Eingeladen zur größten Geburtstagsfeier der Welt

Schon seit drei Wochen sind wir eingeladen – eingeladen zur größten Geburtstagsfeier der Welt, eingeladen, den Geburtstag Jesu zu feiern. Die Zeit des Wartens neigt sich dem Ende zu. Die Vorfreude soll abgelöst werden durch die Festfreude selbst.

Aber vielleicht kennen Sie das auch: da hält man eine Einladung in den Händen, über die man sich gefreut hat und je nähert das Fest rückt, umso mehr stellt man fest: ich laufe nicht mit fliegenden Fahnen los, sondern ich frage mich kritisch, soll ich überhaupt hingehen?

Sind die richtigen Leute da? Werden es nicht so viele sein, dass mich der Gastgeber, die Gastgeberin überhaupt wahrnimmt? Wird es wie immer sein – der übliche Smalltalk, dem man dann nach einiger Zeit entfliehen kann oder wird es wirkliche Begegnung geben? Werde ich mich von Herzen freuen oder zu Tode langweilen?
Fragen, die angesichts eines Festes durchaus berechtigt sind – auch vor Weihnachten.
Drei Antworten möchte ich geben:

1.              Meine Disposition ist wichtig

Ob ein Fest gelingt, hängt nicht nur vom Gastgeber oder den äußeren Gegebenheiten, sondern auch von den Gästen ab. Das erinnert mich an eine chinesische Parabel. Sie erzählt von einem Brautpaar, das viele Gäste zur Hochzeit einladen wollte, aber selbst zu arm war, sie alle zu bewirten. So teilten sie in der Einladung mit, es solle ein Fest des Teilens werden. Jeder möge bitte eine Flasche Wein mitbringen. Am Eingang des Festsaals werde ein Fass stehen, in das jeder seine Flasche leeren könne. So werde es trotz Armut ein fröhliches Fest werden. Jeder würde die Gabe des anderen trinken und jeder mit jedem froh und ausgelassen feiern können.

Viele folgten der Einladung in der Erwartung eines besonderen Festes. Doch welch ein Erschrecken, als sie den ersten Schluck tranken. Es war pures Wasser in den Gläsern. Das Fest fand nicht statt, bemerkt der Erzähler lapidar.

Jeder bringt zum Fest nicht nur etwas mit, sondern vor allem bringt jeder sich selbst mit. Fragen wir uns in den letzten Tagen vor dem Fest: wie bin ich denn disponiert für die Feier? Gibt es in den nächsten Tagen noch eine Chance, mich innerlich zu bereiten oder wird mich die Hektik erfüllen, so dass zwar alles bereit ist, ich selbst aber nicht mit Leib und Seele dabei sein kann.

2.              Immer dasselbe – unsere Traditionen verhindern das Überrascht-werden

Ich könnte Ihnen stundenlang erzählen, mit welchen Ritualen und festen Formen das Weihnachtsfest in meiner Kindheit und Jugendzeit verlaufen ist. Das wäre aus heutiger Perspektive durchaus erheiternd.

Bei Ihnen wird es wohl auch so sein. Es gibt feste Zeiten, feste Bräuche, feste Wege – und das ist grundsätzlich nicht schlecht, weil es auch den inneren Stress nimmt. Aber es birgt auch die Gefahr, dass wir vor lauter Gewöhnung nicht mehr überrascht werden – weder von den Menschen, mit denen wir feiern, noch von der Botschaft, die wir feiern. Wir kennen das doch alles: Kaiser Augustus, Volkszählung, keine Herberge, Geburt im Stall, Ochs und Esel, Hirten, Engel, die das Gloria singen.

Aber müsste es nicht ganz anders sein? Dass wir neu berührt werden, von dieser ungeheuren Botschaft, dass Gott Mensch wurde. Müssten wir nicht darauf neugierig sein, was in dieser Botschaft für uns heute enthalten ist.

