An der nächsten Straßenecke

Ein festlich gedeckter Tisch. Alles ist bereit. Aber die eingeladenen Gäste kommen nicht. Jesus erzählt von einem König, der sich davon nicht entmutigen lässt. Er lädt andere ein – Menschen, die niemals mit einer solchen Einladung gerechnet hätten.
Vielleicht begegnet auch uns Gottes Einladung ganz unverhofft. Mitten im Alltag. An der nächsten Straßenecke.

Festlich gedeckte, noch unbesetzte Tafel mit Weingläsern, Besteck und grünen Servietten.
Alles ist bereit. Die Einladung steht.
Foto: Tom/pixabay.com

Das ist schon eine riesige Blamage: Eine Hochzeit wird gefeiert und die Gäste kommen nicht! Zweimal wurden sie eingeladen: zuerst die Ankündigung und dann die Botschaft: das Mahl ist fertig! Kein kleiner Imbiss. Ochsen und Mastvieh sind geschlachtet. Alles ist bereit.

Ich könnte jetzt viel erzählen über die geschichtlichen Hintergründe, vor denen dieser Text geschrieben wurde. Ich könnte berichten, wie zu unterschiedlichen Zeiten dieser Text gedeutet wurde.

Mich aber interessiert viel mehr, wie wir den Text heute lesen können – dabei müssen wir immer die Einleitung mit bedenken: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Hier geht es also um mehr als um eine vermasselte Familienfeier.
Drei Gedanken dazu

Ein König lädt ein, zuerst mit einer Ankündigung. Wir würden heute sagen mit einem: „Save the Date“, und dann mit der konkreten Einladung „Kommt, alles ist bereit.“
Eine Einladung kann man ablehnen; aber es gehört zur Höflichkeit, es zu begründen. Wir hören: die einen gehen ihren Geschäften nach, die andere ihren beruflichen Verpflichtungen. Eigentlich müssten sie sagen: meine Interesse wiegen schwerer als deine, deshalb beantworte ich die Einladung mit nein.

Hinzu kommt: Hinter dem König erkenne ich Gott.
Vielleicht erkennen Sie sich an dieser Stelle wieder in dieser Geschichte. Ich jedenfalls kenne es von mir:
Manchmal spüre ich, dass mir ein wenig Stille, ein Gebet guttun würde. Aber dann gibt es plötzlich wieder etwas Dringenderes.
Manchmal merke ich, dass ein Mensch meine Zeit braucht. Aber ich habe gerade so viel anderes vor.
Nicht irgendjemand, ich selbst schlage die Einladung aus.

Der König überrascht mich: er gibt nicht frustriert auf, sondern das Fest soll stattfinden: er lädt die Leute von der Straße ein, damit sein Haus voll werde. Und das Haus wurde voll: Gäste all über all! Das Fest findet statt, das Gastmahl wird Ereignis.
Es findet statt, weil die, die kommen, sich die Freiheit nehmen, Gäste zu sein. Sie haben nichts zu besorgen und insofern nichts zu versäumen. Darum kommen sie.  Vor diesem Hintergrund bleibt die Weigerung der Erstgeladenen eine Episode.Auch hier erkenne ich mich wieder: ich will mich nicht verlieren an das Alltägliche, an das, was zu besorgen, was zu tun oder was dringlich ist. Ich möchte frei sein, ein Fest zu feiern. Ich bin eingeladen und darf mich an einen gedeckten Tisch setzen.

Und schließlich fasziniert mich noch ein Detail: die Einladung kommt unverhofft, sozusagen an der nächsten Straßenecke. Wer von den Armen, von denen unser Gleichnis erzählt, hätte am Morgen schon gedacht, dass er im Laufe des Tages zu einem solchen Mahl eingeladen wird.
Dabei schenkt mir ein Wort des Apostels Paulus noch eine andere Perspektive. Er schreibt im Römerbrief:  das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. ( Römer 14,17).

