Richtiger Zeitpunkt

Benedikt XVI. hätte kaum einen günstigeren Zeitpunkt für seine Rücktrittsankündigung wählen können, als die Tage vor der Fastenzeit; denn in diesen 40 Tagen geht es um die geistliche Reise nach Innen, geht es um die wesentlichen Fragen des Lebens. Nicht um Ämter und Posten, nicht um Namen und Bezeichnungen, nicht um den Mainstream der öffentlichen Meinung, nicht um Ruhm und Ehre. Es geht wie der Papst selbst heute sagte um die Fragen: „was zählt in meinem Leben?“ und „Welchen Platz hat Gott in meinem Leben?“

Vergelt’s Gott

Die Nachricht vom Rücktritt des Papstes hat mich und viele andere im Rheinland zum Beginn des Rosenmontagszugs erreicht. Auf den ersten ungläubigen Schreck folgte ein großer Respekt vor dieser Entscheidung. Wenn ein Mensch vor sich und der Welt seine eigenen Grenzen eingesteht, dann ist dies ein Zeichen von Größe und Demut zugleich.

In Bonn hat Benedikt XVI. seine theologische Laufbahn begonnen. Daran erinnern sich noch viele in unserer Stadt. Das „Heimweh nach Bonn, nach der Stadt am Strom, ihrer Heiterkeit und ihrer geistigen Dynamik“ ist ihm geblieben, wie er es selbst in seiner Biografie bekannt hat. Unvergessen sind mir die Begegnungen mit ihm, unter anderem mit unserer damaligen Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann 2007 auf dem Petersplatz.

Benedikt XVI. ist ein großer Theologe und ein weiser geistlicher Lehrer. Viele seiner Worte werden uns noch lange begleiten, viele seiner einfachen, aber eindrucksvollen Gesten uns noch lange in Erinnerung bleiben. Am Ende dieses Pontifikates sind wir dankbar für diesen Nachfolger des Apostels Petrus.

Vergelt’s Gott!

Mission (im)possible

Jesus hat keine anderen!

Wenn es nach Fischer_Netzdem Mainstream ginge, dann wäre die Mission des Jesus von Nazareth schon im Anfang gescheitert. Ein erfolgloser Fischer, der die ganze Nacht umsonst gefischt hat und jetzt mit leerem Netz vor ihm steht. Der auch noch öffentlich bekennt: „ich bin ein Sünder“, ein Versager, ein Loser. Einen solchen Bewerber stellt man nicht ein. Mission unmöglich! Mission impossibile.

Jesus von Nazareth setzt auf ihn, obwohl das lose Mundwerk und die Selbstüberschätzung des Fischers Petrus ihn noch wütend machen und enttäuschen werden. Er weiß um die Fehler und vertraut ihm trotzdem „seinen Laden“ an. Er hat keinen anderen – damals nicht und heute nicht!

Die Kirche des Jesus von Nazareth kennt viele Heiligen, aber sie besteht von Anfang an nicht nur aus solchen. Vom Papst angefangen bis hin zum einfachen Gläubigen – alle wollen das Beste und ertappen sich wie der Apostel Paulus dabei, dass sie das Böse tun. Und doch: damals wie heute setzt Jesus auf sie. Er hat keine anderen. Für ihn ist mit ihnen Mission möglich.

Wenn doch nur alle etwas demütiger würden. Schon Karl Rahner gesagt, dass die Leitungskräfte nicht immer die besten Christen sind. Er vergleicht es mit einem Schachclub, dessen beste Spieler zu den Turnieren fahren, während andere im Vorstand sitzen. Der Vergleich mag manche fromme Seele erschüttern, aber er trifft die Sache.

Die Weihe macht aus begrenzten Menschen keine Allround-Genies. Das hat man uns lange glauben machen wollen. Priester und Bischöfe bleiben Menschen mit Stärken, Kompetenzen und Charismen, aber auch mit Schwächen und Grenzen. Immer wieder hat man den Menschen eingeredet, sie dürften von den Amtsträgern alles an Fähigkeiten erwarten, und wundert sich heute, dass die Erwartungen so hoch geworden sind. Ihnen kann niemand mehr gerecht werden – weil niemand ein Alleskönner ist!

Johannes XXIII. hatte wohl einen realistischen Blick auf sich selbst, auf die Kirche und auf die Welt. Johannes, der sich selbst nicht so wichtig nehmen wollte, propagierte für die Kirche das „Aggiornamento“. Er wollte sie auf die Höhe der Zeit bringen, was nicht bedeutet, der Zeit anpassen.

Die Welt hat in den letzten 100 Jahren eine Entwicklung durchgemacht wie in keinem Jahrhundert vorher. Dies anzuerkennen, statt zu jammern und zu klagen, wäre ein erster Schritt hin zum „Aggiornamento“. Es wäre ein erster Schritt runter vom Podest! Wer bei den Menschen ist, findet auch überzeugende Antworten auf die Fragen der Menschen von heute.

Nur demütig müssen wir bleiben, unseren selbst gebastelten Heiligenschein abnehmen. Wir tragen unseren Schatz in zerbrechlichen Gefäßen. Und die sind wir selbst. Aber Jesus hat keine anderen für seine Mission – das gibt mir Mut.

Wer die Geschichte nachlesen will:Petrus – Bibel Lukas Evangelium Kapitel 5, Verse 1 -11
Paulus – Bibel Brief an die Römer Kapitel 7, Vers 19

Bildnachweis Rolf/pixelio.de

Jesus steht in der Schlange – keine VIP-Behandlung für den Mann aus Nazareth

Wer schon einmal in England war, weiß, dass die Briten eine Eigenschaft haben, die uns weitgehend fehlt. Sie können in der Schlange stehen und haben sogar ein eigenes Verb Schlangestehendafür. So stehen sie geduldig an, keiner drängelt vor, jeder ist dran, wenn er oder sie an der Reihe ist.

„Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen“, heißt es im Evangelium – Ich stelle mir das bildlich vor: da steht Jesus in der langen Schar derer, die von Jerusalem herabgekommen waren, um den Täufer zu hören und sich als Zeichen ihrer Buß Gesinnung taufen zu lassen. Ein lange Schlange! Da steht vor ihm vielleicht der Soldat, der andere misshandelt oder erpresst hat, da steht hinter ihm der Reiche, der statt zu teilen immer noch mehr wollte, da steht neben ihm die gescheiterte Existenz und vielleicht auf der anderen Seite der, der nicht mehr weiter weiß und schon abgeschlossen hat mit seinem Leben. Keine Sonderbehandlung für den Mann aus Nazareth, keine VIP-Lounge, kein Vorrang vor anderen. Er steht in der Schlange. Er hat wie wir als Mensch gelebt, in allem uns gleich, außer der Sünde – so beten wir im Hochgebet der Messe.

Er ist bei denen, die mit sich selbst ins Reine kommen wollen, wie die anderen steigt er in den Jordan. Er taucht ein in die Fluten der Schuld und des Versagens, steht mitten in den Sünden der Menschen.
Er steht nicht nur damals in einer Reihe mit den Menschen, auch heute scheut er sich nicht, mit uns gemeinsam vor dem Vater zu stehen.

AhrweilerIn der Pfarrkirche in Ahrweiler gibt es eine Malerei der Taufe Jesu. Jesus steht in der Ahr – hinter ihm die Kulisse der Stadt mit ihren Stadttoren. Für den mittelalterlichen Künstler war klar: das ist keine Geschichte von anno dazumal; das, was wir heute feiern, ist Gegenwart.

Jesus taucht auf und der Himmel öffnet sich – wie an Weihnachten auf den Feldern Bethlehems.
Himmel und Erde sind nicht mehr unendlich weit von einander entfernt und Gegensätze, sondern sie rücken zusammen.
Der Geist Gottes ist am Werk und schafft Neues zwischen Menschen und Gott.
Eine Stimme vom Himmel berichtet uns von dem innigen, ja intimen Verhältnis zwischen Gott und diesem Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ 

Was dort am Jordan geschehen ist, ereignet sich in jeder Taufe: Wir werden zu Kindern Gottes, zu „Erben Gottes, Miterben Christi“ (Röm 8,17) Wir sind geliebte Kinder Gottes, Geliebte Söhne und Töchter.

Zu einem Zeitpunkt, da wir nicht vorweisen konnten: Weder außerordentliche Schönheit, weder Majestät noch Intelligenz, zu einem Zeitpunkt, da wir hilflos angewiesen waren auf andere, ist auch für uns der Himmel aufgegangen.

Wer getauft ist, hat nicht nur die Erde, das Diesseits im Blick – wer getauft ist, lebt mit der Option für den Himmel und er darf diese einbeziehen in jedem Augenblick seines Lebens.

Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter, so wie Du bist! Das ist der „cantus firmus“, der unser ganzes Leben durchzieht vom Augenblick der Taufe an. Wenn das doch in unseren Kopf – in unser Herz ginge!

Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht! Mit diesen Worten endet Bachs Weihnachtsoratorium. Gleichzeitig markieren sie den Anfang einer neuen Geschichte Gottes mit uns Menschen!

Es tut gut, am Anfang des Jahres nicht nur auf die Taufe Jesu zu schauen, sondern sich der eigenen Taufe zu erinnern.
Das Fest heute, die Erinnerung an die Taufe Jesu, schließt den Weihnachtsfestkreis ab. Es zeigt uns, was durch die Menschwerdung Gottes in unserem Leben anders geworden ist, welches Vertrauen Gott in den Menschen steckt, was Gott uns zutraut.

Wir haben wieder einmal noch 352 Tage Zeit, entsprechend zu leben.

Bildnachweis: PA/epa/Berliner Morgenpost

Das Tor ist offen – in ein (noch) unbekanntes Land

541310_web_R_by_Andrea Damm_pixelio.deTore und Türen gibt es seitdem Menschen sich Häuser und Städte gebaut haben. Wir kennen alte Pforten, schmucke Haustüren, einfache Scheunentore, hochherrschaftliche Portale, Eingangstüren zu Kirchen und Klöstern – Türe und Tore in allen Variationen, oft geben sie uns Auskunft, über das, was uns dahinter erwartet.

Für mich ist der Jahreswechsel immer wie ein Tor, das wir durchschreiten in ein Gebäude, in eine Stadt, in ein Land, das noch niemand betreten hat. Es wird auch von uns abhängen, wie wir es nach 12 Monaten verlassen werden.

Zuerst aber schließt sich in dieser Nacht hinter uns ein Tor. Das Jahr 2012 geht zu Ende. Jeder und jede von uns zieht in diesen Tagen im Stillen Bilanz: was hat das Jahr mir gebracht? Persönlich, beruflich. Für den einen gab es eine neue Arbeitsstelle, für andere einen Studienplatz oder den Einstieg in den wohlverdienten Ruhestand nach einem langen Arbeitsleben. Viele feierten Hochzeit, viele hielten ihr erstes Kind im Arm, andere trennten sich, standen vor den Scherben ihrer Beziehung. Schmerzvoll war die schwere Operation, die plötzliche Erkrankung. Traurig war der Tod eines lieben, vertrauten Menschen,  traurig war der Abschied aus einer gewohnten Umgebung. Aufregend der Aufbruch in neue Welten. Jeder und jede hat seine eigenen Bilanz.

