2023 – die Stunden des Jahres kehren heim

Weihnachten, so sagen wir, kehren die Stunden des Jahres heim.
Ich habe es nachgerechnet: ein Jahr hat 8.760 Stunden. Selbst wenn wir davon ein Drittel verschlafen, werden wir uns kaum an jede Einzelne Stunde erinnern.

Ein paar Highlights dieses Jahres möchte ich doch benennen.
Zuerst aber erinnere ich mich an Menschen, mit denen ich in diesem Jahr unterwegs war: Männer und Frauen in den Gemeinden des Ahrtals, von Heimersheim bis Liers, wo ich immer wieder Gottesdienst gefeiert habe.
Ich denke besonders auch an die Menschen und deren Angehörige, die ich auf ihrem letzten Weg begleitet habe.

Und an die Vielen, die bei den Erlebnissen beteiligt waren:

Für den Rheinländer beginnt das Jahr mit Karneval. Am Karnevalssonntag durfte ich die Bonner Stadtsoldaten in der Rolle des Kurfürsten Clemens August beim traditionellen Sturm auf das Rathaus unterstützen. Wir haben gesiegt und konnten Prinz und Bonna den Weg bereiten. Sie übernahmen den Stadtschlüssel und die Herrschaft bis Aschermittwoch.

 

 

In den Tagen danach verzeichnet mein Kalender eine besondere Begegnung: ich konnte meinem Freund Stephan Damiano während seines Deutschlandaufenthalts ein großes Franziskus-Kreuz überreichen und ihm mit auf den Weg geben nach Italien. Es hängt jetzt in der kleinen Kapelle seines Spirituellen Zentrums „Piccolo Castello“in Nottiano in der Nähe von Assisi. Im September war ich sehr berührt als ich es vor Ort anschauen konnte. Es erzählt auch von einer langen Geschichte mit Franziskus und Stephan Damiano.

 

Über Ostern war ich wieder in meiner fast schon zweiten Heimat, in Jerusalem. Wieder durfte ich die Gemeinschaft der Borromäerinnen von St.Charles in der Karwoche, an den Ostertagen und in der Osterwoche begleiten. Ich habe große Hochachtung vor den Schwestern und ihrer Arbeit im Gästehaus und vor allem im Kindergarten. Sie sind für mich Handwerkerinnen des Friedens. Zu meinem jährlichen Aufenthalt gehört immer auch ein Ausflug mit den Volontären nach Galiläa. Ob 2024 eine Reise möglich sein wird, ist angesichts der politischen Lage ungewiss.

Mit den „Freunden christlichen Reisens“ ging es im Mai nach Mitteldeutschland „auf den Spuren der Romanik“. Stationen waren u.a. Goslar, Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg, Naumburg und auf der Rückfahrt noch Erfurt.
Zum letzten Mal war ich in diesem Sommer auf der Insel Juist. Nach acht Jahren musste ich Abschied nehmen von der Insel, auf der ich oft mehrmals im Jahr Dienst getan habe. Aber für einen Menschen mit einer Körperlänge von 1,92 m ist die neue Unterbringung im Dachgeschoss nicht angenehm. Deshalb gibt es leider keine Wiederholung.

Im Sommer verzeichnet mein Kalender viele Zelebrationen im Sacre coeur-Kloster in Pützchen und in Gemeinden des Ahrtals. Ich bin gerne dort, die Menschen sind mir ans Herz gewachsen.

Mein Highlight in jeder Hinsicht war die Romfahrt mit einer kleinen Gruppe aus meiner Internetgemeinde lukas19 nach Rom im September. Wir haben die gemeinsame Bahnfahrt (!) genossen und mit dem ÖPNV Rom erobert. Ein Abstecher nach Assisi gehörte ebenso zum Programm wie die Papstaudienz, bei der „lukas19“ auf dem Petersplatz für alle hörbar begrüßt wurde. Es war eine der schönsten, wenn nicht sogar die schönste Reise nach Rom.
Leider endete die Reise für mich in der letzten Nacht mit einem nächtlichen Sturz im Hotel und einem Bruch des rechten Fußgelenks. Der ADAC hat mich ausgeflogen und die sehr guten Ärzte im Petrus-Krankenhaus in Bonn haben mich operiert.
Drei Wochen Krankenhaus und vier Wochen Reha haben mich wieder einigermaßen mobilisiert. Großer Dank an den Physiotherapeuten Manuel im Krankenhaus und die Therapeutinnen und Therapeuten in der Klinik Jülich in Neuenahr. Seit Ende Oktober bin ich wieder zuhause. Hier werde ich von der Caritas-Pflegestation bis Ende des Jahres bestens mit sehr viel Empathie betreut und versorgt. Danach werde ich wieder vieles allein können und bewerkstelligen. Meine Dankbarkeit gegenüber vielen drückt die Schraube aus, die zwei Monate in meinem Bein steckte und die jetzt an meiner Krippe liegt.

Wenn ich so zurückschaue auf das Jahr, dann sind meine Erinnerungen verbunden mit den Namen vieler Menschen, die alle ich nicht im Einzelnen nennen kann. Mein Kalender verzeichnet viele Freundschaften und Treffen mit Einzelnen. Ich denke besonders auch jene, die mir in den Wochen der Krankheit beigestanden haben. Ich lege alle diese Menschen an Weihnachten an der Krippe nieder und bitte für sie, dass Gott ihnen vergelte, was sie mir Gutes getan haben, und sie behüte.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim – dankbar schaue ich zurück.

Wilfried Schumacher

Weihnachten, so sagen wir, kehren de Stunden des Jahres heim.
Stunden, angefüllt mit Leid und Schmerz,
mit Enttäuschung und Versagen.
Stunden voller Freude und Glück,
Sympathie, Geborgenheit und Liebe.
Stunden mit Menschen.
Stunden in Einsamkeit.
Verlorene Stunden.
Gesegnete Stunden.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim.
Und übers Jahr gesehen
spüren wir unsere Unzulänglichkeit,
unsere Sehnsucht nach Geborgenheit,
nach Heil und Erlösung.

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim,
heim zu Gott, heim zu diesem Kind,
das zu uns spricht:
Ich bin der Anfang und das Ende. (Offenb. 22, 13)

Weihnachten kehren die Stunden des Jahres heim,
heim zu diesem Kind,
das alle Stunden annimmt
und sie wandelt auf seine Weise,
sie erfüllt mit seiner Liebe.

Die Freude und die Last eines ganzen Jahres
kann ich an der Krippe niederlegen bei diesem Kind, dem SEIN sind die Zeiten.

© Wilfried Schumacher

Glückwunsch zum Geburtstag – zwei Versuche

(c)gänseblümchen/pixelio.de

Pfingsten gilt als das Geburtsfest der Kirche. Ich lade Sie ein zur Geburtstagsparty. Kommen Sie mit zur Gratulation und halten wir eine Rede auf das Geburtstagskind!

Erster Versuch
Herzlichen Glückwunsch, Kirche, du hast dich gar nicht verändert, möchte man sagen. Du sitzt noch immer wie damals in Jerusalem hinter verschlossenen Türen. Du bist erstarrt, mühsam versuchst, mit immer weniger Personal immer mehr Menschen zu erreichen. Du nimmst garnicht wahr, wie viele Menschen dir täglich den Rücken kehren.

In der letzten Woche sind zwei meiner Freunde gegangen.
Die beiden sind erschüttert, sie sind verletzt, sie haben resigniert, haben keine Perspektive für die Zukunft mehr, sehen für sich und ihre Kinder keine Heimat mehr in dieser Kirche. Sie haben es sich nicht leicht gemacht. Ihre ganze Biografie ist plötzlich gegenwärtig. Sie haben gezögert, sie haben gefragt und keine Antwort bekommen, sie haben mit sich gerungen, es immer wieder versucht – bis sie nicht mehr anders konnten. Ich habe keine Argumente dagegen.

Hallo Kirche, hinter verschlossenen Türen streitest Du Dich um Dinge, die die Menschen draußen nicht mehr verstehen. Die einen predigen Barmherzigkeit, die anderen meinen, mit forcierter Dogmentreue könne man deine Attraktivität steigern.
Du hast die Türen verschlossen, weil du meinst, nur so könntest du dir die heile Welt bewahren, Dich gegen den bösen Zeitgeist behaupten und mit reiner, unbeschmutzter Seele davon kommen.

Du hast die Türen verschlossen, weil Du Angst hast vor denen draußen und Angst hast vor der eigenen Courage.
Du hast Angst vor den Frauen, du hast Angst vor queeren Menschen, Du hast Angst vor Laien. Und vor vielem anderen.Du verwechselst Einheit mit Uniformität. Überall spüre ich Angst.

Ich gestehe, diesem Geburtstagskind gratuliere ich nicht!

Zweiter Versuch:
Herzlichen Glückwunsch Kirche – deine ganze Geschichte ist voll von Menschen, die in immer wieder neuen Anläufen Deine Türen und Fenster geöffnet haben, und dafür sorgten, dass ein neuer Geist durch alte Gemäuer fegte.

Ich denke an Franziskus von Assisi, an Katharina von Siena, an Ignatius von Loyola, an Adolf Kolping, Mutter Theresa, Johannes XXIII. oder Kardinal Oscar Romero. Um nur einige zu nennen. Mitreißende, begeisterte Zeitgenossen ihrer Zeit.
Was für die Anfänge in Jerusalem galt, kann man auch von ihnen sagen: sie verstehen Gott, sie verstehen die Welt und die Welt versteht sie.

Diese Menschen gibt es auch heute:

  • es sind alle dienigen, die versuchen, die Botschaft Jesu gegen alle Widerstände, gegen alle Frustrationen und Enttäuschungen zu leben.
  • die Eltern und Großeltern, die ihre Kinder das Beten lehren,
  • die vielen, die in ihrer kleinen Welt anders denken, anders lieben, anders handeln als die Welt ihnen vorgibt und so nicht nur ihre kleine Welt verändern;
  • Es sind diejenigen, die wissen, das Glauben nur gemeinsam geht und die das miteinander versuchen, auch wenn es oft mühsam ist.
  • Es sind diejenigen, die eine einladende und nicht eine ausschliessende Kirche sein wollen.

Dieser Kirche sage ich: Herzlichen Glückwunsch!

Der Glückwunsch gilt nicht denen da oben, nicht den Klerikern und Amtsträgern, nicht anderen – sondern uns!

Wir sind Kirche, wir haben heute Geburtstag!
Wir sind die Kirche von 2023 – nicht mehr die von 1950, 60 oder 70 – auch wenn manche daran schöne Erinnerungen haben mögen.

Es liegt an uns, ob wir hinter verschlossenen Türen allein bleiben und immer weniger werden oder vom Geist erfüllt die Türen öffnen und nach draußen gehen. Mit den Menschen sind, bei den Menschen sind. Glanz gleich,  wer sie sind, wie sie sind. Wie sie leben, wen sie lieben.

Bertolt Brecht erzählt die „Geschichten vom Herrn Keuner“. Eine kurze Geschichte lautet so: Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.

Eine Kirche, die sich nicht verändert, lässt mich auch erbleichen – denn hinter verschlossenen Türen weht kein frischer Wind, vom Geist Gottes ganz zu schweigen.

Sprachlos an Pfingsten?

Image by Oliver Fuß/Pixabay

Innerhalb von 48 Stunden informiert mich zum zweiten Mal ein Freund, dass er aus der Kirche ausgetreten ist. Es sind nicht die ersten, die ich näher kenne und die gegangen sind. Es erschüttert mich trotzdem immer noch; jedes Mal – besonders weil ich kein Argument dagegen habe.

Die beiden sind erschüttert, sie sind verletzt, sie haben resigniert, haben keine Perspektive für die Zukunft mehr, sehen für ihre Kinder keine Heimat mehr in dieser Kirche.
Sie haben es sich nicht leicht gemacht. Ihre ganze Biografie ist plötzlich gegenwärtig. Sie haben gezögert, sie haben gefragt und keine Antwort bekommen, sie haben mit sich gerungen, es immer wieder versucht – bis sie nicht mehr anders konnten.
Ich sitze dabei, höre zu und schweige – wie in einem Kondolenzgespräch nach einem tragischen Todesfall, wenn alle Worte nur leere Worte sind.
Wenn mich jemand fragt, wie ich mich fühle? Ich bin sprachlos, ich bin wütend, ich bin deprimiert und aufgebracht. Der Kaplan, der einen Austritt kommentierte „es geht Ihnen ja nur ums Geld“ hat nichts verstanden, sieht nicht die überall einstürzenden Mauern, sitzt in seiner Blase, hat vergessen, dass er jemandem folgt, der als Hirt dem verlorenen Schaf nachging. Wobei das Wort vom „verlorenen Schaf“ jetzt keine falschen Assoziationen hervorrufen soll.
Mich tröstet ein Wort von Christiane Florin: „Man kriegt das Mädchen aus der Kirche; aber die Kirche nicht aus dem Mädchen“. Wann sind es genug Kirchenaustritte? Wann wachen die Hierarchen endlich auf aus ihrer Gleichgültigkeit?
Ich gestehe: ich habe Angst vor Pfingsten! ich fürchte, ich werde sprachlos sein.
Image by Oliver Fuß/Pixabay

Ostermorgen: so geht Glauben

Ostern 2023 in Jerusalem

In der Nacht haben wir miteinander die Auferstehung Jesu gefeiert. Heute, in den nächsten Tagen und Wochen nimmt uns die nachösterliche Gemeinde mit auf ihren Glaubensweg. Versetzen wir uns hinein in die Gemeinde, in den Kreis der Jüngerinnen und Jünger damals hier in Jerusalem.

Im Mittelpunkt ihres Denkens steht der Skandal, das Ärgernis des Kreuzes „Wir hatten gehofft, dass er es sei, der Israel erlösen werde“ beschreiben die Jünger in der Emmausgeschichte ihre Situation, die auch die Situation der Gemeinde ist (Lk 24,21).

Traurigkeit bestimmt den Alltag der Gemeinde, die Flucht in die Resignation, die Rückkehr in das Leben „vor Jesus“. Für sie war das Kreuz nicht die Offenbarung der Herrlichkeit des Vaters gewesen, nicht der letzte und endgültige Beweis der Liebe Gottes, sondern das Kreuz markierte das Ende ihrer Hoffnung.

Und nun erleben wir, wie Jesus sie lehrt, mit dieser Situation fertig zu werden. So wie er den Emmausjüngern die Schriften erschließt und damit ihr Herz in Flammen versetzt, so wir erleben in der  Geschichte aus dem Johannes-Evangelium eine andere Weise der Erschließung.

Wir erleben eine Maria von Magdala, die den Stein weggewälzt sieht. Sie sucht nach einer natürlichen Erklärung und ist schockiert von dem Gedanken, dass man den Leichnam des Herrn gestohlen hat. Sie sucht Hilfe bei Petrus und Johannes.

Eugène Burnand Wettlauf zum Grab

Die beiden Jünger laufen los. Auch sie finden den Auferstandenen nicht, aber sie finden die Zeichen, Zeichen, die richtig gesehen und richtig gedeutet zu Zeichen des Auferstandenen, zu Zeichen seiner neuen Gegenwart werden können:
Wenn wir den Text unter dem Blickwinkel der Gemeinde lesen, dann erkennen wir plötzlich hier am Ostermorgen drei Typen von Glaubenden:
Maria von Magdala gleicht jenem Typus der Glaubenden, die dem Herrn in liebevoller, ja fast kindlicher Weise zugetan ist. Jener Typ aber auch, der schwankt zwischen Kopf, nüchterner Analyse des Betrachteten und dem Überschwang des Herzens;

Wir sehen in Johannes den intuitiven Charakter, der erfasst, der erkennt auf den ersten Blick, dem der Glaube leichtfällt, weil er ihn aus einer engen Christusbeziehung heraus versteht und lebt.

Und wir sehen den Petrus, der langsamer ist, bedächtiger, nach den vielen voreiligen Beteuerungen und Bekenntnissen zurückhaltender, schwerfälliger im Glauben.

Und wir erkennen in den Typen vielleicht auch ein Stück uns selbst, unsere Gemeinschaft, unsere Kirche wieder.

Was mir aber auffällt in dieser Perikope, ist dass die Drei gemeinsam, – obwohl die einen schneller, die anderen langsamer sind – sich in gegenseitiger Achtung helfen, die Zeichen der Gegenwart Gottes zu suchen.

Carlo Martini schreibt dazu: „Jeder teilt dem anderen das Wenige mit, das er gesehen hat und gemeinsam bringen sie die christliche Existenz dort wieder auf den rechten Kurs, wo die Zeichen der Gegenwart des Herrn angesichts ernster Schwierigkeiten oder verheerender Verhältnisse verschwunden zu sein scheinen“.

Die Ereignisse am Ostermorgen sind also ein Modell, wie Glaube in der Kirche heranwächst. Wenn Maria von Magdala nicht zu den Jüngern geeilt wäre, wenn man sich dann nicht miteinander auf den Weg gemacht hätte und so miteinander umgegangen wäre wie uns dies überliefert ist, dann wäre „das Grab Grab geblieben und niemand wäre hingegangen“ (Martini).

Das leere Grab, die Leinenbinden und das Schweißtuch sind keine Beweise der Auferstehung – sie sind aber Zeichen. Zeichen, die im Kontext der Gemeinde, im Lichte der Schrift zu Zeichen der Gegenwart Gottes werden.

Vielleicht müsen wir vielmehr noch als schon üblich Ausschau halten nach solchen Zeichen der Auferstehung, der Gegenwart Gottes, von denen wir in einem Lied singen. Dabei wäre es dann auch gut, wenn wir auch Rücksicht nehmen auf die Langsameren, auf die, die es mit dem Glauben nicht so einfach haben – wie damals am Ostermorgen in Jerusalem.

Ein schwerer Stein

Ostern 2023 in Jerusalem

Darauf gingen sie hin, um das Grab zu sichern. Sie versiegelten den Eingang und ließen die Wache dort. (Mt 27,66)
Die Hohenpriester haben alles getan: ein schwerer Stein soll sie vor unliebsamen Überraschungen sichern. Der Tod wird bewacht.

Wir alle sind Meister darin, mit schweren Steinen die Zustände abzusichern –
mit Vorurteilen,
mit Ausgrenzung,
mit Gewalt,
mit Schweigen,
mit Übersehen und Übergehen.
Dann bleibt alles so, wie es ist. Zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich und sogar zwischen Gott und Menschen liegen dicken Steine.

In der Morgendämmerung machen sich die Frauen auf zum Grab. „Beim Aufleuchten des Ersten Tages“ – heißt es wörtlich im griechischen Text.
Eine seltsame Zeitangabe – nicht mehr Nacht und noch nicht Tag. Mehr ein „Dazwischen“.
Mehr als eine Zeitangabe – fast schon eine Beschreibung einer Seelenlage: Trauernde Menschen leben oft lange „dazwischen“. Menschen, die sich getrennt haben oder getrennt wurden, kennen das auch.
Menschen, die auf Verzeihung warten, wissen, wie lang dieses „Dazwischen“ sein kann.
Menschen, die enttäuscht wurden und das Vertrauen noch nicht wieder gefunden haben.
Menschen mit einer tödlichen Diagnose, Menschen zwischen den Fronten kennen das „Dazwischen“.
Nicht mehr Nacht und noch nicht Tag.

Es ist auch eine Beschreibung für die Verfassung der Frauen. Ihr Weg zum Grab ist kein Morgenspaziergang –
Vieles ist ihnen in den letzten Tagen zerbrochen, vieles hat sich angestaut. Trauer, Verzweiflung, Enttäuschung Wut. Das eigene Leben ist nicht mehr das, was es vorher war. Die Hoffnung, Ideen und Perspektiven, die mit dem Leben verbunden waren, scheinen gescheitert, dem Leben scheint der Boden unter den Füssen entzogen zu sein. Neues ist nicht in Sicht.
Und doch: es ist für sie die Stunde des Aufleuchten des Ersten Tages – nicht mehr Nacht und noch nicht Tag.

Wir dürfen mit ihnen gehen – wir in deren Herzen es oft ähnlich aussieht oder ausgesehen hat.
Wir kommen zum Grab. Da liegt der Stein, den wir kennen und der alles so hoffnungslos macht. Im Markus-Evangelium spekulieren die Frauen noch, wer ihnen wohl den schweren Stein vom Grab wegwälzt. Matthäus benutzt ein dramatisches Bild, um zu verkünden, was geschehen ist: ein gewaltiges Erdbeben erschüttert alles und ein Engel Gottes wälzt den Stein beiseite. Matthäus will wohl, das wir uns mit allen Sinnen vorstellen, was geschieht.

Ein Erdbeben, ein Durcheinander, ein Tohuwabohu – wie jenes am Anfang der Schöpfung – geht auch hier dem Leben voraus. Ein Erdbeben – die Mauern unserer Weltgebäude stürzen ein. Alles, was so sicher und stabil war, gerät plötzlich ins Wanken.
Aber der Stein liegt noch an seiner Stelle – nicht Naturgewalten können ihn beseitigen. Gott selbst legt Hand an durch seinen Engel und räumt den Stein beiseite. Der Blick ist frei in das leere Grab, das nicht Beweis der Auferstehung ist, sondern nur ein Zeichen.

Was da geschehen ist, entzieht sich sowohl der Erfahrungswelt der Frauen, als auch unserer Erfahrung.
Hier erfährt die Geschichte einen Bruch oder vielmehr eine neue Dimension. Das was bisher war, wird nicht einfach fortgesetzt. Es beginnt etwas ganz Neues.
Das können wir mit Worten sagen, aber das Verstehen fällt uns schwer; denn was das gesehen ist, das erwarten wir erst noch. Was geschehen ist, gehört für uns eben nicht Erfahrung, sondern ist nur Gegenstand der Hoffnung.

Die neue Welt mag im Werden sein, in den Tod bricht schon Leben ein, heißt es. Aber wir erleben vor allem: ins Leben bricht immer wieder der Tod ein. Das ist eher unsere Erfahrung!

Deshalb sind wir angewiesen darauf, dass wir in dem, was uns geschieht, erahnen, was da geschehen ist.

  • Immer dann, wenn unser Leben erschüttert wird und sich anschließend der Himmel nicht verdunkelt, sondern die Morgenröte sichtbar wird,
  • immer dann, wenn statt dem Verwesungsgeruch von Ideologien, Programmen und Verhaltensmustern ein frischer Wind durch unsere kleine Welt weht,
  • immer dann, wenn Erstarrtes sich bewegt,
  • immer dann Trauer sich wandelt und neuem Lebensmut weicht,
  • immer dann, wenn wir Vertrauen, Versöhnung, Liebe erleben,
    sind wir dem, was da am Ostermorgen geschehen ist, auf der Spur.

Das mag uns Hoffnung machen auch an diesem Ostern 2023, wo die Nachrichten aus diesem Land uns das Gegenteil vermitteln. Das Ostern damals war kein Ereignis, das es in die Nachrichten geschafft hätte und doch hat es die Welt verändert. Deshalb gilt es, die Augenblicke des Ostermorgen zu entdecken.