Wer Gottes Einladung annimmt, bleibt nicht derselbe. Wer sich von Gott beschenken lässt, kann selbst zum Geschenk für andere werden.
Denn das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, bleibt nicht auf das Festmahl beschränkt. Es will mitten unter uns Wirklichkeit werden. Dort, wo Menschen Gerechtigkeit erfahren, wo Frieden gestiftet wird und Freude wächst.“

Die Einladung ins Reich Gottes einzutreten wird mir an jeder Straßenecke unseres Dorfes und an allen Orten überbracht.
Vielleicht begegnet mir diese Einladung, wenn ich jemanden treffe, der einfach nur erzählen möchte. Und ich habe eigentlich keine Zeit.
Vielleicht begegnet sie mir, wenn jemand ein gutes Wort braucht.
Vielleicht auch dann, wenn ich merke: Jetzt wäre es gut, einmal still zu werden. Nicht noch etwas zu erledigen, sondern einfach da zu sein.

Für mich geht es in dieser Geschichte auch um unser Christsein mitten im Alltag. Wer weiß, vielleicht wartet die nächste Einladung dazu schon an der nächsten Straßenecke.

Ich habe das Meine getan

800 Jahre nach seinem Tod stellt Franziskus von Assisi noch immer unbequeme Fragen: nach unserem Umgang mit Besitz, nach unserem Beitrag zum Frieden und nach dem Gott, an den wir glauben. Mich begleitet Franziskus seit fünfzig Jahren. Ein Satz aus seinen letzten Stunden bewegt mich besonders: „Ich habe das Meine getan.“

Grab des Franziskus

Was kann uns ein Mensch sagen, der vor 800 Jahren gestorben ist? Ist es nicht ein wenig übertrieben, seinen Tod nach so langer Zeit noch zu feiern? Was kann uns ein Mensch des 13. Jahrhunderts heute noch sagen – uns aufgeklärten Menschen im KI-Zeitalter?

Sein Biograf Thomas von Celano erzählt von seinen letzten Stunden auf dieser Erde: Franziskus weiß, dass er stirbt. Inmitten seiner Brüder will er sterben. Er lässt sich nackt auf die Erde legen – sterben will er, wie er geboren wurde.
Und dann sagt er diesen ungeheuer entlastenden Satz:
„Ich habe das Meine getan; was euer ist, möge euch Christus lehren.“

Ich habe das Meine getan. Nicht: Ich habe alles geschafft. Nicht: Alles ist gelungen. Nicht einmal: Macht es genauso wie ich. Sondern: Mein Weg ist gegangen. Euren Weg wird Christus euch zeigen.

Vor fünfzig Jahren, 1976, bin ich zum ersten Mal mit Franziskus in Berührung gekommen. Seitdem begleitet er mich. Und ich merke: Auch nach fünfzig Jahren bin ich mit ihm noch nicht fertig.

Was war denn das Seine, das er getan hat?
Ich entdecke drei Dinge, die mir wichtig sind.

Auf die Macht des Geldes antwortet Franziskus mit Armut

Franziskus erlebt eine Gesellschaft, in der Geld, Besitz und gesellschaftliches Ansehen immer wichtiger werden. Er selbst stammt aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Und ausgerechnet dieser Kaufmannssohn entscheidet sich für die Armut.

Arm wollte Franziskus leben und sterben. In der Stunde des Todes wurde seine Nacktheit mit einem geliehenen Ordensgewand bedeckt.

Die Kirche Lateinamerikas sprach vor fünfzig Jahren von der sogenannten „Option für die Armen“. Das ist eine zutiefst franziskanische Haltung.
Es geht nicht darum, alles herzugeben, was wir haben, sondern sich ehrlich den Fragen zu stellen:

  • Haben wir etwas – oder hat etwas uns?
  • Besitzen wir etwas – oder sind wir von unserem Besitz besessen?

Besitz darf nicht Macht bedeuten, sondern Verantwortung und Sorge.
Schließlich kommt es darauf an, aus welchem Blickwinkel wir die Welt anschauen. Wenn wir die Welt vom Standpunkt der Armen anschauen, die Franziskus „groß und ausgezeichnet“ nennt, dann verändert sich die Welt.

Auf die Notwendigkeit des Krieges antwortet Franziskus mit Frieden

Franziskus macht seine ersten leidvollen Erfahrungen im Städtekrieg zwischen Assisi und Perugia. Probleme werden mit Gewalt gelöst. Man ruft zum Kreuzzug, zum heiligen Krieg.

