Sein letztes Marienbild

Für die Wallfahrtskirche „Maria im Weingarten“ schuf Tilmann Riemenschneider 1521 die Rosenkranzmadonna. Damals erhoffte man sich eine Wiederbelebung der Wallfahrt zur schmerzhaften Mutter (Pieta aus dem Jahre 1340). Martin Schongauer mit seinen Grafiken lieferte die Vorbilder für die Darstellungen in den 5 Medaillons der Rosenkranzmadonna, die von 50 (5×10) Rosen umgeben ist. Eine AnnaSelbdritt aus der Riemenschneider-Umgebung komplettiert die Andachtsbilder in der kleinen Kirche aus dem 15.Jahrhundert.

Wir werden zu Nomaden mitten in der Stadt

Kriegsschäden im Nordquerhaus

Als 1947 eine Festschrift zum Goldenen Priesterjubiläums meines Vorgängers Johannes Hinsenkamp erschien begann ein Beitrag mit folgender Feststellung: „Der bedeutendste sakrale Bau der Stadt Bonn, die ehrwürdige Münsterkirche hat im Verlauf der Jahrhunderte oft schwere Wunden durch Krieg und Naturgewalten davongetragen. […] Aber der Wille ihrer Hüter, der Stiftsherren, und die Liebe der Bonner zu ihrem Münster waren stärker als die Mächte der Zerstörung.“

70 Jahre nach dieser Feststellung ist es wieder soweit. Nicht die Zerstörungen eines Krieges, sondern der Zahn der Zeit hat an diesem Bauwerk genagt. Was angesichts der vielen Glühbirnen und einer EU-Verordnung mit der Notwendigkeit einer neuen Beleuchtung begonnen hat, ist im Laufe der letzten Jahre zu einer dringend notwendigen Generalsanierung geworden.
Je weiter wir in der Planung fortgeschritten sind, umso mehr wurde uns bewusst: das ist nur möglich, wenn wir das Münster für eine Zeit lang schließen – wie es zuletzt auch in Hildesheim notwendig war.Der Kirchenvorstand hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht: wir denken an die vielen Menschen, denen das Münster viel bedeutet: Menschen, die hier getauft wurden, zur Erstkommunion gingen oder geheiratet haben. Die hier zum Gottesdienst kommen oder die das Münster als Ort des Gebetes und der Stille schätzen.
Für viele ist es so, als ob das Herz der Stadt stillgelegt wird, um es zu operieren. Wir werden alles daransetzen, dass die Operation nicht zu lange dauert – auch wenn wir uns auf mindestens zwei Jahre einstellen.
Ich bin tief bewegt, wie viele Menschen sich in den letzten Tagen in persönlichen Gesprächen oder auch in den sozialen Netzwerken zu unserem Münster bekannt haben und mit uns traurig sind, dass wir diesen Ort für eine Zeit verlieren.

Unser Papst hat seit einigen Tagen an seiner Wohnungstür ein großes Schild befestigt: Vietato lamentarsi, steht da! Jammern verboten – und weiter heißt es: Verstöße gegen das Verbot führen zu einem Opfersyndrom, das schlechte Stimmung verursacht und die Fähigkeit mindert, Probleme zu lösen. Um das Beste aus sich zu machen, bedarf es der Konzentration auf die eigenen Stärken und nicht auf die eigenen Grenzen.

Nicht jammern !

