Auf dem Weg gefunden

An einer Weggabelung muss ich mich entscheiden. Ich kann nicht alle Wege gleichzeitig gehen. So ist es auch im Leben: Mit jeder Entscheidung bleiben andere Möglichkeiten zurück. Und manchmal bedrückt uns die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich einen anderen Weg genommen hätte? Vielleicht sollten wir nicht nur fragen: Was habe ich alles verpasst? Sondern auch: Was habe ich auf meinem Weg gefunden?

Weggabelung
Holger Schué / Pixabay

Eine Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der davon träumt, die ganze Welt kennenzulernen. Eines Tages macht er sich auf den Weg.
Doch schon an der ersten Wegkreuzung muss er sich entscheiden.

Er kann nur einen Weg gehen – und muss zwei andere liegen lassen. An der nächsten Kreuzung geschieht dasselbe. Und wieder. Mit jeder Entscheidung werden die Möglichkeiten weniger.
Je älter er wird, desto stärker bedrückt ihn das: Wie viele Wege habe ich nicht gehen können! Wie viele Möglichkeiten habe ich verpasst!
Schließlich gibt es keine Abzweigung mehr. Nur noch einen Weg. Er geht ihn weiter – bis er plötzlich merkt: Er steht auf einem Gipfel.
Unter sich sieht er die Landschaft, die Täler und Wege. Und da begreift er: Mit jedem Weg, für den er sich entschied, blieben andere zurück – und doch ist er sein Leben lang aufwärts gegangen.“

Vielleicht kennen wir etwas davon. Je älter wir werden, desto deutlicher merken wir: Nicht alles, was einmal möglich schien, ist möglich geblieben.
Wir haben Entscheidungen getroffen. Manche freiwillig, andere hat uns das Leben abverlangt. Manche Türen haben wir selbst geschlossen, andere wurden uns geschlossen.
Und manchmal kommt die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich damals anders entschieden hätte? Wenn ich einen anderen Weg gegangen wäre? Manchmal kann uns diese Frage ganz schön bedrücken.

Aber: wir können auch anders auf unser Leben schauen: Was ist gerade dadurch gewachsen, dass ich mich entschieden habe? Was wäre nie entstanden, wenn ich mir immer alle Möglichkeiten hätte offenhalten wollen?
Ein Leben gewinnt nicht dadurch an Tiefe, dass möglichst viele Möglichkeiten offenbleiben, sondern dadurch, dass ich mich einlasse auf das, was ist.

Heute stehen uns viele Möglichkeiten offen. Das ist ein großer Gewinn. Aber diese Fülle kann auch belasten. Reisen, Fernsehen und für viele das Smartphone zeigen uns ständig, wo wir auch sein könnten, was wir auch erleben könnten und wie andere Menschen leben. Und schnell entsteht das Gefühl: Vielleicht verpasse ich etwas. Vielleicht gibt es noch etwas Besseres.
Die Angst, etwas zu verpassen, ist längst zu einem Lebensgefühl geworden – besonders bei jungen Menschen. Aber ganz fremd ist sie wohl keinem von uns. Diese Angst kann verhindern, dass ich mich wirklich auf das einlasse, was ich habe.

Im Evangelium geht Jesus noch einen Schritt weiter: „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“

Es gibt Verluste, die wehtun und bleiben. Es gibt Wege, die wir gern gegangen wären und nicht gehen konnten. Es gibt Türen, die sich geschlossen haben.
Jesu Wort verspricht uns nicht, dass jeder Verlust zum Gewinn wird. Aber es sagt uns: Wir müssen unser Leben nicht ängstlich festhalten.
Er selbst hat sich eingelassen – auf die Menschen, auf seinen Weg, auf Gott. Er hat nicht versucht, sich alle Möglichkeiten offenzuhalten. Er hat sein Leben gegeben. Und genau auf diesen Weg ruft er seine Jünger – und uns, ihm nachzufolgen.

Sein Weg führte ans Kreuz. Wirklich in den Verlust. Aber das Kreuz war nicht das Ende. Auf den Karfreitag folgte der Ostermorgen. Gott hat den, der sein Leben hingegeben hat, nicht im Tod gelassen.

