Dufte Typen

Weihrauch ist mehr als ein Duft im Gottesdienst.
Er erinnert daran, welche Spuren unser Reden und Tun hinterlassen.
Eine adventliche Frage: Wonach „riecht“ unser Leben?

Auch am 3.Advent: ein Zelt vor dem Altar und ein König aus der Krippe.

Der König steht für uns: Menschen, die unterwegs sind, oft ohne das Ziel genau zu kennen. Und das Zelt erinnert an die alte biblische Erfahrung: Gott geht mit. Er wohnt nicht fern, sondern mitten unter seinem Volk – unterwegs, im Provisorium, auf dem Weg.

Vor dem König lag letzten Sonntag eine Schale mit Myrrhe – ein Zeichen für das Bittere und Schwere, das jeder von uns mitbringt. Unser Adventbild hat uns eingeladen, das nicht zu verdrängen, sondern ehrlich anzuschauen.

Heute jedoch liegt etwas völlig anderes vor dem König: kein bitteres Harz, sondern einer der kostbarsten Düfte der Antike – Weihrauch. Symbolisiert durch das Weihrauchfass.
Weihrauch war in der Antike kostbarer und teurer als Gold. Es ist Harz, das aus dem Stamm des Weihrauchbaumes gewonnen wird.

Wurden Opfertiere verbrannt, sollte der Duft des Weihrauchs die Gottheit gnädig stimmen. Gleichzeitig trug der Rauch die Bitten der Menschen empor. In den Straßen der Antike zog ein Weihrauchträger vor Würdenträgern her und verbreitete Wohlgeruch. Kleidung wurde nicht selten mit Weihrauch parfümiert und er wurde wie Kaugummi gekaut – für guten Atem.

Hin und wieder erleben wir es im Gottesdienst: wenn Weihrauch angezündet wird, verteilt er sich schnell im ganzen Raum und riecht sehr intensiv.
Gerüche sind in unserer Welt sehr wichtig. Unser Verhalten machen wir oft von den Gerüchen abhängig. Wir kaufen, was gut riecht, wir machen einen Bogen um etwas, das stinkt.
Wenn man jemanden nicht mag, sagt man: „Ich kann ihn nicht riechen“ oder eine Sache, die mich ziemlich ärgert, „stinkt mir“.
Wir sind Christi Wohlgeruch„, sagt Paulus in seinem 2.Korintherbrief – ein ungeheurer Anspruch. Wohlgeruch meint nicht den Duft eines Parfüms, das schnell verfliegt, sondern etwas Bleibendes, was die eigene Welt erfüllt.

So erzählt der Weihrauch hier heute von uns: in unserer Welt stinkt soviel zum Himmel. Wir selbst können etwas daran ändern, in der Welt, in der wir leben, in unseren Familien, unseren Beziehungen, am Arbeitsplatz. Durch unser Verhalten können wir aus manchem Gestank einen Wohlgeruch machen. Unsere Welt braucht Christi Wohlgeruch, braucht Christen, in deren Nähe sich die Menschen wohlfühlen.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim“, haben wir am vergangenen Sonntag gesagt und uns an das Bittere der Jahres erinnert. Heute geht es um unser Reden und Tun in diesem Jahr. War es geprägt vom Duft der Wahrheit, des Lebens, der Liebe? Haben wir geduftet nach dem Evangelium?

Waren wir in diesem Sinn dufte Typen? fragt uns der König heute.

Foto: Friedbert Simon/Pfarrbriefservice

Komfort des Trostes

Was wäre, wenn Trost kein billiger Ersatz wäre, sondern ein kostbarer Komfort?
„Comfort ye“ – so beginnt Händels Messias. Ein Klang, der nicht erklärt, sondern trägt.
Ein Adventsgedanke über einen Gott, der bleibt – und den Trost zur Lebensmelodie macht..

Wer es lieber klassischer instrumentiert hören möchte: HIER ist der Link!

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Comfort ye“  so beginnt Händels Messias.  Dieser Eingangschor greift einen Text des Propheten Jesaja auf. „Comfort ye“ heißt übersetzt: „Tröste dich“ – oder noch persönlicher: „Lass dich trösten.“ Man könnte auch das Sprachspiel wagen: Leiste Dir den Komfort des Trostes!