Vielleicht ist Gott doch barmherziger als wir es uns gedacht haben;
Vielleicht ist Gott gar nicht „oben“ – und damit weit weg von uns, sondern hier unten bei uns — mitten unter uns;

3.    Grenzenlose Einladung

Ich habe schon manches Mal bei einem Fest gedacht, ob wir wohl alle in den Festsaal hineinpassen, in den Raum, in dem gefeiert wird. Und ob das Essen, das da bereitsteht für alle reicht. Das mag bei unseren Festen stimmen: Irgendwann ist der Platz am Tisch zu Ende, irgendwann geht das Essen zur Neige.

Aber bei Gott ist das anders: seine Festkapazitäten sind nicht nach menschlichen Kriterien bemessen. Bei ihm ist immer noch Platz. Er kennt nicht die Begrenzung, sondern eine Ausweitung ins Grenzenlose.

Unser Papst macht es vor, was wir bei Gott zu erwarten haben. Er öffnet die Türen des Vatikans für die Armen, lädt ein, statt auszugrenzen! Die Einladung Gottes ist wahrlich grenzenlos. In einem neuen geistlichen Lied singen wir: Aus den Dörfern und aus Städten, von ganz nah und auch von fern, mal gespannt, mal eher skeptisch, manche zögernd, viele gern, folgen die Menschen der Einladung. Von der Straße, aus der Gosse kamen Menschen ohne Zahl und sie hungerten nach Liebe und nach Gottes Freudenmahl. (Zum Anhören hier )

Es gibt keinen Grund, sich nicht eingeladen zu fühlen. Was also hindert uns noch, der Einladung zum Fest zu folgen? Brechen wir also auf, gehen wir los, damit es ein gutes Fest wird.

Fronleichnam auf Juist – es war alles anders, doch das Wesentliche war da

Meine Facebook-Timeline quillt über von Fronleichnamfotos: Bilder, wie wir sie aus katholischen Gegenden gewohnt sind. Kostbare Monstranzen, Blumenteppiche, geschmückte Altäre, Ministranten, Kommunionkinder („Engelche“, wie man im Rheinland sagt – der Witz ist bekannt), Weihrauchfässer, aus denen riesige Weihrauchwolken dampfen, Fahnen, Schützen, Ritter, Priester in festlichen Gewändern, Musikkapellen und was sonst noch so alles dazu gehört.

Ich erinnere mich an bestimmt 60 Fronleichnamsfeste an unterschiedlichen Orten: meistens im Rheinland und auch in Bayern. Als Messdiener fing es an und als Stadtdechant hörte es auf. Das Singen und Beten der Menschen klingt noch in meinen Ohren, ebenso wie die Schellen der Ministranten, ich rieche noch den Duft der Blumen und des Weihrauchs und denke noch ergriffen an die Prozession in Schweigen angesichts der Missbrauchsfälle im Jahre 2010.

Heute war alles anders! Zuerst einmal: es gibt kein Bild von unserer Prozession auf Juist in der Timeline. Es gab nichts von alledem, was wir rheinischen Katholiken zu Bestandteilen einer Prozession zählen würden (siehe oben). Und trotzdem war es ein ergreifendes Fronleichnamsfest an einem Tag, der hier kein Feiertag ist. Es waren wohl 80 – 100 Leute (gezählt hat niemand), die nach der Messe in der kleinen Pfarrkirche einmal „um den Block zogen“, während die Touristen in den Pferdekutschen oder auf ihren Fahrrädern anscheinend teilnahmslos vorbeifuhren.  Zwei Altärchen gab es unterwegs, wo wir kurz anhielten, um uns noch einmal an die Geschichte des Abraham zu erinnern, von der in der Liturgie die Rede war, bevor der Segen jeweils erteilt wurde.

