Wer trägt Judas?

Ein altes Kapitell in der Basilika von Vézelay in Burgund hat mich nicht mehr losgelassen: Ein Mann trägt einen anderen auf seinen Schultern.
Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, wer dort getragen wird – und genau darin liegt eine überraschende Botschaft über Schuld, Hoffnung und die Barmherzigkeit Gottes.
Manchmal sagt ein einziges Bild mehr als viele Worte.

Vor fast 5 Jahren hat die Flut hier im im Ahrtal vielen Menschen das Leben gekostet. Vor ein paar Tagen erzählte mir eine ältere Frau in Dernau wie sie damals gerettet wurde: ein Helfer hatte sie aus der Gefahrenzone herausgetragen.

Als sie das erzählte, musste ich an ein Bild denken, das ich voriges Jahr in der Basilika von Vézelay gesehen habe. Ein Kapitell auf einer mittelalterlichen Säule: Man sieht einen Mann, der einen anderen Mann auf den Schultern trägt.

Wer ist der, der da getragen wird? Die Antwort findet sich auf der anderen Seite des Kapitells: dort erkennt man einen Mann, der sich erhängt: Judas.
Die Kunstexperten rätseln, wer den Judas trägt. Für Papst Franziskus stand fest: Jesus, der Gute Hirt, trägt den toten Judas auf seinen Schultern nach Hause. »Das«, so der Papst vor Journalisten, »war die Theologie des Mittelalters, wie die Mönche sie lehrten. Der Herr vergibt bis zuletzt. Die haben verstanden, was die Barmherzigkeit ist! Die Barmherzigkeit ist ein Geheimnis, sie ist das Geheimnis Gottes“.

Für Franziskus war Barmherzigkeit nicht ein Thema unter vielen, sondern die Herzmitte des Evangeliums. 2015 gab es sogar ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit.
Damals schrieb er „Barmherzigkeit ist der Weg, der Gott und Mensch vereinigt, denn sie öffnet das Herz für die Hoffnung, dass wir, trotz unserer Begrenztheit aufgrund unserer Schuld, für immer geliebt sind.[1]Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters.“[2]

Im Johannes-Evangelium ist die Rede von Jesus, dem Hirten .Jesus sagt von sich: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“
Was meint er wohl mit „Leben in Fülle“? Gesundheit? Sicherheit? Ein sorgenfreies Leben?

Das Bild vom guten Hirten, der auch den Judas trägt, sagt mir: Leben in Fülle heißt für mich:
immer von Gott getragen werden, auch wenn mir die Kraft schwindet,
auch wenn ich selbst aufgegeben habe,
auch wenn etwas falsch gelaufen ist,
auch wenn ich schuldig geworden bin,
auch wenn ich mich selbst nicht mehr verstehe,
auch wenn ich kein Licht am Ende des Tunnels sehe.

„Leben in Fülle“ – heißt: die Barmherzigkeit Gottes am eigenen Leib erleben. Ich falle nie tiefer als in die Hände Gottes. Am Ende trägt mich er mich.


[1] Misericordia vultus Nr. 2

[2] aaO Nr.1

Zum gleichen Thema auch diese Gedanken: Die Nacht des Jedhuda

Der Rettungsgriff der Auferstehung

Warum Ostern uns nach Galiläa schickt

Ostern endet nicht am leeren Grab. Der Engel schickt die Jünger nach Galiläa – dorthin, wo ihr Alltag beginnt. Genau dort begegnen wir dem Auferstandenen.

Als ich am Freitag nach der Liturgie nach Hause kam, fand ich auf meinem Telefon eine Nachricht meines ältesten Freundes, der in der Nähe von Assisi wohnt. Sein 22-jähriger Sohn lässt sich in dieser Osternacht taufen.
Und ich dachte:
Das ist eigentlich das persönlichste Osterfest, das ein Mensch feiern kann.

