Der tote Punkt und der Wille Gottes

Das, was uns fremd ist, macht uns das Leben oft schwer. Nur mühsam können wir uns mit dem anfreunden, was uns nicht geläufig und bekannt ist. Das können banale Dinge, aber erst recht fremde Menschen sein. Je nach Situation und Horizont macht das Ungewohnte, das Neue, das Fremde, der Fremde uns Angst.
Das muss auch Jesus erleben:
Die scheinbare Unordnung, die durch den Mann aus Nazareth entsteht, das Ungewohnte, ja das Fremde in seinen Worten und seinem Tun, lässt in den Schriftgelehrten, die extra von Jerusalem herbeigeeilt waren, nur noch eine einzige Wertung zu – sie verteufeln ihn im wahrsten Sinne des Wortes: Er ist von Beelzebul besessen!

In den Augen dieser Leute ist Jesus von Sinnen. Im ausgehenden Mittelalter hieß es schnell „Sie ist eine Hexe!“ – Damit war die Lösung naheliegend, die Gefahr muss vernichtet werden.
Auch die Verwandten Jesu sind nicht frei von solchen Gedanken. Sie wollen ihn, wie es im Evangelium heißt, „mit Gewalt“ zurückholen. Sie wollen den Sohn und Bruder wieder in ihre Lebenswelt zurückführen, dorthin, wo sie ihn leichter unter Kontrolle haben, wo sie ihn vielleicht dahin bringen können, sich ihren Lebensregeln anzupassen. Ein anderes Selbstverständnis gestehen sie ihm nicht zu. Ein Leben mit anderen Prioritäten, ein anderer Glaube, ein anderes Handeln kommt für sie nicht in Frage.

Jesus grenzt sich von diesem Denken klar ab. Er sagt nicht: weil du anders denkst, handelst, lebst, weil du anders glaubst, weil dein Bild von Gott anders ist, bist du unannehmbar, bist Du gar des Teufels.

Für Jesus ist das entscheidende Kriterium – dass der Mensch dem Willen Gottes entsprechend lebt. Allein dies setzt ihn in Beziehung zu ihm, macht ihn zum Bruder, Schwester, Mutter.

Nicht Abstammung, nicht Tradition, nicht irgendwelche leeren Rituale, nicht irgendeine gemeinsame Überzeugung führen zur Gemeinschaft mit ihm – allein die Bereitschaft, den Willen Gottes zu tun. Und das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen.

Diese Diversität des menschlichen Lebens, die Vielfalt der Lebensentwürfe finden ihre Einheit in einem Leben nach dem Willen Gottes. Josef Ratzinger sagte als er noch nicht Papst war: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ Von dieser Diversität ist in der Kirche heute nicht mehr viel zu spüren. Statt Vielfalt, statt Pluriformität erleben wir ein Streben nach Uniformität.

Als Kardinal Marx dem Papst seinen Rücktritt angeboten hat, schrieb er ihm „Wir sind – so mein Eindruck – an einem gewissen „toten Punkt“. Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergangen ist als Sie das am Freitag gehört oder gelesen haben: ich habe zuerst einmal die Luft angehalten. Diese Analyse ist so klar, so richtig und auch niederschmetternd.

Kardinal Marx zitiert mit diesem Wort einen Gedanken von Alfred Delp, den dieser in den 40erJahren des letzten Jahrhunderts geäußert hat. Damals schrieb Alfred Delp: „Was gegenwärtig die Kirche beunruhigt und bedrängt, ist der Mensch. Der Mensch außen, zu dem wir keinen Weg mehr haben und der uns nicht mehr glaubt. Und der Mensch innen, der sich selbst nicht glaubt, weil er zu wenig Liebe erlebt und gelebt hat.“

Ja, wir haben die Zugänge, die Wege zu den Menschen außen verloren. Sie stehen uns gleichgültig gegenüber; schlimmer noch: sie verlassen uns scharenweise. Das kann uns nicht egal sein – ich möchte nicht zum „heiligen Rest“ gehören nach dem Motto: Der Letzte macht das Licht aus!“ Ich möchte vor allen Dingen die Menschen nicht verlieren, denn ich glaube, wir haben eine Botschaft, die dem Menschen von heute gut tun kann.

Allerdings: durch den sexuellen Mißbrauch und den Machtmissbrauch in der Kirche haben die Menschen – wie es Kardinal Marx am Freitag in die Kameras sagte: – „Unheil“ statt „Heil“ erfahren. Die Menschen vertrauen uns nicht mehr und – wie es gestern ein Firmling formulierte – „die Kirche hat ein schlechtes Image“. Daran leiden viele!

Hinzu kommt: in allen deutschen Diözesen erleben wir zur Zeit Strukturreformen. Alle Einheiten werden größer gemacht und entfernen sich immer mehr von den Menschen. Ein Kleid, das zu eng geworden ist, kann man nicht immer weiter mit Flicken weiter machen – irgendwann verliert es die Form und wird unansehnlich.
Wir sind immer noch in vielen Dingen Priester- und Klerus-fixiert. Und weil wir zu wenige davon haben, müssen alle leiden: Laien wie Klerus.

Auch wenn es weh tut, weil wir so vieles gewohnt und nie anders gekannt haben – aber wir werden von manchen Dingen Abschied nehmen müssen. Tiefgreifende Veränderungsprozesse sind notwendig. Wir brauchen neue Aufbrüche, neue Anfänge. Das spüren viele von uns, während andere sich noch krampfhaft an das Vergangene klammern. Es würde den Rahmen dieses Textes sprengen, alles Notwendige aufzuzeigen.

Vielleicht sagen Sie jetzt: das klingt aber alles nicht sehr ermutigend. Da haben Sie Recht, wenn man am „toten Punkt“ ist, dann braucht man sehr viel Kraft, um nicht aufzugeben – und ich kenne viele, die aufgegeben haben.
Erinnern Sie sich an den letzten Satz des Evangeliums: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter“.

Der Wille Gottes offenbart sich nicht allein dem Papst, dem Bischof oder Pfarrer. Der Wille Gottes offenbart sich jedem von uns. Überlassen Sie deshalb die Kirche, Ihre Gemeinde nicht den Amtsträgern, sondern legen Sie selbst Hand an, wo sie den Willen Gottes für sich und die Gemeinschaft erkannt haben. Die Zeit braven Herde ist vorbei, seien Sie kreativ, gestalten Sie mit – dann wird der tote Punkt vielleicht wirklich zu einem Wendepunkt.

Kumpane Jesu

Fronleichnam – zum 2.Mal ohne Prozession. Halten wir das jetzt einfach aus? Nächstes Jahr wird es wieder so sein  wie vorher, trösten wir uns. Tomas Halik, tschechischer  Priester und Theologe, der viele Beschränkungen kirchlichen Lebens erlebt hat, fragt mit Recht: „Was macht einen Christen zu einem Christen, wenn der traditionelle »kirchliche Betrieb« plötzlich aufhört zu funktionieren?“ Was bleibt uns dann an diesem Festtag ohne Prozession – nur das Warten auf bessere Zeiten? Oder liegt in dieser Beschränkung kirchlichen Lebens nicht auch ein Anruf Gottes?

Was geschieht da Fronleichnam?
Wir tragen ein Stück Brot durch die Straße – wenigstens für die Augen der meisten Zuschauer? Für uns ist es die Eucharistie! Das wissen und glauben die Wenigsten, die uns sehen. Ihnen zeigen wir ein Stück Brot. Jemandem ein Stück Brot zeigen aber heißt letztlich, ihn einladen zum Essen, zum Brot teilen.