Als Stadtdechant schaue ich zufrieden auf das Jahr zurück. Was in unseren Gemeinden, in den Vereinen und Verbänden, in den kirchlichen Institutionen, in den kirchlichen Kindertagesstätten, Schulen, Altersheimen und Krankenhäusern tagtäglich geleistet wird, produziert zwar keine Schlagzeilen und taucht in den üblichen Jahresbilanzen der Medien nicht auf. Aber ohne dieses Engagement von Hauptamtlichen und vielen Ehrenamtlichen wäre unsere Stadt ärmer und kälter.

Die Tür 2012 wird unwiderruflich hinter uns geschlossen. Es bleiben uns nur noch ein paar Stunden, um vielleicht das eine oder andere wieder gut zu machen oder ins Lot zu bringen.

Vor uns liegt ein neues Jahr, seine Tür ist noch verschlossen. Nach dem Willen des Papstes soll es eine „Tür des Glaubens“ sein, die nicht erst um Mitternacht geöffnet werden wird, sondern die uns offen steht seit unserem ersten Atemzug.

Ein „Jahr des Glaubens“ hat Benedikt XVI. ausgerufen. Da geht es natürlich zuerst einmal um unseren ganz persönlichen Glauben. Das, was uns vertraut ist, soll noch einmal aus der einen oder anderen Perspektive betrachtet, soll verstärkt werden, und uns so helfen, als glaubende Menschen zu leben.

Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben„, bekennen die Apostel in der Apostelgeschichte. Der Glaube drängt danach, öffentlich zu sein. Besonders angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen die Türe des Glaubens nicht durchschreiten, sondern für sich selbst verschließen.

Viele Menschen in unserem Land sind lange den falschen Propheten auf den Leim gegangen, die der Meinung waren, Religion solle Privatsache sein. Religion habe in der Öffentlichkeit nichts zu suchen und der Staat müsse sich weltanschaulich neutral verhalten. Deshalb sei der öffentliche Raum von religiösen Symbolen und Inhalten freizuhalten und Religion haben nur in Kirchen, Tempeln und Moscheen stattzufinden.

In der Tat: die Politik tut sich schwer, religionspolitische Themen anzupacken. Die jüngste Debatte um die Beschneidung hat dies deutlich gemacht. Dabei hat die Mehrzahl der Bevölkerung ein religiöses Bekenntnis und dokumentiert dies auch öffentlich. Deshalb müssen wir uns dagegen wehren, dass die Religion in die Gotteshäuser abgedrängt wird. Wir brauchen keine Privilegien, sondern den öffentlichen Diskurs. Ein Beispiel: wir Christen müssen im Stande sein, unseren nichtchristlichen Zeitgenossen zu erklären, welche die Konsequenzen unser Glaubens an den Schöpfergott für Beginn und Ende des menschlichen Lebens hat, oder ganz praktisch, warum es beispielsweise gut sein soll, den Sonntag arbeitsfrei zu halten.

Ich will nicht einer religiösen Politik das Wort reden oder eine politische Religion fordern. Wohin das führt, können wir in anderen Teilen der Welt sehen. Die Politik braucht die Religion, damit sie selbst nicht religiös wird – die Religionen brauchen die Politik, damit sie zivil bleiben.

Aber es geht darum, dass die eigene Überzeugung, die eigenen Werte sich auch im politischen Handeln ausdrücken. Wer statt der eigenen Werte den Populismus zum Masstab macht, sein Mäntelchen nur in dem Wind der öffentlichen Meinung hängt, dessen Tun wird hohl und unglaubwürdig. Dies gilt für Politiker und auch für Kirchenleute, für Wirtschaftsleute genauso wie für Lehrer. Wir brauchen Menschen mit Überzeugungen, die man nicht an der Garderobe des Welttheaters abgibt – gleich welche Vorstellung gerade gespielt wird.

Die überall propagierte weltanschauliche Neutralität gibt es letztlich nicht! Die Art und Weise, wie ich die Welt anschaue und das meint „Welt-anschauung“, ist von vielen Dingen geprägt. Von Umwelt, Erziehung, Bildung, politischer Einstellung, und erst recht von meiner Religion, ob sie nun christlich, jüdisch, muslismisch, buddhistisch oder areligiös ist.  Weltanschauliche Neutralität bedeutet oft,  dass man allen ein bißchen Recht gibt. Aber dadurch werden Probleme nicht gelöst, sondern nur verdeckt. 

Deshalb gilt für alle Christen in dieser Stadt: bekennen Sie sich zu ihrem Glauben in ihrem alltäglichen Handeln,  in der Politik, der Wirtschaft, in der Forschung, wo auch immer. Wir können nicht einerseits den Fundamentalismus beklagen, sei es in der eigenen, sei es in der anderen Religion und andererseits unbeteiligt zuschauen und unsere eigene Überzeugung zur Privatsache erklären.

An der Schwelle des neuen Jahres möchte ich mir und uns allen mit den Worten des seligen Johannes Paul II. zurufen: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“

Unsere Stadt hat nicht nur christliche Wurzeln und eine maßgeblich von Christen bestimmte Geschichte. Sie muss auch eine christliche Gegenwart haben, die wir gerne gestalten im Dialog mit den anderen Religionen wissend „um die gemeinsame Verantwortung für die Gesellschaft, für den Staat, für die Menschen“. (Benedikt XVI.)

(c) Foto: pixelio/Andrea Damm

Weihnachten – Das Fest der Sympathie Gottes mit uns

Audio-File (Predigt-Mitschnitt)

„Viele halten Weihnachten für ein verlogenes Fest, weil so viel von Liebe gefaselt wird, der Alltag aber dann wieder ganz anders aussieht.“ So klagte Kardinal Lehmann in einer Tageszeitung schon zu Weihnachten 2009. Aber nicht nur unsere kleine eigene Welt sieht so ganz anders aus als dieses Fest. Auch die große Welt scheint ihm zu widersprechen: Millionen von Menschen verhungern, Naturkatastrophen bringen immOer wieder neues Leid, Wirtschaftskrise, Finanzmarkt- und Bankenkrise verschärfen die soziale Situation, bewaffnete Konflikte flammen immer wieder auf und der Terrorismus verbreitet seine Angst.

