Wir wagen es!

Einer der 4.Altäre in Dernau

Predigt an Fronleichnam in Dernau/Ahr
Auf die Predigt könnte ich heute eigentlich verzichten, denn sie und ich, wir alle sind heute die Predigt. Wenn wir nach der Messe in Prozession durch die Straßen unseres Ortes ziehen, dann ist das ein Bekenntnis, wie eine Predigt auf vielen Beinen. Aber was erwartet uns da draußen?

Nicht nur Menschen, die Beifall klatschen, die das gut finden, dass wir uns auf den Weg machen, auch wenn sie selbst nicht mitgehen.

Es wird auch viele geben, die den Kopf schütteln und sich abwenden. Die von alten Zöpfen reden, die man endlich abschneiden müsste.

Andere werden innerlich und hoffentlich nicht lautstark schimpfen, weil unsere Kirche nicht den besten Ruf hat.

Damit meine ich nicht nur die Missbrauchsfälle, ich meine auch den Umgang der Kirche mit Frauen, mit Wiederverheirateten Geschiedenen, mit Menschen, die unverheiratet, zusammenleben, mit queeren Menschen. Ich meine auch die endlosen Diskussionen um die Strukturen, die Zusammenlegungen von Gemeinden, das Schließen von Kirchen.

Unsere Kirche hat wahrlich nicht mehr den besten Ruf. Es hat sich auch einiges getan in den letzten Jahren. Aber oft erlebe ich unsere Kirche wie eine Springprozession:  zwei Schritte vor und wieder einen zurück.

Und trotzdem trauen wir uns heute raus – wir wagen es. Weil wir eine Botschaft haben – eine dreifache Botschaft.

  1. Die Eucharistie ist niemals etwas rein Privates.

Das wird schon hier in der Kirche deutlich, das zeigt sich erst recht, wenn wir gleich auf die Straße gehen. Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, sozialen Standes und unterschiedlicher politischer Auffassungen sind hier versammelt. Wir haben uns einander nicht ausgesucht.

Das ist kein exklusiver Freundschaftsclub, sondern eine Gemeinschaft, die geeint ist durch den Glauben an Christus und durch den Ruf Christi, den wir im Eucharistischen Brot anbeten und verehren.

Deshalb entfernt uns diese Feier nicht von den Menschen, erst recht nicht in dem Sinne, dass hier drinnen die heile Welt sei und draußen die böse.

Weil wir dem folgen, der vor dem Menschen niederkniete, um ihm die schmutzigen Füße zu waschen, sind wir herausgefordert: es geht darum die Welt, die große wie unsere kleine, zu einem Ort zu machen, wo es sich gut, vor allem aber menschenwürdig leben lässt.

Deshalb wagen wir uns raus – weil wir uns als Christen nicht selbst genügen.

  1. Wir feiern Fronleichnam im Gehen.

Gleich in der Prozession gehen wir, wir machen einen Schritt und noch einen Schritt so wie im „richtigen Leben“.

  • Da geht es manchmal vorwärts ohne jede Mühe,
  • da kommt man aber auch mal ins straucheln,
  • da stolpert man
  • da geht es anscheinend nicht mehr weiter,
  • da läuft man im Kreis,
  • da will man nicht mehr.

Wir spüren es jeden Tag. Wir alle brauchen Gefährten und Gefährtinnen,

  • die mit uns gehen, die den Weg mit uns teilen,
  • die uns halten können, wenn wir straucheln,
  • die uns die Richtung weisen, wenn wir die Orientierung verloren haben,
  • die uns aufhelfen und Mut machen, wenn es nicht mehr weitergeht.

Wenn wir gleich mit der Monstranz durch die Straßen ziehen dann machen wir dadurch deutlich, dass Christus für uns der ist, der uns zum Gefährten wird, wenn menschliche Gefährtenschaft nicht oder nicht mehr möglich ist.

