Haben Sie ein Obergemach?

Die ersten Erdbeeren aus dem Garten waren früher ein Zeichen: Der Sommer beginnt. Heute scheint alles jederzeit verfügbar zu sein. Doch dabei droht etwas verloren zu gehen: der Rhythmus des Lebens. Die Bibel erzählt von einem „Obergemach“ – einem Ort der Ruhe und des Atemholens. Warum wir solche Orte heute dringender brauchen denn je.

Zu den schönsten Erinnerungen an meine Kindheit zählt jener jährlich wiederkehrende Abend, an dem der Vater die ersten Erdbeeren aus dem Kleingarten mit nach Hause brachte. Es war jedes Jahr das gleiche Ritual. Tagelang wurden dieser Augenblick angekündigt und dann schließlich die ersten Früchte aufgeteilt und verspeist. Noch heute habe ich in der Erinnerung den Geschmack dieser Erdbeeren auf der Zunge. Ein Ritual, das uns Kindern -damals gewiss unbewusst – den Beginn des Sommers anzeigte.

Heute gibt es Erdbeeren fast das ganze Jahr. Was früher etwas Besonderes war, ist selbstverständlich geworden. Wir müssen nicht mehr warten. Und vielleicht haben wir gerade deshalb verlernt, auf die Rhythmen des Lebens zu achten.

Wir haben verlernt, dass unser Leben sich in Zyklen vollzieht: mit elektrischem Licht machen wir die Nacht zum Tag und wundern uns, wenn unser Körper dies nicht grenzenlos mitmacht.

Die Bibel sagt uns schon auf ihrer ersten Seite, dass es eine wohltuende Notwendigkeit im Wechsel von Arbeit und Ruhe, von Anspannung und Entspannung gibt: „Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte er von seinem ganzen Schöpfungswerk“ (Gen 2,2b)

Doch was haben wir daraus gemacht ? Wir gönnen uns ebenso wenig Ruhe wie den Maschinen, die wir entwickelt haben. Umso bemerkenswerter ist die Geschichte, die wir in der Bibel lesen. Dort begegnet uns ein Ehepaar, das etwas verstanden hat, was wir leicht vergessen: Jeder Mensch braucht einen Ort zum Ausruhen.

Ich weiß, dass dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist.Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitstellen.Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen. (2 Kön 4,9-10)

Ein „Obergemach“ – das ist nicht nur ein Raum im ersten Stock eines Hauses. Ein Obergemach, das ist mehr. Ein Obergemacht, das wünsche ich mir auch, das wünsche ich auch Ihnen. Ein Obergemach – das ist ein „Raum“, herausgeschnitten aus dem Alltag, ein Raum, mehr noch eine Zeit, in der wir Atemholen, Verschnaufen können, in dem wir Muße haben, Dinge zu tun, für die sonst keine Zeit bleibt, in dem wir ganz zum Geschöpf werden, das wie sein Schöpfer ausruht.

Aber können wir uns das leisten?, möchten wir einwenden, angesichts der Aufgaben im Beruf, in der Familie, in Gesellschaft? Was das Ehepaar für den Propheten Elischa erkennt, erkennt auch Jesus für seine Jünger: Wer immer nur gibt, wird irgendwann leer.
Er schickt seine Jünger mit klaren Worten auf Missionsarbeit. Aber als sie zurückkehren, lädt er sie ein:Ruht ein wenig aus„. Trotz der vielen Menschen, die da waren und Hilfe benötigten.

Viele Menschen hier im Ahrtal wissen, was es heißt, über Jahre hinweg durchzuhalten. Seit der Flut ist vieles wieder aufgebaut, anderes wartet noch immer auf eine Lösung. Gerade deshalb ist die Einladung Gottes wichtig: Ihr müsst nicht ununterbrochen stark sein. Ruht ein wenig aus.

Sessel im Park von Planquery

Wo ist mein Obergemach?

Vielleicht ein Gartenstuhl am Abend.
Vielleicht ein Spaziergang durch die Natur.
Vielleicht die halbe Stunde mit einem Buch.
Vielleicht das Gebet am Morgen oder am Abend.
Vielleicht ein Besuch in einer Kirche oder Kapelle.

Wo auch immer dieses Obergemach für uns liegt: Gott hat den Menschen nicht als Maschine geschaffen. Nicht als jemanden, der immer leisten, funktionieren und erreichbar sein muss. Er hat uns als seine Geschöpfe geschaffen.
Darum ist das Obergemach kein Luxus. Es ist eine Notwendigkeit.

„Zieh dich ab und zu von dem zurück, womit du dich beschäftigst,“ sagt Bernhard von Clairvaux.
Nicht nur in der Ferienzeit. Sondern immer wieder, damit du das Leben nicht verlierst, während du versuchst, es zu bewältigen.

Foto: Mein Obergemach. Ein Gartenstuhl im Park von Planquery – ein Ort zum Atemholen und zum Wiederfinden des eigenen Rhythmus. https://www.chateauplanquery.com/

Ein Gedanke zu „Haben Sie ein Obergemach?

  1. Gerade heute, wo wir sehen, dass nicht nur unsere geordnete Welt durch die vielen Krisen durcheinander gerät, sondern auch die Natur ihren jahreszeitlichen Rhythmus verliert und unberechenbar wird, sollten wir uns die Zeit nehmen und zur Ruhe kommen. „Ruht ein wenig aus“, von der Hektik der Entscheidungen und überlegt, was wirklich wichtig ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert