Kostbar

Krippenbild leeres Zelt mit König und Gold

Gold steht für Reichtum und Macht.
Doch im Advent stellt sich eine andere Frage:
Wer oder was ist in meinem Leben wirklich kostbar – und wem zeige ich das?

Vielleicht erinnern Sie sich an unsere Adventbilder der letzten Sonntage:
an die Myrrhe – das Bittere unseres Lebens, das wir nicht verdrängen sollten.
Und an den Weihrauch – den Duft, den unser Reden und Tun in dieser Welt verbreitet.

Heute, am vierten Advent, steht vor dem König eine Schale mit Gold.
Nach dem Bitteren und nach dem, was wir ausstrahlen, geht es heute um das Kostbare.
Um das, was wirklich zählt. Um den Wert unseres Lebens.

Als Zeichen von Reichtum und Macht schreibt Gold seit Jahrtausenden Geschichte. Bis heute hat Gold nichts von seiner unvergleichlichen Magie für den Menschen verloren. Gold bleibt immer Gold. Weder rostet es, noch oxidiert es. Wer einen Goldklumpen findet, der tausend Jahre im Dreck gelegen hat, braucht ihn nur abzuwischen und er glänzt wie am ersten Tag. Gold bewahrt seine Farbe, seinen Glanz und seine Beschaffenheit – bis in alle Ewigkeit.

Die Hälfte allen Goldes auf der Welt ist inzwischen zu Schmuck verarbeitet, aber Gold ist nicht nur wegen seiner Schönheit begehrt, sondern auch wegen seiner Seltenheit. Auch heute noch ist es kostbar: Für 31 Gramm bekommt man derzeit mehrere tausend Euro.
Gold bedeutet Reichtum und symbolisierte früher auch Macht. Gold war das Metall der Könige.

Gold – kostbar und verführerisch. Und genau darin liegt seine Gefahr: Wer sich von der Kostbarkeit des Materiellen blenden lässt, vergisst schnell, dass das Leben das „kostbarste“ ist, was uns Menschen geschenkt ist.
Unser Leben hat einen Wert, der mit keinem Gold dieser Welt aufzuwiegen ist. Wer diesen Wert für sich selbst nie erfahren hat, ist in Gefahr, das Leben der anderen für die Kostbarkeiten dieser Welt zu opfern.

Mein Leben ist wertvoll – auch wenn mir meine Umgebung eine andere Botschaft vermittelt. Ich bin wertvoll, wenn für keinen Menschen, dann auf jeden Fall für Gott.

Das Gold des Königs aus dem Morgenland ist ein Zeichen für das Kostbare in unserem Leben.

„Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim“. Heute fragt mich der König nach dem Kostbaren in meinem Leben. Wer ist mir kostbar in diesem Jahr gewesen? Was war mir kostbar? Und wie habe ich es gezeigt?

Komfort des Trostes

Was wäre, wenn Trost kein billiger Ersatz wäre, sondern ein kostbarer Komfort?
„Comfort ye“ – so beginnt Händels Messias. Ein Klang, der nicht erklärt, sondern trägt.
Ein Adventsgedanke über einen Gott, der bleibt – und den Trost zur Lebensmelodie macht..

Wer es lieber klassischer instrumentiert hören möchte: HIER ist der Link!

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Comfort ye“  so beginnt Händels Messias.  Dieser Eingangschor greift einen Text des Propheten Jesaja auf. „Comfort ye“ heißt übersetzt: „Tröste dich“ – oder noch persönlicher: „Lass dich trösten.“ Man könnte auch das Sprachspiel wagen: Leiste Dir den Komfort des Trostes!

Trost – was ist das überhaupt:  Trost bedeutet zuerst einmal: da nimmt mich jemand ernst, meinen Kummer, meinen Schmerz, meine Tränen berühren ihn, weil ihm etwas an mir liegt.
Da hört mir jemand zu, da nimmt mich jemand in den Arm, da teilt jemand meinen Schmerz, da sagt mir jemand ein gutes Wort.

Es gibt so viele Trostlosigkeiten im Leben: nicht nur der Verlust eines Menschen, nicht nur der Bruch einer Beziehung, nicht nur ein großer Schmerz. Es gibt den Schmerz der Kinder, die Enttäuschung des Freundes, das Mobbing am Arbeitsplatz, das Gefühl, zu versagen in der Schule, im Studium, im Beruf. Manche Leiden sind laut, andere legen sich still wie Mehltau über das Leben: Niedergeschlagenheit, Depressionen, eine bleierne Traurigkeit.