„Pace e bene“ – Frieden und Heil – ist die Botschaft, mit der er durch das Land zieht. „Wie ihr den Frieden mit dem Mund verkündet, so, und noch vielmehr sollt ihr ihn in eurem Herzen tragen“, sagt er.

Während andere mit Waffen gegeneinander kämpfen, überschreitet Franziskus 1219 unbewaffnet die Frontlinie und begegnet dem Sultan al-Malik al-Kamil. Zwei Menschen, Christ und Muslim, stehen einander nicht mit dem Schwert gegenüber, sondern begegnen einander.

Frieden ist nicht Passivität, sondern höchst aktives Tun – nicht das Tun der anderen, sondern MEIN Tun, mein Handeln.

Dabei geht es nicht um Konfliktlosigkeit, nicht um eine billige Harmonie, die alle Gegensätze vertuscht. Es geht um die Art und Weise, wie wir im Konflikt miteinander umgehen.

Auf die Angst vor Gott antwortet Franziskus mit dem Kind in der Krippe

Für viele einfache Menschen zur Zeit des Franziskus scheint Gott auf der Seite der Reichen und Mächtigen zu stehen. Sie haben Angst vor Gott. Auch die Kunst zeigt ihnen Christus häufig als mächtigen Herrscher.

Die Botschaft von Greccio, wo Franziskus das Geschehen der Geburt Jesu anschaulich darstellen ließ, ist eine andere: Gott hat klein angefangen. Arm. Demütig.

Franziskus verkündet einen Gott, der den Menschen in seinem Leiden nahekommt. Auch die Christusdarstellungen seiner Zeit verändern sich: Neben das Bild des herrschenden Christus tritt immer stärker das Bild des leidenden Christus. Die Geschundenen und Armen können in ihm einen Gott erkennen, der ihr Leiden kennt.

Der Gott, den Franziskus verkündet, ist ein liebender, verzeihender, zärtlicher, fast schon ein mütterlicher Gott.

Armut. Frieden. Ein Gott, vor dem der Mensch keine Angst haben muss. Das war etwas von dem Seinen.

„Ich habe das Meine getan“, sagt Franziskus im Angesicht des Todes.
Dann lässt er sich Brot bringen, segnet es, bricht es und lässt es verteilen. Dazu hören die Brüder das Evangelium vom letzten Abendmahl.
Und mit ihnen können auch wir spüren:
Wir leben von dem, was andere mit uns geteilt haben. Und andere werden von dem leben, was wir mit ihnen teilen.

Franziskus betet einen letzten Psalm und begrüßt schließlich den Tod: „Willkommen, Bruder Tod.“
Ich weiß nicht, ob ich so sterben kann.
Aber mich bewegt an diesem Tag die Frage:

Was bleibt von meinem Leben, wenn ich wie Franziskus einmal nichts mehr habe und nichts mehr festhalten kann?

Dann muss gar nicht alles gelungen sein.
Vielleicht genügt es, einmal sagen zu können:
Ich habe das Meine getan.

Das Schwert und das weiße Tuch

„Und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“
Es ist der greise Simeon, der Maria diese Worte sagt, als sie mit Josef das Kind Jesus in den Tempel bringt. Eigentlich ist es ein Augenblick der Freude. Ein Kind ist geboren. Die Eltern bringen es vor Gott. Und mitten in diese Freude hinein fällt ein dunkles Wort.

Die christliche Tradition hat später von den sieben Schmerzen Mariens gesprochen. Sie erzählen nicht nur von Maria. In ihnen spiegeln sich Erfahrungen, die zum menschlichen Leben gehören.

Da sind die dunklen Worte, die plötzlich in eine frohe Stunde fallen.
Da sind Menschen auf der Flucht, die ihre Heimat verlieren.
Da ist die Sorge von Müttern und Vätern um ihre Kinder – ganz gleich, wie alt sie sind.
Da ist der Schmerz, das Leiden eines geliebten Menschen mit ansehen zu müssen und nicht helfen zu können.
Da sind Eltern, die ihr Kind sterben sehen.
Da ist jener Augenblick, in dem wir begreifen müssen: Der geliebte Mensch ist wirklich tot.
Und schließlich der endgültige Abschied am Grab.