(c) Martha Gabauer/pfarrbriefservice

In unserer Sprache gibt es ein Wort, das ursprünglich bedeutete, das tägliche Brot miteinander teilen, das aber heute einen etwas anderen Beigeschmack bekommen hat: „Kumpan“.

Es kommt aus dem lateinischen „conpanis“ und meint denjenigen, der die gleichen Erfahrungen mit mir macht, die gleiche schwere Arbeit zu leisten hat, der mit mir so vieles teilt, was der Tag bringt. Auch im Französischen gibt es dieses Wort: „copain“.Es meint den Menschen, der sich aus allen anderen heraushebt und der mir in Freundschaft verbunden ist, einen Menschen, der mir viel bedeutet, der mir so notwendig ist, wie das tägliche Brot.

So gesehen sind wir alle „Kumpane Jesu“, einmal weil er dieses Brot mit uns teilt, und zum anderen, weil er selbst dieses Brot ist –das Geheimnis unseres Glaubens schlechthin, und wir ihn brauchen wie das tägliche Brot.


Wir alle sind also Kumpane Jesu – 

Aber wir sind keine geschlossene Gesellschaft. Dies ist hier keine Veranstaltung nur für die Frommen. Wir sind allenfalls die, die der Einladung gefolgt sind, ein Bruchteil derjenigen, die alle eingeladen sind.

Auf Jesu Gästeliste stehen viel mehr, auch diejenigen, die sich vielleicht gar nicht vorstellen können, eingeladen zu sein, und von denen manche von uns sich nicht vorstellen können, dass sie dazu gehören: zum Beispiel  die wiederverheiratenen Geschiedenen, die Homosexuellen, die Transgender-Menschen, viele, die uns inzwischen den Rücken zugekehrt haben.

Unser Papst will, dass wir ihnen diese Einladung überbringen: „Jesus zu folgen heißt: lernen, aus uns selbst herauszugehen, um den anderen entgegen zu gehen, um zu den Randgebieten des Daseins zu gehen“, so sagt er. „Lasst uns als erste zu unseren Brüdern und Schwestern gehen, besonders zu denen, die am weitesten weg sind, zu denen, die in Vergessenheit geraten sind, zu denen, die Verständnis, Trost und Hilfe brauchen. Es gibt ein sehr großes Bedürfnis, das lebendige Zeugnis des barmherzigen Jesus, der reich an Liebe ist, zu den Menschen zu bringen![1]

Er hat Recht, wenn er in seiner ersten Enzyklika schreibt: „Die Eucharistie ist […] nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen“. [2]

Christus klopft an unsere Türe, sagt der Papst. Aber nicht um hereinzukommen, sondern dass wir ihn herauslassen und wir mit hinausgehen.
Als Kumpane Jesu wissen wir: nicht nur das Brot, auch Kommunikation und Gemeinschaft sind Lebens-mittel. – Wo sie gestört sind, müssen sie geheilt werden. Wo sie fehlen, müssen sie gestiftet werden. Wo sie tot sind, wieder belebt werden. Wo sie abgebrochen sind, müssen Brücken gebaut werden. In beschreiblicher und unbeschreiblicher Weise hat Jesus dies vorgelebt, hat sich selbst zum Lebensmittler und Lebensmittel gemacht und Communio gestiftet. Beschreiblich im Evangelium, unbeschreiblich in der Eucharistie.

Jammern wir nicht, dass wir Christus nicht in der Monstranz auf die Straße tragen können und schielen wir nicht auf Fronleichnam 2022. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde. Gehen wir selbst hinaus als Kumpane Jesu unter die Menschen.

Und das mit Liebe und mit der Zärtlichkeit Gottes, mit Achtung und mit Geduld, im Wissen, dass wir unsere Hände, unsere Füße, unser Herz zur Verfügung stellen, dann aber Gott es ist, der sie führt und der all unser Handeln fruchtbar macht.[3]

Vielleicht ist das der Anruf Gottes an diesem Tag! Wir haben genug zu tun!

[1] 27.3.2013

[2] EG 47

[3] Papst Franziskus 27.3.2013

Die Welt braucht den Narren!

Sieger Köder

Ein lachender Clown, geschminkt und in buntem Gewand, schaut in den Spiegel und erblickt sein Gegenbild: einen traurigen Clown. Egal, ob Clown, Pierrot oder Harlekin, das Lachen und das Weinen zeichnen den Narren aus. Wer eben noch Purzelbäume geschlagen hat, kann plötzlich ganz nachdenklich werden. Wer eben noch über das ganze Gesicht gelacht hat, dem fließen plötzlich die Tränen über die Wangen.

Die Narren stehen nicht im Mittelpunkt des Geschehen. Wie die Clowns treten sie zwischendurch auf, stolpern und fallen, machen ihre Bemerkungen und bringen die Menschen zum Lachen. Die Clowns sind nicht die Helden unter der Zirkuskuppel, nicht die begnadeten Artisten auf dem Hochseil oder Dompteure im Raubtierkäfig. Sie sind wie unsereiner. Deshalb gilt ihnen unsere Sympathie. Mit ihrem Lachen und ihrem Weinen erinnern sie uns an unsere Fähigkeiten, vor allem aber auch an unsere Schwächen.

Das heißt es in einer kölschen Ballade der Höhner: https://youtu.be/UH6ygd2QGUQ

Minsche wie mir dun kriesche un laache
Minsche wie mir sin nit jän allein
rötsch doch jet nöher wie Fründe dat maache
Minsche wie mir jo Minsche wie mir!

Ja, die Clowns sin Minsche wie mir!

Logisch denkende, auf ihre Klugheit bedachte Zeitgenossen haben es recht schwer mit dem Narren, denn ihnen wurde über Jahre und Jahrzehnte eingebleut, sich „ordentlich zu benehmen“ oder – noch schlimmer – sich „erwachsen zu benehmen“ und nur Dinge zu tun, deren Nutzeffekt deutlich erkennbar und kurzfristig realisierbar ist.

Die Höhner singen davon in einem ihrer Lieder:  https://youtu.be/5A90J6agFAM

Als Kind wird mir schon klargemacht.
Du kriss Ärjer, wenn du widder zu laut lachs,
den Sonntagsanzug dir versaus,
in der Schule dich mit andern Jungs verhaus.
Sei schön brav un still,man krich nicht immer alles, was man will.

Das Resumee in diesem Lied ist nichts anderes als die Sehnsucht nach dem Narren in uns, der Dinge tut, die sich der der Gesellschaft angepaßte Mensch nun einmal nicht erlaubt:
Lust auf Leben –Lust auf Liebe – Lust auf Lust!, heißt es in dem Lied.
Lust auf Bratkartoffel und nen fetten Kuß

Lust auf Leben  – Lust auf Liebe –Lust auf Doll
Lust mein Maul nicht zu halten, wen ich soll
Lust auf dicke rote Grütze und auf jede kleine Pfütze
Lust auf Leben-  Lust auf Liebe- Lust auf Lust!

Man hört so richtig den schmatzenden Kuss und die vorlaute Rede, sieht den bekleckerten Mund und die spritzende Pfütze. Wer möchte da nicht dabei sein?

Der Spiegel vor’m Gesicht

Vor 500 Jahren entstand in Basel aus der Feder des Sebastian Brant eine satirische Schrift „Das Narrenschiff“. Der Autor benutzt die Figur des Narren, um den Menschen ihre Schwächen und Laster vor Augen zu halten, sie aufzurütteln, zur Selbstbesinnung zu bringen und zu bessern.