Traurig sein – dürfen wir; aber Jammern wollen wir nicht. Stattdessen fragen wir uns, welche Chance und welche Herausforderung bringt uns diese neue Situation.
Die beiden Schrifttexte mögen uns ein paar Hinweise geben, wobei wir den Text über Abraham bewusst gewählt haben während der Text des Evangeliums an diesem Sonntag in der Liturgie gelesen wird – kein Zufall, sondern Wort Gottes in unsere Situation hinein.
Mit dem Auszug aus dem Münster verlieren wir unser Zuhause. Zwar finden wir Obdach in St.Remigius und der Schlosskirche, denen wir für die Gastfreundschaft danken. Aber es sind für uns Gottesdienstorte, kein Zuhause – wir werden zu Nomaden in mitten der Stadt.
Das habe ich mir nicht vorgestellt als ich vor 19 Jahren an diesen Ort kam, das haben die wenigsten von Ihnen sich vorstellen können – genauso wenig wie Abraham daran gedacht hat, dass er mit 75 Jahren noch einmal sein Land, sein Vaterhaus, seine Verwandtschaft verlassen sollte.

Aufbrechen wie Abraham
Und doch sehe ich in diesem Nomadendasein die Chance und Herausforderung dieser kommenden mindestens zwei Jahre. Aufbrechen wie Abraham! Papst Franziskus sagt: „Aufbrechen bedeutet, die Versuchung zu überwinden, nur unter uns Gespräche zu führen und die vielen Menschen zu vergessen, die von uns ein Wort der Barmherzigkeit, des Trostes, der Hoffnung erwarten.“ (22.11.2014)

Du sollst ein Segen sein“ gibt Gott dem Abraham mit auf den Weg. Uns trifft vielleicht heute das Wort aus dem Evangelium und es muss heißen: „Seid Sauerteig in dieser Stadt“.
Sauerteig arbeitet still und unsichtbar, doch die Wirkungen seiner Arbeit sind sehr wohl sichtbar. Unter eine gewaltige Menge Mehl, mischt die Frau ein wenig Sauerteig. Doch der geringe Anteil Sauerteig, unter die riesige Menge Mehl gemengt und geknetet, durchdringt und verändert das Mehl.

Ich bin neugierig darauf, was das für uns heißt. Genauso neugierig bin ich darauf zu sehen, wie viele Menschen sich mit uns auf diesen Weg machen.
Ich möchte Sie alle einladen, lassen Sie sich mit uns zum Aufbruch drängen wie Abraham, dass wir gemeinsam unseren „Beitrag zum Leben und zur Zukunft der Stadt (zu) leisten […], sie mit dem Sauerteig des Evangeliums (zu) durchdringen, um so Zeichen und Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes zu sein“. (vgl. Papst Franziskus 31.12.2013)

Angesichts des anderen Bildes im Evangelium ist mir dabei gar nicht bange: wenn wir das Richtige tun, dann wird es uns ergehen wie dem kleinen Senfkorn, das zu einem großen Baum emporwächst, der 3000 Mal größer ist als das Senfkorn.

Das Gleichnis vom Senfkorn ist ein Hoffnungsgleichnis. Es reißt einen großartigen Horizont der Hoffnung auf. Mit dieser Hoffnung habe ich die Kirche verschlossen. Ich freue mich auf die nächsten Jahre und den Wiedereinzug in ein generalsaniertes Münster.

