Belebe deine Wurzeln, Europa! Ein Wort zu Martin Schulz

Wenn man den Medien glauben darf, dann hat der Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten bei den Europawahlen, Martin Schulz  am Donnerstagabend in einer Fernsehdebatte zur Europawahl am 25. Mai gesagt, jeder solle persönlich seinen Glauben zeigen können, der öffentliche Ort jedoch müsse „neutral“ sein. Es gebe in Europa „das Risiko einer sehr konservativen Bewegung zurück“. Dies müsse in Sinne der Anti-Diskriminierung „bekämpft“ werden. Unter PR-Gesichtspunkten kann man sich schon wundern, weshalb Schulz wenige Meter vor dem Zieleinlauf noch dieses Faß aufmacht. Andererseits bestätigt sich, was wir in unserer Gesellschaft allerorts auch in Bonn beobachten: die Verleugnung der geschichtlich-kulturellen Wurzeln und eine Angst vor jeder religiösen Festlegung. Die „weltanschauliche Neutralität“ – was immer das auch ist – und die „Äquidistanz“ zu allen Religionen wird zur Maxime des Handelns erhoben.

Der hl. Johannes Paul  hat schon 2003 gefordert: „Europa, kehre du selbst um! Sei du selbst! Entdecke wieder deine Ursprünge. Belebe deine Wurzeln!«
Europa hat viele Wurzeln:
die griechisch – antike Wurzel – hat uns die Demokratie geschenkt, die nicht bloß Volksherrschaft in der Beliebigkeit von Mehrheiten ist, sondern die – wie schon Platon gesagt hat – an die „Eunomie“ – an das „gute Recht“ gebunden ist.
die christlich – griechische Wurzel – Paulus gelingt die Verkündung Jesu Christi in einer Synthese zwischen dem Glauben Israels und dem griechischen Geist.  Hier müssen wir die Überzeugung ansiedeln, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, weil der Mensch von Gott geschaffen, geliebt, erlöst, begabt und berufen ist.
die christlich – lateinische Wurzel
Die „Res publica christiana“ des Mittelalters stellte sich dar in einem Rechtssystem, das Stämme und Nationen übergreifend war, in einer gemeinsamen Kultur, in Universitäten, deren Gelehrte für uns kaum vorstellbare Wege zurücklegten und so zeigten, dass es für das Wissen keine Grenzen gibt. Die Konzilien des Mittelalters sind so etwas wie „europäische Konferenzen“ gewesen.
die christlich – slawische Wurzel
Im 9. Jahrhundert wirkten die Brüder Cyrill und Methodius im byzantinischen Reich: Um die slawischen Völker zu evangelisieren, schufen sie ein Alphabet für ihre Sprache. So konnte die kulturelle Identität dieser Völker gewahrt werden.

Wer die Wurzeln vergisst, kann weder die Gegenwart bestehen, noch an der Zukunft mitbauen. Vielleicht ist das ein Problem des Kontinents, in dessen geplanter Verfassung das Wort „Gott“ nicht auftauchte. Wir verleugnen unsere Geschichte, die geprägt ist vom Christentum, dessen Zeichen das Kreuz ist.
Wer auf die Geschichte Europas schaut, sieht bei aller Unzulänglichkeit immer Menschen am Werk, die einen Plan im Herzen trugen, den Johannes uns in seiner Offenbarung übermittelt. Eine Stadt ohne Trauer, ohne Klage, ohne Mühsal. Das himmlische Jerusalem. Eine großartige Vision, die nicht nur der Zukunft vorbehalten bleiben soll. Mitten unter uns soll die „Neue Stadt“ Wirklichkeit werden. Der „Stadtplan“ des himmlischen Jerusalems ist auch ein Plan für das Europa der Zukunft. In ihm brauchen wir die unbedingte Wertschätzung des einzelnen Menschen.