Nichts anderes ist die eigentliche Funktion der Büttenreden im Karneval. Hier können die kleinen Leute denen „da oben“ ungeschminkt und durch das Narrenkostüm die Wahrheit sagen und auch sich selbst den Spiegel vorhalten. Das mag erheiternd sein und manchmal nachdenklich machen.

Auch in unseren Karnevalsschlagern wird uns dieser Spiegel vorgehalten, ohne dass wir uns dessen immer so bewusst sind. Schauen wir auf zwei Karnevalslieder, die schon einige Jahrzehnte lang gesungen werden https://youtu.be/08Mv0uKgz2I : „Am Aschermittwoch ist alles vorbei, die Schwüre von Treue sie brechen entzwei, von all’ deinen Küssen darf ich nichts mehr wissen. Wie schön es auch sei, es ist alles vorbei!“ Und ein anderes: https://youtu.be/Vq2WRcmNahg  „Du kannst nicht treu sein, neun, nein das kannst du nicht, wenn auch dein Mund mir wahre Liebe verspricht. In deinem Herzen hast du für viele Platz und darum bist du auch nicht für mich der richt’ge Schatz.“

Was da zuerst einmal nach Libertinage klingt, nach dem Motto „im Karneval ist alles erlaubt“ entpuppt sich bei näherem Hinsehen als sehr realistische Weltsicht: Ohne wahre Treue kann der Mensch nicht leben, das bestätigt jeder, der schon einmal die Untreue eines anderen erfahren hat. „Schwüre von Treue“ taugen nichts und auch der Kuss schmeckt nur, wenn er wirklich aus Liebe geschieht. Und noch etwas: die grosse Sehnsucht des Menschen ist es, nicht austauschbar zu sein. Wir wollen den Platz im Herzen eines Menschen nicht mit vielen teilen. Wer deshalb jedem die Treue verspricht, kann nicht wirklich lieben.

Nemm mich su wie ich ben, einfach su wie ich ben, ich weiss genau, dat ich Fehler hann, doch anders kann ich net sin, heißt eine neuere Version des gleichen Themas. https://youtu.be/ryxQ03a2WFU Wir wollen geliebt werden um unserer selbst willen, nicht wegen unseres Titels, unserer Rolle, unseres Geldes, unseres Aussehens – und das über den Aschermittwoch hinaus – so lesen wir es im Spiegel des Narren.

Die Welt braucht die Clowns, braucht die Narren, die uns immer wieder lehren: Die aufregenden Taten der Großen mögen zwar die große Welt verändern, aber unser Leben, unsere kleine Welt wird von anderen Quellen gespeist. So kann sich der Clown an der Blume erfreuen oder an der Seifenblase, die im Scheinwerferlicht glitzert:

Et sind die kleene Sache, wenn du an Kölle denks, die dir et Heimweh maache, wenn du en de Welt eröm hängst, singen die Bläck Föös. https://youtu.be/T3aowYSpzSI

Und sie erzählen von einer anderen Sehnsucht des Menschen, der Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat, die in kleinen Dingen erfahrbar wird.

Die Mächtigen, die sich oft einen Hofnarren hielten, der als Einziger am Hofe dem König die Wahrheit sagen durfte, ohne dafür geköpft zu werden, hatten trotzdem ein gespaltenes Verhältnis zur Narretei. Es war ihnen supekt und so verboten sie es nicht selten Auch die Kirchenoberen taten sich schwer damit, konnten mit dem offenen Wort der Narren nicht immer etwas anfangen. Als nach dem I. Weltkrieg der Karneval im Rheinland wieder auflebte, gab es sogar ein Hirtenwort des Kölner Erzbischofs, das alle Versuche im Keim ersticken sollte.

Die Ballade der Höhner über den Narren, erzählt sehr drastisch, wie man mit dem Narren umgeht, der die Kreise der Mächtigen und Wichtigen, der ach-so Sittsamen und Angepassten stört.

Sie haben versucht, ihn zu erzieh’n,
ihn bedroht, geschlagen und angespien,
Zerschlugen den Spiegel und sperrten ihn ein,
sie dachten, jetzt würd endlich Ruhe sein.,
Sie schlossen die Augen und hörten nicht zu
verlangten nach Ordnung, verlangten nach Ruh’.

Christus – der Narr

Roland Litzenburger

Als ich das Lied zum ersten Mal hörte, war meine erste Assoziation: ein Bild von Roland Litzenburger, das Christus als Narrenkönig zeigt. Christus – der Narr. Ein legitimer Vergleich?

Als die Verwandten Jesu ihn nach seinen ersten Predigten in die Familie nach Nazareth zurückholen wollten, sagten sie: „Er ist von Sinnen“. D.h. er ist außer sich, er ist verrückt.

Und so sollte es auch bleiben: So mancher Vergleich, mit denen er den führenden Gruppen der Gesellschaft die Leviten las, klingt durchaus komisch, zum Beispiel: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Oder wenn er das heuchlerische Verhalten der Pharisäer kommentiert: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele.

Eine solche Predigt schafft nicht nur Freunde; sie bringt vor allem diejenigen gegen den närrischen Propheten auf, die getroffen sind und nicht genügend Witz besitzen, um auch über sich selbst lachen zu können.

Vieles was der Jesus sagt, klingt verrückt: ob es die Feindesliebe ist, die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes, auf die der Mensch angewiesen ist, die Notwendigkeit, in jedem Menschen ihn selbst zu erkennen, oder die Forderung zur unbedingten Nachfolge.

Paulus spricht von der „Torheit der Verkündigung“ (1 Kor 1,21) und sagt: „wir verkünden Christus, den Gekreuzigten, für die Heiden eine Torheit“, ( 1 Kor 1,23).

Verstehen wird dies nur, wer in eine Beziehung zu Christus tritt. So wie in der Ballade die, die den Narren wunderbar fand, Zugang zu seiner Botschaft hatte.https://youtu.be/mahHH1_WpmQ

Er schaute zum Himmel, sein Herz in der Hand,
las in den Sternen, was keiner verstand.
Sie konnte die Botschaft der Sterne versteh’n
Sie nahm ihn ganz einfach so wie er war.

In dieser Beziehung erkennt sie: Dieser Narr wird zum Salz für Welt. Er macht die Welt genießbar, mit der ungeheuren Kraft wie wir sie in einer Prise Salz erleben.

Christus – der Narr. Der Vergleich scheint legitim. Der Narr, nicht der dumme August, der nicht ernst sein kann. Eher wie jener Clown von Sieger Köder, dessen Lächeln nicht verschwindet auch wenn er sich traurig im Spiegel sieht.

