Wie klingt Gottes Melodie in unserem Leben?
Zum Patronatsfest der Kirchenmusik erinnert diese Predigt an die tiefe Kraft des Singens: Musik als Liebeserklärung an Gott, als Lebensmelodie, die uns trägt – im Chor wie im Alltag. Augustinus und Ignatius von Antiochien führen uns hinein in ein Hören, das unser Herz weitet und unseren Glauben zum Klingen bringt.
Heute feiern wir Christkönig. Und gestern war der Gedenktag der heiligen Cäcilia. Sie gilt seit dem Mittelalter als Patronin der Kirchenmusik.
Ist Musik überhaupt nötig im Gottesdienst? Ist es nötig, dass wir eine Orgel haben, einen Chor? Streng genommen: notwendig ist sie nicht. Die Messe ist gültig ohne Orgel, ohne Chor.
Trotzdem möchten wir die Musik nicht missen. Warum wohl?
Musik gehört zu den Grundäußerungen des Menschen. Er kann damit seine Gefühle ausdrücken: Liebe ebenso wie Hass, Freude ebenso wie Trauer.
Schon die kleinen Kinder fangen an, zu singen, oft wenn sie sich unbeobachtet fühlen.
Und wir Erwachsenen müssen zugeben, ohne Musik wäre das Leben ganz schön fad.
Wenn wir die Bibel schauen, müssen wir feststellen, dass immer dann, wenn etwas Besonderes geschieht, Musik eine große Rolle spielt:
- Als Israel aus Ägypten befreit wurde, heißt es im Buch Exodus: „Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer.“ (Ex 15)
- Können Sie sich Weihnachten vorstellen ohne den Gesang der Engel auf den Feldern Bethlehems.
- Als der verlorene Sohn wieder nach Hause kam, feierte der Vater für ihn ein großes Fest. Von seinem älteren Bruder wird erzählt, dass er „von der Feldarbeit heimkam und Musik und Tanz hörte“.(Lk 15)
Auch die Engel im Himmel singen und wir ihnen. Jeden Sonntag, wenn wir Gottesdienst feiern, heißt es am Ende der Präfation: „darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln, mit all den Scharen des himmlischen Heeres, den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit.“
Unsere Sängerinnen und Sänger und ihr Chorleiter stehen damit in einer großen Tradition.
Allerdings stehen sie auch unter einem Anspruch. Der heilige Augustinus hat wunderschöne Worte über die Musik gefunden: cantare amantis es schreibt er an einer Stelle, das heißt übersetzt Singen ist Sache der Liebenden.
Kirchenmusik ist also nicht nur festliche Dekoration eines Gottesdienstes, sondern letztlich eine Liebeserklärung, unsere Liebeserklärung, die der Chor gekonnt in Wort und Melodie umsetzt.
In einer Predigt über Psalm 149 sagt Augustinus: „Ihr wollt Gottes Lob singen? Seid, was ihr singt. Ihr seid sein Loblied, wenn ihr recht lebt. Singt mit der Stimme, singt mit dem Herzen, singt mit dem Mund, singt mit dem Leben.“
Das ist schon ein Anspruch, den der Heilige Augustinus hier an die Sängerinnen und Sänger adressiert.
Aber, wenn wir heute über die Kirchenmusik nachdenken, geht es nicht nur um die Leute oben auf der Orgelempore und wir hier unten könnten uns bequem zurücklehnen. Es geht auch um uns alle.
Jedes Musikstück lebt von einer Melodie, sieben Noten zählt die Tonleiter. Unsere Ohren erzählen uns, was man damit alles machen kann. Die Vielzahl der Melodien, die auf Erden erklingen, ist wohl unzählbar.
Ignatius von Antiochien lebte zu Beginn des zweiten Jahrhunderts. Er wurde verhaftet und zur Hinrichtung nach Rom gebracht. Unterwegs schrieb er einige Briefe an die Gemeinden in Kleinasien.
In einem dieser Briefe lesen wir seine Aufforderung: „nehmt Gottes Melodie in euch auf“.
Ignatius war überzeugt, dass Gott jedem von uns eine Lebensmelodie zugedacht hat, ein Thema mit vielen Variationen – sein Lebensmotiv für uns. Wenn jeder die ihm zugedachte Melodie Gottes wirklich hört und in sich aufnimmt, dann wird der Zusammenklang aller Stimmen eine Symphonie.
Was ist Gottes Melodie für mich?
Ich höre sie nur, wenn ich still werde. Allerdings kann ich sie nicht auswendig lernen, denn das Lied geht immer weiter. Es wechselt im Lauf des Lebens die Tonart und sein Tempo, es bleibt immer neu, ist immer überraschend. Letztlich ist es ein Liebeslied, das Liebeslied Gottes für mich.
Was ist Gottes Melodie für mich? Manchmal ist sie mir unheimlich fremd, wie ein Missklang, nur schwer nachzusingen, nachzuleben. Dann tröstet mich der Gedanke, dass meine Lebensmelodie erst im Zusammenhang und im Zusammenklang mit den andern einen Wohlklang ergibt.
Wir können unseren Sängerinnen und Sängern dankbar Beifall schenken. Und wir können ihr Fest heute auch zum Anlass nehmen, wieder neu auf Gottes Melodie in uns zu horchen. Das wäre die schönste Ehre für die Frauen und Männer da oben auf der Empore.