Lohnt es sich da überhaupt noch nach Bethlehem zu gehen oder schaffen wir nicht besser selbst zuerst einmal Ordnung?

Wo überhaupt ist Bethlehem? Der geographische Ort scheint nicht das Ziel zu sein. Die Stadt und die benachbarten Ortschaften sowie die sogenannten Hirtenfelder sind heute Teil der palästinensischen Autonomiegebiete. Unmittelbar nördlich der Stadt verläuft die Sperranlage mit der teilweise 8 m hohen Mauer. Eine deprimierende Situation!

Aber es gibt Bethlehem nicht nur auf den Karten dieser Welt. Es ist vor allem ein Ort auf der Landkarte unsere Seele. Dort, wo wir einerseits spüren, was alles nicht in Ordnung ist, wo wir selbst leiden, erfahren, wer und was uns alles fremdbestimmt, und wo wir andererseits unsere Sehnsucht erleben nach Frieden und Zufriedenheit, nach Harmonie und Heil, nach Liebe die wir empfangen und Liebe die wir verschenken können.

Dorthin wollen wir uns aufmachen, weil wir nur dort die Botschaft verstehen können, die uns heute verkündet wird.

„Der Sohn Gottes hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden“ – so bekennen wir das, was wir heute feiern, im Glaubensbekenntnis. „Ein Skandal für den modernen Geist“ (Benedikt XVI.) Dass Gott auf diese Weise Mensch wird, stört die weit verbreitete Überzeugung, Gott dürfe zwar in Ideen und Gedanken wirken – aber nicht an der Materie. Genau das aber ist der springende Punkt: „wenn Gott nicht auch Macht über die Materie hat, dann ist er nicht Gott.“ (Benedikt XVI.)

Gott wird Mensch, wird einer von uns, mit unseren Schmerzen, mit unseren Leiden, mit unseren Freuden, und auch mit unserem Tod. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab,“ so wird Jesus selbst im Gespräch mit Nikodemus dies kommentieren. Gott hat also Sympathie für uns Menschen, nicht in dem banalen Sinn, dass wir jemanden sympathisch oder unsympathisch finden, sondern in der ursprünglichen Bedeutung „sym-patheia“ Mit-leiden. „Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“, schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper.

Gott hat Sympathie für uns Menschen bis hinein in den Tod, den er mit uns teilt – jetzt kommen wir alle mit ins Spiel. Es mag zwar hier wie im Theater zugehen: schöne Musik, emsige Akteure, hoffentlich gute Worte, aber hier wird kein Stück gespielt, hier gibt es keine Zuhörer oder Zuschauer, hier ist jeder mitten drin.

Gott hat Sympathie für jeden einzelnen von uns – ganz gleich wer wir sind, ganz gleich, was wir mitbringen, ob wir unsere Erfolge, unsere Fähigkeiten, unser Können vor uns her tragen, oder ob wir damit beschäftigt sind, die Scherbenhaufen im Leben zusammenzukehren, Zerbrochenenes zu kitten oder Zerrissenes zu flicken. Gott hat Sympathie für uns – verstehen können wir das nur im Bethlehem unserer Seele.

Was das konkret bedeutet, haben wir hier vorne versucht, darzustellen und möchten wir auch mit dem Titelbild unseres Liedblattes illustrieren.

Hier vorne haben wir das Kind eben auf einen Brotteller gelegt, um anzudeuten, dass er die Nahrung sein will, die uns das eigentliche Leben schenkt. Gott macht sich für uns zum Brot, das uns täglich nährt, ohne dass wir nicht leben und nicht überleben können. Das haben wir uns nicht ausgedacht, das hat schon der heilige Augustinus so gesehen.

ZentrumUnd auf dem Liedblatt noch einmal anders dargestellt: wir sehen den Heiligen Franziskus, der das Jesuskind hoch hebt, davor einen Priester, der die Hostie in den Händen hält, und daneben die Krippe. In ihr eine geöffnete Bibel, eine Schale mit Hostien und ein Kelch mit Wein. So erfährt der glaubende Mensch auch heute den Menschgewordenen Gott: in der Schrift und in der Feier der Eucharistie, der heiligen Messe. Weihnachten ist nicht etwas, das irgendwann einmal war; sondern hier und jetzt, in dieser Stunde, erleben wir es.

Bethlehem, wir haben es übersetzt „Brothausen“, ist also nicht nur ein Ort in Palästina, finden wir nicht nur auf der Landkarte unserer Seele, jede Kirche ist Bethlehem.

So wie die Hirten, die zur Krippe kamen, so wie die Weisen aus dem Morgenland, die den neugeborenen König suchten, können auch wir nicht bleiben, sondern müssen wieder aufbrechen, hinaus in unseren Alltag, der uns auch hierher geführt.

Aber wir nehmen von hier die Botschaft mit, dass Gott Sympathie hat für den Menschen. Das Kind von Bethlehem bestätigt unsere Menschenwürde, es lässt uns spüren, wir sind Gott etwas wert, jeder Mensch ist Gott etwas wert.

So wie Gott für uns Brot geworden ist, das lebensnotwendig ist so können wir die Botschaft von Weihnachten weiter tragen wenn wir einander zum Brot werden, genießbar, nährend und stärkend. Wir müssen nicht mit allen Menschen heute anfangen, wenn wir es an diesem Fest mit einem schaffen, dann verändert sich schon die Welt.