Wir sind Narren um Christi willen“, sagt uns Paulus im ersten Korintherbrief (1 Kor 4,10). Wir sind eingeladen, den Narren in uns zu entdecken. In vielen unserer Anliegen, Sorgen und Ängsten stände uns das Lächeln der Kinder Gottes gut zu Gesicht, die wissen, dass allein die Sonne Schatten werfen kann. Wir sind eingeladen als „Clowns des lieben Gottes“, die Freiheit zu leben und das Salz dieser Welt zu sein – auch über den Aschermittwoch hinaus.
Hier der ganze Songtext: Der Narr

Vom hohen Ross herabgestiegen

Heute ist Martinsabend! In diesen Corona-Zeiten ohne die gewohnten Martinszüge. Trotzdem gilt es, des Heiligen zu gedenken. Dabei erinnere ich mich gerne an eine ungewöhnliche Martinsdarstellung. Sie begegnet uns in Rottenburg. Nicht von oben herab wendet sich der Soldat dem Bettler zu. Er ist vom hohen Ross herabgestiegen. Aug in Aug stehen sich die beiden gegenüber oder wie man heute sagt „auf Augenhöhe“.  Das gemeinsame Fundament ist das Kreuz.
Martin zeigt sich barmherzig. Die Legende erzählt, dass Christus nachts imTraum dem Martin erscheint und ihm so deutlich macht, was das Schriftwort meint: „Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.
„Barmherzigkeit“ bedeutet wörtlich: den anderen wie in einem Mutterschoß bergen. Das geht nicht von oben herab. Dafür muss man schon vom Pferd herabsteigen.
Aber geht es nur um „Barmherzigkeit“? Wird nicht durch das Handeln des Martins das „System“ bewahrt? Der Arme wird zwar vor dem Erfrieren gerettet; aber was ändert das an seiner Lebenssituation? Es gibt weiter den da oben auf dem Pferd und den da unten, der im Dreck sitzt.
Von Martin wird berichtet, dass das Erlebnis am Stadttor von Amiens, wo es lokalisiert wird, ihn existentiell verändert hat. Wir erleben zur Zeit eine Pandemie, die auch unser Leben durcheinander wirbelt – vielleicht mehr noch als die Begegnung Martins mit dem Bettler. In seiner jüngsten Enzyklika „Fratelli tutti“ stellt Papst Franziskus fest: „Die Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme angesichts der Pandemie hat gezeigt, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden kann und dass – über die Rehabilitierung einer gesunden Politik hinaus, die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist – wir »die Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt stellen müssen. Auf diesem Grundpfeiler müssen die sozialen Alternativen erbaut sein, die wir brauchen.«“(Fratelli Tutti Nr. 168) Schon 2014 hatte der Papst es konkretisiert: „... keine Familie ohne Wohnung, kein Bauer ohne Boden, kein Arbeiter ohne Rechte, kein Mensch ohne die Würde, die die Arbeit gibt.“
Mir wird bewusst: es geht in der Martinsgeschichte um mehr als um das Mantel-Teilen. Es reicht nicht mehr, nur vom Pferd herabzusteigen, handeln müssen wir. Papst Franziskus gibt uns Anregungen genug.

Der Tisch des Wortes ist reich gedeckt!

Das II. Vatikanische Konzil hat den Katholiken die Bibel zurück gegeben.“, stellte Carlo Kardinal Martini in seinem letzten Interview fest. In der Tat: die Liturgiekonstitution des Konzils hat den Wert des Wortgottesdienst wieder entdeckt. Einmal als ersten Teil der Eucharistiefeier und zweitens als eigenständige Gottesdienstform.

In diesen Corona-Wochen, in denen das Volk Gottes auf die Feier der Eucharistie verzichten musste,  erhielt der Wortgottesdienst für viele eine neue Bedeutung. Da immer noch viele der Eucharistie fernbleiben, weil sie entweder zur sogenannten Risiko-Gruppe gehören bzw. weil sie sich in den Messen unter Corona-Bedingungen nicht wohlfühlen, bleibt der Wortgottesdienst wohl noch auf längere Zeit eine willkommene Alternative – ohne dass dadurch die Feier der Messe als  „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (LG 11)in Abrede gestellt wird.

Rainer Sturm/pixelio.de

Beim hl. Hieronymus lesen wir: „Wir lesen die Heiligen Schriften. Ich denke, dass das Evangelium der Leib Christi ist; ich denke, dass die Heiligen Schriften seine Lehre sind“ und Papst Benedikt XVI. folgert konsequent „Christus, der unter den Gestalten von Brot und Wein wirklich gegenwärtig ist, ist in analoger Weise auch in dem Wort gegenwärtig, das in der Liturgie verkündigt wird.“ (DV 56) Der „Sakramentalität des Wortes“ (DV 56) entspricht das Bild des II.Vatikanischen Konzils, das vom „Tisch des Gotteswortes“ spricht (SC 51).

In der Schrift lesen und sie betrachten – das kann ich alleine. Soll es aber ein Gottesdienst sein, braucht es eine Gemeinschaft, eine Community – wie es neudeutsch heißt, braucht es „zwei oder drei, die in Jesu Namen versammelt sind“. In Corona-Zeiten am ehesten digital, damit der Abstand gewahrt wird und man trotzdem beieinander ist.
Aber diese Wochen haben nicht nur solche „neuen“ Gemeinschaften gefördert, die sich digital gefunden haben, sondern auch noch etwas anderes zu Tage gebracht: Es bedarf für die Auslegung des Wortes Gottes nicht des Priesters, sondern das Volk Gottes ist durch Taufe und Firmung befähigt, die gemeinsame Kost vom Tisch des Wortes sich gegenseitig zum Geschenk werden zu lassen.

Ich bin jeden Sonntag reich beschenkt und immer wieder überrascht, wie die Teilnehmer*innen unseres Zoom-Gottesdienstes bei „lukas19“ die Schriftstelle hören und sich gegenseitig erschließen. Da ist der Theologe einer unter vielen, der oft staunend zuhört, wie andere das Wort Gottes für sich deuten. Der „Tisch des Wortes“ ist jeden Sonntag reich gedeckt! Das gibt Kraft für die nächste Woche.

Die „aktive Teilnahme“ am Gottesdienst beschränkt sich bei diesem Format nicht wie gewohnt nur auf die Antworten in der Liturgie, auf das Singen der Lieder, auf das Hören der Schrift und einer Predigt, auf den Austausch des Friedensgrußes, sondern alle sind beteiligt, wenn zu Beginn jeder und jede etwas von sich erzählt, sich an der Schriftauslegung beteiligt und auch die Anliegen für die Fürbitten zusammenträgt.

Ich bin gewiss, die Teilnehmer*innen werden sich in Zukunft nicht mehr mit der mehr oder weniger passiven „aktiven Teilnahme“ zufriedengeben. Corona hat auch hier etwas zum Vorschein gebracht. Wir dürfen es nicht wieder verschütten.

Fragen statt Jubel

In diesen Tagen begehe ich den Jahrestag meiner Priesterweihe. In Corona-Zeiten ganz anders. Dieses Mal ganz alleine. Zeit, um sich der Frage zu stellen, was ist heute anders. Anders – nicht im Vergleich zu 1974, anders im Vergleich zu der Zeit vor Corona.

Es hat sich seit 1974 viel verändert. Aus der Kirche des Aufbruchs ist eine Kirche des Rückzugs geworden. Aber im Vergleich zu den 46 vergangenen Jahren sind die letzten Monate doch in meiner Wahrnehmung viel einschneidender gewesen. Nicht nur in der Fleischindustrie deckt die Pandemie Vieles auf.

In meinem Weihnachtsbrief 2019 habe ich noch beklagt, dass mir die Zelebration mangels Gelegenheiten fehlt. Jetzt musste ich 3 Monate darauf verzichten und es fiel mir nicht schwer (bin ich jetzt ein schlechter Priester?). Ich habe schnell gelernt wie ich mich (ich gehöre mit 70 und Übergewicht zur Risikogruppe) und die anderen schützen kann und muss.

Über die Problematik der vielen gestreamten Gottesdienste in den Wochen des Lockdowns ist schon viel Richtiges geschrieben worden. Manchmal hatte ich den Eindruck, als seien die Priester die „Herren“ über die Eucharistie (siehe auch 2 Kor 1,24), kaschiert mit dem Gedanken der Stellvertretung. Das, was dem Volk Gottes nicht möglich war, konnten sie praktizieren. Irgendwo blitzt in meinem Hinterkopf das Wort „Macht“ auf.

Während einer Ferienvertretung habe ich jetzt wieder zelebriert – das gehört  zu meinem Dienst. Wer aber meint, dass ich innere Luftsprünge gemacht habe, irrt sich leider. Ich empfand die Zelebration als anstrengend – immer musste man Hygiene-Konzept und Regeln im Hinterkopf haben. Gesungen wurde nicht bis auf zwei ganz kleine Ausnahmen (Halleluja und Sanctus). In Ermangelung eines Kirchenmusikers musste ich zwischendurch auch noch das Handy steuern, um etwas Musik einzuspielen.

Es war Gottesdienst mit „gebremstem Schaum“ – man sah es den Menschen, die überall auf Abstand saßen, an, dass sie gerne mehr gesungen hätten – wenn da nicht die gefährlichen Aerosole wären. Das Gefühl von Gemeinschaft kam nicht auf. Man saß weit entfernt voneinander und vermied aus guten Grünen jeden näheren Kontakt. Für mich ist in der Messe immer die Interaktion wichtig oder – wie es im Studium nach dem II.Vatikanum immer wieder hieß  – die „participatio actuosa“, die tätige Mitwirkung des Volkes Gottes.
Ich möchte die Stimmung der Menschen erleben und aufgreifen. Ihre Freude und ihre Trauer müssen sich auch in meiner Zelebration widerspiegeln. Nichts von alledem war zu erleben, weil es kaum eine Interaktion gibt – die liturgischen Bücher mit den paar Antworten genügen! Und das wird wohl noch einige Zeit so andauern – wenigstens für jene, die achtsam und sorgsam sind angesichts des unsichtbaren und immer noch gefährlichen Virus. Will uns Gott damit etwas sagen?

Das Wort des Herrn „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“ heißt heute „Kommt alle zu mir, meldet Euch an, registriert Euch, hinterlasst Namen und Telefonnummer“ und dann tretet ein, wenn noch Platz für Euch ist“. Weil nicht mehr so viele Menschen in die Kirchen passen, wird die Zahl der Messen mancherorts vervielfacht und man wundert sich, dass gar nicht so viele kommen. Und dabei wurde doch die Entpflichtung vom Sonntagsgebot wieder aufgehoben – aber wen interessiert das? – sowohl beim ersten Schritt, als auch beim zweiten. Die Menschen haben längst mit den Füßen abgestimmt und die Einhaltung des Sonntagsgebotes in Eigenregie übernommen. Wen hat es interessiert? Corona bringt es an den Tag. Und wen interessiert es? Will uns Gott damit etwas sagen?

Wir klagen über den Relevanzverlust der Kirchen. Wir waren in der Krise nicht systemerhaltend; sogar die Bundeskanzlerin hat die Kirchen in ihrer Ansprache nicht erwähnt. Da haben sich manche strammen Katholiken (weniger die *innen) ereifert und verwiesen auf die Caritas, die kirchlichen Schulen, die Krankenhaus-Seelsorge usw. Aber wird das überhaupt noch als kirchliches Handeln identifiziert? „Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten“, heißt es von der Ur-Kirche in der Apostelgeschichte (Apg 2,47) als sie noch weit davon entfernt war, systemrelevant zu sein. Weshalb hat Gott das eingestellt – schon vor Corona?

Nun bin ich nicht mehr im Dienst und die Kolleginnen und Kollegen vor Ort werden gewiss viele Beispiele anführen, wie und wo Kirche in den letzten Wochen präsent war. Manche hatten sogar mehr zu tun als sonst (geht das überhaupt?). Da wir keine Hygiene-Fachleute sind, mussten sich alle Dinge aneignen, die ihnen mehr als fremd waren. Aber besonders die Priester haben mit ihrer Priesterweihe alle Fähigkeiten erhalten – auch wenn sie bisweilen verschüttet sind, weil nicht gebraucht (siehe das Aufstellen von Hygienekonzepten). Sie müssen halt eben alles sein und können – Verwaltungsfachleute und Finanzmanager, Experten für Krankenhaus-Management, für Personalführung u.v.a.m.

Im Bistum Trier hat der Bischof jetzt einen römischen Schuss vor den Bug bekommen, weil er die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen wollte. Der Priester muss der Allzuständige und Letztverantwortliche sein – und damit festigt man nicht nur seine Macht, sondern auch die seines Bischofs, dem er im Gehorsam verpflichtet ist.

Überhaupt die Macht und ihr Erhalt – sie treibt seltsame Blüten. – Auch an ganz unscheinbaren Pflänzchen. Da geht das Bild eines Pfarrers durch die Presse, der am Karsamstag die Speisen segnet, die in einem Autocorso an ihm vorbeigefahren werden. Welche eine Kreativität! Weil die Weihwasserbecken in den Kirche leerblieben sind, gab es mancherorts kleine Fläschchen mit geweihtem Wasser oder Weihwasser im Erfrischungstuch-Format. Ich frage mich, warum hat man nicht die Getauften und Gefirmten angeleitet, selbst einen Segen über die Speisen oder über das Wasser zu sprechen? Ich weiß, wir können nicht leichtfertig die Macht – und wenn es nur die Macht über den Segen Gottes ist – aus der Hand geben. – Will uns Gott damit etwas sagen?

Ich merke, ich stelle viele Fragen – eigentlich ist es immer die Gleiche – und ich habe keine Antwort. Wo wird in der Kirche um die Antwort gerungen? Wo gibt es das Gespräch darüber? Gerne auch digital. Stattdessen hören wir auch nach den jüngsten Kirchenaustrittszahlen immer wieder die gleichen wortreichen Beteuerungen, die wir schon seit Jahren kennen ohne dass ihnen Taten gefolgt wären.

Eines weiß ich nur, es gibt kein zurück in die Vor-Corona-Zeit. Es wird eine neue Normalität geben müssen. Das II.Vatikanum sprach von den „Zeichen der Zeit“, die wir im Lichte des Evangeliums deuten müssen. Wenn die „Corona-Krise“ kein „Zeichen der Zeit“ ist, dann weiß ich nicht, auf welche Zeichen wir dann achten müssen.

Ich sprach eingangs von der Zelebration, die ich vermisste. Jetzt muss ich sagen: ja, ich vermisse sie weiterhin – aber nicht die unter Corona-Bedingungen. Ich werde noch eine Zeit ohne auskommen müssen und erfreue mich stattdessen an der lukas19-Community, die sich im Shutdown gründete und sehr beharrlich besteht. Es ist mir jeden Sonntag eine Freude, zu erleben, wie Menschen miteinander das Wort lesen und auslegen – der Tisch des Wortes ist reichhaltig gedeckt. Das genügt. Will mir Gott damit auch etwas sagen?

 

Sind Sie auch ein Zachäus?

Kennen Sie eigentlich Zachäus? In der Bibel steht eine Geschichte über ihn: er war klein von Gestalt und bei seinen Mitmenschen mehr als unbeliebt. Von Beruf war er Zöllner, genauer gesagt: Oberzöllner. In biblischer Zeit kein geschätzter Beruf, denn die Zöllner, die ihre Stationen von der römischen Besatzungsmacht gepachtet hatten, waren oft willkürlich in ihrer Festsetzung der Zölle und Steuern.

Ihren Reichtum hatten sie sich auf sehr unsaubere Art erworben. Da klingt der Name des Zachäus schon fast wie Hohn, übersetzt heißt er soviel wie „rein“. Wie gesagt: er war klein von Gestalt. So wundert es nicht, dass er auf einen Baum klettert, als ein gewisser Jesus aus Nazareth in die Stadt kommt, von dem alle Welt spricht. Vielleicht weil ihm die größeren Zeitgenossen den Blick versperrten oder weil er im Blätterwerk des Baumes nicht gesehen werden wollte. Er wäre nicht der erste, der sich schuldbewusst versteckt hat – Adam lässt grüßen.

