Herabgestiegen – Pferd ohne Reiter

 

Zillis - Pferd des Hl. Martin (c) renzodionigi

Zillis – Pferd des Hl. Martin
(c) renzodionigi

In der St.Martinskirche in Zillis/Graubünden wird an der Decke in 153 großen romanischen Bildern das Leben Jesu gezeigt. Allerdings die Leidensgeschichte endet mit der Dornenkrönung. Kein Bild von der Kreuzigung, von der Auferstehung, Himmelfahrt oder Pfingsten stattdessen sehen wir die Mantelteilung des Hl. Martin. Zuerst das Pferd ohne den Reiter, dann Martin und den Bettler.
So als ob der Künster des 12.Jhdts. uns sagen möchte: den Kreuzestod Jesu kann man nicht einfach nur anschauen so wie man ein Theaterstück, einen Film anschaut. Es geht ums Mit-Leiden. Das Mitleiden und die Empfindsamkeit für das Leid des anderen ist die Konkretion dieses Mitleidens mit dem Gekreuzigten. Martin macht es uns vor: er steigt herab vom eigenen hohen Roß auf die Ebene der Armen.

Zillis - Martin und der Bettler (c) u.g.blasig

Zillis – Martin und der Bettler
(c) u.g.blasig

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Martin - Relief in Amiens

Martin – Relief in Amiens

Man wundert sich schon, welche „Sau“ da jede Woche durch das „mediale Dorf“ getrieben wird. Dieses Mal findet das Martinsfest besondere Aufmerksamkeit. Die Linke in NRW meinte anmerken zu müssen, die Martinszüge müssten umbenannt werden, um insbesondere die muslimischen Kinder nicht zu zwingen, einen christlichen Heiligen zu verehren. Abgesehen von den Schlagzeilen, die dieser Vorschlag der 8,6-Prozent-Partei bescherte, ging sofort die Diskussion im Netz los: die einen sahen das Abendland in Gefahr, die anderen warnten im Netz vor jeder Aufregung und zeigten Verständnis. Nun haben die Linken weder die Christen verstanden noch die Muslimen. Sonst wüssten sie, dass das Teilen, für das der Heilige Martin steht, sowohl im Christentum als auch im Islam zu den wesentlichen Inhalten zählt. Zum Gebot, Almosen zu geben, gehört es im Islam, seinen Besitz mit Armen und Bedürftigen zu teilen. Da wundert es nicht, dass viele muslimische Kinder auch in unserer Stadt kein Problem damit haben, mit dem Martinszug zu ziehen und anschließend Schnörzen zu gehen. Die Mantelteilung am Stadttor von Amiens fällt übrigens biographisch in die Zeit, in der Martin noch gar kein Christ war. Aber nicht nur diese Tat, sondern sein ganzes Lebensbeispiel ließen ihn zum ersten christlichen Heiligen werden, der nicht den Märtyrertod starb. Seit dem fünften Jahrhundert wird der Bischof von Tours in Europa verehrt. Sein Mantel, Symbol der Haltung der Nächstenliebe, gehörte seit der Merowingerzeit zum Kronschatz der fränkischen Könige und reiste mit ihrem Hof von Aufenthaltsort zu Aufenthaltsort. In unserer Stadt gibt es den Martinszug übrigens seit 1920. Einer meiner Vorgänger hatte diesen Brauch, der in vielen Ländern üblich ist, vom Niederrhein mit nach Bonn gebracht. Die seltsame Idee der Linken macht mir weniger Sorge als die Eltern, die aus Angst davor, ihre Kinder mit religiösem Gedankengut in Verbindung zu bringen, selbst das Martinsfest ins Laternenfest umwandeln und lieber Halloween mit seinen Fratzen und seiner Todesangst feiern. Teilen macht mehr Freude!

Drei Worte – Permesso, grazie, scusi

War das eine Woche! Am Anfang stand die Sorge, wie es in der „causa Limburg“ weiter geht. Erste Meldungen von doch nicht (mehr) so gut unterrichteten Kreisen brachten zeitweise etwas Unruhe. Und dann kam das Wochenende mit einem neuen Schub für die Arbeit: die Messe mit über 2000 Ministrantinnen und Ministranten aus unserem Erzbistum, darunter auch viele aus Bonn, in St.Paul vor den Mauern war ein Erlebnis, das unter die Haut ging. Das Gespräch mit Kardinal Lajolo zeigte mir wie klar in Rom die Dinge gesehen werden und war von daher auch eine wirkliche Ermutigung. Gestern Nachmittag dann die Begegnung von Familien mit dem Papst. 90.000 Menschen auf dem Petersplatz und wir eher zufällig mittendrin. Es tat gut, vom Glauben der anderen mitgetragen zu werden. Und dann Papst Franziskus: so wie wir ihn aus den Medien kennen – jetzt aber live. Bescheiden und freundlich, offen in der Begegnung mit den Einzelnen und klar in seinen Worten. Drei Worte gab er uns mit auf den Weg: „Permesso – grazie – scusi! Darf ich – danke – entschuldige bitte!“

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Drei Worte, die den Alltag (auch in der Familie) bestimmen sollten. So gestärkt fahre ich gerne heim.