Vielleicht ist das die Einladung dieses Evangeliums: Hab keine Angst davor, dass nicht alle Möglichkeiten deines Lebens Wirklichkeit werden.
Ein erfülltes Leben ist nicht ein Leben, in dem alles möglich geblieben ist. Es ist ein Leben, in dem etwas Tiefe gewinnen durfte.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen: Was habe ich alles verpasst? Sondern auch: Was habe ich auf meinem Weg gefunden?
Dann entdecken wir wie der junge Mann in der Geschichte: Wir konnten nicht alle Wege gehen. Aber der Weg, auf den wir uns eingelassen haben, hat uns weitergeführt.
Jesus ist seinen Weg gegangen – bis ans Kreuz und durch den Tod hindurch. Deshalb dürfen wir seinem Wort vertrauen:
Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“

Die Frau bringt Jesus in die Weite

Diesen Jesus kennen wir nicht: Er schweigt, verweigert sich und erklärt sich für nicht zuständig. Doch eine fremde Frau lässt sich nicht abweisen. Sie hält an ihrem Vertrauen fest – und bringt Jesus in die Weite. Eine Begegnung, die auch uns fragen lässt, wo Gott die Grenzen unseres Denkens aufbrechen und uns in die Weite führen will.

Sonnenuntergang mit bunten Wolken am Himmel, sanfte Farben, silhouettierte Landschaft.
Bild: Peter Weidemann in: Pfarrbriefservice.de

Seltsam, diesen Jesu kennen wir nicht. Dieses Verhalten trauen wir ihm nicht zu. Haben wir nicht gelernt und immer wieder gehört, dass Jesus bedingungslos gibt und heilt, dass er für jeden, der ihm über den Weg läuft, jederzeit da ist. Hier aber sehen wir, wie er an seine Grenzen stößt. Jesus verweigert sich.

Jesus hat sich in das heidnische Grenzgebiet zurückgezogen.
Eine kananäische Frau, eine Heidin wird ihm lästig. Sie schreit hinter Jesus her. Sie nennt ihn Kyrios, Herr, Sohn Davids, d.h. Träger der Verheißung.

Jesus überhört sie, die Jünger wollen sie loswerden und Jesus erklärt ihnen, dass die Frau nicht in sein Konzept passt. Sie entspricht nicht der Vorstellung, die er sich von seiner Aufgabe gemacht hat: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
Die Frau gehört nicht zum Volk Israel. Für sie sieht Jesus sich nicht gesandt – nach dem Motto:  „Ich bin nicht zuständig.“ Soviel Enge hätten wir Jesus nicht zugetraut.“

Hartnäckig zwingt die Frau ihn in ein Gespräch. Die Ablehnung Jesu steigert sich noch einmal. Das Brot auf dem Tisch ist für die Kinder da und nicht für die Hunde, sprich: für die Heiden. Wer jetzt nicht erschrocken ist über den Mann aus Nazareth, der ist fromm abgestumpft.
Die Reaktion der Frau ist stark: sie dreht das Bild um. Wenn es schon einen Tisch gibt, dann fällt doch etwas davon herunter. Wenn Gottes Güte wirklich so groß ist – dann muss doch auch für mich etwas davon übrig sein.

Die Frau bringt Jesus weiter.
Ihr unerschütterliches Vertrauen entwaffnet ihn. Die Grenzen, die eben noch galten, verlieren ihre Bedeutung. Jesus erfährt seine Sendung weiter als bisher, ihm wird bewusst: Gottes Heil gilt allen Menschen.
In der konkreten Situation erkennt Jesus, was Gott von ihm will.

Der Hebräerbrief wagt später einen erstaunlichen Satz über Jesus: „Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt.“
Jesus wird uns als einer gezeigt, der seinen Weg im Hören auf den Vater findet.

Vielleicht begegnet Gott uns gerade in dem Menschen, der uns lästig ist;
der uns nicht ins Konzept passt,
in jemandem, für den wir uns zunächst „nicht zuständig“ fühlen.

Da heißt es, offen zu sein und zu fragen: was will mir Gott in dieses Situation sagen, auf welchen Weg schickt er mich?

Das kann ungemütlich werden. Weil die Antwort uns nicht in den Kram passt. Weil plötzlich etwas ins Wanken kommt, von dem ich dachte: So ist es eben.
Aber vielleicht beginnt genau da ein neuer Weg, dessen Ziel weiterhin ist: den Willen des Vaters tun.

Auf jeden Fall bleibt das Leben dadurch spannend, weil wir nicht fertig sind mit uns selbst, mit den Menschen, mit der Welt, mit Gott.

Den Augenblick auskosten

Unser Leben gleicht oft einem ständigen Wechsel zwischen Aufgaben, Terminen, Erwartungen und Rollen. Wir hetzen von einem Augenblick zum nächsten und verlieren dabei leicht den Blick für das, was gerade ist. Im Evangelium lädt Jesus dazu ein, innezuhalten und Ruhe für die Seele zu finden. Vielleicht beginnt sie dort, wo wir lernen, einen Augenblick wirklich auszukosten.

Haben Sie auch den unglücklichen Jonathan Tah gesehen, am Montag beim Weltmeisterschaftsspiel. Immer und immer wieder wurde der verschossene Elfmeter im Fernsehen gezeigt. Die Technik macht möglich, was das Leben nicht zulässt: sie konserviert den Augenblick.

Unser Leben gleicht oft dem Hin- und Herschalten zwischen den Fernsehkanälen.

Unser Leben früher spielte auf wechselnden Bühnen: Familie, Beruf und Freizeit – mit unterschiedlichen Rollen.
Heute wechseln wir zwischen vielen Programmen: Ausbildung, Beruf, Familie, Hobbys, Beziehungen. Oft läuft alles gleichzeitig. Die Grenzen verschwimmen. Manches überlagert sich. Und nicht selten fühlen wir uns dabei zerrissen.

Das Leben ist schon mühsam.

Da lesen wir im Evangelium die Einladung Jesu (Mt 11,28-29).
Kommt alle zu mir,die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

Jesus zitiert hier einen alttestamentlichen Propheten. Im Buch Jeremia lesen wir: Fragt, wo der Weg zum Guten liegt, geht auf ihm, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. (Jer 6,16)

Jeremia lädt dazu ein, nach dem guten Weg Gottes zu suchen.

Jesus geht noch einen Schritt weiter: Er verweist nicht nur auf einen Weg, sondern er selbst ist der Weg:

Kommt, ihr braucht nichts zu tun,
keinen Weg zu machen,
nur zu mir zu kommen.

Dieses Wort befreit von jedem religiösen Leistungsdruck. Einfach nur bei ihm zu sein, im Gebet, im Gottesdienst, in der Natur. Die heilige Theresa von Avila würde hinzufügen: auch zwischen den Kochtöpfen.
Es gibt viele Möglichkeiten, Gott nahe zu sein.

Noch etwas fällt mir auf. Das hebräische Wort, das hier mit „Ruhe“ übersetzt wird, kann sowohl „ruhen“ bedeuten, wie auch „in unruhiger Bewegung sein“.

Vielleicht dürfen wir das Wort Jesu deshalb .noch etwas weiterdenken: Ruhe bedeutet nicht unbedingt Stillstand. Vielleicht meint Jesus eine innere Ruhe, die selbst mitten in der Bewegung des Lebens bestehen kann.

Die Technik konserviert Augenblicke. Jesus dagegen lädt uns ein, Augenblicke auszukosten, nicht von Augenblick zu Augenblick hetzen.

Vielleicht ist das die Chance für diese Ferienwochen:
nicht jeden Augenblick festzuhalten,
im Video oder Handy-Foto, sondern tief ins sich drinnen.

Bank am Strand

Nicht von Augenblick zu Augenblick zu hetzen,
sondern einen Augenblick wirklich zu leben.

Einen Augenblick mit einem Menschen.
Einen Augenblick in der Natur.
Einen Augenblick mit Gott.

Kostbar

Krippenbild leeres Zelt mit König und Gold

Gold steht für Reichtum und Macht.
Doch im Advent stellt sich eine andere Frage:
Wer oder was ist in meinem Leben wirklich kostbar – und wem zeige ich das?

Vielleicht erinnern Sie sich an unsere Adventbilder der letzten Sonntage:
an die Myrrhe – das Bittere unseres Lebens, das wir nicht verdrängen sollten.
Und an den Weihrauch – den Duft, den unser Reden und Tun in dieser Welt verbreitet.

Heute, am vierten Advent, steht vor dem König eine Schale mit Gold.
Nach dem Bitteren und nach dem, was wir ausstrahlen, geht es heute um das Kostbare.
Um das, was wirklich zählt. Um den Wert unseres Lebens.

Als Zeichen von Reichtum und Macht schreibt Gold seit Jahrtausenden Geschichte. Bis heute hat Gold nichts von seiner unvergleichlichen Magie für den Menschen verloren. Gold bleibt immer Gold. Weder rostet es, noch oxidiert es. Wer einen Goldklumpen findet, der tausend Jahre im Dreck gelegen hat, braucht ihn nur abzuwischen und er glänzt wie am ersten Tag. Gold bewahrt seine Farbe, seinen Glanz und seine Beschaffenheit – bis in alle Ewigkeit.

Die Hälfte allen Goldes auf der Welt ist inzwischen zu Schmuck verarbeitet, aber Gold ist nicht nur wegen seiner Schönheit begehrt, sondern auch wegen seiner Seltenheit. Auch heute noch ist es kostbar: Für 31 Gramm bekommt man derzeit mehrere tausend Euro.
Gold bedeutet Reichtum und symbolisierte früher auch Macht. Gold war das Metall der Könige.

Gold – kostbar und verführerisch. Und genau darin liegt seine Gefahr: Wer sich von der Kostbarkeit des Materiellen blenden lässt, vergisst schnell, dass das Leben das „kostbarste“ ist, was uns Menschen geschenkt ist.
Unser Leben hat einen Wert, der mit keinem Gold dieser Welt aufzuwiegen ist. Wer diesen Wert für sich selbst nie erfahren hat, ist in Gefahr, das Leben der anderen für die Kostbarkeiten dieser Welt zu opfern.

Mein Leben ist wertvoll – auch wenn mir meine Umgebung eine andere Botschaft vermittelt. Ich bin wertvoll, wenn für keinen Menschen, dann auf jeden Fall für Gott.

Das Gold des Königs aus dem Morgenland ist ein Zeichen für das Kostbare in unserem Leben.

„Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim“. Heute fragt mich der König nach dem Kostbaren in meinem Leben. Wer ist mir kostbar in diesem Jahr gewesen? Was war mir kostbar? Und wie habe ich es gezeigt?

Komfort des Trostes

Was wäre, wenn Trost kein billiger Ersatz wäre, sondern ein kostbarer Komfort?
„Comfort ye“ – so beginnt Händels Messias. Ein Klang, der nicht erklärt, sondern trägt.
Ein Adventsgedanke über einen Gott, der bleibt – und den Trost zur Lebensmelodie macht..

Wer es lieber klassischer instrumentiert hören möchte: HIER ist der Link!

Hotels bieten Komfortzimmer, Autos werben mit Fahrkomfort, Möbel gibt es mit Sitzkomfort und selbst der Kabelanschluss wird mit Komfort HD angeboten. Komfort, das bedeutet Bequemlichkeit, Annehmlichkeit, gutes Gefühl. Komfort muss man sich allerdings auch leisten können.

Comfort ye“  so beginnt Händels Messias.  Dieser Eingangschor greift einen Text des Propheten Jesaja auf. „Comfort ye“ heißt übersetzt: „Tröste dich“ – oder noch persönlicher: „Lass dich trösten.“ Man könnte auch das Sprachspiel wagen: Leiste Dir den Komfort des Trostes!