Unser Bonner Münster ist erbaut über den Gräbern „europäischer Heiliger“, deren Verehrung heutige Grenzen überschritten hat. Mit ihnen bezeugen wir unseren Glauben in Europa.
Wir wissen aus der jüngsten Vergangenheit, dass der Mensch, der sich von Gott emanzipiert, sich selbst, irgendeine Idee, eine Sache zu Gott, zum letzten Maßstab machen muss. In dieser Anmaßung meint er auch über menschliches Leben verfügen zu können. Der Mensch, der sich selbst als Gott aufspielt, tötet am Ende Menschen.

Deshalb wehre ich mich gegenüber allen neutralen Tendenzen. Sie zerstören unsere Identität. So wie ich die religiösen Wurzeln  anderer Länder und Kontinente achte, so erwarte ich auch, dass unsere respektiert werden und dass sie auch in aller Öffentlichkeit gezeigt werden dürfen.
Wenn ich einer anderen Religion abgehören würde oder Atheist wäre, ich würde genüsslich zuschauen, wie sich das christliche Europa selbst abschafft, indem es sich von seinen Wurzeln abschneidet.
Martin Schulz – daran beteilige ich mich nicht!

Die Steine – der Stein

SteineDie Mail kam ein  paar Wochen  vor Ostern. Eine Frau bot mir die Mandala-Steine an, die sie selbst bemalt hatte. Ihre Idee: „Wie wäre es, wenn ich Steine bemale, ganz ähnlich wie ich sie einmal im Internet gesehen habe, bemalt mit Mandalamustern und sie durch die Hilfe Gottes und allen Kirchenbesuchern des Bonner Münsters in Brot verwandelt würden. Vielleicht können sie irgendwo zu Tropfen auf einem heißen Stein werden.“

Damit hatte sie uns gleichzeitig auch die Idee für den Gottesdienst in der Osternacht geschenkt. Der Stein, der Zeuge des Todes, ist zum Zeugen der Auferstehung geworden. Gott selbst hat den Stein vom  Grab weggerollt. Dazu hier die Predigt aus der Osternachtfeier im Bonner Münster.

Anschließend haben wir den Teilnehmerinnen und Teilnehmer je einen dieser schöne Steine geschenkt. Zur Erinnerung an die Feier und an den Auftrag, der uns gegeben ist, Zeugen der Auferstehung zu sein. Vielleicht machen sie ja aus den Steinen Brot und geben uns eine Spende für unser Projekt „Bonn hilft Bethlehem“. Hilfe für jungen Menschen in der Geburtsstadt Jesu. Ein Osterprojekt, denn es schenkt vielen Menschen neue Hoffnung.

Dazu passt ein Text von  Lothar Zenetti:

Mir ist ein Stein vom Herzen genommen:
meine Hoffnung, die ich begrub
ist auferstanden
wie er gesagt hat
er lebt er lebt
er geht mir voraus!

Ich fragte:
Wer wird mir den Stein wegwälzen
Vom Grab meiner Hoffnung
Den Stein von meinem Herzen
Diesen schweren Stein?

Mir ist ein Stein vom Herzen genommen:
meine Hoffnung, die ich begrub
ist auferstanden
wie er gesagt hat
er lebt er lebt
er geht mir voraus!

Der Narr

Der Narr von Sieger Köder

Ein lachender Clown, geschminkt und in buntem Gewand, schaut in den Spiegel und erblickt sein Gegenbild: einen traurigen Clown. Egal, ob Clown, Pierrot oder Harlekin, das Lachen und das Weinen zeichnen den Narren aus. Wer eben noch Purzelbäume geschlagen hat, kann plötzlich ganz nachdenklich werden. Wer eben noch über das ganze Gesicht gelacht hat, dem fließen plötzlich die Tränen über die Wangen. Die Narren stehen nicht im Mittelpunkt des Geschehen. Wie die Clowns treten sie zwischendurch auf, stolpern und fallen, machen ihre Bemerkungen und bringen die Menschen zum Lachen. Die Clowns sind nicht die Helden unter der Zirkuskuppel, nicht die begnadeten Artisten auf dem Hochseil oder Dompteure im Raubtierkäfig. Sie sind wie unsereiner. Deshalb gilt ihnen unsere Sympathie. Mit ihrem Lachen und ihrem Weinen erinnern sie uns an unsere Fähigkeiten, vor allem aber auch an unsere Schwächen.