Nebel

Nebel im Herbst – für den Autofahrer ein Horror. Nur mühsam, voll konzentriert kommt er voran! Der Nebel im Herbst beschert mir einen wunderschönen Morgen in Assisi, der zum Gleichnis wird. Schwer liegt der Nebel über dem Spoleto-Tal und hüllt alles ein. In der Nähe sind einige Konturen zu erkennen; aber die große Masse ist nur grau in grau. Es scheint, also ob vieles Liebgewordenene einfach verschluckt ist. Die Sonnenstrahlen klettern über die Berge und der Kampf mit dem Nebel beginnt.
So langsam löst sich in der Ferne aus der grauweißen Eintönigkeit die Silhouette von Santa Maria degli Angeli im Tal. Mein Leben kennt solche Bilder auch. Nebel liegt über meinem Alltag. Vieles, was einmal klar gewesen, vieles Vertrautes ist plötzlich nicht mehr sichtbar; eingehüllt in einen seltsamen Nebel von Fragen und Zweifeln, von Unverständnis und Unsicherheit. Da bedarf es der Wärme einer Sonne, die Konturen wieder sichtbar werden lässt und Orientierung möglich macht. Das können Menschen sein oder auch Worte, die Kraft besitzen. Und schließlich Gott selbst, der mir neue Gewissheit schafft. Silja Walter hat es in einem Gebet so ausgedrückt: „Die Nacht ist vergangen, wir schauen erwartend den steigenden Tag und grüßen dich, Christus. Die Nebel entweichen im Glanze der strahlenden Klarheit und Kraft des kommenden Christus!“

20131025-103358.jpg Am Morgen in Assisi hatte ich einen Standort, der mich gelassen zusehen ließ, wie sich die Nebel lösen. Wer im Nebel des Lebens steckt, hat nur die Hoffnung, dass er sich auflöst, und ihn nicht länger gefangen hält. Ich wünsche mir dann auch diese hoffnungsvolle Gelassenheit.

Schatten(seiten)

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Schatten(seiten) hat jeder, nicht erst seit C.G.Jung. Wenn man keine gestörte Selbstwahrnehmung hat, kennt man sie schon selbst sehr gut. Unser unvergessener Erzbischof Kardinal Höffner wusste dazu immer eine kleine Geschichte zu erzählen. Ein Mann wollte vor seinem Schatten fliehen, aber wohin er auch lief, immer folgte ihm sein Schatten. Wäre er nur einmal in den Schatten des Kreuzes getreten, so der Erzbischof, dann hätte sein Schatten ihn nicht mehr gejagt. Daran wurde ich erinnert, als ich in Poggio Bustone im Rieti-Tal den Schatten sah, den das Kreuz in der kleinen Klosterkirche warf. Dort oben am Hang der Berge wird jener Ort lokalisiert, an dem Franziskus die Gewissheit erlangte, seine Sünden seien ihm vergeben. „Gran Perdono“, sagen die Italiener. „Die große Vergebung“. Viele tun sich schwer damit, zu glauben, dass Gott ihnen vergibt. Besonders wenn sie mit Angst vor dem strafenden Gott erzogen worden sind, verfolgt sie ihr Schatten unbarmherzig. Unser Papst Franziskus predigt uns den barmherzigen Gott: „Für Gottes Barmherzigkeit – das wissen wir – ist nichts unmöglich! Auch die verworrensten Knoten lösen sich mit seiner Gnade.“ (12.10.2013)
Für Franziskus von Assisi begann die geistige Erneueuerung mit dem ehrlichen Bekenntnis angesichts seiner „schlecht verbrachten Jahre“: „Gott , sei mir Sünder gnädig“. Papst Franziskus sagt: „Wenn wir merken, dass wir Sünder sind, finden wir die Barmherzigkeit Gottes, der immer vergibt. Vergesst das nicht: Gott vergibt immer und nimmt uns in seiner verzeihenden und barmherzigen Liebe an.“ (29.5.2013) Was also hindert uns in den Schatten des Kreuzes zu treten.

Greccio – Bonn

Greccio 19.10.2013
Wie an den Felsen geklebt erscheint das Kloster von Greccio. Dort hat der Heilige Franziskus 1223 die erste Krippendarstellung gebaut. Die Menschen sollten mit eigenen Augen sehen, in welcher Einfachheit Gott Mensch wurde. Nicht im Palast der reichen Herren, sondern in der Armut des Stalles von Bethlehem. Die Menschen seiner Zeit haben das Zeichen verstanden. Der Wald von Greccio war erfüllt von den Lobgesängen der Menschen. Inzwischen sind die Krippen in unseren Häusern zur Wohnzimmer-Dekoration verkommen und auch in vielen Kirchen ergötzt man sich an kunstvollen Darstellungen ohne sich von dem Ereignis selbst berühren zu lassen. Die Krippe im Bonner Münster an diesem Weihnachtsfest 2013 will dem Vorbild des Heiligen Franziskus nacheifern: so wie er das Weihnachtsgeschehen im Wald von Greccio ansiedelte, so werden wir das Ereignis von Bethlehem in der Kulisse unserer Stadt darstellen. Das wird manche Betrachterin und manchen Betrachter verwirren, aber hoffentlich wird die Botschaft genau wie hier in Greccio verstanden.

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