Das Überraschende geschieht: Jesus nimmt den Verborgenen wahr und lädt sich zu ihm ein. „Heute will ich in Deinem Haus zu Gast sein!“ Aber hallo, Herr Jesus – da stehen doch wohl Frommere am Wegesrand, vielleicht sogar die neugierige High Society von Jericho. Oder auch Arme, denen ja sonst deine Aufmerksamkeit gilt. Und dich zieht es ausgerechnet zu diesem Halsabschneider, mit dem ein „anständiger Jude“ keine Gemeinschaft hat. – So oder ähnlich wird man damals auf den Straßen Jerichos getuschelt haben.

Jesus, der „Freund der Zöllner und Sünder“, wie man ihn nennt, lässt sich nicht beirren. Schnell soll Zachäus seinen Aussichtspunkt, sein Versteck verlassen, damit Jesus bei ihm einkehren kann. Ohne Vorbedingung, ohne „Taufschein“ (gab es damals noch nicht – aber man weiß was gemeint ist), ohne Glaubensbekenntnis, ohne Gegenleistung. Einfach so. „Freudig“ nahm er ihn bei sich auf.

Das Zerbrochene bleibt

Kintsugi

Kintsugi

Und dann muss etwas passiert sein. Etwas hat sich ereignet zwischen Gast und Gastgeber. Ich kann es mir nur so erklären: Zachäus steht plötzlich vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Er will alles wieder gut machen und erlebt, dass der Gast es ist, der die Scherben neu zusammenfügt – so wie man es bei der japanischen Kintsugi-Kunst anschaulich erlebt: das Zerbrochene bleibt aber in einer neuen, kostbaren Gestalt. „Heute ist Rettung diesem Haus widerfahren“, heißt es in der Bibel.

Die Begegnung zwischen Jesus und Zachäus hat das Leben des Zöllners in Ordnung gebracht. „Heute ist ein Freudentag“, sagt Jesus in einer modernen Übersetzung. Das was keiner seiner Zeitgenossen für möglich hielt, erlebt Zachäus in seinem eigenen Haus: die Zusage, er ist ein Sohn Abrahams, verloren und wieder gefunden. Der kleine Mann ist plötzlich ein Großer im Reich Gottes!

Die bedingungslose Zuwendung Gottes, die in Jesu Wort und Handeln deutlich wird, macht das Haus des Zachäus zu einem heiligen Ort, zu einem Ort des Heils.

„lukas19“ – eine neue Möglichkeit, Kirche zu sein

Was hindert mich daran, zu glauben, dass auch mein Zuhause ein heiliger Ort ist?
Das war die Geburtstunde von „lukas19“, dem Netzwerk von Menschen, die wie ich daran glauben, dass sie Menschen wie Zachäus sind und deren Zuhause auch ein heiliger Ort ist. Dort feiern sie Gottesdienst, digital verbunden mit anderen Menschen. „lukas19“ – weil die Geschichte von dem kleinen Zachäus im 19.Kapitel des Lukas-Evangeliums aufgeschrieben ist.
Netzwerk „lukas19“ – eine neue Möglichkeit von Kirche – anders als wir es gewohnt sind und vielleicht zukunftsfähig.

Sie wollen mehr über „lukas19“ wissen – Lesen Sie HIER nach!
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Das Kind uns!

Heute ist „Weißer Sonntag“, traditionell der Tag der Erstkommunion. In diesem Jahr macht Corona den Kindern das Fest unmöglich. Schade, sehr schade. Mir geht noch etwas anderes durch den Kopf und das Herz.
Mit dem Herzen, mit dem Munde schwören wir, Gott treu zu sein“ – so sangen wir damals bei unserer Erstkommunion. Erinnern Sie sich noch? Wir Jungen standen in unseren dunklen Anzügen und kratzenden Strümpfen, die Mädchen in ihren weißen Kleidern mit brennenden Kerzen in den Händen vor dem Altar und legten unser Glaubensbekenntnis ab. Erstkommunion! Lange ist es her. Damals war die Welt für mich noch in Ordnung.
Heute bin ich erwachsen und kenne ein Stück von der Welt und vom Leben. Ich weiß, dass nicht alles so rosig aussieht, wie ich es mir als Kind geträumt habe. Kompliziert und grausam kann diese Erde sein und die Menschen machen sich das Leben gegenseitig schwer. Ich habe Kinder sterben sehen und an Gott gezweifelt, ihm meine Fragen entgegen geschleudert.
Ich habe in den Jahrzehnten von immer neuen Katastrophen gelesen, bemerkt, wie teilnahmslos wir Menschen geworden sind, wie wir zwar klagen über so manche Ungerechtigkeit, aber kaum etwas dagegen unternehmen. Angesichts der Corona-Pandemie schützen wir uns mit Erfolg, wie die Virologen sagen. Was aber ist mit denen, denen es nicht gelingt – weder gesundheitlich noch finanziell? Die Fragen werden nicht weniger.
Als Erstkommunionkinder hatten wir es gut. Solange wir noch nicht zu Erwachsenen geworden waren, konnten wir uns über Geschenke freuen, ohne gleich an die Gegenleistung zu denken, auf die Menschen zugehen, offen, neugierig, voller Fragen. Wir vergaßen im Spiel die Zeit, tauchten dabei ein in eine andere Welt. Glauben fiel uns leicht. Wir hatten oft einen direkten Zugang zu Bildern, die wir uns heute mühsam entschlüsseln müssen. „Die großen Leute„, so heißt es in „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery, „verstehen nie etwas von selbst, und für Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer erklären zu müssen.
Im Neuen Testament vergleicht Jesus die Menschen im Reich Gottes mit Kindern. Die Zeit lässt sich für uns nicht zurückdrehen, unsere Kinderschuhe passen uns nicht mehr. Aber das Kind in uns dürfte schon öfter zum Vorschein kommen. Vielleicht fiele uns dann manches leichter, mit uns selbst, mit den anderen, mit Gott.

Der Engel mit dem gebrochenen Flügel

Ich widme die Geschichte allen Engeln, die aus dem Himmel gefallen und irgendwo gelandet sind – oder eben auf dem Dach des Stalls von Bethlehem wie dieser kleine Engel.

lucky-pixel/pixelio.de

Das Malheur war passiert, als die Engel aufgescheucht von der wunderbaren Botschaft „Heute ist in der Stadt Davids der Heiland geboren“ den Himmel verlassen hatten, um das Gloria über Bethlehems Feldern zu singen: der Flügel eines kleinen Engels war gebrochen und ohne Flügel können Engel nun mal nicht fliegen. Er purzelte zur Erde und landete vom Wind etwas abgetrieben auf dem mit Stroh gedeckten Stall, in dem das Jesuskind lag.

Der kleine Engel schrie leicht auf, weil das Stroh ihn piekste und stach. Er schaute nach – alles heil geblieben, außer dem gebrochenen Flügel. Als wenn das nicht schon genug wäre. Er blickte zum Himmel, wo ein goldener Glanz alles überstrahlte. Die anderen Engel sangen um die Wette und keiner hatte den kleinen Engel bemerkt, der zur Erde gefallen war. Gleich, so dachte er bei sich, werden sie nach Dir schauen, irgendeiner wird dich vermissen und mit der Suche beginnen. Und Engel haben bisher noch alles gefunden.