„Du sollst ein Segen sein“, sagte Gott dem Abraham. „Wer Segen ausspricht, erwartet etwas von Gott, öffnet eine neue Dimension -verlässt das KleinKlein der Alltäglichkeiten. Wer um Segen bittet für sich oder andere, erwartet die Sichtbarkeit Gottes in der Welt. Wer sich unter den Segen stellt erwartet etwas: die Spürbarkeit Gottes in seinem Leben. Segnen heißt Hoffnung haben, Zukunft haben, dem Leben trauen. Ein Segen sein für andere -nicht Richter sein über andere, nicht Lehrer sein, nicht Herrscher sein.“ (aus der Predigt in der Messe)

Bewegend zu erleben, wie sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der zweiten Station einander zusprachen: „Du sollst ein Segen sein!“ bevor sie selbst gesegnet wurden.

Es war alles anders heute und doch das Wesentliche war da: Christus in der Gestalt des Brotes der Eucharistie inmitten einer Schar von Menschen, die miteinander gingen und sangen. Alles ganz einfach. Das hatte schon fast etwas Biblisches (Mt4,25). Etwas, das sich in die Seele einprägt – und das scheint nachhaltiger zu sein als Dutzende Fotos in der Timeline.

Drei Wünsche für einen Neupriester

Lieber Guido, liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Mit großer Feierlichkeit haben Sie gestern Abend und heute Guido Funke in seiner Heimatgemeinde willkommen geheißen und man könnte schon fast befürchten, sie wollten ihn damit auf ein hochwürdiges Podest stellen. Aber die Zeit für hochwürdige Podeste ist auch im Eichsfeld vorbei.
Sie feiern heute, dass einer von Ihnen ernst macht mit dem, was allen Christen aufgetragen ist, wozu wir alle berufen sind. Sie würdigen seine Entscheidung, die gefallen ist in einem langen Prozess der Berufung.
Und vielleicht denkt manch eine und einer von Ihnen, was der Guido da erlebt hat, das kenne ich auch – als mich entschieden habe, meinen Beruf zu ergreifen, als ich mich entschieden habe, meine Frau, meinen Mann zu heiraten, als ich eine lebenswichtige Entscheidung getroffen habe. Das geht meistens nicht von jetzt auf gleich.
Lieber Guido,
als ich vor über einem Jahr aus Anlass deiner Diakonenweihe hier in der Kirche saß und wusste, dass ich hier auch die Primizpredigt halten sollte, war mir klar: ich lasse diese Kirche predigen, in der Du groß geworden bist.
Sie ist dem Hl. Sebastian geweiht. Dessen Schicksal wünschen wir Dir nicht. Gerne möchte ich meine Wünsche an Dich an drei Heiligen orientieren, die in diesem Raum dargestellt sind:
• Der Heilige Petrus hier vorne im Pfingstbild auf dem Ambo
• Die Heilige Gertrud rechts am Altar
• und den Heiligen Bernhard links am Altar.
Wahrscheinlich hat Du sie oft angeschaut, wenn Du hier am Gottesdienst teilgenommen hast.