Trost – was ist das überhaupt:  Trost bedeutet zuerst einmal: da nimmt mich jemand ernst, meinen Kummer, meinen Schmerz, meine Tränen berühren ihn, weil ihm etwas an mir liegt.
Da hört mir jemand zu, da nimmt mich jemand in den Arm, da teilt jemand meinen Schmerz, da sagt mir jemand ein gutes Wort.

Es gibt so viele Trostlosigkeiten im Leben: nicht nur der Verlust eines Menschen, nicht nur der Bruch einer Beziehung, nicht nur ein großer Schmerz. Es gibt den Schmerz der Kinder, die Enttäuschung des Freundes, das Mobbing am Arbeitsplatz, das Gefühl, zu versagen in der Schule, im Studium, im Beruf. Manche Leiden sind laut, andere legen sich still wie Mehltau über das Leben: Niedergeschlagenheit, Depressionen, eine bleierne Traurigkeit.

Es gibt so viele Trostlosigkeit im Leben, da ist Trost gefragt. Und wir wissen: wichtiger als eine besondere Tat oder ein kluger Rat ist die Gegenwart eines besorgten Menschen. Wenn jemand uns in einer solchen Situation sagt: „Ich weiß nicht, was ich sagen oder tun soll, aber du darfst wissen, ich bin bei dir und lasse dich nicht im Stich“, dann haben wir einen Menschen gefunden, durch den wir Trost erfahren.

Die heutige Lesung macht deutlich: Gott kennt die Trostlosigkeit des Menschen. Er weiß, dass wir Trost brauchen.
Jesus selbst nennt den Heiligen Geist den „Tröster“ (Joh 14,16). Paulus spricht vom „Gott der Geduld und des Trostes“ (Röm 15,5).
Und schon im Alten Testament hören wir diese Stimme: Als das Volk Israel siebzig Jahre im babylonischen Exil lebte, wurde ein Prophet gesandt mit der Botschaft: „Tröstet, tröstet mein Volk“, spricht euer Gott. Trostvolle, fast schon zärtliche Worte!

Was ist das für ein Gott, der so zu den Menschen spricht?
Er selbst gibt die Antwort: Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.

Das ist die Frohbotschaft, die wir an Weihnachten feiern: Gott ist nicht der Ferne geblieben, er hat sich in Jesus darauf eingelassen, solidarisch mit uns zu leben, unsere Freude und Leiden, die Last des Lebens mit uns zu teilen.

Ja, er ist der Trost der ganzen Welt, nicht der Gott der schnellen Antwort und Lösung.
Trost, das wissen wir alle, bedeutet auszuharren, zuzuhören, mit dem anderen die Schwäche und Ohnmacht zu teilen.
Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr wird mir bewusst, was es bedeutet, wenn dieser menschgewordene Gott den Namen „Immanuel“ trägt, „Gott ist mit uns“. Gott harrt bei mir aus in allen Trostlosigkeiten meines Lebens.

Auch wir sind eingeladen, uns den Komfort des Trostes zu leisten. Schaut man im Lexikon nach, dann wird das englische Comfort übersetzt mit: trösten, ermutigen, beruhigen, erfreuen, laben, ermuntern.

Das könnte schon fast ein Programm sein für den Advent sein. Ausschau zu halten nach denen, die den Trost nötig haben. Sie trösten, ermutigen, beruhigen, erfreuen, laben, ermuntern.
So werden wir Wegbereiter der Erlösung
und Hoffnungsbotinnen und -boten. So können wir Gebeugten neuen Lebensmut
und neue Hoffnung zu schenken.

Leisten wir uns den Komfort, den Trost Gottes anzunehmen – und einander zu trösten.
Dann wird das „comfort ye“ vielleicht tatsächlich zur tragenden Lebensmelodie unseres Lebens.

ADVENT in DERNAU – Rorate-Messe

Ein guter Jahrgang

Gedanken zu Allerseelen an der Ahr

Der Tod bleibt nicht das Ende – er ist die Ernte des Lebens.
Wie ein Winzer seine Trauben prüft, so schaut Gott auf das, was in uns gereift ist.
Jeder Mensch trägt Sonne und Regen in sich – und jeder Jahrgang ist anders.
Ein Gedanke zu Allerseelen, mitten aus dem Leben der Winzer.

