Der Mensch ist ein Gerufener

Manche Entscheidungen im Leben fallen nicht nach langem Abwägen, sondern reifen im Inneren eines Menschen. In den biblischen Texten dieses Sonntags ist von solchen Momenten die Rede: von Dunkelheit und Licht, von Aufbruch und Berufung. Die Predigt geht der Frage nach, was es heute heißt, ein Gerufener zu sein – mitten im Alltag.

Wichtige Entscheidungen im Leben fallen nicht am Schreibtisch und nicht nach langem Abwägen von Pro und Contra, sondern sie reifen im Inneren eines Menschen. Da spürt man plötzlich: Jetzt ist es Zeit. Jetzt muss sich etwas ändern. Jetzt kann ich nicht einfach so weitermachen wie bisher.

Solche Momente kennen wir alle. Sie begegnen uns im beruflichen Leben, in familiären Situationen, im Abschied von einem Menschen oder auch dann, wenn etwas zu Ende geht und noch nicht klar ist, was danach kommen wird. Es sind Augenblicke, in denen das Leben selbst eine Frage an uns stellt.

Die Schriftlesungen sprechen genau von solchen Momenten:
Der Prophet Jesaja richtet sein Wort an ein Volk, das in dunkler Zeit lebt – unter Fremdherrschaft, geprägt von Angst und Unsicherheit. Und gerade in diese Situation hinein sagt er:
„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht.“
Jesaja beschönigt nichts. Aber er hält fest: Gott setzt ein Zeichen. Licht wächst nicht dort, wo alles geordnet ist, sondern dort, wo Menschen Orientierung verloren haben und neu hoffen lernen müssen.

Das Evangelium greift diese Verheißung auf. Matthäus erzählt uns nicht zufällig, warum Jesus Nazareth verlässt. Der Auslöser ist die Gefangennahme Johannes des Täufers – ein Einschnitt, ein Ende. Und genau darin erkennt Jesus: Jetzt ist meine Zeit.

Er zieht nach Kafarnaum, in das Gebiet, von dem Jesaja gesprochen hat, dorthin, wo Menschen auf Licht warten. Jesus beginnt seine öffentliche Wirksamkeit nicht im geschützten Raum einer Synagoge oder gar des Tempels, sondern an den Rändern des Landes. Und er verkündet dort: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe.“

Historisches Foto (ca. 1910): Fischer auf dem See Genezareth
Historisches Foto (ca. 1910): Fischer auf dem See Genezareth

Unmittelbar danach erzählt das Evangelium von der Berufung der ersten Jünger. Jesus begegnet Menschen mitten in ihrem Alltag. Fischer bei der Arbeit. Und er sagt: „Kommt her, mir nach.“

Dass sie ihre Netze liegen lassen, wirkt auf den ersten Blick erschreckend radikal. Es wird klar: Jesus ruft nicht zu einem Zusatzprogramm des Lebens, sondern betrifft das Hauptprogramm..
Nachfolge ist kein Hobby. Sie stellt die Frage nach der Richtung des Lebens. Nicht jeder muss alles hinter sich lassen, aber jeder muss sich fragen lassen: Was bestimmt mein Leben als Christ wirklich?
Und damit sind wir bei uns.

Der Mensch ist ein Gerufener. Wir leben, weil Gott uns ins Leben gerufen hat. Und dieser Ruf ist nicht anonym. Gott ruft nicht eine Masse, sondern den einzelnen Menschen. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“, sagt der Prophet Jesaja.

Berufung heißt nicht, etwas Außergewöhnliches leisten zu müssen, sondern den eigenen Platz im Leben verantwortlich einzunehmen – dort, wo ich stehe.
Kardinal Newman, ein großer Theologe des 19.Jahrhunderts hat es einmal so formuliert: Ich bin berufen, etwas zu tun oder zu sein, wofür kein anderer berufen ist. Ich habe einen Platz in Gottes Ratschluss auf Erden, den kein anderer hat.

Aber wie findet ich meinen Platz in Gottes Heilsplan oder besser, wo höre ich Gottes Ruf? Die Antwort, die das Evangelium gibt: in deinem Alltag – so wie er auch die Jünger in ihrem Fischeralltag am See Genezareth antrifft und ruft.
Ich werde ihn gewahr,
wenn ich bereit bin, mein Leben anders zu leben als nach den Prinzipien dieser Welt,
wenn ich bereit bin, zu akzeptieren, dass dieser Ruf mein ganzes Leben betrifft und nicht nur den Feierabend,
wenn ich lerne, Veränderungen in meinem Leben auch zu deuten als Augenblicke, in denen der Ruf Gottes hörbar werden will.

Dabei ist die eigentliche Frage nicht, ob Gott ruft, sondern ob wir bereit sind, darauf zu antworten. Oft reagieren wir ausweichend. Wir sagen: später. Oder: jetzt passt es gerade nicht. Oder: ich habe doch schon genug getan. Und manchmal richten wir uns sehr gut ein in einem Leben, das funktioniert, und überhören dabei den Ruf, der uns weiterführen möchte.

Vielleicht liegt die größte Gefahr für den Glauben heute nicht im offenen Widerstand gegen Gott, sondern in einem ruhigen, gut organisierten Weiterleben, als hätte er uns nichts zu sagen.

Werner Bergengrün hat es einmal so formuliert: „Ein Wort, ein Blick, ein Lächeln kann eine Brücke sein für den Herrn, der immer im Kommen ist“.
Es gilt das Wort zu hören und das Lächeln zu sehen – und richtig zu deuten. Und: unsere Netze wirklich einmal liegen zu lassen und aufzubrechen

Ein Gedanke zu „Der Mensch ist ein Gerufener

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