Wandlungen

Abendmahlssaal in Jerusaelm

Predigt am Gründonnerstag St.Charles Jerusalem

In den westlichen Gesellschaften gibt es ein neues Wort, das notwendige Prozesse beschreibt: „transformation“. Das bedeutet es wird etwas umgewandelt, umgestaltet, verändert.

Man spricht von der digitalen Transformation und meint damit die Veränderungen des Berufslebens, der Gesellschaft durch die immer größere Verbreitung und Nutzung von elektronischen Systemen.

Man spricht von Klimatransformation und meint damit die Bewältigung der Herausforderungen des Klimawandels, zum Beispiel die Umstellung auf erneuerbare Energien, die Veränderungen in der Mobilität der Menschen und alle Auswirkungen auf das Leben der Gesellschaft.

Transformation – das erleben Sie auch in Ihrer Gemeinschaft, hier im Haus, in der Kongregation, in der ganzen Kirche. Neue Situationen werden zu Herausforderungen. Es kann alles nicht so bleiben wie es war und ist, Veränderungen sind notwendig. Das bedeutet Abschiednehmen, tut manchmal weh und ist unangenehm. Aber ohne Transformation wird uns die Zukunft nicht gelingen.

Warum erzähle ich Ihnen das?
Weil ich der Meinung bin, dass der Gründonnerstag auch ein Tag der Transformation ist. Wir sind es gewohnt, diesen Tag unter dem Eindruck des Karfreitags zu begehen. Die Vorahnung dessen, was am nächsten Tag geschehen wird, legt sich wie ein düsterer Nebel auf diese Stunde.

Aber die Lesungen der Liturgie verweben zwei Ereignisse miteinander, die eine ganz andere Botschaft haben: In der ersten Lesung hörten wir aus dem Buch Exodus vom Aufbruch der Israeliten aus der Gefangenschaft des Pharao und dem Auftrag, das Pessachfest als ewige Erinnerung zu feiern. Die Lesung aus dem ersten Korintherbrief überliefert uns den Abendmahls“bericht“ des Apostels Paulus, die Einsetzung der Eucharistie zu Jesu Gedächtnis. „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“

Da ist einmal die große Transformation, die große Verwandlung in der jüdischen Geschichte: aus einer Schar von unfreien Menschen in der Fremde, an den Fleischtöpfen Ägyptens wird durch die Tat Gottes ein befreites Volk, das einen langen Weg zurücklegen muss, um sich wirklich frei zu fühlen und zu erleben: wir sind Gottes Volk. Mit einem Mahl, wenn auch hastig eingenommen, beginnt dieser Weg der Verwandlung.

Da ist die zweite große Transformation, die große Verwandlung: der Rabbi aus Nazareth mit seinen Taten und Worte in Kafarnaum, in Jericho, Jerusalem und anderswo erweist sich als der Kyrios, der Christus, gekreuzigt, gestorben und von den Toten auferweckt. Gott schließt damit einen neuen Bund mit den Menschen. Auch diese Verwandlung beginnt mit einem Mahl.

Ohne den Exodus wäre Israel auf die Dauer in Ägypten untergegangen. Ohne das Kar- und Ostergeschehen wären die Zwölf ohne Bedeutung geblieben, die Botschaft vom Reich Gottes wäre verhallt. Die Verwandlung hat Leben ermöglicht, Zukunft geschenkt.

Deshalb ist für uns Christen, die Feier der Eucharistie so wichtig.
Es geht nicht nur um die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi, in die umfassende Wirklichkeit seiner menschlichen und göttlichen Person.
In dieser Feier geschieht immer wieder neu die Verwandlung unserer unheilvollen, zerbrechlichen, endlichen Welt in eine Welt mit göttlicher, ewiger Dimension.

Heute am Gründonnerstag, und in diesen österlichen Tagen feiern wir das Fest der Verwandlung. Ein Fest aber, das keinen Bezug zum Alltag hat, ist ein fades Fest.
Damit das auf uns nicht zutrifft, gebe ich uns ein gerne ein Wort aus einem Lied von Peter Janssens weiter:

Wandelt euch und wandelt gut! Euer Wandel Wunder tut.
Einer trägt des Andern Last,
einer hält beim Andern Rast

Wandelt euch und wandelt gut! Euer Wandel Wunder tut.
Last des Lebens, Last zu zweit,
halbe Last und halbes Leid
.

Also dann: wandeln wir uns und wandeln wir uns gut. Unser Wandel Wunder tut

Wenn ein Kreuz auf Reisen geht – oder: wenn sich alles fügt

Über vier Jahre stand das Kreuz von San Damiano vollverpackt von den Umzugshelfern in meiner neuen Wohnung. Es war für meine neuen Räume einfach zu groß. 20 Jahre lang hatte es in meinem Gesprächszimmer gehangen und viele Menschen in unseren Gesprächen begleitet. Immer wieder konnte ich ihren Blick auf das Kreuz lenken. Es zeigt nicht nur den gekreuzigten und auferstandenen Christus, die Menschen unter dem Kreuz repräsentieren viele von uns Betrachtern.
Vor ihm hat der hl. Franziskus gebetet:
Höchster, glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis
meines Herzens
und schenke mir rechten Glauben,
gefestigte Hoffnung, vollendete Liebe.
Gib mir, Herr,
das rechte Empfinden und Erkennen,
damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle,
den du mir in Wahrheit gegeben hast. Amen.

Und jetzt: wohin mit dem Kreuz? Es im Internet anbieten und wie verschicken? Und dann fügte es sich.

Diese Geschichte beginnt vor fast 50 Jahren. 1976 feierte die franziskanische Familie den 750.Todestag des Franziskus von Assisi. Mich hat damals die Spiritualität des Mannes aus Assisi sehr fasziniert und als junger Kaplan gelang es mir, auch Jugendliche dafür zu begeistern. Es folgte 1977 eine Reise nach Assisi und ein Aufenthalt im Kloster Rocca Sant’Angelo begleitet von dem unvergessenen Gerhard Ruf.

Einen der jungen Leute hatte es besonders gepackt. Es begann ein langer Weg mit vielen Stationen. Immer aber verlor er die Nähe zu Franziskus nicht und auch wir beide haben uns nicht aus den Augen verloren. Vor einigen Jahren ist er mit seiner Familie nach Italien gezogen. Wohin? In die Nähe von Assisi!

Jetzt bot sich ihm die Gelegenheit ein kleines Anwesen zu kaufen, das schon einmal eine geistliche Gruppe beherbergt hat. Es soll auch weiter ein spiritueller Ort sein, zumal es auch eine kleine Kapelle birgt. Begeistert hat er mir davon bei einem Abendessen in Assisi im November des vergangenen Jahres erzählt. Sollte das der Ort sein, wo das Kreuz eine neue Bleibe finden soll? Es war keine Frage, denn die begeisterte Zustimmung erfolgte auf dem Fuß. „Der liebe Gott tut nichts als fügen“, sagt man im Rheinland.

Aber wie kommt das Kreuz nach Assisi? Irgendwie schaffen wir das – vielleicht kann ich es einer Gruppe mitgeben. Wenn es dahin soll, dann gibt es einen Weg. Den gab es an diesem Wochenende. Ein Anruf am Tag nach Rosenmontag informierte mich über den vollzogenen Kauf und die Ankündigung, dass mein Freund aus beruflichen Gründen am Wochenende nach Offenburg kommt.

Das war die Gelegenheit: Offenburg ist nur knapp 3 ICE-Stunden von Bonn entfernt und die Bundesbahn „spendiert“ mir sogar eine Bonus-Punkte-Fahrkarte. Also dann geht das Kreuz über Offenburg wieder auf die Reise nach Assisi.

Weshalb erzähle ich das? Weil sich auch hier wieder das Wort von Gottes Fügung bestätigt und weil sich so der Kreis schließt von den ersten Annäherungen an den Hl. Franz von Assisi von vor fast 50 Jahren bis zur Übergabe des Kreuzes von San Damiano gestern Abend. Mich hat das tief berührt.

Das Kreuz von San Damiano hat mich auch ein Leben lang begleitet. Unvergessen: das Fastentuch im Bonner Münster im Jahre 2008, das in kleiner Ausführung in vielen franziskanischen Niederlassungen auf der ganzen Welt zu finden ist.

Wenn ich in Zukunft Menschen an die Aussagen des Kreuzes heranführe, wird diese „Episode“ von der „Translatio“ des Kreuzes auch dazu gehören.

Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei

Seid umschlungen“ – es macht Spaß, einmal im Jahr einzutauchen in die große Menge, ohne Rücksicht auf gängige Konventionen. Ein- mal einfach Mensch sein, „per Du“ mit jedem, der den Weg kreuzt. Arm in Arm ohne jene feinen Unterschiede, auf die wir sonst so bedacht sind. Leichtsinnig mit dem Wort, Schwüre von Treue ohne unliebsame Konsequenzen.

Und dazu der Wein, der die Probleme aufnimmt. „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein„. Der Rausch des Abends läßt den Alltag vergessen: den Ärger in der Familie, die Last des Berufes oder die Qual der Arbeitslosigkeit, die Unfähigkeiten, die Grenzen, an die jeder stößt.

Das ist für viele Zeitgenossen die Realität dieser tollen Tage. Sie offenbart die Sehnsucht des Menschen nach Gemeinschaft und Geborgenheit, seinen Wunsch nach Befreiung, nach Frieden, gar nach Erlösung. Weil die Welt dies nicht er füllen kann, bleibt für viele nur die Flucht ins Reich der Träume, der Masken, der Gaukler und Narren, zu den Schminktöpfen, die alles überdecken, in eine tolle Welt, in eine Scheinwelt, die spätestens am Aschermittwoch wieder von der Wirklichkeit abgelöst wird. Allenfalls das bunte Konfetti im Haar und der fade Geschmack auf der Zunge erinnert an die erlebten, durchlebten Trugbilder.

Das Leben mit seinen Sehnsüchten, seinen Wünschen ist geblieben. Es besteht eben doch nicht nur aus den bunten Farben der Kostüme und spiegelt sich nicht nur wider in den Weinpokalen.

Mehr noch: die Vergänglichkeit, das Elend des menschlichen Lebens wird einem mit Asche auf die Stirn geschrieben. Und vielleicht spürt man dann, daß nicht die Tage vor, sondern nach Aschermittwoch die entscheidende Zeit im Jahr sind. Es sind die Wochen, in denen früher die Taufschüler der ersten Jahrhunderte die letzten, entscheidenden Schritte zum Glauben taten. Diese Zeit, in der sie erfuhren, daß ihre Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung von Jesus Christus erfüllt wird und daß sich Gemeinschaft und Geborgenheit im Kreis der Getauften finden läßt. Diese Erfahrung gibt dem Leben eine Freude, die nicht beschränkt ist auf ein paar Tage im Kalender.

Gerade deshalb aber kann auch der Christ die närrischen Tage mitfeiern, mit ihrer Fröhlichkeit und Ausgelassenheit, mit dem Spiel der Masken und der lustigen Zeche. Für ihn ist zwar am Aschermittwoch dies alles vorbei, aber das Wesentliche fängt erst an.

Wilfried Schumacher

Zerrissen und ratlos – doch gehend

„Nicht schon wieder!“, werden manche Katholiken gedacht haben, als am Montag die Missbrauchsstudie im Bistum Münster veröffentlicht wurde. „Nicht schon wieder“, denken Sie vielleicht auch, wenn Sie das lesen.

Die Studie bestätigt, was wir schon wussten und macht es trotzdem noch einmal schmerzlich bewusst: „Es sind der Zentralismus der Institution und die Sakralisierung ihrer Machtstrukturen, es ist die Vorstellung vom Priester als ‚heiligem Mann‘ und es sind die Unwahrhaftigkeit, Bigotterie und die internen Sprachblockaden, die aufgrund einer zunehmend lebensfremden Sexualmoral im Katholischen Einzug gehalten haben und damit den Missbrauch ermöglichen wie auch Vertuschung begünstige. Wer die Betroffenen nur bemitleidet, ihnen lediglich Geld als Form der Anerkennung zur Verfügung stellt, sich in ebenso pathetischen wie unkonkreten Schuldbekenntnissen übt, ansonsten aber diese strukturellen Bedingungen als unabänderlich und von Gott gegeben sakralisiert, wird den Skandal des sexualisierten Machtmissbrauchs in der katholischen Kirche nicht im positiven Sinne aufarbeiten, sondern auf Dauer stellen.“

Da bleibt einem die Luft weg: „sexualisierter Machtmissbrauch auf Dauer gestellt“! Als wenn die Kirche nicht schon genug negative Schlagzeilen produziert.

Mir vergeht die Lust an Fronleichnam. Keine Sorge: ich will nicht die Verehrung der Eucharistie in Frage stellen. Aber wenn ich zum wiederholten Male höre, dass mehrere hundert, wenn nicht mehrere Tausend Jugendliche sexuell und geistlich mißbraucht wurden, dann möchte ich nur noch schweigen, mir gehen die Worte aus. Ich möchte mich verstecken, weil die Menschen nur noch auf uns zeigen: schau mal die da, die gehören auch zur Täterorganisation.

Wir haben überlegt, bleiben wir heute drinnen oder gehen wir raus. Wir müssen raus – wir dürfen uns nicht von diesem Burnout, den Schwester Michaela in ihrer Pfingstpredigt für die Kirche diagnostiziert hat, erfassen lassen.

Es ist ein Burnout des Systems, es ist ein Burnout der Hierarchen – nein wir dürfen uns nicht davon mitreißen lassen – es ist wie ein Strudel, der uns immer weiter nach unten zieht, der uns lähmt,  und uns sprachlos macht.

Wir müssen diesem Burnout etwas entgegen setzen. Das Fest hilft uns dabei, denn Fronleichnam ist das Fest der „Verwandlung“. „Brot und Wein werden Jesu Leib und sein Blut. Aber an dieser Stelle darf die Verwandlung nicht Halt machen, hier muß sie erst vollends beginnen. Leib und Blut Jesu Christi werden uns gegeben, damit wir verwandelt werden“(Benedikt XVI.)

In der Feier der Eucharistie werden wir aus unserem gewöhnlichen, zerrissenen, oft banalen, alltäglichen Dasein herausgeführt und erleben die Wirksamkeit göttlichen Geschehens. Das Zukünftige bricht in die Gegenwart hinein und verwandelt sie. Wir feiern nicht nur Jesu Tod und Auferstehung, sondern auch unseren Tod und unsere Auferstehung.

Im Brot legen wir unser Leben mit all seiner Unzulänglichkeit, mit seiner Arbeit und seiner Mühe auf den Altar, damit es von Gottes Geist verwandelt wird und das eigentliche sichtbar wird: Jesus Christus, der auch unseren Alltag verwandeln will. Im Wein bringen wir unsere Gefühle und Sehnsüchte, unsere Bedürfnisse und Wünsche, unsere unvollkommene Liebe vor Gott hin, damit er es verwandle in das Blut Christi und so unserem begrenzten Leben eine ewige Dimension gibt. –

Der hl. Augustinus meint eine Stimme zu hören, die zu ihm spricht: „Ich bin die Speise der Großen: Du wächst und wirst mich essen. Und nicht ich werde dir anverwandelt werden wie die Nahrung deines Leibes, sondern du wirst mir anverwandelt werden.“ Nicht wir verwandeln uns, sondern Christus handelt an uns, wir lassen uns verwandeln – wenn wir uns nicht widersetzen.

Der Verwandlung widersetzen geschieht auch durch Unterlassen, durch Hinnehmen, durch Untertänigsein, durch Vertuschung.
Erwarten Sie jetzt von mir keine Rezepte und Handlungsanweisungen, ich erlebe mich selbst zerrissen und ratlos in vielen Dingen.

Eines weiß ich: Verwandlung betrifft nicht nur die Kirche, sondern viele unserer Lebensbereiche. Davon wird die Rede sein, wenn wir gleich unterwegs sind.

Das, was in der Feier der Eucharistie geschieht, tragen wir heute nach draußen auf die Straßen der Insel. Nicht nur das verwandelte Brot, die Hostie, den Leib Christi – sondern – so hoffe ich – auch unsere Bereitschaft zur Verwandlung.

Ein Wort von Dorothee Sölle kann uns dabei begleiten:

Lasst uns Gehende bleiben.
Wir sind nicht
ganz zu Hause
auf dieser Welt…..

Wir sind unterwegs mit dir,
Gott.
Durch Dunkel und Nässe,
durch Nebel und oft ohne Weg
und nicht selten ohne Ziel.

Wir sind Wanderer.
Wir sind Gehende.
Wir sind noch nicht ganz angekommen.

So wandert Gott mit uns
und lehrt uns das Gehen –
und das Suchen… „

Die Nacht des Jehuda

 

Seit ich gestern den Gottesdienst für heute Morgen hier in Jerusalem vorbereitet habe, fasziniert mich wieder dieses Bild. Es ist das Cover-Foto einer DVD. Aber dazu mehr später.

Einer der Protagonisten im heutigen Tagesevangelium ist Judas. Er verlässt das Pessachmahl mit Jesus und seinen Jüngern um sein Werk, den Verrat an Jesus fortzusetzen.
Judas – mehr als ein Name, ein Synonym für Verrat, Untreue, Schuld. Die Wurzel für furchtbaren Antisemitismus. Ein Deutschland wird kein Standesamt ein Kind mit diesem Namen registrieren.

Judas – die griechische Form für den hebräischen Namen Jehuda – einer aus dem Stamm Juda, übersetzt vielleicht mit „Gott will ich loben“ oder „der Gelobte“.

Er gehörte zu den Aposteln Jesu – wie Petrus, Andreas und die anderen. Weil es zwei Jünger mit diesem Namen gab, erhielt er den Beinamen „Iskariot“ und manchmal das Attribut „der, der Jesus verriet“. Eine Un-Person, der Schlimmste von allen, vom Teufel besessen. Wie alle die anderen Jünger war er fasziniert von allem, was Jesus sagte und tat. Wie die anderen feierte er mit Jesus das Pessachmahl, an dessen Ende Jesus den Verrat ankündigt und den Verräter indirekt entlarvt.

Der Evangelist Johannes schreibt: Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. (Joh 13,30)

Die Zeitangaben im Johannes-Evangelium sind nie zufällig. „Nacht“ bedeutet mehr als die Zeitspanne zwischen Sonnenuntergang und -aufgang. „Nacht bedeutet Kommunikationslosigkeit, in der einer den anderen nicht sieht. Sie ist Sinnbild des Nicht-Verstehens, der Verdunkelung der Wahrheit. Sie ist der Raum, in dem das Böse sich entfalten kann, das sich vor dem Licht verstecken muß.[…] Nacht ist letztlich Symbol des Todes, des endgültigen Verlustes von Gemeinschaft und Leben.“ (1)

Was Jehuda wirklich umtreibt, weiß niemand. Es ist nicht zu verstehen. Jehuda versteht sich ja selber nicht und endet tragisch, indem er sich selbst erhängt. Die Nacht hält an bis heute. Mit Judas will niemand etwas zu tun haben.

