Gott zeltet mitten unter uns

Weihnachten erzählt von einem Gott, der nicht fern bleibt, sondern sein Zelt mitten unter uns aufschlägt.
Zwischen Angst und Hoffnung, Bitterkeit und Kostbarkeit unseres Lebens wird sichtbar:
Gott ist da – gefährlich nahe. Eine Weihnachtspredigt über Nähe, Trost und den Mut, aufzubrechen.

Weihnachten ist und bleibt das Lieblingsfest der Deutschen. Mit hohen Erwartungen. Mit manchem Frust. Mit vielen Traditionen. Gutes Essen gehört dazu, Geschenke, Familie, Freunde – und doch ist da mehr. Sonst wären wir heute Morgen nicht hier. Wir spüren: Da muss mehr sein

Aber zuerst einmal gibt es eine Enttäuschung: es ist hier nicht anders als letztes Jahr und alle Jahre zuvor. Immer dieselbe Geschichte von dem Kind, dessen Eltern keine Unterkunft fanden, das in einem Stall geboren wurde und zu dessen Geburt Weise aus dem Morgenland kamen, um zu gratulieren.
Immer dieselbe Geschichte – hier drinnen. Jahr für Jahr. Vertraut. Fast schon abgenutzt.

Draußen aber weihnachtet nichts! Von wegen „Fürchtet Euch nicht!“ Die Menschen fürchten sich.
Vor Krieg und Gewalt.
Vor Machthabern, denen man nicht mehr trauen kann.
Vor dem, was aus unserer Welt noch werden soll.
Und auch bei uns: viel Verzagtheit, viel Klagen – obwohl es vielen nicht schlecht geht.
Weihnachten 2025.

Das ist die Welt, wie sie ist – unsere Welt.
Und genau diese Welt bringen wir heute mit in diese Kirche. Da drüben steht die große Krippe mit viel Engagement und Liebe von 19 Männern und Frauen in den letzten Wochen aufgebaut wurde. Aber hier vor dem Altar steht ein Zelt. Wer hat sich das denn ausgedacht?

Wir nicht! Es war unser Pfarrpatron, der Heilige Apostel und Evangelist Johannes. Er kennt in seinem Evangelium die bilderreiche Geschichte vom Stall, den Hirten und den Königen nicht.
Er schreibt stattdessen fast schon nüchtern – wir haben es selbst gehört: Und das Wort (Gottes) ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Wenn man nachschaut im griechischen Originaltext übersetzt, steht da: Und das Wort (Gottes) ist Fleisch geworden und hat unter uns gezeltet, hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen.
Dieses Wort des Johannes-Evangeliums hat uns bewogen, im Advent ein Zelt hier vorne aufbauen zu lassen, in das wir eben das Kind gelegt haben. Nicht gebettet auf Heu und auf Stroh, sondern beschützt von den Zeltplanen.

Gott im Zelt – das sprengt unsere Vorstellungen.
Eine ungeheuerliche Behauptung: der Gott Israels war nämlich nicht einer dieser griechischen Gottheiten, zu deren Vergnügungen es gehörte, gelegentlich in Menschengestalt zu erscheinen.
Der Gott des alten Israel ist der Schöpfer der Welt, der Gesetzgeber der Zehn Gebote, den man nicht anschauen darf. Deshalb sagt Johannes: „Niemand hat Gott je gesehen“ (1,18) und behauptet im gleichen Zusammenhang: er ist Mensch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen.

Gott – nicht fern und unerreichbar,
sondern mitten unter uns.
Als einer von uns. Von den Windeln bis zum Leichentuch.

In Jesus zeltet Gott mitten unter uns.
So nah kommt Gott uns. Man möchte fast sagen „gefährlich nahe“. Der zeltende Gott – das ist keine schöne Kulisse wie so manche Krippenlandschaft, vor der sich das Leben abspielt, sondern das greift mitten hinein in unser Leben.

Vor dem Zelt hier vorne stehen drei Dinge:
Eine Schale mit Myrrhe, ein Weihrauchfass und eine Schale mit Gold. Gaben, die wir mit den drei Königen, den drei Weisen in Verbindung bringen. Sie werden hier zu Zeichen für unser Leben:

Die Myrrhe steht für das Bittere in unserem Leben. Für alle die Dinge, die ganz schön quälen und auf der Seele liegen können. Ich denke an das Leid, das wir erfahren. An Enttäuschungen und Verwundungen, die nicht heilen wollen. An Fragen und Zweifel, die uns umtreiben. An das, was im Alltag schwer auf uns lastet. Auf den ersten Blick passt das alles nicht zu dem Fest – und doch darf es jetzt hier sein. Es hat Platz vor diesem Zelt, nein in diesem Zelt –

Weihrauch war in der Antike kostbarer und teurer als Gold. Wenn er angezündet wird, verteilt er sich schnell im ganzen Raum und riecht sehr intensiv. Gerüche sind in unserer Welt sehr wichtig.
Wir sind Christi Wohlgeruch„, sagt Paulus in seinem 2.Korintherbrief – ein ungeheurer Anspruch. Er meint damit, wir Christen duften nach dem Evangelium. Er meint nicht den Duft eines Parfüms, das schnell verfliegt, sondern etwas Bleibendes, was die eigene Welt erfüllt.
In unserer Welt stinkt so vieles zum Himmel. Und genau deshalb traut Gott uns zu: Ihr könnt etwas verändern. In euren Familien. In euren Beziehungen. Am Arbeitsplatz. Durch euer Verhalten kann aus Gestank ein Wohlgeruch werden.

Als Zeichen von Reichtum und Macht schreibt Gold seit Jahrtausenden Geschichte. Gold ist kostbar und verführerisch: denn wer sich von der „Kostbarkeit“ des Materiellen blenden lässt, vergisst schnell, dass das Leben das „kostbarste“ ist, was uns Menschen geschenkt ist.
Dieses Gold sagt uns: „Du Mensch, du bist kostbar!“
In all‘ unserer Gebrechlichkeit, unserer Begrenztheit, mit allen Fehlern, Schwächen, Unzulänglichkeiten, gilt doch: unser Leben hat einen Wert, der mit keinem Gold dieser Welt aufzuwiegen ist.
Der Wert des menschlichen Lebens wird an Weihnachten ein für allemal offenbar. Seit der Menschwerdung Gottes hat das menschliche Leben einen göttlichen Wert.

Gott zeltet mitten uns -aber nicht um Camping-Urlaub zu machen, sondern um mit uns unterwegs zu sein.
Das Zelt Gottes unter uns Menschen will durch uns weit gemacht werden für die Menschen – damit sie darin eine Bleibe finden und in den Stürmen des Lebens nicht allein sind

Es tut gut, an der Krippe anzukommen – mit allem, was unser Leben ausmacht.
Aber wir können nicht bleiben.
Wir werden aufbrechen müssen: zu den Menschen –
mit einem Gott, der bei uns bleibt
und uns nicht von der Seite weicht.

Wilffried Schumacher - vor Dernau

Ich wünsche Ihnen allen von Herzen Gesegnete Weihnachten,
eine ruhige Zeit zwischen den Jahren
und ein gutes Jahr 2026.
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