Diese Erfahrung macht den Frauen Beine. Den Auftrag des Engels im Ohr, eilen sie zu den Jüngern, auch: weil man eine solche Erfahrung nicht für sich behalten kann.

Bevor wir mit ihnen gehen, werfen wir noch einen Blick zurück: Da liegt der Stein, weggewälzt. Gott lässt es nicht zu, dass wir dem Leben mit einem schweren Stein den Weg versperren. Lassen wir ihn da liegen, wo er ist.

Randfiguren der Passion

Vorgestern hatte ich ein Gespräch Professor Michael Theobald, der in den letzten Jahren über den Prozess Jesu geforscht hat. Es war interessant zu hören, wie die Evangelisten in den verschiedenen Leidensgeschichten ihre Erzählungen geschrieben haben, um das Glaubensbekenntnis „Gott hat den Gekreuzigten nicht im Tod gelassen, sondern ihn auferweckt“, auf das alles hinausläuft, zu illustrieren.

Es war für die Anhänger Jesu schon ein Schock gewesen, dass Jesus verurteilt und gekreuzigt wurde. Sie hatten im Ohr das Wort aus dem Buch Deuteronomium: „Wenn jemand [….] hingerichtet wird und du den Toten an einen Pfahl hängst, 23 dann soll die Leiche nicht über Nacht am Pfahl hängen bleiben, sondern du sollst ihn noch am gleichen Tag begraben; denn ein Gehenkter ist ein von Gott Verfluchter.

Wie geht das zusammen? Jesus, ein Verfluchter Gottes?

Nein, sagen die Passionserzählungen und sie verweisen auf die alttestamentlichen Texte und Psalmen, die das Geschick Jesu anders deuten: Er ist der leidende Gottesknecht, von dem Jesaja spricht: „Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.( Jes 52,14)“. Und der römische Hauptmann spricht das Glaubensbekenntnis der jungen Christengemeinde aus, wenn Markus, Lukas, Matthäus ihn sagen lassen: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.

Hinter dem, was wir da in den Passionsgeschichten hören, steckt das Ringen der ersten Christen um die Deutung der Geschehnisse. Sie bemerken auch: von dem, was die eigentliche Sendung Jesu ausgemacht hat, seine Botschaft vom Reich Gottes, seine Zuwendung hin zu den Menschen, ist in den Erzählungen von der Verhaftung, dem Verhör, dem „Prozess“ vor Pilatus und der Kreuzigung kaum die Rede.

Deshalb haben die Evangelisten und später die Volksfrömmigkeit in die Geschichten kleine Episoden hineingewebt, die uns etwas erzählen über diesen Mann aus Nazareth. Die kleinen Episoden rücken Randgestalten der Passion mit ihren Botschaften in die Mitte.

An drei Beispielen möchte ich das zeigen:

Ich erinnere mich an den Film „Die Passion“ von Mel Gibson. Er ist der Versuch eines Filmemachers darzustellen, was er von der Passion Jesus verstanden hat.
Es gab in dem Film drei Szenen, die mich sehr beeindruckt haben; drei Kreuzwegstationen, die aus dem Evangelium stammen oder aus der Volksfrömmigkeit, und die zeigen, wie Randfiguren des Geschehens uns eine Botschaft übermitteln:

Veronika
der Film ist sehr laut, man sieht die brüllende und schlagende Soldateska, die roh und gewaltsam den Kreuztragenden Jesus vorantreiben. Immer wieder strauchelt er, fällt er stolpert in den Schmutz des Weges. Da verstummt plötzlich der Lärm und man sieht eine junge Frau, die sich unbeirrt von den Soldaten den Weg durch die Menge bahnt, vor dem zusammengebrochenen Jesus niederkniet und ihm ein Tuch reicht, mit dem er sich Schweiß und Blut abwischen kann.