Das heißt es in einer kölschen Ballade der Höhner:
Minsche wie mir dun kriesche un laache
Minsche wie mir sin nit jän allein
rötsch doch jet nöher wie Fründe dat maache
Minsche wie mir jo Minsche wie mir!

Ja, die Clowns sin Minsche wie mir! Logisch denkende, auf ihre Klugheit bedachte Zeitgenossen haben es recht schwer mit dem Narren, denn ihnen wurde über Jahre und Jahrzehnte eingebleut, sich „ordentlich zu benehmen“ oder – noch schlimmer – sich „erwachsen zu benehmen“ und nur Dinge zu tun, deren Nutzeffekt deutlich erkennbar und kurzfristig realisierbar ist.

Die Höhner singen davon in einem ihrer Lieder: „ Als Kind wird mir schon klargemacht. Du kriss Ärjer, wenn du widder zu laut lachs, den Sonntagsanzug dir versaus, in der Schule dich mit andern Jungs verhaus. Sei schön brav un still,man krich nicht immer alles, was man will.

Das Resumee in diesem Lied ist nichts anderes als die Sehnsucht nach dem Narren in uns, der Dinge tut, die sich der der Gesellschaft angepaßte Mensch nun einmal nicht erlaubt: Lust auf Leben –Lust auf Liebe – Lust auf Lust !, heißt es in dem Lied . Lust auf Bratkartoffel und nen fetten Kuß Lust auf Leben – Lust auf Liebe –Lust auf Doll Lust mein Maul nicht zu halten, wen ich soll Lust auf dicke rote Grütze und auf jede kleine Pfütz. (Hören)

Man hört so richtig den schmatzenden Kuss und die vorlaute Rede, sieht den bekleckerten Mund und die spritzende Pfütze. Wer möchte da nicht dabei sein? In unseren Karnevalsschlagern wird uns der Spiegel vorgehalten, ohne dass wir uns dessen immer so bewusst sind. Schauen wir auf zwei Karnevalslieder, die schon einige Jahrzehnte lang gesungen werden: „ Am Aschermittwoch ist alles vorbei, die Schwüre von Treue sie brechen entzwei, von all ’ deinen Küssen darf ich nichts mehr wissen. Wie schön es auch sei, es ist alles vorbei! “ Und ein anderes: „ Du kannst nicht treu sein, neun, nein das kannst du nicht, wenn auch dein Mund mir wahre Liebe verspricht. In deinem Herzen hast du für viele Platz und darum bist du auch nicht für mich der richt’ge Schatz .“
Was da zuerst einmal nach Libertinage klingt, nach dem Motto „im Karneval ist alles erlaubt“ entpuppt sich bei näherem Hinsehen als sehr realistische Weltsicht: Ohne wahre Treue kann der Mensch nicht leben, das bestätigt jeder, der schon einmal die Untreue eines anderen erfahren hat. „Schwüre von Treue“ taugen nichts und auch der Kuss schmeckt nur, wenn er wirklich aus Liebe geschieht. Und noch etwas: die grosse Sehnsucht des Menschen ist es, nicht austauschbar zu sein. Wir wollen den Platz im Herzen eines Menschen nicht mit vielen teilen. Wer deshalb jedem die Treue verspricht, kann nicht wirklich lieben.