In all diesen Erfahrungen wird Maria zur Schwester des leidenden Menschen.

In der Kathedrale von Antwerpen hängt eines der großen Werke von Peter Paul Rubens: die Kreuzabnahme Christi.

Altarbild Kreuzabnahme
Peter Paul Rubens: Kreuzabnahme Christi, 1611–1614, Liebfrauenkathedrale Antwerpen. Foto/Reproduktion: Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Im Mittelpunkt sehen wir den toten Jesus. Menschen, die ihm nahestanden, nehmen seinen Leichnam vom Kreuz. Johannes, Maria Magdalena, Josef von Arimathäa, Nikodemus – und Maria. Sie können nichts mehr ändern. Sie können den Tod nicht rückgängig machen. Ihnen bleibt nur, den Toten behutsam aufzufangen und bei ihm zu bleiben.

Mich hat beim Betrachten dieses Altars etwas anderes besonders berührt.
Auf dem rechten Seitenflügel hat Rubens jene Szene dargestellt, die Jahrzehnte vorher geschehen ist: Maria und Josef bringen das Kind Jesus in den Tempel. Dort begegnen sie dem greisen Simeon.

Anfang und Ende stehen auf demselben Altar.

Hier hält Maria ihr Kind am Beginn seines Lebens in den Armen. Dort greift sie nach dem Leichnam ihres Sohnes.
Und plötzlich bekommt das alte Wort Simeons eine erschütternde Anschaulichkeit: „Und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“

Was damals nur ein dunkles Wort war, ist Wirklichkeit geworden.
Doch Rubens erzählt noch mehr.

Ein großes weißes Tuch zieht sich durch die Kreuzabnahme. Über dieses Tuch wird der Leichnam Jesu vom Kreuz hinabgelassen. Es fällt fast quer durch das ganze Bild und reicht bis in die Hände derer, die Jesus auffangen.
Man kann dieses Tuch kaum übersehen.

Und wer sich vor Augen hält, dass dieses gewaltige Bild über einem Altar steht, kann darin noch etwas anderes entdecken: Das Tuch erinnert an das weiße Tuch des Altars.

Kreuz und Altar rücken zusammen.

Was Christen in der Eucharistie feiern, führt zurück zu dieser Hingabe Jesu: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir.“

Maria steht dabei nicht außerhalb dieser Geschichte. Sie hat sie durchlebt. Sie hat nicht auf alles eine Antwort bekommen. Sie konnte das Leiden ihres Sohnes nicht verhindern. Sie konnte unter dem Kreuz nichts mehr lösen.
Aber sie blieb.

Vielleicht liegt darin eine der stärksten Botschaften dieses alten Marienfestes von den Sieben Schmerzen Marias.

Es gibt Situationen im Leben, die wir nicht ändern können. Es gibt Leid, für das wir keine Erklärung finden. Es gibt Abschiede, vor denen alle unsere Worte verstummen. Dann bleibt manchmal nur das, was Maria getan hat:
da sein, aushalten, mittragen, bleiben.

Und vielleicht ist gerade dort Gott näher, als wir vermuten.
Denn Maria steht unter dem Kreuz nicht nur neben einem leidenden Menschen.
Vor ihr hängt der Gekreuzigte.
Er ist das Zeichen dafür, dass Gott dem Leiden des Menschen nicht ausweicht.

„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“
Deshalb erzählt das Bild von Rubens für mich am Ende nicht nur von Schmerz und Tod.
Es erzählt von einer Liebe, die bleibt.


Auf dem Weg gefunden

An einer Weggabelung muss ich mich entscheiden. Ich kann nicht alle Wege gleichzeitig gehen. So ist es auch im Leben: Mit jeder Entscheidung bleiben andere Möglichkeiten zurück. Und manchmal bedrückt uns die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich einen anderen Weg genommen hätte? Vielleicht sollten wir nicht nur fragen: Was habe ich alles verpasst? Sondern auch: Was habe ich auf meinem Weg gefunden?

Weggabelung
Holger Schué / Pixabay

Eine Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der davon träumt, die ganze Welt kennenzulernen. Eines Tages macht er sich auf den Weg.
Doch schon an der ersten Wegkreuzung muss er sich entscheiden.