Das Gloria war vorbei und die „Kollegen“ kehrten in den Himmel zurück. Auf den Feldern blieben die staunenden Hirten zurück. Der kleine Engel zitterte in der Nacht und sehnte sich nach seiner Wolke, wo er jetzt warm beschienen von der Sonne sitzen könnte. Er hörte Schritte näher kommen, aufgeregte Stimmen, die leiser wurden, je näher sie kamen. Sie traten ein in den Stall, aus dem auch ein heller, warmer Glanz nach draußen fiel.

Langsam rutschte der kleine Engel bis an den Rand des Strohdaches. Jetzt konnte er durch eines der verstaubten Fenster ins Innere blicken. Da lag das Kind, von dem der Ober-Engel erzählt hatte, in Windeln gewickelt und in einer Krippe. Daneben seine Mutter und sein Vater – der kleine Engel wusste nichts von theologischen Feinheiten. Ihm war nur klar, wenn er nicht erfrieren wollte, dann musste er in den Stall hinein.

Er zielte und sprang auf eines der Schafe, das mit den Hirten gekommen war. Es blökte einmal laut auf, als es den Engel auf seinem Rücken bemerkte, der schnell weiter auf die Erde sprang. Ganz unsportlich sind auch Engel nicht.

Kurz vor dem Eingang zum Stall erschrak er und drückte sich schnell in den Schatten der Stallwand. Was würde der Gottessohn sagen, wenn er einen Engel mit gebrochenem Flügel entdeckte? Es reichte schon, sich vorzustellen, was im Himmel los sein würde, wenn der Ober-Engel mitbekommen würde, was ihm passiert ist. Im Himmel herrscht Ordnung, pflegte er immer zu sagen und ein zerbrochner Flügel war nun mal nicht in Ordnung.

Andererseits in dem Durcheinander, das jetzt herrschte, könnte er leicht ins den Stall hineinkommen. Irgendwie zwischen den Beinen hindurch in irgendeine Ecke bis einer der anderen Engel ihn gefunden hat. Es konnte nicht mehr lange dauern. Gedacht, getan. Er kroch hinein in die hinterste Ecke des kleinen Stalls, wo ein Haufen Stroh ihn vor den Blicken verbarg. Dort setzte er sich in die Dunkelheit und schlief ein. Niemand hatte ihn bemerkt.

Das Weinen des Kleinen hatte ihn aufgeweckt. Wie viel Zeit musste vergangen sein? Keiner hatte nach ihm gesucht, keiner hatte ihn gefunden. Fällt es im Himmel schon nicht mehr auf, wenn ein Engel fehlt? Ihm war zum Weinen zumute und bald schon weinte er vor sich hin, so leise, dass ihn niemand von den Menschen hören konnte, aber so laut, dass der Ochs neugierig wurde und mit seinem Maul bedrohlich nahe kam.

Der kleine Engel wich ängstlich zurück und verkroch sich noch tiefer in das Stroh. Hier war es dunkel und auch warm. Hier sah niemand seinen zerbrochnen Flügel. Im Übrigen war er sehr geschickt darin, ihn so zu halten, dass niemand ihn sah. Wie hätte er auch sein Malheur erklären können? Da saß er also im Stall von Bethlehem und er wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Im Stall herrschte eine eigenartige Atmosphäre. Neben emsiger Geschäftigkeit, gab es auch sehr stille Momente. Eine himmlische Stille, dachte der kleine Engel und erinnerte sich an sein Zuhause. Es war zwar auch für Engel im Himmel nicht immer einfach, besonders dann, wenn der Ober-Engel mal wieder stundenlanges Jubilieren und Hosianna-Rufen verordnet hatte. Aber es war doch der Himmel – bei aller Anstrengung!

Jetzt war er herausgepurzelt. Es kann doch nicht sein, dass mich niemand vermisst und keiner nach mir schaut. Engel kennen zwar keine Zeit, aber hier unten auf der Erde kam es ihm doch inzwischen etwas lange vor. Manchmal lugte er durch das Stroh und eine kleine Ecke des Fensters hindurch zum Himmel. Wenn er dann nachts die Sterne funkeln sah, wusste er, dass seine Kollegen fleißig gewesen waren. Was mag nur mit seinen Sternen sein, für die er zuständig war? Gewiss es waren nicht die berühmtesten Himmelskörper. Sie zählten nicht zu den Sternbildern, die selbst die Amateur-Astronomen am Himmel ausmachen konnten, aber es ging trotzdem nicht an, dass sie nicht geputzt wurden. Der kleine Engel hing seinen Gedanken nach und hatte zuerst gar nicht bemerkt, wie Bewegung in den Stall kam.

Draußen war irgendetwas los. Ach wenn er doch auf die Fensterbank hätte fliegen können. Er war doch so neugierig. Also musste er seine Ohren spitzen. Das klang nach einer größeren Gesellschaft. „Hier muss es sein!“, hörte er eine Stimme in einer fremden Sprache. Engel verstehen alle Sprachen. „Hier kann es aber nicht sein!“, sagte eine andere Stimme und fügte hinzu, „ wir suchen einen König und stehen vor einem Stall.“ „Aber der Stern!, flüsterte ein Dritter. Als der kleine Engel das Wort „Stern“ hörte, wurde er ganz nervös. Ein Stern soll scheinen, am helllichten Tag! Ja, richtig, da stand ein Stern am Himmel und leuchtete mit der Sonne um die Wette. Ein Strahl fiel mitten hinein in den Stall auf das Kind in der Krippe. „Schön“, dachte der kleine Engel, „ einfach schön!“

Draußen tuschelte man bis einer hörbar sagte: „Ich gehe jetzt rein und schaue nach!“ Und schon ging knarrend die Stalltür auf und im Türrahmen stand ein großer Mann in prächtigen Gewändern. Als er das Kind und seine Mutter sah, trat er einen Schritt nach vorne und fiel auf die Knie. Hinter ihm kamen noch zwei nicht weniger kostbar gekleidete Männer, die sich ebenfalls niederknieten. So ist’s recht, dachte der kleine Engel, immerhin ist es Gottes Sohn, und er wunderte sich trotzdem. Die Männer waren anscheinend nicht aus Bethlehem, sondern kamen von weither.

Und sie hatten seltsame Namen: Caspar, Melchior und Balthasar. Der kleine Engel musste kichern als er die Namen hörte. Engel mit solchen Namen gab es im Himmel nicht. Da fiel ihm auf, dass er gar keinen Namen hatte. „Kleiner Engel“ wurde er immer gerufen – aber das war doch kein Name! Kleine Engel gibt es gewiss viele.

Ohne Namen – das bedeutet doch austauschbar zu sein. Vielleicht hatten sie ihn deshalb im Himmel vergessen. Wer keinen Namen hat, der hat auch keinen Platz im Herzen der anderen. Der kleine Engel wurde sehr nachdenklich und traurig – „also deshalb“, jetzt wusste er Bescheid. Aber was änderte das an seiner Situation? Engel „Namenlos“ mit einem gebrochenen Flügel, irgendwo in einer Ecke des Stalls von Bethlehem.

Aber er hatte nicht viel Zeit, um nachdenklich zu sein. Jetzt brachten die drei Männer Geschenke herbei und der kleine Engel kroch ein wenig hinter seinem Stroh hervor, um es genauer sehen zu können. Der erste brachte Gold, glänzendes Gold, so strahlend, dass selbst der Engel staunen musste. Er wusste, wie kostbar das Gold war, das hatte man ihm beigebracht schon in seinen ersten Stunden im Himmel, wo die Strassen aus reinem Gold sind. „Das ist recht“, dachte er, „soll der Gottessohn doch etwas vom Himmel hier unten haben, wenn er schon in beschissenen Windeln in einer Krippe liegen muss. Was ein Gottessohn so alles macht?“ Es gibt Dinge, die kleine Engel nicht verstehen.