Nemm mich su wie ich ben, einfach su wie ich ben, ich weiss genau, dat ich Fehler hann, doch anders kann ich net sin, heißt eine neuere Version des gleichen Themas. Wir wollen geliebt werden um unserer selbst willen, nicht wegen unseres Titels, unserer Rolle, unseres Geldes, unseres Aussehens – und das über den Aschermittwoch hinaus – so lesen wir es im Spiegel des Narren.  Die Welt braucht die Clowns, braucht die Narren, die uns immer wieder lehren: Die aufregenden Taten der Großen mögen zwar die große Welt verändern, aber unser Leben, unsere kleine Welt wird von anderen Quellen gespeist. So kann sich der Clown an der Blume erfreuen oder an der Seifenblase, die im Scheinwerferlicht glitzert: Et sind die kleene Sache, wenn du an Kölle denks, die dir et Heimweh maache, wenn du en de Welt eröm hängst, singen die Bläck Föös.

Und sie erzählen von einer anderen Sehnsucht des Menschen, der Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat, die in kleinen Dingen erfahrbar wird. Die Mächtigen, die sich oft einen Hofnarren hielten, der als Einziger am Hofe dem König die Wahrheit sagen durfte, ohne dafür geköpft zu werden, hatten trotzdem ein gespaltenes Verhältnis zur Narretei. Es war ihnen supekt und so verboten sie es nicht selten. Auch die Kirchenoberen taten sich schwer da mit, konnten mit dem offenen Wort der Narren nicht immer etwas anfangen. Als nach dem I. Weltkrieg der Karneval im Rheinland wieder auflebte, gab es sogar ein Hirtenwort des Kölner Erzbis chofs, das alle Versuche im Keim ersticken sollte.

Die Ballade der Höhner über den Narren, erzählt sehr drastisch, wie man mit dem Narren umgeht, der die Kreise der Mächtigen und Wichtigen, der ach-so Sittsamen und Angepassten stört. Sie haben versucht, ihn zu erzieh’n, ihn bedroht, geschlagen und angespien, Zerschlugen den Spiegel und sperrten ihn ein, sie dachten, jetzt würd endlich Ruhe sein., Sie schlossen die Augen und hörten nicht zu verlangten nach Ordnung, verlangten nach Ruh’ . (Hören)
Als ich das Lied zum ersten Mal hörte, war meine erste Assoziation: ein Bild von Roland Litzenburger, das Christus als Narrenkönig zeigt. Christus – der Narr. Ein legitimer Vergleich? Als die Verwandten Jesu ihn nach seinen ersten Predigten in die Familie nach Nazareth zurückholen wollten, sagten sie: „Er ist von Sinnen“. D.h. er ist außer sich, er ist verrückt. Und so sollte es auch bleiben: So mancher Vergleich, mit denen er den führenden Gruppen der Gesellschaft die Leviten las, klingt durchaus komisch, zum Beispiel: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Oder wenn er das heuchlerische Verhalten der Pharisäer kommentiert: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele. Eine solche Predigt schafft nicht nur Freunde; sie bringt vor allem diejenigen gegen den närrischen Propheten auf, die getroffen sind und nicht genügend Witz besitzen, um auch über sich selbst lachen zu können.
Vieles was der Herr sagt, klingt verrückt: ob es die Feindesliebe ist, die grenzenlos e Barmherzigkeit Gottes, auf die der Mensch angewiesen ist, die Notwendigkeit, in jedem Menschen ihn selbst zu erkennen, oder die Forderung zur unbedingten Nachfolge. Paulus spricht von der „Torheit der Verkündigung“ (1 Kor 1,21) und sagt: „wir verkünden Christus, den Gekreuzigten, für die Heiden eine Torheit“, ( 1 Kor 1,23).

Verstehen wird dies nur, wer in eine Beziehung zu Christus tritt. So wie in der Ballade der Höhner diejenige, die den Narren wunderbar fand, Zugang zu seiner Botschaft hatte.. Er schaute zum Himmel, sein Herz in der Hand, las in den Sternen, was keiner verstand. Sie konnte die Botschaft der Sterne versteh’n Sie nahm ihn ganz einfach so wie er war .  In dieser Beziehung erkennt sie: Dieser Narr wird zum Salz für Welt. Er macht di e Welt genießbar, mit der ungeheuren Kraft wie wir sie in einer Prise Salz erleben.

