Das Martinsfest ist für viele im Tal Anlass zum Erntedank.
Mitten in großen Herausforderungen schenkt das Evangelium ein starkes Bild:
Gott vergleicht sich mit einem Winzer.
Ein Wort, das stärkt, tröstet und Mut macht, Frucht zu bringen – gerade jetzt.
Wenn ich an die Bibel denke, fallen mir sofort einige Berufe ein, die immer wieder vorkommen:
die Fischer am See Gennesaret, die Jesus zu Aposteln beruft;
die Zöllner, die verhasst waren, weil sie mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten;
die Arbeiter auf den Feldern und in den Weinbergen;
und die Hirten, von denen schon in der Weihnachtsgeschichte die Rede ist.
Auch Ihr Beruf, der Beruf des Winzers, spielt im Neuen Testament eine besondere Rolle – eine herausragende sogar.

Im Evangelium lesen wir: Jesus sagt:
„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.“
Winzer sein heißt nicht zuerst, Wein zu ernten und zu verkaufen, sondern sich um den Weinstock und die Reben zu kümmern.
Der gute Wein wächst nicht von selbst. Er braucht Geduld, Arbeit und Fürsorge. Sie wissen das: Der Winzer muss immer wieder hinaus in den Weinberg – lange bevor geerntet wird.
Vor diesem Hintergrund lesen wir das Wort Jesu noch einmal:
„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.“
Welch eine Aussage: Gott – ein Winzer!
Das ist nur noch vergleichbar mit dem Wort Jesu: „Ich bin der gute Hirt.“
Beides sagt uns: Gott kümmert sich um uns.
Dass Jesus dieses Bild wählt, ist kein Zufall. Der Weinstock gehört zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Seit jeher ist der Wein nicht nur ein Mittel des Genusses, sondern auch Teil des Gottesdienstes.
„Der Wein erfreut des Menschen Herz“, heißt es im Psalm 104. Den Menschen ist der Wein gegeben, um Freude zu bringen.
Der heilige Augustinus schrieb im 4. Jahrhundert: „Der Wein erfrischt matte Kräfte, verscheucht Traurigkeit, und vertreibt die Müdigkeit der Seele.“ Seinem Denken steht auch unser Papst nahe, wenn er sagt, dass wahre Freude ein Geschenk Gottes ist – nicht das, was betäubt, sondern das, was belebt.
Der Beruf des Winzers ist durch die Jahrhunderte im Kern gleich geblieben.
Aber in den letzten Jahrzehnten steht er vor großen Herausforderungen:
- Der Klimawandel ist vielleicht der größte Stressfaktor:
Hitze, Trockenheit, Spätfrost und Starkregen bedrohen die Erträge. - Vieles ist noch immer Handarbeit in Ihrem Beruf,
aber der technische und digitale Wandel macht auch vor Weinbergen und Kellern nicht Halt. - Der Weinkonsum verändert sich spürbar.
Wein ist heute mehr als ein Produkt – er ist Teil von Kultur, Tourismus und Erlebnis. - Zugleich greifen immer mehr Menschen, besonders Jüngere, zu alkoholfreien Produkten.
Manche sehen alkoholfreien Wein skeptisch – „Das ist kein richtiger Wein“, sagen sie.
Andere verstehen ihn als zeitgemäße Ergänzung, die neue Zielgruppen erreicht, ohne die Tradition zu verraten.
Das alles sind große Herausforderungen, die sich natürlich auch wirtschaftlich bemerkbar machen.
Ich kann gut verstehen, dass einem manchmal die Freude am Beruf vergeht und man sich fragt, wie es weitergehen kann und ob man nicht aussteigen soll.
Aber in schwierigen Zeiten gab es immer auch die andere Möglichkeit:
nämlich die Herausforderungen anzunehmen und sie gemeinsam zu bestehen.
Genau das stand auch hinter der Gründung des Winzervereins 1873 und des Weinbauvereins 1881.
Schon damals wussten Ihre Vorfahren: Gemeinschaft ist die beste Antwort auf Not.
Am Anfang unserer Überlegungen stand das Wort Jesu:
„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.“
Und Jesus sagt weiter:
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“
Das ist der Sinn unseres Lebens: Frucht zu bringen.
Nicht, dass wir Erfolg haben oder Karriere machen, nicht dass wir reich werden.
Frucht dient immer dem Leben – indem sie neues Leben hervorbringt oder das Leben nährt, das schon da ist.
Es geht um das Leben:
um Ihr Leben, um das Ihrer Familien,
um das Leben dieses Ortes, dieses Tales, dieser Gemeinschaft.
Sie haben einen der ältesten Berufe der Menschheit –
mehr noch: Sie glauben an einen Gott, der sein Wirken mit der Arbeit eines Winzers vergleicht.
Ich wünsche Ihnen,
dass Ihnen dieses Bild Hoffnung schenkt
und Sie beflügelt, Frucht zu bringen –
in Ihrer Arbeit, in Ihren Familien,
in unserer Gemeinschaft hier im Tal.