Die Mobilität wird vom Himmel bestimmt

„Nächste Verbindung zum Festland morgen 11.45“ – die Ankündigung am Hafen von Juist wirkt anachronistisch in einer Gesellschaft, in der Mobilität schon fast ein unverzichtbares Lebensprinzip ist. Man will möglich schnell von A nach B kommen, man hasst Staus auf den Autobahnen und die Verspätung bei der Bundesbahn. Wenn Flugzeuge ausfallen, ist die gesamte Erholung in Gefahr.
Und hier auf der Insel heißt es „Warten“. Nicht nur ein paar Minuten, Stunden, sondern bis morgen. Die Mobilität hier wird von den Gezeiten bestimmt, periodische Wasserbewegungen des Meeres mit Hoch- und Niedrigwasser an den Küsten. Ebbe und Flut sind eine Folge der Gezeitenkräfte von Mond und Sonne.
Man sieht das Wasser kommen und gehen – fast unmerklich steigen und sinken die Fluten. Vom Himmel aus wie von unsichtbarer Hand bestimmt.
Die Bewohner auf der Insel haben es gelernt, mit den Gezeiten zu leben. Sie kennen den Fahrplan der Fähre, die nicht nur Touristen bringt, sondern auch Lebensmittel, die Post, alle Güter die man benötigt. Sie ist die Nabelschnur zum Festland – in unseren Zeiten unterstützt vom Rettungshubschrauber, der für Notfälle zur Verfügung steht. Und weil der Fahrplan der Fähre an manchen Tagen extrem ungünstig ist, gibt es ein paar Mal am Tag auch ein Flugverbindung mit der kleinen Propellermaschine. Ein Tribut an die Mobiltätsgesellschaft.
Doch es ändert nichts am Lebensrhythmus der Insulaner und der Besucher: alles geht langsamer, „entschleunigt“ – wie es heute heißt. Es macht innerlich Freude, sich darauf einzulassen. Auf mich wirkt es archaischer, menschlicher, weil man noch mehr im Takt der Natur lebt. An den Gezeiten kann der Macher Mensch nichts ändern.
Und während der IC durchs Land rast, um mich wieder nach Hause zu bringen – komme ich mir vor als käme ich aus einer anderen Welt, als hätte ich ein Paradies verlassen müssen.

Was ist der Mensch (wert)?

Claudia Hautumm/pixelio.de

Ich oute mich mal zuerst: ich bin weder -Experte noch Fußballfans. Ich freue mich, wenn der Bonner SC oder der 1.FC Köln gewinnt, und bin mit den richtigen Fans traurig, wenn sie verlieren. Aber wenn ich heute lese, dass Bayern München einen italienischen Fußballspieler gekauft hat und die Medien melden: „der 22 Jahre alte Offensivakteur kostet 41,5 Millionen“, dann fehlt mir nicht nur jedes Verständnis. Es ist in meinen Augen ein Ärgernis.
Papst Franziskus sagt in seiner Botschaft zum Welttag der Armen: „Wenn heutzutage immer mehr ein unverschämter Reichtum zutage tritt, der sich in den Händen weniger Privilegierter ansammelt und der nicht selten mit Illegalität und der beleidigenden Ausbeutung der menschlichen Würde einhergeht, erregt die Ausbreitung der Armut in großen Teilen der weltweiten Gesellschaft Ärgernis.“
Angesichts der Armut, die uns aus vielen Tausend Gesichtern in dieser Welt anblickt, entlarvt ein solcher Milionen-Transfer, dass es hinter der sportlichen Fassade um handfeste wirtschaftliche Interessen geht.
Was ist der Mensch (wert)? die Frage drängt sich mir auf. Ein Mensch ist nicht zu bezahlen. Es gibt keine Summe, die angemessen wäre, weil ein Mensch keine Ware ist. Allenfalls seine Leistung ist zu entlohnen – und da fallen mir eine Menge Leute ein, die für ihre Arbeit nicht gerecht bezahlt werden und die für eine funktionierende Gesellschaft wichtiger sind als ein 22 Jahre alter Offensivakteur, für den man 41,5 Millionen bezahlt und der auch entsprechend besoldet werden wird.

Die Botschaft des Papstes zum Welttag der Armut hier

Le chaim – auf das Leben!