Christus – der Narr. Der Vergleich scheint legitim. Der Narr, nicht der dumme August , der nicht ernst sein kann. Eher wie jener Clown von Sieger Köder, dessen Lächeln nicht verschwindet auch wenn er sich traurig im Spiegel sieht. „Wir sind Narren um Christi willen“, sagt uns Paulus im ersten Korintherbrief (1 K or 4,10). Wir sind eingeladen, den Narren in uns zu entdecken. In vielen unserer Anliegen, Sorgen und Ängsten stände uns das Lächeln der Kinder Gottes gut zu Gesicht, die wissen, dass allein die Sonne Schatten werfen kann.

Wir sind eingeladen als „Clowns des lieben Gottes“, die Freiheit zu leben und das Salz dieser Welt zu sein – auch über den Aschermittwoch hinaus.

Heilige oder heile Familie?

Die Heilige Familie im Flüchtlingszelt

Die Heilige Familie in der Stadtkrippe im Bonner Münster

Die Umfrage des Vatikan zur Situation von Ehe und Familie brachte es an den Tag: die meisten Katholiken kennen die Worte, die in den vatikanischen Dokumenten über Ehe und Familie stehen, nicht. Sie finden sie gut, stimmen ihnen zu, aber sehen gleichzeitig die Situation der Familie im Gesamten nicht richtig erfasst.
Zwei Beispiele:

  • Es stimmt, wenn Papst Johannes Paul II. sagt: „Die Weitergabe des Glaubens hängt zukünftig wesentlich von der Familie ab“ (Apostolisches Schreiben ‚Familiaris consortio‘, Nr. 52). – Aber die meisten Familien tun sich schwer damit.
  • Es stimmt, wenn das Konzil sagt: „Das Wirken der Eltern als Erzieher ihrer Kinder ist so entscheidend, dass es kaum zu ersetzen ist“ (Erklärung ‚Gravissimum educationis‘, Nr. 3). – Aber die meisten Eltern können schon aus finanziellen Gründen dies nicht alleine leisten.

Das heutige Fest der Heiligen Familie lenkt unseren Blick auf die Situation der Familien heute. Kirchliche Verkündigung hat schnell aus der Heiligen Familie eine heile Familie gemacht; obwohl wir gar nicht wissen, wie das Leben in Nazareth verlaufen ist. Ob es immer nur Eintracht und Liebe waren, sei dahingestellt. Man denke nur an den Wirbel um den 12jährigen Jesus als er bei der Wallfahrt im Tempel zurückblieb.

Schon die „heilige Familie“ selbst war für den Orient eine Ausnahmekonstellation: Vater, Mutter und ein Kind – das entsprach nicht der Familie, in der die Zahl der Kinder das Ansehen der Eltern mehrte und gleichzeitig das Überleben sicherte.
Das Vorbild der Heiligen Familie passt vielen Menschen heute nicht mehr. Sie erleben sicht zuerst und vor allem in der Sorge um die Kinder. Wie kann es sein, dass bei allem guten Bemühen der Eltern, Kinder sich anders, in den Augen der Eltern negativ entwickeln, und Wege gehen, die man selbst nicht beschreiten würde?
Eltern sein – ist heute oft anstrengend. Es gibt zwar Familienbildungsstätten und Kurse mit zahlreichen Hilfestellungen. Aber es gibt keine Elternschule! Eltern sein kann man nicht ausprobieren oder lernen, das muss man sofort in der Wirklichkeit leben.
Junge Ehepaare erleben deshalb die Geburt eines Kindes als große Veränderung ihres Lebens, größer jedenfalls als die Heirat!
Da die Menschen immer älter werden findet sich die Familie nicht nur in der Sorge um die Kinder, auch die Sorge um die älter werdenden Eltern und die immer öfter notwendige werdende umfassende Pflege wird für viele zur Belastung.
Das vierte Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren“ hat sich tief in unsere Seele eingebrannt und macht vielen ein schlechtes Gewissen, wenn sie Vater oder Mutter selbst nicht mehr pflegen können.
Hinzu kommt, dass die so genannten Patchworkfamilien zwar nicht die Zahl der leiblichen Väter, Mütter und Kinder vervielfachen, wohl aber die Zahl der tatsächlichen Beziehungen. Immer mehr Alleinerziehende Mütter oder Väter künden zudem vom Scheitern menschlicher Beziehungen.