1) Petrus
Wir sehen hier vorne auf dem Ambo den Hl. Petrus bei seiner flammenden Predigt am Pfingstfest. Aber es gibt noch eine andere Stunde im Leben des Petrus, die verbunden ist mit deinem Weihespruch „Dein Wille geschehe!“
Es ist der Abend von Getsemani. Dort erlebt Petrus einen Jesus, den er so noch nie gesehen hat: weinend, kämpfend, ringend, Blut und Wasser schwitzend. Einen Menschen voller Angst und schließlich voller Gehorsam. „Dein Wille geschehe!“
Es soll noch schlimmer kommen: Judas, der Gefährte in den die Wanderjahren durch Israel, kommt mit Soldaten, die Jesus verhaften. Und der lässt sich verhaften! Das ist nicht mehr der Jesus, den Petrus bisher erlebt hat: Bisher hat er es doch immer geschafft, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. An wie viele brenzlige Situationen kann sich Petrus erinnern. Wo ist dieser machtvolle Jesus? Wo ist dieser Jesus, den er als den Christus, den Messias feierlich bekannt hatte? Ist das dieser Mann – schwach, gefesselt zwischen den Soldaten und Gerichtsdienern. Nein! Für diesen Menschen hat er nicht alles verlassen – den Beruf, die Familie, die Heimat. In Petrus bricht alles zusammen. Sollte er sich so getäuscht haben? „Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir irre werden;“ so hatte Jesus es beim Abendmahl angekündigt. Petrus erlebt es – mit seiner ganzen Existenz.
Ich wünsche Dir, lieber Guido, dass Du dies nie erleben musst!
Zwischen Getsemani und Pfingsten steht die Begegnung des Petrus mit dem Auferstandenen am See Genezareth. „Simon. Liebst du mich?“ fragt der Herr seinen Jünger. Er fragt nicht, hast Du alles begriffen, was ich gepredigt habe. Hast Du mein Leben, meine Sendung verstanden? Weißt Du jetzt was es heißt, den Willen des Vaters zu tun?
„Liebst du mich“, fragt ihn der Herr und im griechischen Text steht eine Vokabel, die von der ganz großen Liebe spricht, die einzigartig ist und nur dem einen, der einen gilt. Wenn wir das wissen, dann spüren wir plötzlich, wie schwer die Frage und  erst recht wie schwer die Antwort ist.
Und wieder in den griechischen Text geschaut, lautet die Antwort des Petrus: „Herr, Du weißt, dass ich Dein Freund bin“. So kannst Du, lieber Guido, so können wir alle antworten: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dein Freund sein will“. Du, Herr, suchst Menschen, die so, wie sie sind, für dich brennen. Sieh nicht den Petrus in mir, sieh nicht den Kaplan Funke in mir, sondern den Simon, den Guido, den Du wie damals den Simon am See gerufen hast mit seinen Licht- und Schattenseiten.
Lieber Guido, sag es dem Herrn immer wieder: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dein Freund sein will“.

2) Die hl. Gertrud von Helfta
Als Rheinländer steht mir die Hl. Gertrud von Nivelles aus dem nahen Belgien etwas näher und ich musste mich erst mit dieser großen Frau aus dem 13.Jahrhundert etwas näher beschäftigen. Sie wird „die Große“ genannt. Mit fünf Jahren kam sie, wohl ein Waisenkind, ins Kloster Helfta bei Eisleben, das zisterziensisch geprägt war, ohne dem Zisterzienserorden anzugehören.
Ihre theologischen Schriften sind sehr mühsam zu lesen, weil ihre Sprache nicht mehr unsere Sprache ist, und ihre Bilder sich uns heute nicht sofort erschließen.
In einem ihrer Werke fand ich ein Wort, das ich Dir gerne mitgeben möchte: „Gott habe Erbarmen mit mir, und er sage mir Segen und Heil; […..] auf daß mich auf rechten festen Boden führe sein lebenspendender Geisthauch, der gut ist.“ (aus Exercitium I 7-12).
Heute ist Pfingsten, wir feiern Gottes lebensspenden Geist, der gut ist – wie die hl. Gertrud mit Recht feststellt. Neben dem Ungeist, den wir oft erleben, neben dem bösen Geist, der sich in Wort und Taten der Menschen nicht selten äußert, ist Gottes Geist der gute Geist, dessen Früchte im Galaterbrief beschrieben werden: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5, 22)
Von daher verwundert es, wenn es von der Hl. Gertrud heißt: „Stundenlang war sie den Menschen ihrer Umgebung Zuhörerin, Ratgeberin, Trösterin. Gleichzeitig war sie eine hochgebildete und künstlerisch begabte Frau.“
Lieber Guido, Zuhören, Ratgeben, Trösten – ich weiß, dass Du das kannst. Ich wünsche Dir die Kraft dazu. Besonders das Letzte ist wichtig: „wir sind berufen, zu trösten“ sagt Papst Franziskus (5.5.2016)

3. Der Heilige Bernhard
Er lebte zu Beginn des 12.Jahrhunderts. 1115 gründete er das Kloster in Clairvaux und von dort aus 68 Klöster. Fünf Ordensgründungen des Zisterzienserordens gab es im Eichsfeld. Darunter die Abtei Reifenstein, die schon 1162 entstand. Und natürlich in unmittelbarer Nachbarschaft die Zisterzienserinnenabtei Anrode, die auf das 1267 zurückgeht. Der Bickenrieder Vitus Recke war im letzten Jahrhundert Abt der Abtei Himmerod, die von Bernhard von Clairvaux gegründet wurde.