Er kann nur einen Weg gehen – und muss zwei andere liegen lassen. An der nächsten Kreuzung geschieht dasselbe. Und wieder. Mit jeder Entscheidung werden die Möglichkeiten weniger.
Je älter er wird, desto stärker bedrückt ihn das: Wie viele Wege habe ich nicht gehen können! Wie viele Möglichkeiten habe ich verpasst!
Schließlich gibt es keine Abzweigung mehr. Nur noch einen Weg. Er geht ihn weiter – bis er plötzlich merkt: Er steht auf einem Gipfel.
Unter sich sieht er die Landschaft, die Täler und Wege. Und da begreift er: Mit jedem Weg, für den er sich entschied, blieben andere zurück – und doch ist er sein Leben lang aufwärts gegangen.“

Vielleicht kennen wir etwas davon. Je älter wir werden, desto deutlicher merken wir: Nicht alles, was einmal möglich schien, ist möglich geblieben.
Wir haben Entscheidungen getroffen. Manche freiwillig, andere hat uns das Leben abverlangt. Manche Türen haben wir selbst geschlossen, andere wurden uns geschlossen.
Und manchmal kommt die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich damals anders entschieden hätte? Wenn ich einen anderen Weg gegangen wäre? Manchmal kann uns diese Frage ganz schön bedrücken.

Aber: wir können auch anders auf unser Leben schauen: Was ist gerade dadurch gewachsen, dass ich mich entschieden habe? Was wäre nie entstanden, wenn ich mir immer alle Möglichkeiten hätte offenhalten wollen?
Ein Leben gewinnt nicht dadurch an Tiefe, dass möglichst viele Möglichkeiten offenbleiben, sondern dadurch, dass ich mich einlasse auf das, was ist.

Heute stehen uns viele Möglichkeiten offen. Das ist ein großer Gewinn. Aber diese Fülle kann auch belasten. Reisen, Fernsehen und für viele das Smartphone zeigen uns ständig, wo wir auch sein könnten, was wir auch erleben könnten und wie andere Menschen leben. Und schnell entsteht das Gefühl: Vielleicht verpasse ich etwas. Vielleicht gibt es noch etwas Besseres.
Die Angst, etwas zu verpassen, ist längst zu einem Lebensgefühl geworden – besonders bei jungen Menschen. Aber ganz fremd ist sie wohl keinem von uns. Diese Angst kann verhindern, dass ich mich wirklich auf das einlasse, was ich habe.

Im Evangelium geht Jesus noch einen Schritt weiter: „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“

Es gibt Verluste, die wehtun und bleiben. Es gibt Wege, die wir gern gegangen wären und nicht gehen konnten. Es gibt Türen, die sich geschlossen haben.
Jesu Wort verspricht uns nicht, dass jeder Verlust zum Gewinn wird. Aber es sagt uns: Wir müssen unser Leben nicht ängstlich festhalten.
Er selbst hat sich eingelassen – auf die Menschen, auf seinen Weg, auf Gott. Er hat nicht versucht, sich alle Möglichkeiten offenzuhalten. Er hat sein Leben gegeben. Und genau auf diesen Weg ruft er seine Jünger – und uns, ihm nachzufolgen.

Sein Weg führte ans Kreuz. Wirklich in den Verlust. Aber das Kreuz war nicht das Ende. Auf den Karfreitag folgte der Ostermorgen. Gott hat den, der sein Leben hingegeben hat, nicht im Tod gelassen.

Vielleicht ist das die Einladung dieses Evangeliums: Hab keine Angst davor, dass nicht alle Möglichkeiten deines Lebens Wirklichkeit werden.
Ein erfülltes Leben ist nicht ein Leben, in dem alles möglich geblieben ist. Es ist ein Leben, in dem etwas Tiefe gewinnen durfte.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen: Was habe ich alles verpasst? Sondern auch: Was habe ich auf meinem Weg gefunden?
Dann entdecken wir wie der junge Mann in der Geschichte: Wir konnten nicht alle Wege gehen. Aber der Weg, auf den wir uns eingelassen haben, hat uns weitergeführt.
Jesus ist seinen Weg gegangen – bis ans Kreuz und durch den Tod hindurch. Deshalb dürfen wir seinem Wort vertrauen:
„Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“

Die Frau bringt Jesus in die Weite

Diesen Jesus kennen wir nicht: Er schweigt, verweigert sich und erklärt sich für nicht zuständig. Doch eine fremde Frau lässt sich nicht abweisen. Sie hält an ihrem Vertrauen fest – und bringt Jesus in die Weite. Eine Begegnung, die auch uns fragen lässt, wo Gott die Grenzen unseres Denkens aufbrechen und uns in die Weite führen will.