Die wenigen Schlaglichter zeigen, dass sich Familie heute nicht mehr so biblisch eindimensional beschreiben lässt, dass die Realität der Familie viel differenzierter ist. Sie braucht unsere Aufmerksamkeit, mehr noch unseren Schutz.
Die Familie ist wichtig, ist notwendig für das Überleben der Menschheit. Wenn es keine Familie gibt, ist das kulturelle Überleben der Menschheit in Gefahr. Ob wir es mögen oder nicht: Die Familie ist die Grundlage“, sagt Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar. Deshalb ist die Geschichte von der flüchtenden Heiligen Familie nach Ägypten vielleicht eine der wichtigsten Botschaften in diesen nach weihnachtlichen Tagen. Sie bewahrt uns vor einer realitätsfernen Verklärung und lässt uns Maria, Josef und das Kind solidarisch erscheinen mit den Familien unserer Tage und ihren Belastungen.  Die Synode in Rom wird mit der weltweiten Umfrage versehen wichtige Themen der Familie beraten. Aber wir müssen nicht auf Rom warten, wir können auch hier etwas tun.
Die Worte der Lesung aus dem Kolosserbrief könnten zu einer Handlungsanweisung für die Familien werden: „Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander.
Das alles kann man nur lernen in der Familie, die Kinder von den Eltern und die Eltern auch von den Kindern.
Natürlich haben wir alle ein Idealbild der Familie vor Augen. Genauso wie alle darunter leiden, wenn sie damit scheitern oder versagen; genauso können wir die reale Situation vieler Familien auch als Möglichkeit ansehen, Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld, Vergebung und Liebe zu praktizieren.
Das geht in allen Familien-Konstellationen.

Weihnachts-End-Gedanken

Weihnachten 2013 nähert sich dem Ende! Es war ein reicher Advent. „Das Beste kommt noch!“ hatten wir ihn und die Weihnachtszeit überschrieben. Und es gab schon viel Gutes! Unsere Webseite gibt einen Überblick. Es war schließlich ein Weihnachtsfest, das mich tief beschenkt und nachdenklich zurücklässt.

Eingeprägt hat sich bei mir das Bild von Papst Franziskus, wie er mit gr0ßer Zärtlichkeit das kleine Jesus-Kind durch den großen Petersdom zur Krippe trägt – mit der gleichen Herzlichkeit wie er den Kindern auch sonst begegnet. Eingeprägt hat sich bei mir das Bild des Papstes beim Segen urbi et orbi: schlicht gekleidet – kein Vergleich zu Benedikt XVI. in seinen letzten Wochen – aber mit großer Würde. Dieser Papst fordert uns heraus. Aber einem Papst, der uns nicht antreibt, sondern vorangeht folgt man gerne.

Eingegraben in mein Herz hat sich das Weihnachtslob am Heiligen Abend zwei Stunden vor der Christmette in St.Remigius. Eine Feier für Fragende und Suchende zwei Stunden vorher in St.Remigius. Über 100 Leute kamen zu diesem ersten  Versuch, eine andere als die übliche Zielgruppe anzusprechen. Wenn ich unseren Papst Franziskus richtig verstehe, dann ist unser Platz genau bei diesen Menschen. Sehr dankbar haben sie das Weihnachtslob angenommen. Leider blieb keine Zeit für eine anschließende Feier. Von den ursprünglich 6 ehrenamtlichen Helfern bei dieser Feier blieben nur 2 übrig. „Familiäre Verpflichtungen“ – in Deutschland ist Weihnachten ein Familienfest mit eingespielten Ritualen. Da kann man nicht so schnell ausbrechen. Es ist nicht nur in der Pastoral schwierig, das Prinzip „Es wurde immer so gemacht!“ zu verlassen. (EG 33)

