Bring her, was da ist

Nicht der Mangel steht im Mittelpunkt des Schrifttextes, sondern das, was bereits da ist. Jesus beginnt mit fünf Broten und zwei Fischen – und fordert seine Jünger auf: „Bringt sie her!“ Vielleicht beginnt auch unser Leben dort neu, wo wir aufhören, nur das Fehlende zu zählen, und Gott das anvertrauen, was wir schon in den Händen halten.

„Das ist doch ganz einfach“, erklärte mir einmal ein Fünfjähriger. „Alle hatten Essen im Rucksack. Aber keiner wollte es auspacken. Bei uns im Kindergarten ist das genauso. Wenn einer Schokolade herausholt, kommen sofort alle. Deshalb hatte jeder Angst, selbst zu kurz zu kommen. Jesus hat es irgendwie geschafft, dass keiner mehr Angst hatte. Dann haben alle geteilt – und plötzlich war genug für alle da, sogar mehr als nötig war.“ Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt, heißt es in einem Kinderlied dazu.

Aber schauen wir noch einmal in die Geschichte – vielleicht können wir ja mit den Augen des Herzens noch etwas für und unser Leben darin entdecken:

„Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg.“
Der Vorschlag ist schlau, auf den ersten Blick. Denn so hält man sich aus dem Spiel. Wie oft finden wir Lösungen, die uns selbst nichts kosten. Die anderen sollen gehen. Die anderen sollen sich kümmern. Hauptsache, wir bleiben außen vor.

Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
Jesus gibt ihnen eine Antwort, mit der sie sicherlich nicht gerechnet haben. Er verweist nicht auf Behörden, nicht auf die nächste Stadt und nicht auf andere Helfer. Er schaut seine Jünger an und sagt: Gebt ihr ihnen zu essen.

Bodenmosaik

Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns„, stellen die Jünger fest. D.h. im Klartext: wir haben zu wenig.
Die Reaktion der Jünger ist typisch für viele Menschen: wir beginnen immer mit dem Mangel.

Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische. Wir haben zu wenig von diesem oder jenem. Das wird nicht reichen.
Zeit reicht nicht. Geld reicht nicht. Kraft reicht nicht. Personal reicht nicht. Gesundheit reicht nicht. – Das schaffen wir nicht. Und wie die Ausreden alle heißen.

Und dann folgen die knappen Worte, mit denen Jesus dem Wunder Raum schafft: „Bringt sie her!“
Jesus beginnt nie mit dem, was fehlt. Er beginnt immer mit dem, was da ist.
Erst wenn die fünf Brote und zwei Fische bereitliegen, kann daraus etwas werden.

Ich frage mich: Wann habe ich das letzte Mal herbeigebracht, was ich habe, statt aufzurechnen, was fehlt.
Ich lade Sie ein:
Gehen Sie heute einmal in Gedanken durch Ihr Leben. Schauen Sie auf die eigenen Begabungen, die Familie, die Freunde, den Beruf, das Hobby, ihre Vergangenheit und die in Aussicht stehende Zukunft.

Freuen Sie sich an dem, was Sie finden, egal ob es viel oder wenig ist, ob es spektakulär oder gewöhnlich daherkommt.Im Durcheinander dessen, was mich von innen und außen in Angst und Hektik versetzt, übersehe ich ganz schnell das, was eigentlich mein Reichtum sein könnte.

„Bring her, was da ist!“
Wenn das die erste Tat am Morgen wäre: nicht zuerst den Mangel zählen, sondern das Gute ansehen, das Gott schon geschenkt hat. Dann hielte ich vielleicht zunächst fünf duftende Brote und zwei herrliche Fische in den Händen – statt mich gleich vom Gedanken beherrschen zu lassen, dass es ohnehin nicht reichen wird.

Vielleicht beginnt genau dort das Wunder Gottes: nicht erst, wenn alles da ist, sondern wenn wir ihm das Wenige anvertrauen, das wir haben.

Nachtrag: Während des Gottesdienstes wurde mir bewusst: die Menschen hier im Tal haben eine Brotvermehrung selbst erlebt. Nach der Flut gab es eine Erfahrung, die viele bis heute nicht vergessen haben: Plötzlich war da mehr Hilfe, als man sich hätte vorstellen können. Menschen teilten Zeit, Kraft, Werkzeuge, Lebensmittel, Unterkünfte, Geld, Trost – und oft einfach ihre Anwesenheit. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“

Foto: Das Foto zeigt das Bodenmosaik vor dem Altar in der Kirche der Brotvermehrung am See Genesareth. Im Korb sind nur vier Brote. Weil das fünfte Brot als Brot der Eucharistie auf dem Altar liegt.