Bildnachweis: Titel: Sieger Köder, Weihnachten in Greccio, Kinderdorf Ellwangen, Franziskuskapelle, Rechte und Genehmigung durch Schwabenverlag –

Miteinander teilen – auf dem Weg nach Brothausen – Predigt am 4.Advent 2012

Audio-File

Wir sind fast am Ziel. Das Ortsschild „Brothausen“ steht vor uns. Noch ein paar Schritte, nur noch eine kurze Weile und wir erreichen Brothausen, Bethlehem. Das deckt sich auch mit der Erfahrung unseres Alltags: die meisten Vorbereitungen sind getan, die Weihnachtsbäume geschmückt, die Geschenke eingekauft, das Essen vorbereitet.Da kann man sich schon fast genüsslich zurücklehnen und den alten Text in der Lesung genießen, der einem seit Kindertagen vertraut ist: Du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Das Wort des Propheten Micha, das noch einmal eine Rolle spielen wird bei der Begegnung der drei Weisen aus dem Morgenland mit König Herodes.

Man könnte so richtig in Weihnachtsstimmung kommen, wenn der Kontext nicht wäre, in dem die Worte des Propheten Micha gesprochen wurden.
Wir wissen nicht viel über ihn, er lebte etwa 600 Jahre vor Christi Geburt. Vermutlich war er ein einfacher Mann, ein Schafzüchter oder Bauer; denn in vielem, was er im Auftrag Gottes den Reichen und Mächtigen von damals sagte, klingt die Erfahrung, die Wut und der Zorn des geschundenen kleinen Mannes mit. Uns würde die Laune vergehen, würden wir alles hören, was er den Menschen seiner Zeit zu sagen hatte.

Seiner Zeit? Oder vielleicht doch auch unserer Zeit?

Weh denen, die auf ihrem Lager Unheil planen und Böses ersinnen. Wenn es Tag wird, führen sie es aus; denn sie haben die Macht dazu. Sie wollen Felder haben und reißen sie an sich, sie wollen Häuser haben und bringen sie in ihren Besitz. Sie wenden Gewalt an gegen den Mann und sein Haus, gegen den Besitzer und sein Eigentum. – Wer denkt bei solchen Worten des Propheten nicht an die Immobilien Spekulanten unserer Tage, an die, die Häuser kaufen, modernisieren und die Mieter auf die Straße setzen, die anschließend die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können?

Sie fressen mein Volk auf, sie ziehen den Leuten die Haut ab / und zerbrechen ihnen die Knochen; sie zerlegen sie wie Fleisch für den Kochtopf, / wie Braten für die Pfanne. – Auch das klingt sehr aktuell angesichts einer Finanz- und Wirtschaftskrise, die Reiche reicher und Arme ärmer werden läßt. Nicht irgendwo, fern ab in Griechenland, sondern hier vor unserer Haustür „Wohlhabende Stadt mit vielen Armen In Bonn ist die Schere zwischen Reich und Arm besonders ausgeprägt“, titelte in dieser Woche die Zeitung als der Armutsbericht der Bundesregierung vorgelegt und von den Wohlfahrtsverbänden kommentiert wurde.

Und auch dieses Wort beschreibt keineswegs nur die Zustände vor über 2500 Jahren: Verschwunden sind die Treuen im Land, kein Redlicher ist mehr unter den Menschen. Alle lauern auf Blut, einer macht Jagd auf den andern. Sie trachten nach bösem Gewinn und lassen sich’s gut gehen. Angesichts mancher Nachrichten möchte man meinen, das Wort des Propheten reicht bis in unsere Tage.

„Wo um Gottes Willen soll denn das schließlich hinführen?“, fragte mich in den letzten Tagen eine ältere Frau, die mit all den schlechten Nachrichten, die auf uns einströmen nicht mehr zurechtkam?Wo soll denn das alles hinführen? Vielleicht haben sich das auch die Zuhörer des Mischa gefragt, denen er in all ihrer Verzweiflung auch Hoffnung geben wollte. Immer werden Kinder geboren, selbst unter den grausamsten Zuständen, und unter ihnen wird eines Tages eins sein, sagt Micha, aus dem für die geplagten Menschen wirklich ein Segensbringer werden wird.

Das macht die Sache für uns heute nicht einfach. Glauben wir doch, daß in Jesus Christus der Messias bereits gekommen ist. Aber wir stellen fest: Es gibt nicht weniger Unzufriedenheit und nicht weniger Mißmut, es herrscht nach wie vor Krieg und tagtäglich von Menschen produziertes Leiden.
Hat die messianische Hoffnung bzw. deren Erfüllung in Jesus von Nazareth deshalb ihre Kraft verloren? Hat sie versagt? Haben nicht doch jene recht, die sich im Namen der Vernunft, der Profitmaximierung oder welcher Maxime auch immer gar nicht auf diese Hoffnung einzulassen, die stattdessen schon längst ihre Felle ins Trockene gebracht haben?

„Und er wird der Friede sein“ sagt Micha von dem Herrscher, der geboren wird.
Frieden – im Hebräischen „Shalom“, ein Wort, das über die landläufige Bedeutung von Frieden weit hinausgeht und auch Dimensionen wie Heil, Wohlergehen, Glück, Leben in rechter Ordnung etc. miteinschließt – alles, das man nicht kaufen kann, das dort heranwächst, wo Menschen es miteinander teilen.

Das ist die Antwort. Deshalb stehen unsere beiden Menschen kurz vor Brothausen und teilen miteinander das Brot, wohlwissend, es geht beim täglichen Brot, nicht nur um das Lebensmittel für unseren Leib, vielmehr sind auch ganz andere Grundbedürfnisse gemeint, die um eines menschenwürdigen Lebens willen befriedigt sein wollen.

Teilen tut gut. In einem neuen geistlichen Lied heißt es: „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,  dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut…
Wir erleben es in unserem eigenen Leben: die Anhäufung materiellen Reichtums kann unseren Hunger und Durst nach einem erfüllten Leben nicht stillen. Was für unsere kleine Welt gilt, das gilt auch für die globalen Zusammenhänge: unsere Welt kann nur überleben als eine menschenfreundliche Welt, wenn sie lernt, zu teilen.
Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt! Die Menschen auf unserem Weg nach Brothausen sind kurz vor dem Ziel. Sie werden nur ankommen, wenn sie teilen.