Also darf Dich der Hl. Bernhard an diesem Festtag auch begleiten. Du ahnst vielleicht schon, welches Wort von ihm ich Dir mitgeben möchte: „Gönne Dich Dir selbst“. Er schrieb es seinem Schüler Papst Eugen III. Aber es gilt für jeden von uns, ob Kleriker oder Laie. „Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. […] Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber! […] Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.
Das sage ich nicht nur Dir, lieber Guido, das sage ich den Ehefrauen und Ehemännern, den Müttern und Vätern, den Großväter und Großmüttern. Das gilt jedem und jeder: Gönne Dich Dir selbst!

Ich habe als junger Priester den Fehler gemacht, ganz in der Arbeit aufzugehen. Es gibt so viel zu tun und man freut sich, endlich fertig zu sein und tun zu können, was man immer schon tun wollte. Und schnell vergisst man sich selbst, die Familie, die Freunde, Menschen, die einem wichtig sind! Widerstehe der Versuchung und „gönne Dich Dir selbst!“

Lieber Guido, das sind meine Wünsche an diesem Festtag an Dich – orientiert an den Heiligen deiner Heimatkirche. Nimm sie mit als Gefährtin und Gefährten auf Deinem Weg.

Primizpredigt gehalten am 9.Juni 2019 in der Kirche St.Sebastian Bickenriede
Die Primiz ist die erste hl.Messe, die ein Neupriester in seiner Heimatgemeinde feiert.

Eine gute Nacht!

(c) Rosel Eckstein / pixelio.de

Das ist nun mal wieder typisch für diese Männergesellschaft der Apostel. Die Frauen kommen vom Grab und erzählen, was sie erlebt haben, vor allem aber, wie eingetroffen ist, was Jesus beim Abendmahlgesagt hatte, und die Apostel tun es ab als Weibergeschwätz, als Nonsens, ohne jeden Sinn.

Nur einer steht auf und läuft zum Grab. Einer, der zwei Nächte hinter sich hat, wie er sie sich nie gewünscht hat und nie mehr wünschen wird.

Petrus – er war hinabgestiegen in die Tiefe seiner Seele. Was hatte er nicht alles gewollt – und letztlich war er doch nur voller Angst und ein Feigling gewesen. Er wollte dreinschlagen und anstelle des Meisters sterben, und dann hatte er ihn am Kreuz hängen sehen und begriffen, was er gemeint hatte, als er sagte: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben gibt für seine Freunde.“

In der Dunkelheit dieser Nacht ist es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen: Es wird ihm bewusst, dass er sich letztlich immer geweigert hat, sich lieben zu lassen, dass er sich letztlich immer geweigert hat, sich von Jesus retten zu lassen – er wollte der Retter sein, so hatte er jede Leidensankündigung abgewehrt. Er wollte der Retter sein und muss doch gerettet werden.

Wie schwer ist es doch, sich wirklich lieben zulassen! Es ist schwerer als andere zu lieben! Wer so weit gekommen ist, für den ist klar, dass das Kreuz, dass die Hingabe nicht das Ende gewesen sein kann. Jetzt verstehen wir die Unruhe, die den Petrus erfasst; jetzt verstehen wir, dass er zum Grab laufen muss. Er sieht keine Engel, nur ein leeres Grab.

Staunend geht er nach Hause, sagt die Schrift. Später werden die Apostel sagen: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.“(Lk 24,34)

In Bernsteins Werk „Messe“, das er dem Andenken John F. Kennedys gewidmet hat, wird gegen Ende eine Szene mit dem Priester gezeigt, der einen gläsernen Kelch in der Hand hält. Plötzlich stürzt er zu Boden, der Glaskelch fällt auf die Erde und zerschellt. Der Priester betrachtet ihn lange und sagt schließlich: „Mir war noch nie bewusst, dass zerbrochenes Glas so strahlend leuchtend kann“.

