Neue Wege beginnen auf einem Esel

„Vertraut den neuen Wegen“ – das Leitmotiv der Karwoche und der Ostertage.

Ein König zieht in Jerusalem ein – nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Esel.
Für viele nur eine kleine Szene am Anfang der Karwoche. Und doch steckt darin eine große Verheißung: Gottes neue Wege beginnen anders, als wir denken.
Wer Palmsonntag versteht, versteht schon etwas vom Geheimnis von Ostern.

stoffesel aus dem Gottesdienst als Symbol für den Esel beim Einzug Jesu in Jerusalem an Palmsonntag.

Ein König auf einem Esel – das ist kein triumphaler Auftritt.
Und doch beginnt genau so Gottes neue Geschichte mit der Welt.

Wenn ich mir eine Rolle in der Passionsgeschichte aussuchen müsste, wüsste ich wohl, welche ich gern spielen möchte: die des Esels, auf dem Jesus in die Stadt reitet.

Bei uns spricht man vom „dummen Esel“. Im Orient würde man das nie sagen. Dort schätzt man Esel wegen ihrer erstaunlichen Orientierungsgabe – keine Karawane zieht ohne sie los. Ein Esel vergisst einen Weg nicht, den er einmal gegangen ist. Auch nachts findet er ihn wieder. Aber das allein ist nicht der Grund meiner Auswahl.

Mich fasziniert immer wieder, wenn ich das Evangelium des Palmsonntags höre, das Wort „Der Kyrios, der Herr braucht sie!“ ~ Kyrios, das ist der Titel des auferstandenen Christus – da leuchtet in dieser Szene am Anfang dieser Woche schon das Ende auf.
Der Herr braucht sie – aber er lässt sie auch wieder zurückbringen.

Gebraucht werden – aber nicht verbraucht werden.
Ich merke: Das ist eine Sehnsucht, die auch in mir lebt.

Für Matthäus war dieses Tier mehr als nur ein Lasttier – ein Beförderungsmittel wie es heute noch im Orient üblich ist. Es wird für ihn zum Zeichen, das eine alte Verheißung aus dem Buch Sacharja in Erfüllung geht. Jahrhunderte zuvor hatte der Prophet Sacharja diese Hoffnung ausgesprochen: Ein König wird kommen – nicht auf einem Kriegspferd, sondern auf einem Esel. Ein König des Friedens.

Aber für den frommen Juden war dies nicht Anlass, das Ausbleiben zu bejammern, sondern stattdessen das Kommen zu erwarten.
„Ein König, der auf einem Esel reitet“! Wir können erahnen, was dies für die Menschen in Jerusalem bedeutet hat. Das Tier wird zum Zeichen einer neuen, einer anderen Zukunft, in der dieser König das sagen hat.

„Vertraut den neuen Wegen“ – werden wir in dieser Woche immer wieder singen. Die neuen Wege – das ist die Königsherrschaft Gottes.

Nicht die alten Wege der Macht.
Nicht die Logik von Geld, Einfluss und Gewalt.
Nicht die vertrauten Muster von Neid, Hass und übler Nachrede.

Die Königsherrschaft Gottes führt auf neue Wege:
Wege der Liebe.
Wege der Solidarität.
Wege des geduldigen Miteinanders.
Wege des Friedens.

Darum geht es diese Woche: nicht dass wir staunend zuschauen, vielleicht auch noch bejammern, beweinen, betrauern – sondern dass wir wirklich ernst machen mit dem neuen Weg der Königsherrschaft Gottes.

Das Reich Gottes bricht nicht an, wenn wir den Herrn alleine gehen lassen.
Wie sähe unsere Welt aus, wenn das wirklich geschähe?
Wenn wir ernst machten mit dem, was wir singen:
„Lass uns den Hass, das bittre Leid fortlieben aus der dunklen Zeit.“

Vielleicht beginnt dieser neue Weg ganz einfach damit,
dass wir heute mitgehen.

Das Casting Gottes

Warum David gewählt wurde – und wir heute gebraucht werden

Das war wie ein Casting in Bethlehem.
Samuel sucht einen König — und Gott entscheidet ganz anders als erwartet.
Die Geschichte von David erinnert daran:
Gott schaut nicht auf das Äußere, sondern auf das Herz.
Und er ruft auch heute Menschen in seinen Dienst.

Das war fast wie ein Casting in Bethlehem, als der Prophet Samuel den neuen König Israels auswählen sollte. Gott schickt ihn zur Familie Isai. Einer der Söhne soll der neue König werden. Samuel will spontan den ältesten Sohn zum neuen König salben.
Denn der älteste Sohn war in damaliger Zeit immer der, der den Vorrang genoss. Außerdem muss Eliab ein stattlicher Bursche gewesen sein. Aber Gott lässt den Samuel wissen, dass seine Kriterien anders sind als die der Menschen:“ Sieh nicht auf sein Aussehen und seine Gestalt. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.

Sieben Söhne des Isais lässt Samuel antreten; aber keiner ist dabei, der vor Gott gefallen findet. Erst als der jüngste Sohn vor ihn tritt, hört er die Stimme Gottes: „Auf, salbe ihn, denn er ist es“.
David wird gesalbt. Damit wird er zum „Gesalbten“, zum Messias.
Im Neuen Testament wird dieser Titel auf Jesus bezogen: Er ist der Christus, der Gesalbte Gottes.

Schöne Geschichte vom Königs-Casting. Was sagt sie uns?
Sie erinnert uns daran, dass wir alle Gesalbte sind. In der Tauffeier wurden wir nach der Taufe mit Wasser mit Chrisam-Öl gesalbt und dazu wurde uns zugesagt: „du bist Glied des Volkes Gottes und gehört für immer Christus an, der gesalbt ist zum Priester, König und Propheten in Ewigkeit“.
Die Taufe hat uns also eine einzigartige Würde verliehen.
Egal, wer wir sind — groß oder klein, reich oder arm, stark oder schwach —
jeder Mensch ist vor Gott etwas wert.
Jeder von uns ist gesalbt. Jeder ist von Gott gerufen.

Im Dom von Münster steht ein Kruzifix, dessen Hände im Krieg zerstört wurden.
Darunter steht der Satz:
„Ich habe keine Hände als die euren.“
Dazu passt ein Gebet aus dem 14.Jahrhundert
Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
keine Füße, nur unsere Füße,
keine Lippen, nur unsere Lippen.
Er braucht uns,
damit seine Liebe heute sichtbar wird.

Die Kirche steht mitten in einem tiefen Veränderungsprozess.
Das erleben wir auch hier im Tal.
Die Gemeinden werden kleiner, die Möglichkeiten weniger.
Ein Kollege sagte jüngst:
„Wir werden künftig kleinere Brötchen backen.
Aber wichtig ist, dass wir Brötchen backen —
und dass sie gut sind.

Genau darum geht es.
Also machen wir uns an die Arbeit.