Gott hat ein Date mit uns! – Gemeinsam auf dem Weg nach Brothausen – Predigt am 3.Advent 2012

Audio-File (Mitschnitt)

2012-12-16 20.49.17Der missglückte Terroranschlag auf dem Bonner Hauptbahnhof, nur einen Steinwurf von hier entfernt, und der Amoklauf in den USA mit 27 getöteten Kindern passen nicht zur Stimmung dieses Sonntags, dessen liturgische Bezeichnung „Gaudete“, „freuet euch“ ist.

Auch das Friedenslicht aus Bethlehem hat keinen einfachen Weg zu uns gehabt, es musste eine trennende Mauer überwinden, deren Verlauf auch den Bischöfen im Heiligen Land zunehmend Sorgen macht.

Hier vorne in unserer Krippenweg-Szene stehen zwei Menschen Hand in Hand, schon fast romantisch. Die Steine, die letzten Sonntag noch den Weg versperrten, sind weggeräumt, ein Strauß Rosen liegt im Vordergrund. Auch hier ein Widerspruch zu den Realitäten dieser Tage. Wie geht das zusammen?

Lassen wir uns helfen von zwei Erfahrungen glaubender Menschen.

1.) Schauen wir auf den Propheten Zefanja, der uns in der Lesung begegnet ist. Er wirkt in einer harten und verhärteten Zeit, in der besonders die Armen im Land immer ärmer wurden. Sein Name ist so etwas wie Programm „Gott hat aufbewahrt“ oder auch „Gott hat versteckt“.

Zefanja verkündet den Zorn Gottes, den Tag des Gerichts und spricht davon, dass nur „ein demütiges und armes Volk“ übrig bleibt, „das seine Zuflucht beim Namen des Herrn sucht“. Und diese gebeutelten Menschen hören von ihm: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte“ – und dann, ganz unerwartet: „Gott jubelt über dich – er erneuert seine Liebe zu dir.“

Das ist zuerst einmal das Wort eines glaubenden Menschen, der davon überzeugt ist, Gott ist da, auch wenn die Mehrzahl der Menschen nichts von ihm wissen will und so handelt, als ob es nicht gäbe.

Gott ist da – das will man gerne glauben, wenn es einem gut geht, aber wird es auch zu einem Wort der Hoffnung, in einer anscheinend ausweglosen Situation?

Nehmen wir noch einen Glaubenszeugen zu Hilfe. Es ist ein namenloser Jude aus dem Warschauer Ghetto. Mitten in Warschau wird von den Nationalsozialisten ein Sammellager errichtet. Von Mauern und Stacheldraht umzäunt, leben dort schließlich fast 400.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder. Und von hier aus werden sie in das Vernichtungslager Treblinka gebracht.

Einer der 400.000 bringt seine Verzweiflung in einem klagenden, anklagenden Gebet vor Gott: Gott von Israel – Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube.
Und schließlich mündet es in das Bekenntnis

„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht fühle.
Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.“

Mich berührt diese unbeirrbare, durch nichts zu zerstörende Hoffung. Ich wünsche mir und Ihnen eine solche Zuversicht: Auch wenn das Leben es mit mir nicht gut meint. Auch wenn ich dem Hass von Menschen ausgeliefert bin, die mir und allen meinen Lieben eine Zukunft verweigern, gibt es für mich die Sonne, die mein Leben in ein gutes Licht taucht; weiß ich um die Liebe, die mich zärtlich berührt; gründet sich meine Existenz in Gott, der einmal JA zu mir gesagt hat.

Zefanja ruft seinen Zeitgenossen zu „Lass die Hände nicht sinken!“
Wenn Hände sinken, schlaff nach unten hängen, nichts mehr halten, nichts mehr tragen können, drücken sie unsere Hilflosigkeit, unsere Schwäche aus. Wir haben dann nichts mehr Zupackendes – mit unserer Dynamik ist es am Ende.

Ich weiß nicht, weshalb unsere Stadt am vergangenen Montag verschont wurde (immerhin haben wir vor ein paar Wochen mit Inbrunst die Stadtpatrone angefleht „schützet Bonn, die Stadt am Rhein)“ und ich weiß nicht, wieso die Opfer der 27 Amokläufe in diesem Jahr in den USA nicht geschützt wurden.

Aber ich finde mich in meiner Ratlosigkeit wieder in dem Wort des Propheten Zephanja. „Lass die Hände nicht sinken“ und ich finde mich aufgehoben in der Bitte aus einem Kirchenlied „lasst uns den Hass, das dunkle Leid fortlieben aus der dunklen Zeit“.

Dann, ja dann das Bild hier vorne die richtige Antwort auf die Nachrichten dieser Woche. Wir wollen dem Hass die Liebe entgegenstellen, dem Terror den Frieden. Nur gemeinsam können wir nach Brothausen, nach Bethlehem gehen – und die Rosen sind bestimmt für die Menschen, mit denen wir uns in Liebe verbunden fühlen.

Wenn es einen Grund für diese Liebe gibt, dann weil unsere Liebe ein Abbild der Liebe Gottes ist. Trotz aller Schreckensnachrichten bleibt es dabei: Gott ist verliebt in uns. Weihnachten hat er ein Date, eine Verabredung mit uns Menschen.