Es gibt so viele Trostlosigkeit im Leben, da ist Trost gefragt. Und wir wissen: wichtiger als eine besondere Tat oder ein kluger Rat ist die Gegenwart eines besorgten Menschen. Wenn jemand uns in einer solchen Situation sagt: „Ich weiß nicht, was ich sagen oder tun soll, aber du darfst wissen, ich bin bei dir und lasse dich nicht im Stich“, dann haben wir einen Menschen gefunden, durch den wir Trost erfahren.

Die heutige Lesung macht deutlich: Gott kennt die Trostlosigkeit des Menschen. Er weiß, dass wir Trost brauchen.
Jesus selbst nennt den Heiligen Geist den „Tröster“ (Joh 14,16). Paulus spricht vom „Gott der Geduld und des Trostes“ (Röm 15,5).
Und schon im Alten Testament hören wir diese Stimme: Als das Volk Israel siebzig Jahre im babylonischen Exil lebte, wurde ein Prophet gesandt mit der Botschaft: „Tröstet, tröstet mein Volk“, spricht euer Gott. Trostvolle, fast schon zärtliche Worte!

Was ist das für ein Gott, der so zu den Menschen spricht?
Er selbst gibt die Antwort: Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.

Das ist die Frohbotschaft, die wir an Weihnachten feiern: Gott ist nicht der Ferne geblieben, er hat sich in Jesus darauf eingelassen, solidarisch mit uns zu leben, unsere Freude und Leiden, die Last des Lebens mit uns zu teilen.

Ja, er ist der Trost der ganzen Welt, nicht der Gott der schnellen Antwort und Lösung.
Trost, das wissen wir alle, bedeutet auszuharren, zuzuhören, mit dem anderen die Schwäche und Ohnmacht zu teilen.
Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr wird mir bewusst, was es bedeutet, wenn dieser menschgewordene Gott den Namen „Immanuel“ trägt, „Gott ist mit uns“. Gott harrt bei mir aus in allen Trostlosigkeiten meines Lebens.

Auch wir sind eingeladen, uns den Komfort des Trostes zu leisten. Schaut man im Lexikon nach, dann wird das englische Comfort übersetzt mit: trösten, ermutigen, beruhigen, erfreuen, laben, ermuntern.

Das könnte schon fast ein Programm sein für den Advent sein. Ausschau zu halten nach denen, die den Trost nötig haben. Sie trösten, ermutigen, beruhigen, erfreuen, laben, ermuntern.
So werden wir Wegbereiter der Erlösung
und Hoffnungsbotinnen und -boten. So können wir Gebeugten neuen Lebensmut
und neue Hoffnung zu schenken.

Leisten wir uns den Komfort, den Trost Gottes anzunehmen – und einander zu trösten.
Dann wird das „comfort ye“ vielleicht tatsächlich zur tragenden Lebensmelodie unseres Lebens.

ADVENT in DERNAU – Rorate-Messe

Ein guter Jahrgang

Gedanken zu Allerseelen an der Ahr

Der Tod bleibt nicht das Ende – er ist die Ernte des Lebens.
Wie ein Winzer seine Trauben prüft, so schaut Gott auf das, was in uns gereift ist.
Jeder Mensch trägt Sonne und Regen in sich – und jeder Jahrgang ist anders.
Ein Gedanke zu Allerseelen, mitten aus dem Leben der Winzer.

Der Tod führt in unserer Welt ein Einsiedlerdasein.
Wir haben ihn abgeschoben, verdrängt. Gestorben wird im Fernsehen.
Doch wenn er plötzlich in unser Leben tritt –
wenn jemand stirbt, den wir geliebt, gekannt, geschätzt haben –,
werden wir unsicher. Verlegen. Ängstlich.
Der Tod des Anderen bringt die Wahrheit über uns ans Licht:
Der Tod ist der Ernstfall des Lebens.
Reden wir also nicht nur von den Toten, reden wir auch von uns.

Im Evangelium lesen wir die Wort Jesu: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.

Winzer sein, d.h. nicht zuerst Wein ernten und verkaufen, sondern sich um den Weinstock und die Rebe kümmern. Der gute Wein wächst nicht von selbst. Er braucht Geduld, Arbeit und Fürsorge. Sie wissen das: als Winzer muss man oft in den Weinberg gehen, um an Ende die Traube zu ernten.
Vor diesem Hintergrund: welch eine Aussage: Gott ein Winzer! Gott kümmert sich um uns!