Trost – was ist das überhaupt:  Trost bedeutet zuerst einmal: da nimmt mich jemand ernst, meinen Kummer, meinen Schmerz, meine Tränen berühren ihn, weil ihm etwas an mir liegt.
Da hört mir jemand zu, da nimmt mich jemand in den Arm, da teilt jemand meinen Schmerz, da sagt mir jemand ein gutes Wort.

Es gibt so viele Trostlosigkeiten im Leben: nicht nur der Verlust eines Menschen, nicht nur der Bruch einer Beziehung, nicht nur ein großer Schmerz. Es gibt den Schmerz der Kinder, die Enttäuschung des Freundes, das Mobbing am Arbeitsplatz, das Gefühl, zu versagen in der Schule, im Studium, im Beruf. Manche Leiden sind laut, andere legen sich still wie Mehltau über das Leben: Niedergeschlagenheit, Depressionen, eine bleierne Traurigkeit.

Es gibt so viele Trostlosigkeit im Leben, da ist Trost gefragt. Und wir wissen: wichtiger als eine besondere Tat oder ein kluger Rat ist die Gegenwart eines besorgten Menschen. Wenn jemand uns in einer solchen Situation sagt: „Ich weiß nicht, was ich sagen oder tun soll, aber du darfst wissen, ich bin bei dir und lasse dich nicht im Stich“, dann haben wir einen Menschen gefunden, durch den wir Trost erfahren.

Die heutige Lesung macht deutlich: Gott kennt die Trostlosigkeit des Menschen. Er weiß, dass wir Trost brauchen.
Jesus selbst nennt den Heiligen Geist den „Tröster“ (Joh 14,16). Paulus spricht vom „Gott der Geduld und des Trostes“ (Röm 15,5).
Und schon im Alten Testament hören wir diese Stimme: Als das Volk Israel siebzig Jahre im babylonischen Exil lebte, wurde ein Prophet gesandt mit der Botschaft: „Tröstet, tröstet mein Volk“, spricht euer Gott. Trostvolle, fast schon zärtliche Worte!

Was ist das für ein Gott, der so zu den Menschen spricht?
Er selbst gibt die Antwort: Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.

Das ist die Frohbotschaft, die wir an Weihnachten feiern: Gott ist nicht der Ferne geblieben, er hat sich in Jesus darauf eingelassen, solidarisch mit uns zu leben, unsere Freude und Leiden, die Last des Lebens mit uns zu teilen.

Ja, er ist der Trost der ganzen Welt, nicht der Gott der schnellen Antwort und Lösung.
Trost, das wissen wir alle, bedeutet auszuharren, zuzuhören, mit dem anderen die Schwäche und Ohnmacht zu teilen.
Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr wird mir bewusst, was es bedeutet, wenn dieser menschgewordene Gott den Namen „Immanuel“ trägt, „Gott ist mit uns“. Gott harrt bei mir aus in allen Trostlosigkeiten meines Lebens.

Auch wir sind eingeladen, uns den Komfort des Trostes zu leisten. Schaut man im Lexikon nach, dann wird das englische Comfort übersetzt mit: trösten, ermutigen, beruhigen, erfreuen, laben, ermuntern.

Das könnte schon fast ein Programm sein für den Advent sein. Ausschau zu halten nach denen, die den Trost nötig haben. Sie trösten, ermutigen, beruhigen, erfreuen, laben, ermuntern.
So werden wir Wegbereiter der Erlösung
und Hoffnungsbotinnen und -boten. So können wir Gebeugten neuen Lebensmut
und neue Hoffnung zu schenken.

Leisten wir uns den Komfort, den Trost Gottes anzunehmen – und einander zu trösten.
Dann wird das „comfort ye“ vielleicht tatsächlich zur tragenden Lebensmelodie unseres Lebens.

ADVENT in DERNAU – Rorate-Messe

Myrrhe im Advent – dem Bitteren einen Raum geben

Ein leeres Zelt, ein König aus der Krippe – und eine Schale mit Myrrhe.
Unser Adventbild lädt ein, auch dem Schweren und Bitteren Raum zu geben.
Warum das kein Widerspruch zum Advent ist.