Gleichzeitig bekennen wir, dass in jedem, der mit uns geht, dass in jedem, der uns die Hand hält, in jedem, der uns Mut macht, uns Christus selbst begegnet.

Deshalb wagen wir uns raus – weil wir den Menschen sagen wollen: wir können nur miteinander, wir können nur mit Euch!

  1. Wir tragen Christus durch unsere kleine Welt.

Wir vertrauen die Straßen, die Häuser, auch die kaputten, die geflickten und die wieder aufgebauten, die Menschen, die in diesen Häusern wohnen und arbeiten, den ganzen Ort der Güte Gottes an.

Wir bringen gleichsam vor seine Augen die Leiden der Kranken, die Einsamkeit der Jungen und Alten, die Versuchungen und Ängste, das ganze Leben hier im Tal.

Im Bewusstsein, dass all unser Bemühens endlich ist, verehren wir den, dessen Auferstehung den Sieg über den Tod, über die Endlichkeit darstellt.

Die Eucharistie ist die Begegnung mit der Liebe, die stärker ist als der Tod. Deshalb wagen wir uns raus, um dem so oft Leblosen das Leben zu zeigen.

„Der Weg der Kirche ist der Mensch“ – hat der Heilige Johannes Paul II. gesagt.
Ob die Menschen die Botschaft dieser Prozession verstehen, hängt auch von uns ab.
Der Weg der Kirche ist der Mensch – unser Weg endet nicht hier in der Kirche. Er führt nach dem Schluss-Segen weiter zu den Menschen.

LückenFÜLLER – kein Lückenbüßer

Die Situation ist nicht gerade prickelnd: der Chef ist weg, die Führungsriege dezimiert, die Umwelt mehr ablehnend als freundlich gesinnt.
Hätten Sie da Lust in das Unternehmen einzusteigen? Oder würden Sie lieber erst mal sehen, wie die Sache weitergeht? Nach dem Motto: Mitmachen kann man ja immer noch.

Das ist die Situation, in der sich die junge Gemeinde in Jerusalem versammeln. (Apg 1,15-17.20ac-26) . Abgeschottet von der Außenwelt, die nichts von ihnen hält. Petrus übernimmt das Wort. Für ihn steht fest: Judas ist an allem schuld; obwohl sich Petrus selbst ja auch nicht mit Ruhm bekleckert hat. Nach der Verhaftung Jesu in Jerusalem hatte er getönt: „ich kenne den Menschen nicht.“

Inzwischen hat der Auferstandene ihn wohl wieder rehabilitiert, so dass er jetzt die Rolle übernimmt, die ihm Jesus zugedacht hatte: der Fels.

Ein Ersatz für Judas muss her. Die Stellenbeschreibung ist einfach: Er muss Mann sein – so ist das bei der Führungsriege in der Kirche bis heute – leider.
Er muss jemand sein, der von Anfang an gemeinsam mit den Aposteln und Jesus unterwegs gewesen ist. Und er muss, wie die anderen Apostel, Zeuge der Auferstehung sein. Ein klar umrissenes Anforderungsprofil.

Es gibt unter den 120 Anwesenden keine große Auswahl: Zwei Männer kommen in die engere Wahl. Joseph, genannt Barsabas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias, ohne weitere Hinzufügungen. Ganz einfach.

Anders als heute erwartet sie keine große Karriere: die kleine Schar Christen ist nicht mächtig, sondern eher ein verängstigte Gruppe, die sich häufig lieber hinter verschlossenen Türen aufhält. Da drängt man sich nicht in den Vordergrund. So zu enden wie Jesus ist nicht erstrebenswert.
Zwei Männer stehen zur Wahl – aber es gibt keine Stimmzettel, kein Abstimmung mit Handzeichen. Die Anwesenden legen die Entscheidung in die Hand Gottes. Das Los soll entscheiden.
Nicht weil die Versammlung sich nicht entscheiden konnte, sondern, so lässt es die Apostelgeschichte vermuten, weil Gott hier mitspielen, mitwirken soll.