Die Szene dauert nicht lange, denn bevor sie dem Kraftlosen noch einen Becher Wasser reichen kann, wird sie von den gewalttätigen Soldaten weggezerrt. Das Böse lässt das Gute nicht zu.

Für mich nimmt Veronika das Gesicht von Menschen an, die ähnlich handeln. Die nicht mit einer großen Tat, sondern mit einer kleinen Geste am Rand des Kreuzweges der Menschen stehen, die sich nicht beirren lassen von Wenns und Abers, von Konventionen, Gesetzmässigkeiten, die das Gute gegen das Böse setzen.
Veronika, eine Randfigur, deren Tun viel erzählt von der Botschaft Jesu.

Simon von Cyrene
die Schrift kennt ihn, als den, der Jesus hilft das Kreuz zu tragen. Im Film wird er dargestellt als einer, der sich zuerst mit Händen und Füßen wehrt, diese Hilfe zu leisten.
Man zwingt ihn. Angesichts der rohen Gewalt, die er erlebt, sieht man seine Wandlung, die ihn schließlich eingreifen lässt. Ohnmächtig schreit er die Soldaten an.

Und dann gehen beide weiter, wie Freunde umschlingen sie das Kreuz, Simon hält den strauchelnden Jesus, fast schon zärtlich zieht er ihn wieder hoch und flüstert ihm angesichts des Kreuzeshügel zu: „Fast geschafft“. Das letzte Stück trägt er die Last fast allein. Der letzte Blick der beiden oben auf Golgotha ist der Blick von Freunden, die sich nahe gekommen sind im Leid.
Für mich nimmt Simon das Gesicht der Menschen an, die sich auf den Kreuzweg anderer einlassen, die mittragen, auch wenn die Last fast unerträglich ist. Ich denke an die Menschen in den Hilfsorganisationen ebenso wie an die Partner und Freunde, die mitgehen, wenn die Last für einen allein zu schwer wird.
Simon von Cyrene, eine Randfigur der Passion, deren Tun viel erzählt von der Botschaft Jesu.

Maria
die Gefühle der Mutter am Kreuzweg, unter dem Kreuz und bei der Kreuzabnahme haben die Menschen schon immer berührt. Gibson zeigt in seinem Film eine Szene, die so gewiss erfunden ist, und doch ähnlich wie viele Darstellungen der Pieta in der Kunst anrührt und Trost gibt.
Maria sieht ihren Sohn unter der Last des Kreuzes zusammenbrechen. Sie eilt zu ihm, währenddessen sieht der Zuschauer in einer Rückblende eine Szene aus der Kindheit, in der Jesus als Kind spielt, läuft und fällt. So wie damals kniet die Mutter bei ihrem gefallenen Sohn und sagt: „Ich bin hier!“
Wer schon einmal in seinem Leid, sei es körperlich oder seelisch, die Erfahrung gemacht hat, dass ein anderer ihm sagte: “Ich bin hier“, ich bin da, ich bin bei dir – auch in der gleichen Hilflosigkeit und Ohnmacht wie man selbst, der wird den Trost erkennen, der in dieser Szene liegt.
Maria, ihr Tun erzählt von der Botschaft ihres Sohnes.

Der Kreuzweg Jesu hier in Jerusalem war einmalig und doch zieht er sich durch die Zeit. „Seht den Menschen“, sagt Pilatus. In dem gegeißelten Herrn, der vor ihm steht, sehen wir die Gesichter der leidenden Menschen durch die Menschheitsgeschichte hindurch.

Und gleichzeitig wird mein Blick voll Dankbarkeit auf jene Menschen gelenkt, die sich mit dem Leiden nicht abfinden, sondern an den Kreuzwegen stehen, auch an unserem, wie Veronika, Simon und Maria und in deren Verhalten etwas von dem sichtbar wird, was die Botschaft und Sendung des Gekreuzigten war und ist. So gesehen rücken die Randfiguren in die Mitte der Betrachtung.