Unsere Gottesdienste waren gut besucht. Unter die regelmäßigen Kirchgänger hatten sich viele Weihnachtsbesucher gemischt, die nur an den Festtagen kommen. Sie sind mir alle willkommen; aber ich fürchte, wir nehmen sie nicht richtig wahr. Ich träume davon, dass nicht nur ich sie willkommen heiße, sondern auch die treuen Kirchgänger ihnen bewusst zeigen, dass sie willkommen sind.  Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg!

Reich beschenkt wurde ich durch unsere Stadtkrippe. Es war eine Freude, gemeinsam mit anderen die Bilder zu entwickeln. Wie kleine Jungs haben die erwachsenen (alten) Männer mit den Figuren gespielt, um sie „sprechen“ zu lassen. Die Idee mit dem Flüchtlingszelt ist auch so kreativ entstanden. Und plötzlich spricht nicht nur der Papst von  den Flüchtlingen, auch der Bundespräsident macht sie zum Thema der Weihnachtsansprache. Wir sind ganz nah dran!

Jetzt kommt der Alltag wieder. Hoffentlich gelingt es, ihn in der „Freude des Evangeliums“ anzugehen.

Foto: Martin Magunia; alle Rechte vorbehalten;

Die Botschaft der Weihnachtsmärkte

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Weihnachtsmärkte haben mit Weihnachten eigentlich nur zu tun, dass sie in den Wochen vor dem Fest stattfinden. Eigentlich sind es Winterevents, vielleicht sogar ähnlich den vorchristlichen Bräuchen der Wintersonnenwende. In diesen dunklen Wochen des Jahres, in denen die Tage immer kürzer werden, spielt das Licht eine große Rolle. Man entzündet Kerzen und wärmt sich lieber am Kaminfeuer als an der Heizung. Es ist die Zeit, in der man sich mit Freunden nicht beim Grillen oder in der Strandbar trifft wie in den Sommermonaten, sondern am Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt.
Nicht alles, was da in den Budengassen und den angrenzenden Geschäften geschieht, gefällt mir: der Konsumrausch, der manche befällt, tut der Seele und dem Geldbeutel nicht gut. Besonders die prekären Milieus verschulden sich, weil sie mit denen, die mehr haben, mithalten wollen.
Aber ich nehme auch die Sehnsucht war, die sich hinter vielem verbirgt: die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, die Sehnsucht etwas schenken zu können und beschenkt zu werden, die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht nach einer Hoffnung, die weiter reicht als der heutige Tag.
Die Advent greift mit seinem Brauchtum diese Sehnsüchte auf und vielleicht sind diese Wochen deshalb bei aller Hektik, die sie manchmal mit sich bringen, die beliebteste Zeit des Jahres. Die Lichter, der grüne Adventkranz, die Lieder, der Adventskalender, die kahlen Zweige am Barbara-Fest, die leeren Stiefel am Nikolaustag und der Lichterkranz der Lucia – alles Bräuche, die mir von einer Hoffnung erzählen, die die Menschen im grauen Einerlei des Alltags in sich tragen.
Wir müssen sie ernst nehmen und ihnen von unserer Hoffnung erzählen. Wir sind überzeugt: „Das Beste kommt noch!“ Bei allem, was wir haben, wissen wir doch, dass die Vollendung noch aussteht. Wir wissen nicht, wann das sein wird, nicht wie das sein wird, nicht wo das sein wird. Ignatius von Antiochien sagte im 1.Jahrhundert: „Dort angekommen, werde ich ganz Mensch sein“.
Das ist die Hoffnung, die wir in uns tragen: all das Fragmentarische, all das Unfertige, all das Unvollkommene wird vollendet werden. Nicht auf dieser Erde, sondern wenn Gottes Tag anbricht. So perfekt wir auch sein mögen, so gut es uns auch geht – das Beste kommt noch!