Das Los! Schwarz oder weiß! –
Und das Los fiel auf Matthias. – Mehr erfahren wir nicht.

Wie mag er sich gefühlt haben?
als Lückenbüßer; als Ersatzmann; als Reservespieler, der nur zum Einsatz kommt, weil einer aus der Stammmannschaft versagt hat. Das kratzt am Ego.

Wenn wir es mit den Augen der Welt sehen, die darauf aus ist, dass jeder und jede sich selbstverwirklicht, dass es nur aufwärts geht und der eigene Lebensweg keinen Knick erfährt – dann kann man so denken: das kratzt am Selbstwertgefühl.

Wenn wir aber auf die Realität des Lebens schauen, dann sieht es anders aus:
es gibt die Aufgaben hier am Ort, in der Familie, im Verein, in der Gesellschaft, hier in der Gemeinde, in unserer Kirche, die müssen getan werden.
Aufgaben, die Menschen brauchen, die sie erledigen, die anpacken und vielleicht sogar bereit sind, sich die Hände schmutzig zu machen.

Und die, die dann in die Lücke springen, die sich auftut, sind keine Lückenbüßer, sondern Lückenfüller. Menschen, ohne die es an vielen Stellen nicht weiterginge und vieles auf der Strecke bleiben würde.

Matthias ist ein solcher Lückenfüller. Er kann noch nicht wissen, was aus der Sache Jesu wird. Aber er ist bereit, dafür einzustehen, weil es ihm wichtig ist.
„Die Sache Jesu braucht Begeisterte.
Sein Geist sucht sie auch unter uns.
Er macht uns frei, damit wir einander befrein.“, heißt es in einem  geistlichen Lied, das Sie vielleicht bei Ihrer Firmung gesungen haben.

So wird der Matthias zum Patron, zum Begleiter all‘ derer, die bereit sind, Lücken zu füllen, die sich auftun in Gesellschaft und Kirche.
Die nicht zögern, weil sie nicht wissen, wie die Sache ausgeht.
Die etwas wagen, die Neuland betreten im Vertrauen darauf, dass Gott das gute Tun begleitet.

Ich bin sicher, auch heute sitzen viele unter uns, die an unterschiedlichen Stellen bereit waren und sind, eine Lücke zu füllen – wie Matthias es getan.

Wir wissen nicht viel über den Heiligen Matthias – aber immerhin hat er es zum Patron des Bistums Trier gebracht. Wenn das kein Anreiz ist, Lücken zu füllen, wo man gebraucht wird.

Predigt am 12.Mai 2024 in Dernau/Ahr

 

Josef – Patron der Randfiguren

Auf Ikonen und mittelalterlichen Weihnachtsdarstellungen wird er oft am Rand dargestellt, zusammengekauert, schlafend, ohne Einfluß auf das Geschehen: Josef, dessen Fest wir heute feiern.

Von ihm ist kein Wort im Neuen Testament überliefert und außer in der Kindheitsgeschichte findet sein Name kaum eine Erwähnung. Er scheint wirklich eine Randfigur zu sein.

Doch die Existenz Jesu ist ohne ihn nicht denkbar: er nimmt die Frau mit dem „unehelichen“ Kind als Ehefrau an und bewahrt sie so vor der Steinigung.
Er gibt dem Kind juristisch die Vaterschaft und stellt es so hinein in die große Tradition seines Volkes.
Er flüchtet mit Frau und Kind nach Ägypten, und Jesu entgeht so der herodianischen Verfolgung.

Dies alles immer auf die Weisung Gottes hin. Josef ist der lebendige Beweis, daß Träume keine Schäume sind, sondern daß in ihnen Gott selbst zu uns sprechen kann.
Er ist der Mann, der hört und geht, der aufbricht ohne lange zu zögern, der handelt ohne Wenn und Aber, der so die Heilsgeschichte voran bringt.