Sonnenuntergang mit bunten Wolken am Himmel, sanfte Farben, silhouettierte Landschaft.
Bild: Peter Weidemann in: Pfarrbriefservice.de

Seltsam, diesen Jesu kennen wir nicht. Dieses Verhalten trauen wir ihm nicht zu. Haben wir nicht gelernt und immer wieder gehört, dass Jesus bedingungslos gibt und heilt, dass er für jeden, der ihm über den Weg läuft, jederzeit da ist. Hier aber sehen wir, wie er an seine Grenzen stößt. Jesus verweigert sich.

Jesus hat sich in das heidnische Grenzgebiet zurückgezogen.
Eine kananäische Frau, eine Heidin wird ihm lästig. Sie schreit hinter Jesus her. Sie nennt ihn Kyrios, Herr, Sohn Davids, d.h. Träger der Verheißung.

Jesus überhört sie, die Jünger wollen sie loswerden und Jesus erklärt ihnen, dass die Frau nicht in sein Konzept passt. Sie entspricht nicht der Vorstellung, die er sich von seiner Aufgabe gemacht hat: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
Die Frau gehört nicht zum Volk Israel. Für sie sieht Jesus sich nicht gesandt – nach dem Motto:  „Ich bin nicht zuständig.“ Soviel Enge hätten wir Jesus nicht zugetraut.“

Hartnäckig zwingt die Frau ihn in ein Gespräch. Die Ablehnung Jesu steigert sich noch einmal. Das Brot auf dem Tisch ist für die Kinder da und nicht für die Hunde, sprich: für die Heiden. Wer jetzt nicht erschrocken ist über den Mann aus Nazareth, der ist fromm abgestumpft.
Die Reaktion der Frau ist stark: sie dreht das Bild um. Wenn es schon einen Tisch gibt, dann fällt doch etwas davon herunter. Wenn Gottes Güte wirklich so groß ist – dann muss doch auch für mich etwas davon übrig sein.

Die Frau bringt Jesus weiter.
Ihr unerschütterliches Vertrauen entwaffnet ihn. Die Grenzen, die eben noch galten, verlieren ihre Bedeutung. Jesus erfährt seine Sendung weiter als bisher, ihm wird bewusst: Gottes Heil gilt allen Menschen.
In der konkreten Situation erkennt Jesus, was Gott von ihm will.

Der Hebräerbrief wagt später einen erstaunlichen Satz über Jesus: „Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt.“
Jesus wird uns als einer gezeigt, der seinen Weg im Hören auf den Vater findet.

Vielleicht begegnet Gott uns gerade in dem Menschen, der uns lästig ist;
der uns nicht ins Konzept passt,
in jemandem, für den wir uns zunächst „nicht zuständig“ fühlen.

Da heißt es, offen zu sein und zu fragen: was will mir Gott in dieses Situation sagen, auf welchen Weg schickt er mich?

Das kann ungemütlich werden. Weil die Antwort uns nicht in den Kram passt. Weil plötzlich etwas ins Wanken kommt, von dem ich dachte: So ist es eben.
Aber vielleicht beginnt genau da ein neuer Weg, dessen Ziel weiterhin ist: den Willen des Vaters tun.

Auf jeden Fall bleibt das Leben dadurch spannend, weil wir nicht fertig sind mit uns selbst, mit den Menschen, mit der Welt, mit Gott.

Wenn Gott leise kommt

Manchmal wünschen wir uns ein eindeutiges Zeichen vom Himmel. Doch Gott kommt oft anders, als wir ihn erwarten. Elija begegnet ihm „in einer Stimme verschwebenden Schweigens“. Und den Jüngern kommt Jesus mitten im Sturm entgegen. Vielleicht erfahren auch wir seine Nähe gerade dort, wo ein Mensch uns Mut macht, uns die Hand reicht und uns spüren lässt: Du bist nicht allein.