Gott kommt auf uns zu! – Steine auf dem Weg nach Brothausen – Predigt am 2.Advent

P1010101

Predigt als Audio-File
Zwölf Aufgaben sollte der Götter Sohn Herkules erfolgreich erledigen, damit er unsterblicher Gott des Olymp werden konnte. Eine dieser Aufgaben, die fünfte Heldentat, war das Ausmisten des Stalls des Augias in einem Tag. Eine kaum zu schaffende, zudem auch wenig ehrenvolle, ja fast schon demütigende Arbeit. Der Stall Königs Augias beherbergte 3000 Rinder und war 30 Jahre nicht gesäubert worden. Es muss zum Himmel gestunken haben! Eine wahre Herkules-Aufgabe.
Herkules riss die Mauern des Stalles ein und leitete zwei in der Nähe fließende Flüsse durch einen Kanal hindurch und ließ sie so den Mist wegspülen.
Das Ausmisten eines Augias Stall ist nicht nur ein in der politischen Diskussion gern gebrauchtes Bild, es lässt sich auch auf unser ganz persönliches Leben anwenden. Hat sich da nicht manchmal auch viel Mist in unserem Lebenshaus angesammelt? Was machen wir mit all dem Müll unseres Lebens? Und sind wir uns selbst nicht manchmal auch zu fein, um selbst Hand anzulegen, um unser Lebenshaus zu säubern? Wo ist das lebendige Wasser, das den Dreck herausspült?
Auf dem Weg nach Brothausen, der unseren Advent bestimmt, liegt hier vorne in unseren Szene des Krippenweges kein Müll, sondern Steine, die den Weg fast unbegehbar machen.
Steine – ein anderes Bild für das, was mich hindert, wie der Müll ein Bild für das, was in meinem Leben nicht in Ordnung ist.
„Bereitet dem Herrn den Weg!“ – hat uns Prophet Jesaja im Evangelium zugerufen.  Georg Friedrich Händel vertont in seinem Messias die englische Fassung „baut in der Wüste einen Highway für unseren Gott“, eine Schnellstraße, auf der er zu uns und wir zu ihm gelangen können.
Aber dies hier ist keine Schnellstraße, sondern ein steiniger Weg, auf dem man nur langsam vorankommt. Wir müssen die Steine aus dem Weg räumen.
Bleiben wir etwas bei diesem Bild: Wie sieht mein Weg nach Brothausen aus? Gleicht er eher einem Highway oder eher einem unwegsamen Stolperpfad, was hat sich da auch alles an Müll angesammelt?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, es sind Steine, die wir selbst auf den Weg gelegt haben, kleine und große, runde und kantige. Die Hindernisse kommen von unserer Seite. Berge von Sorgen türmen wir auf, und Abgründe in uns stehen zwischen uns und dem Heil, das Gott uns schenken will.
Es gilt, die Steine anzuschauen, die auf meinem Lebensweg liegen, die mich am Vorankommen hindern, jeden Schritt mit Schmerzen verbinden. Je genauer ich hinschaue, je besser kann ich sie benennen. Vielleicht trägt einer den Namen Stolz, ein anderer Eifersucht, einer vielleicht „Ruhelos“, oder „Workaholic“, oder „Faul und Bequem“, vielleicht „Geiz“, oder „Egoismus“. Es gibt viele Bezeichnungen.
Man könnte meinen, es sei besser, einen anderen Weg zu nehmen als den, der übersät ist mit den Steinen meiner Biografie. Aber wir werden diese Steine überall wieder finden, wenn wir sie nicht liebevoll einsammeln, anschauen und zur Seite legen.
Die Steine erzählen von meinem Leben. Sie stehen für meine Eigenschaften, für Dinge, die mich stören, für Menschen, die mich hindern, für Umstände, die mich blockieren, für Abhängigkeiten, die mich in den Bann ziehen. Ich will sie nicht verteufeln! Weil sie zu meiner Geschichte gehören, kann ich sie liebevoll anschauen, und überlegen, was ich tun muss, damit sie mich nicht weiter vom Vorankommen abhalten.
Immer besteht dabei die Gefahr, dass wir die Schuld bei anderen suchen, bei Mitmenschen, bei der Umwelt, bei den gesellschaftlichen Gegebenheiten.
In unserer Szene hier vorne steht wie am vergangenen Sonntag der Brotteller im Vordergrund. Wenn Sie näher herantreten und hineinschauen, dann haben Sie den wahren Schuldigen gesehen: Sie selbst sind es!
Als der Prophet Natan zu König David gesandt wird, um ihm seine bösen Taten vor Augen zu führen, fragt der ihn entsetzt: „Wer ist der Mensch, der das alles getan hat?“ und der Prophet muss ihm sagen: „Du selbst bist dieser Mensch!“
Es gehört mit zur Ehrlichkeit dieser Zeit, die Schuld nicht nur bei anderen suchen, sondern auch bei sich selbst nach den Ursachen zu forschen, die einen hindern den Weg nach Brothausen zu gehen.
Nun könnte man angesichts eines ehrlichen Blick in das eigene Leben vielleicht auch verzweifeln. So wie das Volk Israel im babylonischen Exil, wo jeder einzelne am eigenen Leib erfahren musste, wohin die Untreue des Volkes Gott gegenüber geführt hat.
Jeder einzelne im Volk Israel ist mit Schuld an dieser Situation, aber es gibt ein Hoffnungszeichen! Der Prophet Baruch verkündet es seinem Volk: Gott hat an euch gedacht! Er kommt auf euch zu. Er bringt euch heim, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte!
Im Neuen Testament wird uns ein ähnliches Bild geschildert: als der verlorene Sohn nach Hause zurückkehrt, kommt der barmherzige Vater ihm entgegen, und noch bevor er ein Wort sagen kann, nimmt ihn der Vater in seine Arme!
Welch ein Trost: während wir noch mit den Steinen auf dem Weg oder dem Müll in unserem Haus beschäftigt sind, kommt Gott auf uns zu!
„Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.“ – so das Resümee des Propheten Baruch.
Der zweite Advent lädt uns ein, die Steine, den Mist unseres Lebens ehrlich anzuschauen, und beiseite zu räumen. Die Kirche selbst bietet uns das lebendige Wasser des Buß- Sakramentes an, das uns hilft, das Haus unseres Lebens auszumisten und das so viel Kraft hat auch die Steine beiseite zu räumen. Gott selbst ist es, der uns darin entgegen kommen will, Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.