Vielleicht hat ihm deshalb die christliche Frömmigkeit einen bedeutenderen Platz eingeräumt als die Theologen. Wir spüren in uns das Verlangen, wir er handeln zu können: ohne die vielen faulen Kompromisse, die wir oft machen. Wir wünschen uns die Klarheit des Weges, die Sicherheit des nächsten Schritts, die ihm eigen war.

Ihm gebührt ein Platz in der Mitte und nicht am Rand. Aber: es ist heute wie damals: die, die im Licht stehen, bedürfen derer, die in ihrem Schatten leben.

Wir können es im Alltag unseres Lebens durchbuchstabieren: was wäre der beste Chef ohne seine umsichtige Sekretärin, was wäre die beste Schauspielerin ohne ihren Agenten, was wäre der beste Koch ohne seine Küchenhilfen, was wäre der beste Herzchirurg ohne die OP-Schwester, was wäre die beste Politikerin ohne die vielen, die ihr zuarbeiten, was wäre unsere Gesellschaft ohne die vielen Namenlosen, die niemals Schlagzeilen machen, die nie im Rampenlicht stehen, ohne die aber nichts richtig vorankommen würde.

Josef scheint der Patron all dieser Randfiguren zu sein. Er rückt sie alle ins rechte Licht. So wird sein Festtag zu einem Dank für alle, die uns das Leben ermöglichen und die so selten unsere Beachtung finden.

Auf nach Galiläa!

Gedanken am Osterfest 2024

(c)dimitrisvetsikas1969/Pixabay

Sie haben es gehört-Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.“ –Also dann auf Galiläa. Dort werden wir ihn sehen. Aber wo ist dieses Galilä?

Gewiss zuerst einmal ist das biblische Galiläa im Norden Israels westlich des Sees Genezareth gemeint. Der Name „Galiläa“ ist wohl eine Abkürzung von galil ha-gojim; das heisst: „Bezirk der Heiden“. In Jerusalem verachtete man diesen Teil des Landes, denn da wohnten Juden und Heiden. Die „reine Religion“ war da kaum zu praktizieren. „Kann aus Nazareth (in Galiläa) etwas Gutes kommen?“. Wir kennen die Frage des Nataneal, die die Vorbehalte der Frommen ins Wort bringt.

Aber ist dieses Galiläa gemeint? Müssen wir jetzt alle auf Pilgerfahrt nach Israel gehen?

Schauen wir bevor wir das Ziel ins Auge nehmen einen Moment auf den Ostermorgen in Jerusalem, so wie Markus ihn überliefert hat.

Es gibt gleich zwei Zeitangaben:

  • Die erste: als der Shabbat vorüber war, kauften die Frauen die Öle – der Shabbat markiert den letzten Tag der Schöpfung, einen Abschluß. Eine Zeitangabe, die rückwärts gerichtet ist.
  • Die zweite: Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab. – der erste Tag der Woche steht für den Neuanfang. Nichts ist an diesem Morgen alt, vertraut oder bewährt. Der Stein ist weggewälzt und das Grab ist leer!

Ein junger Mann gibt den Frauen drei Aufträge: „Seht – geht – sagt!“

  • Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte“. – das ist ein letzter Blick in die Vergangenheit. Ein letzter Blick auf den Karfreitag.
  • Geht“ –hier könnt Ihr nicht bleiben. Das ist der Ort der Toten. Immer dann wenn in der Schrift Menschen mit Gott in Berührung kommen, trifft sie das Wort „Geh!“, können sie nicht bleiben, sondern müssen aufbrechen.
  • Sagt es seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa“ – die Botschaft von der Auferstehung will verkündet werden. „Zeugen der Auferstehung“ sind nötig. (Apg 1,22)

Und jetzt beginnt das Problem. Haben Sie noch den letzten Satz des Evangeliums im Ohr: „Sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.“? Damit endet ursprünglich das Markus-Evangelium.