Der Tod führt in unserer Welt ein Einsiedlerdasein.
Wir haben ihn abgeschoben, verdrängt. Gestorben wird im Fernsehen.
Doch wenn er plötzlich in unser Leben tritt –
wenn jemand stirbt, den wir geliebt, gekannt, geschätzt haben –,
werden wir unsicher. Verlegen. Ängstlich.
Der Tod des Anderen bringt die Wahrheit über uns ans Licht:
Der Tod ist der Ernstfall des Lebens.
Reden wir also nicht nur von den Toten, reden wir auch von uns.

Im Evangelium lesen wir die Wort Jesu: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.

Winzer sein, d.h. nicht zuerst Wein ernten und verkaufen, sondern sich um den Weinstock und die Rebe kümmern. Der gute Wein wächst nicht von selbst. Er braucht Geduld, Arbeit und Fürsorge. Sie wissen das: als Winzer muss man oft in den Weinberg gehen, um an Ende die Traube zu ernten.
Vor diesem Hintergrund: welch eine Aussage: Gott ein Winzer! Gott kümmert sich um uns!

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, sagt Jesus

Die Touristen auf dem Rotweinwanderweg sehen die schönen Reben, prall und leuchtend. Doch wer genau hinschaut, sieht mehr: die Sonne, den Regen, die Schädlinge – die ganze Geschichte eines Jahres.

Für unsere Toten ist mit ihrem Tod die Zeit der Ernte gekommen.
Der Winzer betrachtet die Ernte und fällt sein Urteil über den Ertrag, den sie bringt.
Unsere Toten sind nun in die Hand Gottes gelegt worden, der weiß, was ihr Leben ausgemacht hat.

Für den Winzer gibt es besondere Gelegenheiten, seinen Wein vorzustellen. Man spricht von der „Weinprobe“. Probieren geht über Studieren, sagen die Leute. Und lassen sich auf der Zunge zergehen, was ihnen an Köstlichkeiten gereicht wird. Schlucke, ja Schlückchen genügen, um über den Wein ins Schwärmen zu geraten. Geradezu blumig wird über ihn geredet. Seine besten Weine bewahrt der Winzer in seiner Schatzkammer auf.
Aber die Kenner verstehen – auch ohne Formeln, ohne Befunde. Wein ist etwas Schönes, ist ein Geschenk! Ein Wunder! Ein Gedicht! Vielleicht ein Gebet.

Was aber ist, wenn statt der Weinprobe die Lebensprobe angesagt wird?
Da vergeht vieles nicht mehr auf der Zunge, sondern bleibt im Halse stecken.
Geschwärmt wird auch nicht immer. Dafür ist vieles zu sauer, zu fade, hat manches einen schlechten Beigeschmack.
So mancher Mensch bleibt ganz allein mit der Probe seines Lebens.

Der Tod stellt auch uns auf die Probe. Er erinnert uns daran, dass unser eigenes Leben zur Prüfung reift. Wird man von mir sagen, dass ich ein „guter Jahrgang“ bin?

Bitten wir deshalb in dieser Stunde, dass es uns gelingt, dem Bild des Evangeliums zu entsprechen:
Ich möchte wie die Rebe am Weinstock sein. Wachsen. Die Erde und die Sonne aufnehmen. Für Menschen eine Freude werden. Ihr Leben schön und reich machen. Zu einem Fest einladen.
Jesus, der sich als Weinstock vorstellt, hat besonders die Mühseligen und Beladenen zu sich gerufen. Mit ihnen hat er gefeiert. Vor den Augen der Menschen, die sie längst abgeschrieben haben.
Wein ist ein Bild für das Leben.

Von vielen Toten, die wir beweinen, können wir gewiss sagen, dass sie ein guter Jahrgang waren. Beten wir für sie an diesem Tag und seien wir dankbar. Vor allem: Geben wir ihnen einen festen Platz in der Schatzkammer unseres Herzens – dort, wo die guten Erinnerungen aufbewahrt werden.