt des Schrifttextes, sondern das, was bereits da ist. Jesus beginnt mit fünf Broten und zwei Fischen – und fordert seine Jünger auf: „Bringt sie her!“ Vielleicht beginnt auch unser Leben dort neu, wo wir aufhören, nur das Fehlende zu zählen, und Gott das anvertrauen, was wir schon in den Händen halten.

„Das ist doch ganz einfach“, erklärte mir einmal ein Fünfjähriger. „Alle hatten Essen im Rucksack. Aber keiner wollte es auspacken. Bei uns im Kindergarten ist das genauso. Wenn einer Schokolade herausholt, kommen sofort alle. Deshalb hatte jeder Angst, selbst zu kurz zu kommen. Jesus hat es irgendwie geschafft, dass keiner mehr Angst hatte. Dann haben alle geteilt – und plötzlich war genug für alle da, sogar mehr als nötig war.“ Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt, heißt es in einem Kinderlied dazu.

Aber schauen wir noch einmal in die Geschichte – vielleicht können wir ja mit den Augen des Herzens noch etwas für und unser Leben darin entdecken:

„Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg.“
Der Vorschlag ist schlau, auf den ersten Blick. Denn so hält man sich aus dem Spiel. Wie oft finden wir Lösungen, die uns selbst nichts kosten. Die anderen sollen gehen. Die anderen sollen sich kümmern. Hauptsache, wir bleiben außen vor.

Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
Jesus gibt ihnen eine Antwort, mit der sie sicherlich nicht gerechnet haben. Er verweist nicht auf Behörden, nicht auf die nächste Stadt und nicht auf andere Helfer. Er schaut seine Jünger an und sagt: Gebt ihr ihnen zu essen.

Bodenmosaik

Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns„, stellen die Jünger fest. D.h. im Klartext: wir haben zu wenig.
Die Reaktion der Jünger ist typisch für viele Menschen: wir beginnen immer mit dem Mangel.

Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische. Wir haben zu wenig von diesem oder jenem. Das wird nicht reichen.
Zeit reicht nicht. Geld reicht nicht. Kraft reicht nicht. Personal reicht nicht. Gesundheit reicht nicht. – Das schaffen wir nicht. Und wie die Ausreden alle heißen.

Und dann folgen die knappen Worte, mit denen Jesus dem Wunder Raum schafft: „Bringt sie her!“
Jesus beginnt nie mit dem, was fehlt. Er beginnt immer mit dem, was da ist.
Erst wenn die fünf Brote und zwei Fische bereitliegen, kann daraus etwas werden.

Ich frage mich: Wann habe ich das letzte Mal herbeigebracht, was ich habe, statt aufzurechnen, was fehlt.
Ich lade Sie ein:
Gehen Sie heute einmal in Gedanken durch Ihr Leben. Schauen Sie auf die eigenen Begabungen, die Familie, die Freunde, den Beruf, das Hobby, ihre Vergangenheit und die in Aussicht stehende Zukunft.

Freuen Sie sich an dem, was Sie finden, egal ob es viel oder wenig ist, ob es spektakulär oder gewöhnlich daherkommt.Im Durcheinander dessen, was mich von innen und außen in Angst und Hektik versetzt, übersehe ich ganz schnell das, was eigentlich mein Reichtum sein könnte.

„Bring her, was da ist!“
Wenn das die erste Tat am Morgen wäre: nicht zuerst den Mangel zählen, sondern das Gute ansehen, das Gott schon geschenkt hat. Dann hielte ich vielleicht zunächst fünf duftende Brote und zwei herrliche Fische in den Händen – statt mich gleich vom Gedanken beherrschen zu lassen, dass es ohnehin nicht reichen wird.

Vielleicht beginnt genau dort das Wunder Gottes: nicht erst, wenn alles da ist, sondern wenn wir ihm das Wenige anvertrauen, das wir haben.

Nachtrag: Während des Gottesdienstes wurde mir bewusst: die Menschen hier im Tal haben eine Brotvermehrung selbst erlebt. Nach der Flut gab es eine Erfahrung, die viele bis heute nicht vergessen haben: Plötzlich war da mehr Hilfe, als man sich hätte vorstellen können. Menschen teilten Zeit, Kraft, Werkzeuge, Lebensmittel, Unterkünfte, Geld, Trost – und oft einfach ihre Anwesenheit. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“

Foto: Das Foto zeigt das Bodenmosaik vor dem Altar in der Kirche der Brotvermehrung am See Genesareth. Im Korb sind nur vier Brote. Weil das fünfte Brot als Brot der Eucharistie auf dem Altar liegt.