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, sagt Jesus

Die Touristen auf dem Rotweinwanderweg sehen die schönen Reben, prall und leuchtend. Doch wer genau hinschaut, sieht mehr: die Sonne, den Regen, die Schädlinge – die ganze Geschichte eines Jahres.

Für unsere Toten ist mit ihrem Tod die Zeit der Ernte gekommen.
Der Winzer betrachtet die Ernte und fällt sein Urteil über den Ertrag, den sie bringt.
Unsere Toten sind nun in die Hand Gottes gelegt worden, der weiß, was ihr Leben ausgemacht hat.

Für den Winzer gibt es besondere Gelegenheiten, seinen Wein vorzustellen. Man spricht von der „Weinprobe“. Probieren geht über Studieren, sagen die Leute. Und lassen sich auf der Zunge zergehen, was ihnen an Köstlichkeiten gereicht wird. Schlucke, ja Schlückchen genügen, um über den Wein ins Schwärmen zu geraten. Geradezu blumig wird über ihn geredet. Seine besten Weine bewahrt der Winzer in seiner Schatzkammer auf.
Aber die Kenner verstehen – auch ohne Formeln, ohne Befunde. Wein ist etwas Schönes, ist ein Geschenk! Ein Wunder! Ein Gedicht! Vielleicht ein Gebet.

Was aber ist, wenn statt der Weinprobe die Lebensprobe angesagt wird?
Da vergeht vieles nicht mehr auf der Zunge, sondern bleibt im Halse stecken.
Geschwärmt wird auch nicht immer. Dafür ist vieles zu sauer, zu fade, hat manches einen schlechten Beigeschmack.
So mancher Mensch bleibt ganz allein mit der Probe seines Lebens.

Der Tod stellt auch uns auf die Probe. Er erinnert uns daran, dass unser eigenes Leben zur Prüfung reift. Wird man von mir sagen, dass ich ein „guter Jahrgang“ bin?

Bitten wir deshalb in dieser Stunde, dass es uns gelingt, dem Bild des Evangeliums zu entsprechen:
Ich möchte wie die Rebe am Weinstock sein. Wachsen. Die Erde und die Sonne aufnehmen. Für Menschen eine Freude werden. Ihr Leben schön und reich machen. Zu einem Fest einladen.
Jesus, der sich als Weinstock vorstellt, hat besonders die Mühseligen und Beladenen zu sich gerufen. Mit ihnen hat er gefeiert. Vor den Augen der Menschen, die sie längst abgeschrieben haben.
Wein ist ein Bild für das Leben.

Von vielen Toten, die wir beweinen, können wir gewiss sagen, dass sie ein guter Jahrgang waren. Beten wir für sie an diesem Tag und seien wir dankbar. Vor allem: Geben wir ihnen einen festen Platz in der Schatzkammer unseres Herzens – dort, wo die guten Erinnerungen aufbewahrt werden.

Heilige mitten im Alltag

Collage Laurentius - Grablichter

An Allerheiligen schauen wir nicht nur auf Menschen mit Heiligenschein,
sondern auf Männer und Frauen, die mitten im Leben standen.
Heilige, die Computer und Putzeimer in den Händen halten –
und deren Namen längst eingeschrieben sind in Gottes Herz.

Alle Jahre wieder werden die Menschen in unserem Land nach ihren Idolen gefragt. Nach denen, zu denen man aufschaut. Dann liest man die Namen: Sportler, Politiker, Musiker – früher auch einmal Kirchenleute.

Doch der Glanz dieser Vorbilder verblasst schnell. Und wir merken: In diese oberste Liga schaffen es nur wenige. Wer von uns wird schon Olympiasieger, Spitzenpolitiker oder Schlagerstar? Da merken wir schnell:  Es muss gar nicht unser Ziel sein, ihnen gleichzutun.
Ein Heiliger allerdings –  das kann jeder werden!

Heilige sind keine Sonderlinge. Sie waren Menschen wie wir. Jeder von ihnen hat seinen Weg unter den Bedingungen seiner Zeit gelebt. Und sie zeigen uns: Das Evangelium ist wirklich lebbar.

Natürlich kennen wir viele Legenden, die sie übermenschlich erscheinen lassen. Aber ihre wahre Größe lag in den kleinen Dingen. Da wo sie sich nicht anpassten, nicht Schritt hielten mit der Welt, sondern ausstiegen und in die Fußstapfen Jesu traten.
In der Geduld. 
In der Barmherzigkeit. 
In der Treue. 
In der Liebe.

Sie lebten, was Jesus in der Bergpredigt beschrieben hat:
den Kleinen,
den Sanftmütigen,
den Barmherzigen,
denen, die Gerechtigkeit suchen,
denen, die Frieden stiften,
denen gehört das Himmelreich.

Ein Bischof hat einmal gesagt: 
Die Heiligen von heute 
tragen keinen Rost wie Laurentius,
keinen Turm wie Barbara, 
kein Kreuz wie Helena.

Die Heiligen von heute 
tragen einen Computer in den Händen, 
eine Bohrmaschine 
oder einen Putzeimer.

Sie sind heilig in den Büros, 
heilig bei der Arbeit, 
heilig im Haushalt.

Denn bei ihnen klaffen das Wort der Schrift und Leben nicht auseinander. Sie gehören zusammen.
Darum, so schreibt Hilde Domin, sollen die Heiligen auf ihren Sockeln bleiben. 
Sie bleiben der Kinder wegen,“ schreibt sie, „damit es eine Tür gibt, eine schwere Tür für Kinderhände, hinter der das Wunder angefasst werden kann.“
Die Männer und Frauen auf unseren Altären, die wir an diesem Tag verehren, öffnen uns die Tür zu unserer Zukunft. Denn wir glauben, dass ihr Leben nicht im Nichts versunken ist, sondern alles, was ihr Leben ausgemacht, mehr noch: sie selbst sind aufgehoben bei Gott.

Indem wir sie hochschätzen, feiern wir auch unsere eigene Zukunft: 
jenes Leben, das uns erwartet, wenn wir – wie sie – mit der Nachfolge Jesu ernst machen.
Wenn wir heute zum Friedhof gehen, 
stehen wir an den Gräbern vieler solcher Heiligen. 

Menschen, die mit uns gelebt haben. 
Von denen wir sagen: 
Ihr Leben war wertvoll und gut. 
Ihr Leben ist ihnen gelungen.
Sie werden nie in einem Heiligsprechungsprozess genannt werden, 
aber sie sind für uns Vorbild, Leitfigur, Orientierung.

Und vielleicht sind sie gerade die stillen Heiligen, die Gott besonders liebt.
Ihre Namen stehen nicht auf einer Bestenliste, 
aber sie sind eingeschrieben in Gottes Herz.

Foto: privat / Pfarrbriefservice/pixabay.

Die neun Aussätzigen in uns

Zehn wurden geheilt – nur einer kehrt dankbar zurück.
Die Geschichte vom dankbaren Samariter zeigt, wie leicht wir das Wesentliche übersehen – und wie heilsam ein einfaches „Danke“ sein kann.


Illustration: Heilung der zehn Aussätzigen – Echternacher Kodex, 11. Jh.

Regen Sie sich auch gerade innerlich auf über die neun undankbaren Geheilten?
Eine interessante Geschichte, die Lukas da erzählt – und tatsächlich: sie erzählt etwas von uns selbst.
Schauen wir ein wenig näher hin.

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Der direkte Weg von Galiläa führte über Samarien oder wenigstens, wie in dieser Geschichte, an der Grenze entlang.
In Samarien lebten die Samariter, die bei den Juden als Ketzer galten. Sie anerkannten nur die fünf Bücher Mose und verehrten Gott nicht im Tempel von Jerusalem, sondern auf dem Berg Garizim.
Sie und ihr Land wurden von frommen Juden verachtet.
Heute liegt dieses Gebiet im Westjordanland – Sie kennen es aus den Nachrichten.

Dort begegnet Jesus zehn Aussätzigen.
Aussätzig sein heißt: draußen sein. Man darf sich nicht mehr in den Dörfern aufhalten, haust in Hütten, Höhlen, Zelten – und muss laut rufen, wenn man anderen begegnet, damit sich nur ja niemand ansteckt.
Aussatz macht einsam.
Schlimmer noch: Wer aussätzig ist, gehört nicht mehr zum Volk Gottes, nicht mehr zur Gemeinschaft.

Die zehn bleiben in der Ferne stehen.
„Meister, hab Erbarmen mit uns!“ rufen sie ihm entgegen.
„Meister, ἐλέησον (eleison)“ – dasselbe Wort, das wir zu Beginn dieses Gottesdienstes gesungen haben: Kyrie eleison.

Jesus weiß, was Sache ist. Er bleibt auf Distanz, aber schickt sie zu den Priestern – sie müssen wie Beamte bestätigen, was inzwischen geschehen ist:
Die Aussätzigen waren rein geworden.
Das Urteil der Priester nimmt sie wieder in die Gemeinschaft auf – sie sind doppelt geheilt: körperlich und seelisch.
So wie die Krankheit ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt hatte, so ist auch die Heilung eine existenzielle Wende.

Einer von ihnen kehrt zurück. Und die anderen neun?
Lukas sagt nichts über ihre Gründe. Also lassen wir einmal unserer Phantasie freien Lauf.

Ich bin überzeugt: Auch ihre Freude kannte keine Grenzen.

Aber umkehren und danken – das war nicht angesagt. Vielleicht morgen.
Einer trommelt sofort seine Freunde zusammen und feiert mit ihnen seine Heilung – mit reichlich Wein.
Ein Zweiter eilt zu seiner Frau und seinen Kindern – endlich kann er sie wieder umarmen.
Der Dritte widmet sich seinen Geschäften, die es bitter nötig haben.
Ein Vierter hat Angst, allein zurückzugehen, und überlegt hin und her.
Der Fünfte möchte sich bedanken, weiß aber nicht wie – ihm fehlt das richtige Geschenk.
Der Sechste kommt nach Hause und findet es von anderen bewohnt – das muss er erst klären.
Der Siebte will an seine Krankheit gar nicht mehr erinnert werden – er verdrängt alles.
Der Achte erfährt, dass seine Freundin ihn verlassen hat – er macht Jesus und seine Krankheit dafür verantwortlich.
Und der Neunte? Der befürchtet, Jesus könnte von ihm verlangen, ihm nachzufolgen.

Jeder hatte seine Gründe. Jeder ganz menschlich.
Und doch – keiner kehrt um.
Alle denken: Auf einen einzigen wird es doch nicht ankommen.

Ich muss gestehen: Ich erkenne mich in dem einen oder anderen wieder.
Die Ausreden kommen mir bekannt vor. Ihnen auch?
Da sind es die Freunde, die Familie, die Beziehung, der Besitz, die Angst vor Konsequenzen, die traumatischen Erlebnisse, und was man sonst noch als Gründe anführt.
Es sind die neun Aussätzigen in uns.

Jesus selbst bringt es am Ende auf den Punkt:
„Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?“
Es geht also nicht nur um Dankbarkeit.
Es geht darum, zu erkennen, dass Gott am Werk war – und dass Leben, Heilung, Neubeginn ein Geschenk sind.

Der Samariter, der Fremde, der Ketzer, hat es erkannt.
Er lobte Gott mit lauter Stimme.
Er sieht in seiner Heilung mehr als nur die Wiederherstellung seiner Gesundheit – er erkennt das Wirken Gottes.

Wenn aber Gott selbst am Werk ist, dann werden alle scheinbar guten Ausreden plötzlich banal und hinfällig.

Dieser Text lädt mich ein, genauer hinzuschauen:
Wo ist Gott am Werk – in meinem Leben, in meinen Gesprächen, in meinen Begegnungen, in dem, was mir widerfährt?
Und dann nur das eine zu tun, was Meister Eckhart, der große Mystiker des Mittelalters, einmal so gesagt hat:

„Wäre das Wort Danke das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“

Eine Anregung zu dieser Predigt fand ich im Pfarrblatt Graz-Graben, Oktober/November 1998.

Illustration: Heilung der zehn Aussätzigen – Echternacher Kodex, 11. Jh.

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Maulbeerbaum-Geschichten

Wenn Fragen bleiben – und doch Vertrauen wächst

Manchmal scheint Gott fern – zu fern für das Leid dieser Welt.
Eli Wiesel, der Auschwitz überlebte, hat einmal gesagt: „Dort hängt er – am Galgen.“
Diese erschütternde Erfahrung führt mitten hinein in die alte Frage: Wo ist Gott, wenn Menschen leiden?
Die Lesungen dieses Sonntags bringen diese Frage ins Licht des Glaubens.
Meine Predigt sucht in diesem Spannungsfeld eine ehrliche Antwort: zwischen Klage, Vertrauen und der leisen Gewissheit, dass Gott selbst das Kreuz nicht gescheut hat.
Und sie lädt ein, die eigenen Maulbeerbaum-Geschichten zu entdecken – jene Augenblicke, in denen der Glaube trägt, auch wenn er klein ist.