In der Ostkirche wird die Auferstehung oft so dargestellt:
Christus steigt hinab in die Unterwelt und packt Adam und Eva an den Handgelenken – mit dem Griff eines Retters, der einen Ertrinkenden aus dem Wasser zieht.
Nicht Adam zieht sich selbst heraus.
Christus zieht ihn heraus.

Auferstehungsikone – Christus zieht Adam und Eva aus dem Grab (Anastasis)
Christus zieht Adam und Eva aus dem Grab – Darstellung der Auferstehung („Anastasis“) aus der Chora-Kirche in Istanbul, um 1315–1321.
Foto: Gunnar Bach Pedersen / Wikimedia Commons, Public Domain.

Genau dieses Bild beschreibt auch die Taufe.
Ein Mensch wird nicht nur in eine Gemeinschaft aufgenommen, er wird nicht einfach „Vereinsmitglied“.
Vielmehr: Er wird von Christus selbst ergriffen – und hineingezogen in sein neues Leben.

Genau das ist auch in unserer Taufe geschehen:
Jesu Rettungsgriff hat auch uns gefasst und in seine Auferstehung hineingezogen.

Das Galiläa unseres Lebens

Wenn der junge Mann in dieser Osternacht getauft wird, hört er das Evangelium der Osternacht. Darin sagt der Engel:
Fürchtet euch nicht!
Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten.
Er ist auferstanden; er ist nicht hier. […]
Nun aber geht!
Er geht euch voraus nach Galiläa.

„Nun aber geht!“ –
Jede entscheidende Begegnung mit Gott in der Bibel ist mit einem Auftrag verbunden.
Auch uns gilt dieses Wort.
Der Engel schickt uns nach Galiläa.

Dieses Galiläa findet man auf keiner Landkarte.
Es ist unsere Welt,
die Welt der Glaubenden und der Zweifelnden,
der Frommen und der Lauen,
der Heiligen und der Sünder.

Es ist unsere Alltagswelt – das, was wir jeden Tag erleben.
Dort finden wir den Auferstandenen.
Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“, heißt es in einem Kirchenlied.

Hier beginnt unsere eigene Geschichte.
Denn jetzt müssten wir erzählen
von den Momenten, in denen wir im Alltag Spuren des Auferstandenen entdeckt haben.
Dort nämlich, wo das, was Jesus gesagt und getan hat, nicht auf seine irdischen Jahre beschränkt bleibt, sondern auch heute geschieht:
in Zuwendung,
in Versöhnung,
in Vergebung.
Dort, wo sich die Geschichten aus den biblischen Dörfern Galiläas heute unter uns ereignen.

Wir könnten erzählen, wo wir dem Herrn begegnet sind:
in Kranken,
in Fremden,
in Ausgestoßenen,
in leidenden Menschen.

Oder von den Augenblicken unseres eigenen Lebens,
in denen nach einer langen Nacht wieder Tag wurde,
in denen neue Hoffnung aufleuchtete
und plötzlich wieder Zukunft möglich war.

Es brennt jetzt die Osterkerze.
Ihr Licht steht für die vielen kleinen Lichter im Galiläa unseres Lebens
Lichter, die Dunkelheit vertreiben und Hoffnung schenken.
Also: Auf nach Galiläa.
„Wer aufbricht, der kann hoffen – in Zeit und Ewigkeit.“
Ich bin dabei.
Gehen Sie auch mit?

Gewaschene Füße gehen anders

Füße


„Ihre Füße erzählen von Ihrem Leben.“

Als ich vor einigen Wochen wegen Beschwerden am Fuß beim Orthopäden war, sagt er zu mir: „Ihre Füße erzählen von ihrem Leben“. Er hat Recht, unsere Füße tragen die Spuren des Alters, der Wege, die wir schon zurückgelegt haben. Könnten sie erzählen, dann wüssten sie von schönen Strecken und beschwerlichen Etappen.