Der zweite kam mit Weihrauch. Wie das duftete, der ganze Stall war davon erfüllt. Er wusste, dass auch dieses Geschenk sehr wertvoll war. Es kam von weither, aus Saba, wenn er sich recht erinnerte, und wie oft hatte er oben im Himmel die Luft ganz tief eingesogen, wenn der Weihrauch von der Erde bis zum Himmel emporstieg. Hmm, es war fast wie zuhause im Himmel und die Sorgen des kleinen Engels verzogen sich ein wenig.

Und was brachte der Dritte, der Älteste der Drei? Myrrhe legte er zu Füssen des Kindes nieder und machte dabei ein ernstes Gesicht. Auch ein kostbares Harz, aber – und das wusste sogar der kleine Engel – es wurde gerne verwandt als Heilmittel und zur Einbalsamierung von Verstorbenen. Na, ob das denn der richtige Ort für so ein Geschenk ist. Fast hätte er aus Protest laut aufgeschrien. So etwas schenkt man doch keinem Neugeborenen. Aber er hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Man hätte ihn gewiss entdeckt.

So kroch er leise wieder zurück in seine Ecke und versuchte alles zu begreifen, was er da erlebt hatte. Versunken in sich selbst und immer wieder „Gold, Weihrauch, Myrrhe“ murmelnd hätte er fast nicht mitbekommen, dass das Kind auf dem Schoß der Mutter nach den Kronen der drei Männer griff. Hatte er es richtig gesehen, dass es mit seinen kleinen Fingerchen ungelenk ein Kreuz in die Kronen gemalt hatte? Er rieb sich die Augen und tatsächlich, es zeichnete ein Kreuz in die Kronen und gab sie lächelnd zurück. Das soll einer begreifen. Wie gerne hätte er mit seinem Ober-Engel darüber gesprochen.

Die drei Männer nahmen Abschied und Maria und Josef schauten ihnen lange nach. Es dauerte ein wenig bis der Zug mit seinen Kamelen und Dromedaren den Weg über die Hügel von Judäa genommen hatte. Der kleine Engel war an diesem Abend so aufgeregt, dass er nicht schlafen konnte. Maria, Josef und das Kind dagegen ruhten aus von einem anstrengenden Tag.

Plötzlich ein Rauschen und ein großes Licht, das in den Stall schien. Und da stand er: sein Ober-Engel. Endlich: dem kleinen Engel liefen die Tränen über’s Gesicht. Endlich: sie hatten ihn also doch nicht vergessen und gefunden. Er konnte gar nicht schnell genug aus dem Stroh hervor kriechen und seine Flügel vom Stroh säubern, denn der Oberengel war sehr pendantisch. Aber was war das? Er kam nicht zu ihm, sondern rührte Josef an, flüsterte ihm etwas ins Ohr, verließ ihn und den Stall. „Hallo, hier bin ich!“ schrie der kleine Engel. „Hallo, hier!“ Aber das Licht erlosch und es wurde wieder still. „Das gibt es doch nicht! Du kannst mich doch hier nicht zurücklassen.“

„Wer bist du denn?“, hörte er ein kleines Stimmchen. Oh je, jetzt hatte sein Schreien das Kind aufgeweckt. Es schaute zu ihm hin, verstecken war nicht mehr möglich. „Komm bitte her“, sagte das Jesuskind. Der kleine Engel kroch langsam näher, peinlich darauf bedacht, seinen zerbrochenen Flügel zu verstecken. Er hockte sich neben die Krippe, schaute das Kind an und dann brach es aus ihm hervor, er erzählte seine ganze Geschichte. Wie er aus dem Himmel gefallen war, mitten auf das Dach des Stalles, wie er sich in einer Ecke versteckt und staunend alles miterlebt hatte. Auch von seinem gebrochenen Flügel erzählte er. „Gebrochner Flügel?“, fragte das Kind, „lass sehen“. Auch das noch! Er hätte sich ohrfeigen, dass er es überhaupt erzählt hatte. Er zeigte dem Kind das zerbrochene Gefieder. Doch was war das? Plötzlich kam neue Kraft in seine Flügel, er konnte beide wieder bewegen. Wenn das kein Wunder ist! Das Kind in der Krippe lächelte nur.

„Wie heißt du?“ fragte es. Auch das noch – schlimmer konnte es nicht mehr werden. Jetzt auch die Sache mit dem Namen. „Kleiner Engel“, sagte er und am liebsten hätte er noch hinzugefügt „Engel Namenlos“, aber er hätte es nur noch schluchzend sagen können, denn wenn er nur daran dachte, kamen ihm die Tränen.

„Das ist kein Name“ sagte das Kind und schaute ihn an, wie ihn noch nie jemand angeschaut hatte. „Ab jetzt heißt Du „Mein-kleiner-Engel“.“ Naja nicht eben ein geläufiger Name wie Raphael oder Gabriel oder Uriel. Aber Gott vergibt ganz seltsame Namen, angefangen bei sich selbst, das wusste der kleine Engel. Sei es wie sei. „Mein-kleiner-Engel“ wunderte sich und war ein wenig stolz. Sollen die da oben doch den Kopf schütteln, wenn er sich demnächst vorstellte als „Mein-kleiner-Engel“ und nur er wusste, wessen kleiner Engel er war.

Das Jesuskind klatschte in die Hände: „ So jetzt probiere deine Flügel mal aus und flieg zurück in den Himmel“. „Mein-kleiner-Engel“ drehte eine Runde im Stall, flog auf und nieder, umkreiste das Kind, überschlug sich, zeigte alle seine Kunststücke und dachte nicht an den Ober-Engel, der das gar nicht gerne sah. „Engel haben eine Würde zu wahren“, pflegte er zu sagen. Aber das war ihm jetzt alles egal. Er freute sich und mit ihm das Kind in der Krippe. Draußen war Nacht und die Sterne leuchteten. Aber „Mein-kleiner-Engel“ hatte gar keine Lust in den Himmel zu fliegen. „Ich bleib noch was!“, sagte er und hockte sich wieder in seine Ecke, denn inzwischen war Josef wachgeworden.

Josef weckte Maria auf und sie tuschelten miteinander. „Wir müssen weg“, verstand „Mein-kleiner-Engel“, „so schnell wie möglich.“ Und: „wir sollen nach Ägypten hat ER gesagt“. Es dauerte nicht lange und alles war „reisefertig“. Der Esel war gesattelt, ein wenig ausgepolstert für die junge Mutter und das Kind, rechts und links die Satteltaschen mit dem Nötigsten gefüllt. Der Stall so gut es ging aufgeräumt.

„Mein-kleiner-Engel“ begriff alles nicht so richtig. Weshalb wollte man aufbrechen, bevor es Tag wurde, weshalb nach Ägypten? Maria nahm das Kind und Jesus winkte ihm zu und lächelte. „Mein-kleiner-Engel“ flog nach draußen, sah die seltsame Reisegesellschaft und setzte sich auf eine der Satteltaschen. „He, du mußt zurück in den Himmel“, flüsterte ihm das Jesuskind zu. „Mein-kleiner-Engel“ schüttelte den Kopf. „Ich bleibe bei dir“, sagte er und lächelte. Auch wenn er nicht wusste, wie weit Ägypten war und was es bedeutete.

(c)Wilfried Schumacher