An einer Weggabelung muss ich mich entscheiden. Ich kann nicht alle Wege gleichzeitig gehen. So ist es auch im Leben: Mit jeder Entscheidung bleiben andere Möglichkeiten zurück. Und manchmal bedrückt uns die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich einen anderen Weg genommen hätte? Vielleicht sollten wir nicht nur fragen: Was habe ich alles verpasst? Sondern auch: Was habe ich auf meinem Weg gefunden?
Eine Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der davon träumt, die ganze Welt kennenzulernen. Eines Tages macht er sich auf den Weg.
Doch schon an der ersten Wegkreuzung muss er sich entscheiden.
Er kann nur einen Weg gehen – und muss zwei andere liegen lassen. An der nächsten Kreuzung geschieht dasselbe. Und wieder. Mit jeder Entscheidung werden die Möglichkeiten weniger.
Je älter er wird, desto stärker bedrückt ihn das: Wie viele Wege habe ich nicht gehen können! Wie viele Möglichkeiten habe ich verpasst!
Schließlich gibt es keine Abzweigung mehr. Nur noch einen Weg. Er geht ihn weiter – bis er plötzlich merkt: Er steht auf einem Gipfel.
Unter sich sieht er die Landschaft, die Täler und Wege. Und da begreift er: Mit jedem Weg, für den er sich entschied, blieben andere zurück – und doch ist er sein Leben lang aufwärts gegangen.“
Vielleicht kennen wir etwas davon. Je älter wir werden, desto deutlicher merken wir: Nicht alles, was einmal möglich schien, ist möglich geblieben.
Wir haben Entscheidungen getroffen. Manche freiwillig, andere hat uns das Leben abverlangt. Manche Türen haben wir selbst geschlossen, andere wurden uns geschlossen.
Und manchmal kommt die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich damals anders entschieden hätte? Wenn ich einen anderen Weg gegangen wäre? Manchmal kann uns diese Frage ganz schön bedrücken.
Aber: wir können auch anders auf unser Leben schauen: Was ist gerade dadurch gewachsen, dass ich mich entschieden habe? Was wäre nie entstanden, wenn ich mir immer alle Möglichkeiten hätte offenhalten wollen?
Ein Leben gewinnt nicht dadurch an Tiefe, dass möglichst viele Möglichkeiten offenbleiben, sondern dadurch, dass ich mich einlasse auf das, was ist.
Heute stehen uns viele Möglichkeiten offen. Das ist ein großer Gewinn. Aber diese Fülle kann auch belasten. Reisen, Fernsehen und für viele das Smartphone zeigen uns ständig, wo wir auch sein könnten, was wir auch erleben könnten und wie andere Menschen leben. Und schnell entsteht das Gefühl: Vielleicht verpasse ich etwas. Vielleicht gibt es noch etwas Besseres.
Die Angst, etwas zu verpassen, ist längst zu einem Lebensgefühl geworden – besonders bei jungen Menschen. Aber ganz fremd ist sie wohl keinem von uns. Diese Angst kann verhindern, dass ich mich wirklich auf das einlasse, was ich habe.
Im Evangelium geht Jesus noch einen Schritt weiter: „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“
Es gibt Verluste, die wehtun und bleiben. Es gibt Wege, die wir gern gegangen wären und nicht gehen konnten. Es gibt Türen, die sich geschlossen haben.
Jesu Wort verspricht uns nicht, dass jeder Verlust zum Gewinn wird. Aber es sagt uns: Wir müssen unser Leben nicht ängstlich festhalten.
Er selbst hat sich eingelassen – auf die Menschen, auf seinen Weg, auf Gott. Er hat nicht versucht, sich alle Möglichkeiten offenzuhalten. Er hat sein Leben gegeben. Und genau auf diesen Weg ruft er seine Jünger – und uns, ihm nachzufolgen.
Sein Weg führte ans Kreuz. Wirklich in den Verlust. Aber das Kreuz war nicht das Ende. Auf den Karfreitag folgte der Ostermorgen. Gott hat den, der sein Leben hingegeben hat, nicht im Tod gelassen.
Vielleicht ist das die Einladung dieses Evangeliums: Hab keine Angst davor, dass nicht alle Möglichkeiten deines Lebens Wirklichkeit werden.
Ein erfülltes Leben ist nicht ein Leben, in dem alles möglich geblieben ist. Es ist ein Leben, in dem etwas Tiefe gewinnen durfte.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen: Was habe ich alles verpasst? Sondern auch: Was habe ich auf meinem Weg gefunden?
Dann entdecken wir wie der junge Mann in der Geschichte: Wir konnten nicht alle Wege gehen. Aber der Weg, auf den wir uns eingelassen haben, hat uns weitergeführt.
Jesus ist seinen Weg gegangen – bis ans Kreuz und durch den Tod hindurch. Deshalb dürfen wir seinem Wort vertrauen:
„Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“