Was ist das denn hier vor dem Altar: ein Zelt? Davor ein König aus der Krippe? Und was liegt da in der Schale vor ihm?

Ja, Sie sehen richtig: ein König aus der Krippe. Und er ist nicht zu früh dran. Er steht symbolisch für uns, die wir – wie er – unterwegs sind. Auch er ist aufgebrochen, ohne das Ziel zu kennen. In diesem Advent will er uns begleiten, zusammen mit seinen beiden Weggefährten.

Und das Zelt? Das führt uns weit zurück. In einer der ältesten Erzählungen der Bibel wohnt Gott selbst in einem Zelt. Als das Volk Israel, befreit aus der Sklaverei Ägyptens, durch die Wüste zieht, wohnt es in Zelten – und Gott wohnt mitten unter ihnen: außerhalb des Lagers in einem eigenen Zelt. Darin werden die Tafeln der Zehn Gebote aufbewahrt. Zeichen seiner Gegenwart. Das Volk Israel nimmt Gott mit auf seinem Weg, trägt Gott quasi mit sich im Gepäck.
Sie ahnen vielleicht wohin das führt, wenn Sie an Weihnachten denken. Aber noch sind wir im Advent!

Vor dem König liegt in einer Schale etwas Harz – eines der drei Gaben der Weisen. Auf den ersten Blick kein Geschenk, das eine junge Familie dringend braucht. Also muss es mehr bedeuten.

Das Harz ist wohlriechend, aber es schmeckt bitter. Es ist Myrrhe. Ein Luxusgut damals.
Es desinfiziert und hilft Blutungen zu stillen und Narben zu bilden. Man verwendet es zur Einbalsamierung der Toten. Der Wein, der Jesus am Kreuz gereicht wurde, war wohl auch mit Myrrhe angereichert als Betäubungsmittel
Myrrhe – das ist kein weihnachtliches Symbol. Es passt eher zum Karfreitag. Und doch gehört es zu diesem Advent.
Denn dieser König bringt das Bittere unseres Lebens mit. Die Myrrhe steht für all das, was uns zusetzt: Belastungen, die auf der Seele liegen wie ein Stein. Verletzungen, die nicht heilen wollen. Erfahrungen, die uns wehgetan oder müde gemacht haben.

Damit wird klar: Unsere Installation ist keine adventliche Dekoration.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim“ – So fragt mich der König mit seinem Geschenk: was bringst Du Bitteres mit aus diesem Jahr? Welches Leid hast Du erfahren? Welche Enttäuschungen und Verwundungen begleiten Dich, die nicht so schnell heilen wollen? Was hast Du Tödliches erfahren? Was hat dir den Atem genommen, was war zu schwer?
Das sind keine leichten Fragen. Oft verstecken wir ja das Bittere, das Unangenehme  – so als dürfe es keinen Platz haben.

Aber auch die schweren Stunden kehren an Weihnachten heim. Und im Advent darf ich sie noch einmal anschauen, ohne Angst, ohne Beschönigung. Genau dazu will uns dieses Adventbild hier vorne einladen und ermutigen.
Der König geht mit uns – gerade mit dem, was bitter ist.

2.Advent in Dernau

Das Warten nicht verlernen

Advent im Einkaufszentrum

Advent ist die Zeit des Wartens – eigentlich. Doch was bleibt davon übrig, wenn wir durch Lichterglanz und Termindruck hetzen? Ein Impuls, der ermutigt, sich nicht treiben zu lassen und neu zu entdecken, worauf wir wirklich warten.

Stell dir vor, es ist Advent und keiner wartet. Dieser abgewandelte Szenespruch passt auf die Wochen, die vor uns liegen – so wie wir sie vielerorts erleben. Statt geduldigem Warten begegnet uns überall hektische Betriebsamkeit. Vieles muss noch vor Jahresende erledigt werden, die Festvorbereitungen nehmen uns in die Pflicht, die Termine der „besinnlichen Stunden“ häufen sich – und doch kommt kaum jemand zur Besinnung. Es wartet niemand, höchstens auf die rechtzeitige Lieferung der eigenen Weihnachtsbestellungen.