Sonnenstrahlen brechen durch dunkle Wolken über einem ruhigen See.

Beim Evangelium vom Gang Jesu über den See fragen viele zuerst: Ist das wirklich so geschehen? Dabei möchte Matthäus gar nicht zuerst unsere Neugier über ein Wunder wecken. Er möchte unseren Blick auf etwas richten, das bis heute gilt. Drei Sätze erzählen davon.

1.) Sie hatten Gegenwind –
stellt der Evangelist fest. Und damit meint er nicht nur die Jünger auf dem See, er spricht auch von den Christen des ersten Jahrhunderts, die sich in der jüdischen und heidnischen Umwelt behaupten mussten. Und er spricht von den Christen heute.

In unserem Land muss man sich nicht selten rechtfertigen, wenn man Christ ist und als solcher lebt. Da ist man schnell von gestern und erntet in der harmlosen Variante nur noch ein müdes Lächeln.

Sie hatten Gegenwind – es geht also nicht nur um das Boot auf dem See Genezareth, es geht auch um die Christen heute.

2.) In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen;  er ging auf dem See. –
Der Herr, der auf dem Wasser geht, mag uns verwundern. Für Matthäus ist die entscheidende Botschaft nicht, wie Jesus über das Wasser kommt. Entscheidend ist: Der Herr lässt die Seinen im Chaos nicht allein. Er kommt ihnen entgegen. Er kommt zu ihnen.

Wenn wir ehrlich sind, dann versuchen wir selbst lieber Ordnung in das Chaos zu bringen, anstatt auf den Herrn zu vertrauen, der uns im Sturm des Lebens entgegenkommen will. Das Evangelium heute aber lädt uns ein, genau darauf zu vertrauen.

3.) Jesus streckte sofort die Hand aus und ergriff ihn –
es ist Petrus, der im Übermut des Glaubens auf die Idee kommt, es Jesus gleich zu tun. Solange er auf Jesus zu geht, solange er ihn im Blick behält, gelingt es ihm. Aber als er wieder auf das Chaos starrt, droht er unterzugehen.
Da ergreift der Herr seine Hand und rettet ihn.

Wenn wir in unser Leben schauen, dann entdecken wir den Griff der Hand Gottes in unterschiedlichen Lebenssituationen, manchmal eher zärtlich, manchmal kaum spürbar, manchmal kräftig zupackend. Er bewahrt mich, wenn ich sinke und wenn es keine schnellen Lösungen gibt.

Auch die erste Lesung erzählt davon. Elija sucht Gott im Sturm, im Erdbeben und im Feuer. Doch Gott begegnet ihm in einer Stimme verschwebenden Schweigens -so übersetzt es Martin Buber.

Elija begegnet Gott nicht im Gewaltigen. Er begegnet ihm in einer Stimme verschwebenden Schweigens. Gerade darin liegt die Verbindung zum Evangelium: Gott kommt oft anders, als wir ihn erwarten.

Wir kennen solche Situationen. Plötzlich sind Menschen da, die mir Mut machen, die meine Angst sehen und verstehen. Nicht immer fällt es leicht, darin den Herrn selbst zu entdecken, der mir entgegenkommt und mich ergreift.

Auch ich wünsche mir manchmal ein eindeutiges Zeichen vom Himmel. Doch Elija und Petrus lehren mich etwas anderes. Gott kommt oft leise. Im Wort eines Menschen. In einer ausgestreckten Hand. In einer unerwarteten Begegnung. Gerade so lässt er mich erfahren: Hab Vertrauen. Ich bin da.
Das lässt mich leben, das lässt mich aufleben, das lässt mich überleben.

Johannes Tauler, ein Mystiker des Mittelalters sagt in einer Predigt: „Gott kann donnern und stürmen, aber er neigt sich dem Menschen, der auf ihn wartet, zärtlich zu.“ Dass wir diese zärtliche Nähe Gottes immer wieder erfahren dürfen – das wünsche ich Ihnen und mir.

Foto: (c) Bernward Fricker /pfarrbriefservice.de