(c) BirgitH/pixelio.de

In diesem Jahr beschert uns der Kalender eine Besonderheit: nicht nur die in West und Ost getrennten Christen feiern gemeinsam Ostern. Auch die Juden feiern in diesen Tagen ihr Pessach-Fest. Am Vorabend eines Pessach-Festes wurde Jesus gekreuzigt!
In den meisten europäischen Sprachen ist die Beziehung noch hörbar. Die Franzosen feiern Pâques, die Italiener Pasqua, die Niederländer Pasen, die Dänen Påske und die Finnen Pääsiäinen. Nur wir Deutsche haben uns vermutlichen von iro-schottischen Mönchen während unserer Missionierung verleiten lassen von Ostern, im Englischen Eastern zu sprechen und damit wahrscheinlich an die angelsächsische Lichtgöttin „Ostara“ zu erinnern.
Bei beiden Festen geht es um das Leben. Die Juden feiern die Befreiung ihrer Väter aus der Knechtschaft Ägyptens so als seien sie selbst befreit worden. Das Pessachfest ist ein großer Dank für Rettung, für das Gute, für die Liebe, das Erbarmen, den Frieden – kurz: für das Leben. Wir Christen feiern die Auferweckung Jesu von den Toten und die damit verbundene Hoffnung, dass das ewige Leben bei Gott auf uns alle wartet.
Christen und Juden verbindet die Überzeugung, dass Gott ein „Freund des Lebens“ ist (Buch der Weisheit 11,26) Das Bewusstsein hierfür ist vielen Menschen abhandengekommen. Der Mensch selbst hat sich zum Herrn über das Leben gemacht. Das Leben ist bedroht: durch rücksichtsloses wirtschaftliches Handeln, durch politische Machtgelüste und religiösen Fanatismus. Die Nachrichten, die täglich auf uns einströmen, können Angst machen, und an der Botschaft vom Leben verzweifeln lassen.
Aber genau das wollen diejenigen, denen das Leben anderer nichts wert ist. Deshalb erinnere ich mich gerne an einen jüdischen Trinkspruch und mache aus ihm meinen Ostergruß: „Le chaim – auf das Leben!“ Werden und bleiben wir in dieser Welt Förderer und Freunde des Lebens, im Kleinen wie im Großen. In diesem Sinne Pask Seder – Gesegnete Ostern! – Happy Easter! – Joyeuses Pâques! – Buona Pasqua – Χριστος ανεστη – Pesach Sameach – Christos woskrese! Oder eben: Le chaim!

Israel VI: Wenn ein Engel plötzlich eintritt

Wenn man von oben auf das heutige Nazareth herabschaut, ist der Turm der Verkündigungsbasilika auf den ersten Blick kaum auszumachen. Was an dieser Stelle lokalisiert wird, ist zwar einzigartig in der Menschheitsgeschichte, und doch fügt es sich ein in das Alltägliche heute. Das provoziert.

Zuerst einmal ist die Botschaft der Bibel eindeutig: es geschah nicht irgendwo in einem Märchenland, sondern der Engel wird von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer jungen Frau namens Maria gesandt. (Lukasevangelium 1.Kapitel Vers 26)
Ganz lapidar schreibt der Evangelist: „Der Engel trat bei ihr ein“. Folgt man den Darstellungen der Kunst, so trifft er auf eine Frau, die eben noch in einem (heiligen) Buch gelesen hat und ganz bereit und offen ist, den Gruß des Engels und seine Botschaft anzuhören.

Was aber, wenn Maria beschäftigt war? Vielleicht mit irgendeiner Hausarbeit? Mit Kochen, mit Putzen? Ganz so abwegig ist der Gedanke nicht, denn auch Jesus hat seine Jünger nicht beim Bibelstudium oder in der Synagoge berufen, sondern vom Fischerboot und von der Zollstation weg.

Mir gefällt der Gedanke, dass Maria sich erst einmal bereit machen musste, sich lösen musste von ihrer Tätigkeit, um sich der schwierigen Botschaft zu öffnen. Es fiel ihr vielleicht leicht, weil sie nicht von jenem Hochmut besessen war, dass Gott in dieser Welt nicht vorkommt.

Sie sagt „JA“ zum Ansinnen Gottes, dass sein Sohn in ihr Mensch werden soll. So kann an diesem Ort der Himmel die Erde berühren.

Bleibt die Frage: wen findet der Engel vor, wenn er bei mir eintritt? Und wie findet er mich vor?

Wann? – das ist mir in Nazareth neu bewusst worden: in den Alltäglichkeiten meines Lebens. Wird er von mir auch ein JA bekommen?