.

Richtet Euch auf! – Aufrecht nach Brothausen – Predigt am 1.Advent

Predigt als Audio-File

Haben Sie auch schon vorgesorgt für den Weltuntergang? Am 21. Dezember soll es soweit sein. Endzeittheoretiker haben das Datum aus einem alten Kalender der Maya ausgerechnet.
Wie viele solcher Szenarios hat es schon gegeben? Immer waren Menschen sich sicher, dass das Ende nahe ist. Was aus denen bislang wurde, wissen wir – sonst säßen wir nicht hier.
Endzeitliche Vorstellungen, Ideen vom Ende der Welt nötigen den meisten von uns nicht mehr als ein Lächeln ab.Aber heute im Evangelium gab es durchaus ernste Worte, kein konkretes Datum, aber durchaus realistische Umstände:Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, das Meer tobt und  die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.

Wenn wir diese Bilder wahrnehmen, welche Gefühle beschleichen uns da?

  • Lächeln wir nur darüber oder machen wir uns schon unsere Gedanken?
  • Überlegen wir zu fliehen wie die Menschen an der Pazifikküste angesichts eines drohenden Tsunami?
  • Oder ducken wir uns weg, machen wir uns ganz klein, damit wir möglichst übersehen werden?
  • Vielleicht finden wir aber auch gefallen an dem Motto, das schon in der Bibel überliefert wird: „lasst uns essen und trinken, wir sterben doch morgen!“ (Jesaja 22,13; 1. Korinther Brief 15,32)

Die Botschaft vom Untergang der Welt verbunden mit der Botschaft vom Gerichtist kein Ausrutscher in der Liturgie des Jahres. Sie ist Bestandtteil des christlichen Glaubens.

Sie soll uns allerdings keine Angst machen wie es vielleicht die Unheilsprediger vergangener Zeiten immer wieder versucht haben, in der Hoffnung, so Macht über die Menschen zu gewinnen.
Das Ende der Welt, das sich im Tod eines jeden Einzelnen von uns widerspiegelt, und das Gericht über das Leben des Menschen macht unser Leben vielmehr eindeutig und einmalig. Unser Leben plätschert nicht einfach nur dahin bis irgend einmal im Sand der Geschichte verrinnt wie Wassertropfen in der Wüste.
Es hat einen Anfang und ein Ende, das mit einer Bilanz verbunden ist. Das macht jede Tat und jedes Wort einmalig. Wir erleben es selbst: die Worte, die wir gesprochen haben, können wir oft nicht mehr zurückholen und viele Taten sind nicht mehr zu verändern, nicht mehr gut zu machen.
Sich dessen bewusst zu sein – das kann wirklich Angst machen – und hat vielen Menschen Angst gemacht. Wie werde ich dastehen vor dem Richter?
Da kann man wirklich ein Flucht oder wegducken denken. Das mag man sich angesichts des eigenen Lebens gar nicht vorstellen.
Im Evangelium verbindet der Herr das Wort vom Ende der Welt mit der Aufforderung: „Wenn (all) das beginnt,  dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“
Das klingt nicht nach Sich-klein-machen, im Gegenteil: wir sollen uns aufrichten!
Der Theologe Wolfgang Beinert hat das bevorstehende Gericht einmal so beschrieben „Ge-richt ist das Ereignis nicht des Hin-richtens (als Vernichtung des Delinquenten im extremen Fall), sondern des Her-Richtens, als Wieder-in-Ordnung-Bringen, als Recht-machen. Was zerstört oder kaputt gemacht worden ist (durch menschliche Willkür), das wird zu Recht gerückt.“ (W. Beinert, in: Das Christentum, S. 246).
So verstanden weicht die Angst. Ich werde nicht hingerichtet, sondern hergerichtet. In dieser Erwartung kann ich mich wahrlich aufrichten, denn es geht um meine Erlösung.
Es geht darum, dass all das Unfertige, das Fragmentarische, das Un-Heile, das Böse in mir, in die rechte Ordnung gebracht wird.
Das kann schmerzvoll sein, das können Höllenqualen sein, weil ich erlebe, wie mein ganzes Leben, das mir doch so wertvoll war, auf dem Prüfstand steht, und Licht Gottes so manche Schattenseite sichtbar wird.
Aber: der, der da kommen wird, ist niemand anders als der, der schon da ist, der uns jetzt und hier schon begegnet, im Gebet, in seinem Wort und in der Speise der Eucharistie, in jedem Menschen, der unsere Hilfe braucht.
Er will uns nicht Angst machen, sondern jetzt und hier schon in diese Begegnung mit ihm einladen.
Die Christen in der ersten Jahrhunderte hatten das schon verstanden: als schon Erlöste feierten sie den Gottesdienst aufrecht, stehend – in der Osterzeit war sogar jedes Knien untersagt.
Nicht weil die Christen der ersten Zeit nicht fromm waren oder weil sie Gott die Ehre verweigern wollten. Sie wussten: es gibt nach dem letzten Tag noch ein einen Tag. Seinen Tag. Das Ende wird ein Neuanfang sein – und sie waren überzeugt: in Tod und Auferstehung Jesu haben wir es schon erlebt. In der Taufe ist es uns gesagt worden, dass dieses nicht nur für den Herrn gilt, sondern auch für uns. Richtet Euch auf, denn Eure Erlösung ist nahe!
Deshalb laden wir Sie ein, aufrecht in diesen Advent hineinzugehen, wie unser Mensch hier vorne in der Krippenweg-Darstellung. Aufrecht nach Bethlehem, nach Brothausen. Aufrecht und wachsam!