Das ist das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu – der Gekreuzigte lebt! Seine Wunden strahlen! Sein geschundener Leib ist verklärt! Das ist die Erfahrung, die Petrus macht: da, wo er sich am Ende glaubte, wo er sich für immer getrennt wähnte, da wo er sich seiner Zerbrechlichkeit und seines Zerbrochen-Seins bewusst wurde, da fing alles erst an, da war ihm der Herr so nah wie nie zuvor! Jetzt weiß er sich geliebt von ihm – ohne Ende, „ewig“– wie die Theologen sagen.

Deshalb – wegen dieser Erfahrung ist diese Nacht so anders alle anderen Nächte!
Die Welt mag vieles uns ermöglichen –man kann nur staunend betrachten, wie sich die Welt allein in den letzten 50 Jahren verändert hat –was alles erfunden und möglich gemacht wurde, um das Leben zu erleichtern. Nur eine solche Botschaft bringt sie selbst nicht hervor: Die Welt kann das Scheitern nicht aushalten, deshalb bleibt ihr das Kreuz ein Ärgernis und sie wird nie zur Hoffnung von Ostern finden.

Der Weg durch die Passion bis zum Ostermorgen ist wahrlich kein Spaziergang. Er führt den Petrus und uns in alle Dunkelheiten. Wir können uns dort wahrnehmen und annehmen – so wie wir sind und uns vom Herrn retten, erlösen und lieben lassen. Nur so wird er uns aus dem Dunkel ins Licht führen, aus dem Tod ins Leben.

„Geht und verkündet – das ist die Botschaft des Auferstandenen. Die Welt braucht diese Botschaft, weil sie sonst keine gute Nacht mehr hat. Amen

Der Hahn ist gerettet!

Der Hahn ist gerettet. Ein Mann bringt den Hahn in Sicherheit, der auf dem Vierungsturm von Notre Dame seine Runden drehte und wie durch ein Wunder den Sturz aus 93m Höhe überstand!

Wetterhähne gibt es auf Kirchturmspitzen seit dem Mittelalter. Ursprünglich konnten die Menschen aus ihnen die Windrichtung ablesen und Rückschlüsse auf das Wetter ziehen. Aber weshalb ein Hahn?

Sein Schrei am Morgen markiert den Sieg des Tages über die Nacht. “ Der Hahn weckt die Daliegenden […] Mit dem Hahnenschrei kehrt die Hoffnung zurück, Besserung wird den Kranken zuteil “ heißt es schon in einem Hymnus des Ambrosius aus dem 4.Jahrhundert.

Nicht nur am heutigen Gründonnerstag erinnert  uns der Hahn auf dem Kirchturm zudem an das Wort Jesu an Petrus aus dem Abendmahlssaal: „Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ (Johannes-Evangelium 13,38)  Wenige Stunden später in der Frühe des Karfreitags wird das Wort wahr. „Ich kenne den Menschen nicht“, sagt Petrus und  gleich darauf krähte ein Hahn. (Joh-Evangelium 18,27).

Seit jenen Tagen ist der Hahn Zeichen für die Schwäche eines Menschen, der statt sich zum Freund (und Meister) zu bekennen ihn verleugnet. Er erinnert aber auch an die Tränen des Petrus als ihm bewusst wird, was er getan hat. Nach Ostern wird ihn der Auferstandene selbst einladen, sein dreimaliges NEIN durch ein dreimaliges JA wieder gutzumachen (Joh 21,15ff).

Staunend notiert die Welt zur Zeit, wie sich überall die Solidarität mit der beschädigten Kathedrale manifestiert. Es scheint, dass es sich nicht schnell genug gehen kann, die Wunden des Gebäudes zu beseitigen. Statt sie einen „Augenblick“ lang auszuhalten – in einer Welt, in der soviel in Trümmern liegt, soviele Wunden täglich an Menschen(!) geschlagen werden.  Da ist es gut, dass der Hahn gerettet wurde. Er erinnert!

„Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…“

(c) Paroisse de la Cathedrale Saint Denis – France- Facebook

„Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…was für eine grausige Symbolik“, so schrieb gestern abend Stephan Wahl auf Facebook unter dem ersten Eindruck der Bilder aus Paris. Mit Millionen Menschen auf der Erde habe ich in der Nacht die Berichte aus Paris verfolgt (leider nicht im Deutschen Fernsehen), habe ich gesehen, wie das Feuer sich immer weiter vorwärts fraß, hörte ich die entsetzten Schreie als erste Flammen in den Haupttürmen sichtbar wurden. Es ist eine Tragödie!
Ein auch kulturelles Denkmal der Menschheit wird nach und nach beschädigt. Ganz abgesehen von den Gefühlen, die gläubige Menschen in Paris und an vielen Orten der Welt angesichts der Bilder umtreiben. Kirchen sind keine normalen Häuser – sie sind Gottes-Häuser wie die Synagogen und Moscheen, wie die Tempel der Hindus und der Buddhisten. Wenn man sie brennen sieht, spürt man, da brennt mehr als nur brennbares Material.

Deshalb hat mich das Wort von Stephan Wahl nicht los gelassen in dieser Nacht! „Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…“ Die ganze Kraft des Symbols wurde mir schmerzvoll bewusst. Wir erleben in den vergangenen Jahren und Monaten wie die Kirche brennt, die Flammen der Zerstörung sich immer weiter vorwärts fressen. Der Mißbrauch an Tausenden, der Machtmißbrauch und der Klerikalismus, die Uneinsichtigkeit vieler Amtsträger, die nicht wahrhaben wollen, was unter ihren Augen geschieht, aber alle Welt sieht.

Aus Paris hört man heute morgen, dass wohl die Grundsubstanz des Gebäudes Bestand hat und der französische Präsident hat versprochen, die Kathedrale wieder aufzubauen. Ob und wie das gelingt, wird man sehen. Es fehlt gewiss nicht an Handwerkern und Ingenieuren; aber es fehlt an dem mittelalterlichen Geist, der solche Gebäude zustande brachte. „Ein Steinhaufen hört auf Steinhaufen zu sein, sobald ein einziger Mensch ihn betrachtet, der das Bild einer Kathedrale in sich trägt“ schreibt Antoine de Saint-Exupery.

„Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…“ – auch bei unserer Kirche hat die Grundsubstanz Bestand. Wie in Paris wird man das Verkohlte und Verbrannte hinausschaffen müssen. Aber anders als dort brauchen wir keinen Neubau des Alten, keine Kopie des Vergangenen, sondern unsere Kirche muss eine Kirche von heute sein. „Aggiornamento“, sagt der hl. Johannes XXIII. Nicht dem Zeitgeist angepaßt, aber in der Zeit von heute!

Da werden dann die Frauen tragende Säulen sein und nicht mehr nur „Säulenheilige“; in ihren stützenden Funktionen gleichberechtigt mit den Männern.  Es wird eine große Vielfalt der Liturgie geben, an der (auch verheiratete ?) Priester und Laien beteiligt sind. Das neue Haus wird bunt sein, gefärbt von den unterschiedlichen Konfessionen, die immer mehr zueinander finden. Es gibt viele Ideen, wie die Kirche der Zukunft aussehen könnte und müsste.

„Mon dieu…!!!!Die Kirche brennt…“- die Bilder aus Paris bekommen jenseits ihrer realen Tragik eine ungeheure symbolische Kraft – passend zur Karwoche und zum Osterfest, zur Tragödie und zur Auferstehung.

Nachtrag: Ein Leser macht mich aufmerksam auf den Brief des Züricher Generalvikars vergangene Woche: „Die Kirche steht in Flammen!“