Eli Wiesel, Friedensnobelpreisträger von 1986, erzählt in einem seiner Bücher ein Erlebnis, das sich ins Herz brennt – und das wahr ist.
Er war Insasse im Konzentrationslager Auschwitz.
Eines Abends befahl die SS allen Männern und Frauen, sich in einer Reihe aufzustellen. Zwei erwachsene Männer und ein kleiner Junge sollten gehängt werden. Das Urteil wurde von den SS-Männern kalt und mitleidlos vollstreckt. Die beiden erwachsenen Männer waren sofort tot. Nur der kleine Junge zappelte noch lange Zeit am Galgen zwischen Leben und Tod.
Eli Wiesel hörte hinter sich eine Stimme, die fragte:
Wo ist Gott?“ Und in sich selbst vernahm er die Antwort:
Dort hängt er – am Galgen.“

Diese Worte lassen mich seit dem ersten Lesen nicht mehr los. Sie sind nicht verstummt.
Man hört sie im Leid dieser Welt – in der Ukraine, in den Trümmern von Gaza, in der Nacht der Flut hier im Tal und in all dem, was auf der Welt so ungerecht verläuft.
Der Prophet Habakuk aus dem Alten Testament bringt diesen Schrei ins Wort. Nur einmal im Jahr, an diesem Sonntag, hören wir von ihm ein paar Verse:
Wie lange, HERR, soll ich noch rufen und du hörst nicht?
Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht.“
(Hab 1,2)

Dieser Schrei ist zweieinhalbtausend Jahre alt – und doch so gegenwärtig.
Ich kenne ihn auch aus meinem Inneren. Wenn ich dem Leid anderer hilflos gegenüberstehe – ob durch die Medien oder mitten im eigenen Umfeld – dann schreie ich auch und ich frage: Warum?
Manchmal erschrecke ich über diese Frage. Habe ich zu wenig Glauben?
Da finde ich mich wieder in der Bitte der Apostel an Jesus im heutigen Evangelium:
Stärke unseren Glauben!“ (Lk 17,5)
Ja, Herr, stärke auch meinen Glauben.

Jesus reagiert auf die Bitte der Jünger überraschend klar, vielleicht auch provozierend.
Er sagt: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:
Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer!
Und er würde euch gehorchen.“
(Lk 17,6)

Ein Maulbeerbaum, der Jahrhunderte überdauert hat – wie der Glaube, der trägt.

Menschlich gesehen ist es unmöglich, einen Maulbeerbaum mit seinen ausladenden Wurzeln ins Meer zu verpflanzen. Aber Jesus will sagen: Selbst ein winziger, unscheinbarer Glaube – so klein wie ein Senfkorn – kann Unmögliches möglich machen.
Wer an Gott glaubt, und sei der Glaube noch so klein, kann mehr bewirken, als er sich je vorstellen würde.

Ich wünsche Ihnen, dass jeder von Ihnen eine „Maulbeerbaum-Geschichte“ im eigenen Leben entdeckt:
Momente, in denen der Glaube geholfen hat, etwas Schweres zu bestehen.
Augenblicke, in denen es wieder hell wurde in der Dunkelheit.
Vielleicht war es ein Gebet in einer Nacht voller Sorgen.
Vielleicht ein Mensch, der plötzlich zur Hilfe kam.
Vielleicht eine Kraft, von der Sie nicht wussten, dass Sie sie haben.

Maulbeerbaum-Geschichten, die von unserem Glauben und seinem Potential erzählen – auch wenn er so klein ist wie ein Senfkorn.

Kehren wir noch einmal zurück zu Eli Wiesel.
Er hörte die Stimme: „Wo ist Gott?“ – und in sich selbst: „Dort hängt er, am Galgen.“
In unserer Kirche, vielleicht auch in unseren Wohnungen sehen wir immer wieder ein Kreuz und uns wird auch eine Antwort gezeigt:
„Wo ist Gott?“ – Dort, am Kreuz.

Dort hängt der, von dem der Apostel Paulus schreibt:
Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,
sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave, den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“
(Phil 2,6–8)

Dort hängt der, der mit uns Menschen alles geteilt hat – außer die Sünde.
Und auch da wird in mir wieder das „Warum?“ hörbar.
Ich weiß, dass meine Theologie viele Antworten kennt – aber sie erreichen oft nur den Kopf, selten das Herz.

Darum nehme ich meine Fragen mit – und sie werden im Laufe des Lebens eher mehr als weniger.
Doch ich bin gewiss, mein kleiner Glaube sagt es mir: Wenn ich am Ende meines Lebens vor Gott stehe, wird er mir Antworten geben.