Auch die Straßen unserer Städte vermitteln kaum Atmosphäre der Erwartung. Das Glitzern und Leuchten ihrer Dekorationen begrüßt eher einen bereits angekommenen Herrscher: „König Kunde“. Gewartet wird allenfalls an den Ladenkassen auf den Feierabend, wenn das Geld in den Kassen klingelt – süßer als alle Weihnachtsglocken. Viele sehnen die Festtage herbei, weil sie endlich Raum zum Atemholen schenken, den Stress zwischen Einkauf und Umtausch für einige Stunden unterbrechen.

So erleben wir den Advent – jedes Jahr aufs Neue. Und jedes Jahr nehmen es sich viele vor: Dieses Jahr wird es anders. Weniger Hektik, kleinere Geschenke, mehr Zeit füreinander und für die Besinnung. Vielleicht tragen wir alle tief in uns ein Vor-Bild davon, wie diese Zeit des Wartens eigentlich aussehen müsste.

Warten – das wissen wir – erfordert Geduld und Konzentration. Wir können nichts anderes tun, als auszuharren; deshalb wird die Zeit uns oft so lang. Ob jemand kommt und wann jemand eintrifft, bestimmt nicht der Wartende. Warten erfordert Gelassenheit, die wächst, je sicherer ich bin, dass es sich lohnt.

So tritt uns am 1. Adventssonntag die Kirche mit einer Frohbotschaft gegenüber: Euer Warten lohnt sich, denn ER kommt. Und dabei ist nicht nur das Ereignis von Bethlehem gemeint, dem die Aufgeregtheit dieser Wochen gilt. Es geht um das Kommen des Menschensohnes, der in das Chaos der Welt tritt – nicht um Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern um zu richten, aufzurichten und in Ordnung zu bringen.

Dabei ist nicht nur der Kosmos im Großen gemeint: Auch meine kleine Welt mit ihrer ganz persönlichen Unordnung wird von ihm berührt werden. Die Sorgen des Alltags müssen mich angesichts dessen nicht verwirren; sie würden das Durcheinander nur vergrößern.
Er wird kommen und alles richten. Deshalb lohnt sich das Warten.

Wir brauchen den Advent – damit wir nicht vergessen, worauf wir warten, und damit wir das Warten nicht verlernen.


Gottes Melodie in uns – Gedanken zum Patronatsfest der Kirchenmusik

Wie klingt Gottes Melodie in unserem Leben?
Zum Patronatsfest der Kirchenmusik erinnert diese Predigt an die tiefe Kraft des Singens: Musik als Liebeserklärung an Gott, als Lebensmelodie, die uns trägt – im Chor wie im Alltag. Augustinus und Ignatius von Antiochien führen uns hinein in ein Hören, das unser Herz weitet und unseren Glauben zum Klingen bringt.

Heute feiern wir Christkönig. Und gestern war der Gedenktag der heiligen Cäcilia. Sie gilt seit dem Mittelalter als Patronin der Kirchenmusik.
Ist Musik überhaupt nötig im Gottesdienst? Ist es nötig, dass wir eine Orgel haben, einen Chor? Streng genommen: notwendig ist sie nicht. Die Messe ist gültig ohne Orgel, ohne Chor.
Trotzdem möchten wir die Musik nicht missen. Warum wohl?

Musik gehört zu den Grundäußerungen des Menschen. Er kann damit seine Gefühle ausdrücken: Liebe ebenso wie Hass, Freude ebenso wie Trauer.
Schon die kleinen Kinder fangen an, zu singen, oft wenn sie sich unbeobachtet fühlen.
Und wir Erwachsenen müssen zugeben, ohne Musik wäre das Leben ganz schön fad.
Wenn wir die Bibel schauen, müssen wir feststellen, dass immer dann, wenn etwas Besonderes geschieht, Musik eine große Rolle spielt:

  • Als Israel aus Ägypten befreit wurde, heißt es im Buch Exodus: „Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer.“ (Ex 15)
  • Können Sie sich Weihnachten vorstellen ohne den Gesang der Engel auf den Feldern Bethlehems.
  • Als der verlorene Sohn wieder nach Hause kam, feierte der Vater für ihn ein großes Fest. Von seinem älteren Bruder wird erzählt, dass er „von der Feldarbeit heimkam und Musik und Tanz hörte“.(Lk 15)

Auch die Engel im Himmel singen und wir ihnen. Jeden Sonntag, wenn wir Gottesdienst feiern, heißt es am Ende der Präfation: „darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln, mit all den Scharen des himmlischen Heeres, den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit.“

Unsere Sängerinnen und Sänger und ihr Chorleiter stehen damit in einer großen Tradition.
Allerdings stehen sie auch unter einem Anspruch. Der heilige Augustinus hat wunderschöne Worte über die Musik gefunden: cantare amantis es schreibt er an einer Stelle, das heißt übersetzt Singen ist Sache der Liebenden.
Kirchenmusik ist also nicht nur festliche Dekoration eines Gottesdienstes, sondern letztlich eine Liebeserklärung, unsere Liebeserklärung, die der Chor gekonnt in Wort und Melodie umsetzt.

In einer Predigt über Psalm 149 sagt Augustinus: „Ihr wollt Gottes Lob singen? Seid, was ihr singt. Ihr seid sein Loblied, wenn ihr recht lebt. Singt mit der Stimme, singt mit dem Herzen, singt mit dem Mund, singt mit dem Leben.“
Das ist schon ein Anspruch, den der Heilige Augustinus hier an die Sängerinnen und Sänger adressiert.

Aber, wenn wir heute über die Kirchenmusik nachdenken, geht es nicht nur um die Leute oben auf der Orgelempore und wir hier unten könnten uns bequem zurücklehnen. Es geht auch um uns alle.

Jedes Musikstück lebt von einer Melodie, sieben Noten zählt die Tonleiter. Unsere Ohren erzählen uns, was man damit alles machen kann. Die Vielzahl der Melodien, die auf Erden erklingen, ist wohl unzählbar.

Ignatius von Antiochien lebte zu Beginn des zweiten Jahrhunderts. Er wurde verhaftet und zur Hinrichtung nach Rom gebracht. Unterwegs schrieb er einige Briefe an die Gemeinden in Kleinasien.
In einem dieser Briefe lesen wir seine Aufforderung: „nehmt Gottes Melodie in euch auf“.
Ignatius war überzeugt, dass Gott jedem von uns eine Lebensmelodie zugedacht hat, ein Thema mit vielen Variationen – sein Lebensmotiv für uns. Wenn jeder die ihm zugedachte Melodie Gottes wirklich hört und in sich aufnimmt, dann wird der Zusammenklang aller Stimmen eine Symphonie.

Was ist Gottes Melodie für mich?
Ich höre sie nur, wenn ich still werde. Allerdings kann ich sie nicht auswendig lernen, denn das Lied geht immer weiter. Es wechselt im Lauf des Lebens die Tonart und sein Tempo, es bleibt immer neu, ist immer überraschend. Letztlich ist es ein Liebeslied, das Liebeslied Gottes für mich.

Was ist Gottes Melodie für mich? Manchmal ist sie mir unheimlich fremd, wie ein Missklang, nur schwer nachzusingen, nachzuleben. Dann tröstet mich der Gedanke, dass meine Lebensmelodie erst im Zusammenhang und im Zusammenklang mit den andern einen Wohlklang ergibt.

Wir können unseren Sängerinnen und Sängern dankbar Beifall schenken. Und wir können ihr Fest heute auch zum Anlass nehmen, wieder neu auf Gottes Melodie in uns zu horchen. Das wäre die schönste Ehre für die Frauen und Männer da oben auf der Empore.

Der Clown, das Feuer und wir.

Ein Clown warnt vor einem brennenden Zirkus – und niemand glaubt ihm.
Kierkegaards Geschichte hilft, Maleachis Worte neu zu hören:
Was muss in unserem Leben ins Feuer,
und was darf im Licht der Gerechtigkeit bestehen?
Gedanken am Volkstrauertag.