Im Markus-Evangelium finden wir keine der uns vertrauten Ostergeschichten, die so schön helfen, im Ansatz zu verstehen, was geschehen ist: kein Wort über die Begegnung des Auferstandenen mit Maria von Magdala, kein Wort von den Emmaus-Jüngern, keine Erzählung von dem zweifelnden Thomas. Nur dieser eine Hinweis: „Er geht euch voraus nach Galiläa“.

Wir werden uns also aufmachen müssen, so wie die Jünger damals. Allerdings dieses Galiläa finden wir auf keiner Landkarte, dieses Galilää ist unsere Welt. Es sind die Glaubenden und die Ungläubigen, die Frommen und die Lauen, die Heiligen und die Sünder, die Guten und die Bösen. Dieses Galiläa ist unsere Alltagswelt, das, was wir tagtäglich erleben. Dort finden wir den Auferstandenen.

Jetzt sind eigentlich Sie an der Reihe. Sie müssten sich jetzt erzählen, wie sie in Ihrem Alltag die Spuren des Auferstandenen entdecken. Vielleicht werden Sie jetzt sagen: Ich doch nicht! Wo denn?

Und dann würde ich Sie fragen: Haben Sie schon einmal „Zuwendung, Heilung, Versöhnung, Vergebung“ erlebt?
Denn davon ist in den Geschichten von Jesus die Rede, die sich Galiläa ereignet haben.
Das bleibt nicht beschränkt auf seine drei irdischen Jahre, sondern das wird auch heute noch erlebt wird: Zuwendung, Heilung, Versöhnung, Vergebung – in Ihrem Ort, unserer Welt. Spuren des Auferstandenen

Jetzt müssten Sie davon sprechen, wie Sie den Herrn getroffen haben: und zwar in all den Menschen, mit denen er sich solidarisierte: mit den Kranken, den Fremden, den Ausgestoßenen, den Leidenden.

Jetzt müssten Sie berichten von den Augenblicken in Ihrem Leben, wo es nach langer Nacht in Ihrer Seele wieder Tag wurde, wo Sie neue Hoffnung schöpften, wo es plötzlich doch wieder Zukunft gab!

Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“, heißt es in einem Kirchenlied.

Ostern ist das Fest der Hoffnung – und wir erleben es in den kleinen Hoffnungsgeschichten mitten in der Welt, mitten in unserer Welt.

Machen wir es nicht wie die Frauen im Markus-Evangelium. Schweigen wir nicht! Reden wir davon, wie wir dem Auferstandenen in unserem Galiläa, in unserer Welt begegnen. Wir brauchen keine Ostergeschichten: wir sind Maria von Magdala, wir sind die Emmaus-Jüngern, wir sind der ungläubige Thomas.

Also dann: auf nach Galiläa. Ich bin dabei. Gehen Sie auch mit?

 

 

Unter dem Kreuz ausharren

oder: Lieben bis es weh tut
Gedanken vor dem Verlesen der Passion am Karfreitag

(c) couleur/pixabay

Ich hoffe, Sie sitzen alle gut oder haben einen festen Stand. Denn jetzt geht es zur Sache! Die ganze Welt drängt sich jetzt hinein in die Kirche von Lind – besonders die leidende Welt.
Die Geschlagenen, die Verleugneten, die Enttäuschten, die Verratenen, die Opfer von Gewalt und Verleumdung, falscher Anklagen und schnellen Prozessen.
Und mittendrin, Sie und ich – niemand kann sich drücken und verdrücken – jetzt wird die Geschichte erzählt von dem, der allen wohl getan hat und dem man doch übel mitspielte.

