Sehen. Verstehen. Geduld. – Drei Worte für das Leben

Krausberg 1.Mai 2026

Diese Predigt entstand bei einem Gottesdienst im Freien auf dem Krausberg im Ahrtal

Manche Predigten stehen nicht auf Papier, sondern sind in Stein gehauen oder auf Stein geschrieben.

Als ich im letzten Jahr hier oben war, ist mir an der Weggabelung ein Stein aufgefallen.
Drei Worte standen darauf: Sehen – Verstehen – Geduld.
Ich bin stehen geblieben.
Und ich dachte: Mehr braucht es eigentlich nicht für ein gelungenes Leben.

Sehen

Manchmal fällt das Sehen leichter, wenn der Blick weit wird.
Wenn wir stehen bleiben.
Wenn wir uns Zeit nehmen.

Kinder können das besser als wir.
Sie bleiben stehen, wo wir längst weitergehen würden.
Sie schauen genau hin – einen Käfer, ein Blatt, einen Stein.

Und wir?
Wir sehen vieles – aber oft nur im Vorübergehen.

Vielleicht ist das die erste Einladung dieses Steins: Schau genauer hin.

Nicht nur in besonderen Momenten.
Auch im Alltag.
Bei den Menschen, die dir begegnen.

Denn jeder Mensch trägt mehr in sich,
als man auf den ersten Blick sieht.

Im Evangelium begegnet uns Jesus als einer, der genau hinschaut.
Er sieht nicht nur das Äußere –
er erkennt, was einem Menschen fehlt
und was in ihm steckt.

Verstehen

Aber sehen allein reicht nicht.
Man kann viel anschauen –
und trotzdem nichts begreifen.

Verstehen heißt: tiefer schauen.
Sich einlassen. Sich berühren lassen.

Und da merken wir schnell:
Zwei Menschen sehen dasselbe –
und verstehen es ganz unterschiedlich.

Jeder von uns schaut mit seiner eigenen „Brille“:
mit Erfahrungen, mit Erinnerungen, mit dem,
was ihn geprägt hat, mit seinem Glauben, seiner Weltanschauung.

Vielleicht ist das die zweite Einladung dieses Steins:
Urteile nicht zu schnell.

Versuche zu verstehen.
Auch wenn der andere anders denkt, anders fühlt, anders lebt.

Das macht das Leben manchmal anstrengend.
Aber es macht es auch reicher.

Geduld

Und dann das dritte Wort: Geduld.

Wer wirklich sieht
und ein wenig versteht,
der wird geduldiger.
Weil er merkt:
Menschen sind verschieden.
Und sie verändern sich nicht auf Knopfdruck.

Geduld – das ist nicht einfach Warten.
Geduld heißt: einen langen Atem haben.
Dranbleiben. Nicht gleich aufgeben.

Das fällt uns oft schwer.
Wir wollen schnelle Lösungen, schnelle Antworten.
Aber das Leben wächst langsam.
Vertrauen wächst langsam.
Glaube auch.

In der Bibel wird von Gott gesagt:
Er ist geduldig. Langmütig.

Das heißt:
Er gibt uns nicht auf.
Auch dann nicht, wenn wir hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben.

Drei Worte, die bleiben

Sehen – Verstehen – Geduld.
Drei Worte auf einem Stein am Weg.

Vielleicht nehmen wir sie mit in unseren Alltag:

  • ein bisschen genauer hinsehen,
  • ein bisschen mehr versuchen zu verstehen,
  • und ein wenig geduldiger werden –
    mit anderen und mit uns selbst.

Mehr braucht es vielleicht gar nicht.
Aber das genügt für ein gelungens Leben.