Gedanken zum Gottesdienst am fünften Jahrestag der Flut im Ahrtal.
Rund 100 Menschen haben sich am Abend des 14. Juli in der Pfarrkirche Dernau versammelt, um fünf Jahre nach der Flut innezuhalten. Unter dem Leitwort „Anhalten – Innehalten – Gemeinsam weitergehen“ entstand eine stille und dichte Atmosphäre des Erinnerns, des Dankes und der Hoffnung. Wer nicht dabei sein konnte oder den Gottesdienst noch einmal nachgehen möchte, findet hier die wichtigsten Texte und Bilder des Abends.
Kerzenritus
Zu Beginn des Gottesdienstes wurden sieben Kerzen an der Osterkerze entzündet. Sie standen für die Menschen, die auf unterschiedliche Weise bis heute mit der Flut verbunden sind.
- eine Kerze für die Menschen, die durch die Flut ums Leben gekommen sind: für die elf Menschen unseres Dorfes und die 135 Kinder, Frauen und Männer im Ahrtal.
- eine Kerze für die Rettungsdienste, für die Helferinnen und Helfer, die aus allen Teilen unseres Landes gekommen waren, und für alle, die Beistand geleistet haben.
- eine Kerze für alle, die geblieben sind oder zurückgekehrt sind; für alle, die mit angepackt, aufgeräumt und wieder aufgebaut haben.
- eine Kerze für alle, die durch die Flut ihre Heimat verloren haben.
- eine Kerze für unsere Kinder und Jugendlichen, die viel getragen haben und unsere Zukunft sind.
- eine Kerze für alle, die heute hier und an vielen anderen Orten dankbar sind für das, was in diesen fünf Jahren gemeinsam gewachsen ist.
- eine Kerze für alle, die bis heute mit den Folgen der Flut leben und deren Weg auch nach fünf Jahren noch schwer ist
Die Gemeinde antwortete mit diesem Lied:
Die Ansprache
Fünf Jahre sind vergangen.
Vieles ist wieder aufgebaut. Und dennoch merken viele:
Ein Jahrestag wie dieser holt Erinnerungen zurück.
Erinnerungen an die Nacht der Flut, an die Tage danach, an die Jahre danach.
Erinnerungen tragen wir im Herzen. Darum können sie schmerzen – und zugleich Kraft schenken.
Deshalb sind wir heute hier.
Wir halten an.
Wir erinnern uns gemeinsam.
Wir nehmen uns Zeit füreinander und vor Gott.
Wir wollen innehalten – werden dabei begleitet von einem alttestamentlichen Menschen: Nehemia.
Er war ein Jude im Dienst des persischen Königs und bittet seinen Herrscher, nach Jerusalem zurückkehren zu dürfen, um die von den Babyloniern zerstörte Stadt wieder aufzubauen.
Doch bevor er einen Stein auf den anderen setzt, schaut er sich die zerstörte Stadt an. Und dann gewinnt er die Menschen dafür, gemeinsam anzupacken.
Als ich die Geschichte des Nehemia las, wurde ich daran erinnert, was mir viele aus dem Dorf und Tal immer wieder erzählt haben:
nach der Flut waren viele unbehaust. Viele hatten damals kein Dach mehr über dem Kopf,
Und doch hatte das ganze Dorf eines. Ein Dach – Nicht aus Ziegeln, sondern aus Menschen.
Die Gemeinschaft, die Harmonie, der gemeinsame Wille, Dernau wieder aufzubauen, hat Sie behütet und angetrieben.
Das, was die Menschen vor fast 2500 Jahren in Jerusalem sagten: „Wir wollen ans Werk gehen und bauen“, hörte man auch hier.
Innehalten –
heute Abend ist Platz für beides: für Tränen angesichts des Verlorenen und für die Dankbarkeit angesichts des Geschaffenen.
Gemeinsam weitergehen – haben wir auch über diese Stunde geschrieben. Aber wie kann das Gelingen?
Viele im Dorf sagen mir: Das, was wir erlebt haben, darf nicht auf der Strecke bleiben.
Jetzt wo viele wieder Häuser und Wohnung haben, wo die Touristen wieder kommen, wo das Gewohnte wieder auflebt, darf das nicht verloren gehen.
Und damit meinen sie den Geist der letzten Jahre, das Miteinander, das Anpacken einer beim anderen, die Harmonie, die entsteht, wenn jeder seinen Teil beiträgt.
Nehemia baute nicht zuerst Mauern. Er baute zuerst Gemeinschaft.
Genau diesen Geist beschreibt Jesus mit einem einzigen Satz:
Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
Nehemia wusste:
Nicht unser Einsatz allein trägt.
Gott selbst schenkt die Kraft zum Weiterbauen.
Häuser kann man wieder aufbauen. Straßen ebenfalls. Schwieriger ist es, den Geist zu bewahren, der damals entstanden ist.
Darum geht es, wenn wir jetzt weitergehen.
Damit wir es nicht vergessen, haben wir ein Erinnerungszeichen:
Gleich aus welcher Richtung wir uns dem Dorf nähern – ob aus dem Tal oder von der Höhe: immer sehen wir unseren Kirchturm, der uns vor dem Vergessen bewahrt und uns stets daran erinnert: Gott wohnt in unserer Mitte –
Er erinnert uns bis heute: wenn der Herr das Haus nicht baut, mühn sich die Bauleute vergebens.
Fürbitt-Gang
Am Eingang der Kirche haben Sie eine Kerze erhalten. Die Messdiener haben Ihnen das Licht gebracht.
In jedem Gottesdienst tragen wir in den Fürbitten das vor Gott, was Menschen bewegt.
Heute möchte ich Sie einladen, dies selbst zu tun.
Vielleicht tragen Sie Dankbarkeit in Ihrem Herzen. Vielleicht Trauer. Hoffnung. Fragen. Zweifel. Oder eine Bitte an Gott.
Bringen Sie jetzt Ihre Kerze nach vorne und stellen Sie sie in eine der Sandschalen.
Ihre Kerze spricht für Sie. Gott kennt das, was Sie bewegt. Worte sind heute nicht notwendig. Währenddessen singen wir immer wieder einen Liedruf: In deine Hände, Vater empfehle ich meinen Geist, lege ich mein Gebet.

Abschluss
Unser Gottesdienst endete draußen am Gedenkstein.
Bevor die Menschen hinausgehen, wurden Sie eingeladen, noch einmal an den Sandschalen mit den Kerzen vorbeizugehen und eine Kerze mitzunehmen – nicht unbedingt die eigene. Bewusst nahmen sie das Licht eines anderen Menschen mit nach Hause. Ein Zeichen dafür, dass wir Lasten und Hoffnungen miteinander teilen.
„Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2), sagt der Apostel Paulus



Vielleicht können die Texte, Bilder und Gesänge dieses Gottesdienstes auch den Menschen etwas mitgeben, die an diesem Abend nicht in Dernau dabei sein konnten.


Danke für Deine Worte und Impulse, lieber Wilfried.
Zudem: dass sich gestern einige Politiker entschuldigt haben für gravierende Fehler (zum Teil bis in unsere Tage hinein), lässt hoffen.
Bernd
Ich glaube das dieser Gottesdienst die
Menschen gestärkt hat.
Danke dafür.
Liebe Grüße Anne Eich