„Und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“
Es ist der greise Simeon, der Maria diese Worte sagt, als sie mit Josef das Kind Jesus in den Tempel bringt. Eigentlich ist es ein Augenblick der Freude. Ein Kind ist geboren. Die Eltern bringen es vor Gott. Und mitten in diese Freude hinein fällt ein dunkles Wort.
Die christliche Tradition hat später von den sieben Schmerzen Mariens gesprochen. Sie erzählen nicht nur von Maria. In ihnen spiegeln sich Erfahrungen, die zum menschlichen Leben gehören.
Da sind die dunklen Worte, die plötzlich in eine frohe Stunde fallen.
Da sind Menschen auf der Flucht, die ihre Heimat verlieren.
Da ist die Sorge von Müttern und Vätern um ihre Kinder – ganz gleich, wie alt sie sind.
Da ist der Schmerz, das Leiden eines geliebten Menschen mit ansehen zu müssen und nicht helfen zu können.
Da sind Eltern, die ihr Kind sterben sehen.
Da ist jener Augenblick, in dem wir begreifen müssen: Der geliebte Mensch ist wirklich tot.
Und schließlich der endgültige Abschied am Grab.
In all diesen Erfahrungen wird Maria zur Schwester des leidenden Menschen.
In der Kathedrale von Antwerpen hängt eines der großen Werke von Peter Paul Rubens: die Kreuzabnahme Christi.

Im Mittelpunkt sehen wir den toten Jesus. Menschen, die ihm nahestanden, nehmen seinen Leichnam vom Kreuz. Johannes, Maria Magdalena, Josef von Arimathäa, Nikodemus – und Maria. Sie können nichts mehr ändern. Sie können den Tod nicht rückgängig machen. Ihnen bleibt nur, den Toten behutsam aufzufangen und bei ihm zu bleiben.
Mich hat beim Betrachten dieses Altars etwas anderes besonders berührt.
Auf dem rechten Seitenflügel hat Rubens jene Szene dargestellt, die Jahrzehnte vorher geschehen ist: Maria und Josef bringen das Kind Jesus in den Tempel. Dort begegnen sie dem greisen Simeon.
Anfang und Ende stehen auf demselben Altar.
Hier hält Maria ihr Kind am Beginn seines Lebens in den Armen. Dort greift sie nach dem Leichnam ihres Sohnes.
Und plötzlich bekommt das alte Wort Simeons eine erschütternde Anschaulichkeit: „Und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“
Was damals nur ein dunkles Wort war, ist Wirklichkeit geworden.
Doch Rubens erzählt noch mehr.
Ein großes weißes Tuch zieht sich durch die Kreuzabnahme. Über dieses Tuch wird der Leichnam Jesu vom Kreuz hinabgelassen. Es fällt fast quer durch das ganze Bild und reicht bis in die Hände derer, die Jesus auffangen.
Man kann dieses Tuch kaum übersehen.
Und wer sich vor Augen hält, dass dieses gewaltige Bild über einem Altar steht, kann darin noch etwas anderes entdecken: Das Tuch erinnert an das weiße Tuch des Altars.
Kreuz und Altar rücken zusammen.
Was Christen in der Eucharistie feiern, führt zurück zu dieser Hingabe Jesu: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir.“
Maria steht dabei nicht außerhalb dieser Geschichte. Sie hat sie durchlebt. Sie hat nicht auf alles eine Antwort bekommen. Sie konnte das Leiden ihres Sohnes nicht verhindern. Sie konnte unter dem Kreuz nichts mehr lösen.
Aber sie blieb.
Vielleicht liegt darin eine der stärksten Botschaften dieses alten Marienfestes von den Sieben Schmerzen Marias.
Es gibt Situationen im Leben, die wir nicht ändern können. Es gibt Leid, für das wir keine Erklärung finden. Es gibt Abschiede, vor denen alle unsere Worte verstummen. Dann bleibt manchmal nur das, was Maria getan hat:
da sein, aushalten, mittragen, bleiben.
Und vielleicht ist gerade dort Gott näher, als wir vermuten.
Denn Maria steht unter dem Kreuz nicht nur neben einem leidenden Menschen.
Vor ihr hängt der Gekreuzigte.
Er ist das Zeichen dafür, dass Gott dem Leiden des Menschen nicht ausweicht.
„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“
Deshalb erzählt das Bild von Rubens für mich am Ende nicht nur von Schmerz und Tod.
Es erzählt von einer Liebe, die bleibt.
Zum Bild:
Rubens schuf das Triptychon 1611–1614 für den Altar der Antwerpener Schützengilde, deren Patron der heilige Christophorus war. Sein Name bedeutet „Christusträger“. Dieses Motiv des Tragens Christi verbindet die drei Darstellungen: Maria trägt Christus bei der Begegnung mit Elisabeth, Simeon trägt das Kind bei der Darstellung im Tempel, und im Mittelbild wird der tote Christus vom Kreuz herabgetragen.
Die Verbindung zwischen Simeons Weissagung und dem Schmerz Mariens bei der Kreuzabnahme, die ich in diesem Beitrag beschreibe, ist daher meine geistliche Betrachtung des Bildes und geht über die ursprüngliche Bildidee Rubens’ hinaus.