Clown vor brennendem Zirkus

Ein Reisezirkus war in Dänemark in Brand geraten. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon für die Vorstellung geschminkt war, ins benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen. Denn das Feuer drohte über die ausgetrockneten Felder hinweg auch das Dorf zu erfassen. Der Clown rannte hinüber und rief die Menschen verzweifelt zur Hilfe. Doch die Dörfler hielten sein Flehen für einen besonders gelungenen Werbegag. Sie lachten, applaudierten und fanden, er spiele seine Rolle hervorragend.

Der Clown jedoch war den Tränen nahe. Er beschwor sie, dass es bitterer Ernst sei – aber sein Drängen vergrößerte nur das Gelächter. Bis das Feuer wirklich übergriff. Da war jede Hilfe zu spät. Zirkus und Dorf verbrannten gleichermaßen.

Kierkegaard erzählt diese Geschichte – und sie klingt erschreckend modern.
Denn dieser Clown läuft heute noch durch die Welt, nur nicht mehr geschminkt. Er trägt Plakate der Klimabewegung, ein Regenbogenkostüm oder spricht mit der Dringlichkeit derer, die vor Zukunftsgefahren warnen.

Und doch: vielerorts belächeln wir die „Clowns unserer Tage“, als wären ihre Rufe nur Theater. Dabei brennt es – an vielen Ecken unserer Welt. Der Krieg in der Ukraine zeigt es uns mit erschreckender Klarheit.

Diese Blindheit gegenüber dem Offensichtlichen – sie ist alt. Sehr alt. Vor fast 2500 Jahren trat in Israel ein Prophet auf, Maleachi, mit einer ganz ähnlichen Botschaft. Auch er sah, wie seine Gesellschaft sich selbst beschädigt:

  • eine Priesterschaft, die Mächtigen nach dem Mund redet,
  • zerbrochene Beziehungen und Enttäuschungen,
  • eine Justiz, in der Meineide über Leben entscheiden,
  • Arbeitsverhältnisse, die Menschen ausbeuten,
  • und eine Ordnung, die Schwachen und Fremden das Recht verweigert.

Maleachi greift angesichts dieser Missstände zu einem starken Bild:
Denn seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen.
Da werden alle Überheblichen und Frevler zu Spreu;
der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, spricht der Herr der Heere.“ (Mal 3,19)

Der „Tag des Herrn“ wird ein Tag der Entscheidung sein.
In der Sprache der Bibel heißt das: Das Unrecht, das Unwahre, das Zerstörerische wird keinen Bestand haben.

Wenn wir dieses Bild ernst nehmen, können wir uns fragen:
Was in meinem Leben müsste ein Raub der Flammen werden?
Wir verbrennen ja gern, was wir nicht behalten wollen.

  • Was an Vergangenem sollte in Flammen aufgehen?
  • Was in mir möchte ich nicht mehr mit mir herumtragen?
  • Wo brauche ich Reinigung – so wie Edelmetall im Feuer geläutert wird?

    Ein Moment Musik aus Taizé hilft, diese Fragen an sich heranzulasse.

Aber Maleachi kennt nicht nur das Feuer, das verbrennt. Er kennt auch das Licht, das wärmt und heilt:
Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet,
wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen,
und ihre Flügel bringen Heilung.“ (Mal 3,20)

Darum dürfen wir auch fragen:

  • Was in meinem Leben kann bestehen im Licht der Gerechtigkeit?
  • Was möchte ich hineinhalten in dieses Licht, damit es wachsen und Bestand haben kann?

    Die Taizé-Melodie öffnet Raum zum Nachdenken.

Maleachi stellt uns heute beides vor Augen:
das Feuer, das reinigt –
und das Licht, das heilt.

Beides zeigt, was Gott will:
nicht vernichten, sondern klären;
nicht erschrecken, sondern aufrichten.

Darum dürfen wir unser Leben neu in dieses Licht der Sonne der Gerechtigkeit stellen –
in ein Licht, das uns führt,
und eine Wärme verströmt, die uns Kraft schenkt für das, was kommt.