Ich weiß, Sie kennen die Geschichte. Je nachdem wie alt Sie sind, haben Sie sie schon Dutzend Male gehört; aber schalten Sie jetzt bitte nicht ab, bleiben Sie bitte dran. Nein, bleiben Sie bitte drin in der Geschichte.

Entsetzen Sie sich bitte über das, was da geschickt, erschrecken Sie über das Verhalten der Menschen, gehen Sie mit Jesus seinen Weg – und sehen Sie in seinem Gesicht die Gesichter der Leidenden dieser Welt.

Für den Evangelisten Johannes ist der Kreuzweg nicht nur ein Leidensweg, sondern der Weg zu einer Thronbesteigung. Johannes hat lange nachgedacht über dieses Ereignis, das nicht nur ihm unverständlich ist.

Ein souveräner Jesus begegnet uns in seiner Passion. Das Aufrichten des Kreuzes, seine Erhöhung ist eine königliche Thronerhebung. „Wenn ich über der Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“, hat er zu Nikodemus gesagt.

Sagen Sie bitte nicht, dass Sie das sofort verstehen. Ein König, der ans Kreuz geheftet wird. Ein König, der nicht von oben herab regiert, sondern der alle an sich zieht.
Alle, nicht nur die Frommen, nicht nur die Erfolgreichen, nicht nur die auf der Sonnenseite des Lebens. Vor allem jene, die ihre Wunden scheu vor den anderen verbergen, die leiden und weinen in den stillen Nächten des Lebens. Alle, auch Sie und mich.

Ein geistlicher Lehrer (Ignatius von Loyola) empfiehlt uns, Christus unsern Herrn sich gegenwärtig und am Kreuz hängend vorzustellen und ein Gespräch zu halten, so „wie ein Freund zum anderen spricht“ (EB 53+54).

Kommen Sie also bitte mit bis unter das Kreuz: hier fällt aller Egoismus in den Abgrund des Todes.

Hier wird mir bewusst, wie sehr die Gewalt der Sünde jedem den Weg in die Zukunft verstellt – die eigene Sünde wie auch die Sünde der anderen, die mir schadet.

Hier werden die selbstverständliche Lüge und das Böse der Gewalt offenbart.

Hier sehe ich, was der Apostel Paulus meint, wenn er schreibt: „Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2,6-8)

Und dies nicht anonym, für die Menschheit schlechthin, sondern für mich.

Wer dessen gewahr wird, wer erkennt – der hängt da am Kreuz für mich –, der kann sich nicht abwenden und teilnahmslos von dannen ziehen. Der muss sich fragen lassen, was tue ich denn? Trete ich ein in diese Zuneigung Gottes zu den Menschen?

Mutter Theresa hat einmal gesagt: „Lieben, bis es weh tut!“
Ja es gibt Liebe, die weh tut, Liebe, die anstrengt.
Die Liebe in schlechten Tagen, in Krankheit, in Krisen.
Es gibt den Schmerz der Liebe, die keine entsprechende Gegenliebe findet und auch die Liebe, die nach der Liebe Gottes ruft und anscheinend keine Antwort erfährt.
Lieben, bis es weh tut! – wer mit dieser Absicht unter dem Kreuz steht, wird erleben, dass der Tod am Kreuz Anfang eines österlichen Triumphes ist. Aber zuerst gilt es unter dem Kreuz auszuharren. Lassen wir uns jetzt darauf ein

Keine Wellness für das Weizenkorn

Gründonnerstag in Lind

Mühle – falco/pixabay

Wellness“ ist ein modernes Wort, obwohl es schon vor über 300 Jahren entstanden. Heute versteht man darunter vor allem Methoden und Anwendungen, die das körperliche, geistige und seelische Wohlbefinden steigern.

Stellen wir uns einmal vor: da ist ein Weizenkorn, das beim Aufsammeln in der Scheune übriggeblieben ist. Es hat nicht die Reise in die Mühle angetreten, wo es zu Mehl gemahlen werden sollte. Stattdessen liegt es in der Scheune, von der Sonne beschienen; ja so lässt es sich aushalten. „Wellness für das Weizenkorn“.