Wie beweglich doch ein Fuß ist. Wir kennen den leichten und federnden Schritt, wenn etwas Schönes bevorsteht –
und den schweren Gang, wenn ein Mensch viel zu tragen hat.
Füße tragen uns voran. Und sie geben uns Stand.

Zu Beginn des Abendmahls kniet Jesus nieder, um den Jüngern die Füße zu waschen, um ihnen einen wichtigen Dienst zu erweisen. Aber damit nicht genug. Seit jener Stunde gehört die Haltung der Fußwaschung zum Auftrag der Christen. „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,15)

Was bedeutet das für uns heute?

Die Füße erzählen vom Leben des Menschen. Füße waschen heißt: das Leben waschen. Füße waschen heißt: dem Leben des anderen dienen. Nicht nur den Füßen zugetan sein, sondern dem ganzen Menschen. Und dabei unten anzufangen. Fußwaschung ist nicht der Ort der Konzepte, der durchdachten Vorstellungen. Fußwaschung ist die schlichte Geste, das einfache Tun. Das Füreinander-Dasein, die Solidarität, die Hilfe.

Wir leben in einer Zeit, die geneigt ist, zuerst an sich zu denken.  „America First!“ – ein Schlagwort, das viel über unsere Zeit verrät. Nationalismen boomen. „Hol dir, was dir zusteht!“ statt Solidarität. Gleichzeitig erleben wir eine Tendenz zur Individualisierung: Jeder ist seines Glückes Schmied! Was interessiert mich das Schicksal des anderen.

Die Fußwaschung weist in eine andere Richtung: Seid bereit, einander zu dienen ohne zu fragen: Was krieg ich dafür? Seid bereit, für einander da zu sein, sich für einander einzusetzen.

Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung. – so begann eben das Evangelium der Fußwaschung, so beginnen im vierten Hochgebet auch die Worte der Wandlung. Fußwaschung und EucharistieDa scheint es also einen Zusammenhang zu geben – und zwar nicht nur zeitlicher Natur, weil es am gleichen Abend geschieht.

Das ist mein Leib für Euch!“, sagt der Herr. ( 1 Kor 11,24) – das ist Hingabe. Papst Franziskus hat nicht nachgelassen, uns immer zu erinnern: „Die Eucharistie ist […]nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen.“ (EG 47)

Die Kommunion ist nicht etwas nur für mich. Sie ist Zeichen der unübertroffenen Zuwendung Gottes, der will, dass wir uns ihn einverleiben, aber nicht nur für uns und zu unserem Heil. Unser Leben muss ein Echo seiner Liebe und Hingabe werden.

Fußwaschung und Eucharistie, beides ist verbunden mit der Aufforderung des Herrn „Tut dies, zu meinem Gedächtnis!“ Und „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“

Der Abend des Gründonnerstags erschöpft sich nicht in einer Stimmung des Abschieds. Die Stunde des Abendmahls ist die Stunde des Auftrags und des Aufbruchs.

Es geht in diesen Tagen nicht darum, an einem Theaterstück der letzten Stunden im Leben des Jesus von Nazareth teilzunehmen. Es geht darum, zu erkennen, was die alte Botschaft für uns heute bedeutet und weshalb wir sie jedes Jahr neu erzählen.

Vertraut den neuen Wegen – singen wir in diesen Tagen und heute heißt es in diesem Lied „Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid“

Was Jesus an jenem denkwürdigen Gründonnerstag getan hat, weist genau in diese Richtung.

Gründonnerstag stellt uns diese Fragen: Bist du bereit, dich von dieser Haltung Jesu des Dienstes und der Hingabe prägen zu lassen? Willst Du ein Segen für seine Erde sein?

Der Herr lädt uns ein, am Tisch des Reiches Gottes teilzuhaben. Wir können dort nicht bleiben. Unsere gewaschenen Füße müssen uns zu den Menschen tragen.

Foto: tatlin/pixabay.com