Aber es bleibt allein; mehr noch, es muss erfahren, ich bin zu nichts nütze. Ein Weizenkorn, das nicht gemahlen wird, dient zu nichts.

Man muss kein ein gläubiger Mensch sein, um zu erkennen, „leben nur für sich selbst“, hat keinen Sinn. So lehren Judentum und Christentum die Nächstenliebe, der Islam die Brüderlichkeit und auch die franz. Revolution und der Humanismus haben sich die Brüderlichkeit und Solidarität auf die Fahnen geschrieben.

Heute abend geht es auch um Weizenkörner und um Trauben – allerdings um Weizenkörner, die gemahlen wurden, damit aus dem Mehl Brot wird und Trauben, die zerrieben wurden, damit daraus Wein wird. Es geht um die eucharistischen Gaben, Brot und Wein. Sie sind uns Sakrament, Zeichen für Jesu Sterben und für sein Leben.

Jesus geht seinen Weg der Hinwendung zum Menschen bis zum Ende und zerbricht, wie die Körner, die gemahlen wurden, und die Trauben, die gekeltert wurden.

Es gibt keine besseren Zeichen für die Existenz Jesu als Brot und Wein. „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut“ sagt der Herr. Es bleibt wie schon seit Noachs Zeiten: Gott bindet sich die Menschen, Gott bindet sich an uns und diese Bindung zerbricht nicht im Tod, sie hält den Tod aus. Ja, bis zum Letzten, bis aufs Blut hält er den Bund mit uns durch.

Auch unser Leben kennt Zerbrochenes. Auch unser Leben weiß, was es heißt, zwischen die Mühlsteine zu geraten, getreten, zertreten zu werden.
Jesus lässt sich darauf ein.

Unsere Zerbrechlichkeit macht er sich zu eigen. Er geht mit uns in die Nacht des Todes, die sich in so vielen Nächten des Lebens widerspiegelt.

Wegzehrung“ – nennt man die Eucharistie, die dem Sterbenden gereicht wird. Weil es auch für unseren Tod gilt: Gott bindet sich an uns und diese Bindung zerbricht nicht im Tod, sie hält den Tod aus! Den treuen Gott kann nichts von unserer Seite vertreiben. Christus bleibt der Weggefährte, indem er sich selbst uns zur Speise gibt.

„Wegzehrung“ ist die Eucharistie für jeden Angefochtenen, für jeden, der zermahlen, getreten, zertreten wird. Für jeden, dessen Schicksal dem „Schicksal“ von Brot und Wein gleicht.

Dies ist hier kein Mahl der Seligen, sondern ein Mahl der Zerbrochenen – auch dann, wenn sie nicht alle leibhaft anwesend sind. Aber sie stehen mit uns um den Altar:
die Kranken in den Krankenhäusern und bei uns zuhause;
die Menschen, deren Lebensträume zerplatzt sind wie eine Seifenblase, die vor den Scherben ihres Lebens stehen;
die Mutlosen, Resignierten, Hoffnungslosen
und so viele andere, die das Schicksal des Zerbrochen-Seins am eigenen Leib erfahren haben und erfahren.

Empfangt, was ihr seid: Leib Christi; Denn ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi“ sagt der Heilige Augustinus. So werden die Zerbrochenen dieser Welt zum Leib Christi. Die Wandlung geht nicht an uns vorbei. Sie erfasst uns.

In dieser Versammlung gibt es deshalb nichts Privates mehr! Wenn wir Leib Christi sind, dann nie für uns allein nach dem Motto „Mein Jesus, mein Gott, mein Himmel“; sondern dann sind wir wie der Leib Christi immer nur für andere – so wie Jesus Existenz ein Leben für andere war.