Aber bevor auch Sie sich abwenden und das Kapitel als erledigt betrachtet, schauen Sie noch einen Augenblick auf die Ballett-Inszenierung von Bachs Matthäus-Passion – ein Werk von John Neumaier.

Der Tänzer, der den Jehuda tanzt, tut dies so leidenschaftlich, so verzweifelt liebend und so zerrissen, dass er schließlich zusammenbricht.

Der Christ John Neumeier gibt der Geschichte eine etwas andere Wendung als die, die wir aus den biblischen Texten gewohnt sind: Jesus richtet den Jehuda auf. Es kommt zum Kuss. Aber die Rollen sind wie vertauscht – Jesus küsst Jehuda! Dann wird Jesus verhaftet. Es ist aber, als ob beide gefangen genommen werden. Der eine gefesselt von den Soldaten, der andere verstrickt in seine Schuld.

In Neumeiers Passion-Erzählung: küssen alle Jünger Jesus. Alle tragen Schuld. Alle werden ihn verlassen. Nicht nur der Verräter.

Und dann: Jesus geht auf der Bühne einen weiten Weg und trägt dabei den Jehuda auf seinen Schultern. So wie er später das Kreuz tragen wird. Oder wie ein Hirte ein Schaf trägt. (siehe Foto oben)

Als ich das Bild davon zum ersten Mal sah, war ich im Inneren erschüttert. Es gibt so viele Menschen, die eine Nacht wie  Yehuda erleben – vielleicht kennen Sie auch solche Stunden. Stunden, in denen Sie sich selbst nicht verstehen. Stunden, in denen das Dunkel im Innern nur schwer auszuhalten ist.

Wenn ich mir dann vorstelle, dass der Herr mich trägt – was will ich noch mehr?

(1) Benedikt XVI. Gründonnerstag 2012

Bei YouTube findet man drei Beiträge zu Neumaiers Inszenierung:
einen Trailer
die Arie „Ich will bei meinem Jesus wachen“
und (leider) nur den zweiten Teil  mit dem Tod des Judas.

Nicht ein Gerechter – ich bleibe trotzdem!

Ich habe über zwei Stunden zugehört bei der Pressekonferenz der Rechtsanwälte, die das Gutachten über sexuellen Missbrauch in der Erzdiözese München erstellt haben. Am Schluss wurde Frau Dr. Westphal gefragt, ob es denn wenigstens eine Person gegeben hätte, die aktiv gegen das Vertuschen vorging, also den einen Gerechten? „Nein“, war die Antwort der Gutachter. „Auf vielen hundert Seiten fand sich nicht ein Gerechter“, resümiert ein Journalist. Das war der letzte Stein, der auf mich niederprasselte.

w.r.wagner/pixelio.de

Mein Gefühl war:  ich sitze in einem Haus und mit jedem Satz, den die Juristen vorlesen fällt ein Stein aus seinen Mauern zu Boden. Ich bleibe sprachlos, nein wort-los. Was gibt es da noch zu sagen? Zu kommentieren?

Im Netz ist es das gleiche Bild: viele Kollegen ringen nach Worten. Nicht als ob ich und wir nicht vom Abgrund des Missbrauchs in unserer Kirche gewusst hätten, aber das er so tief ist, hätte ich mir kaum vorstellen können. Ich lade mir das Dokument herunter, 1893 Seiten, lese darin, forsche, ob, ich mich nicht an manchen Stellen verhört habe.

Ich lese das Dokument, dass die Unterschrift Benedikt XVI. trägt und in dem er argumentiert, dass ein Priester als „Exhibitionist und nicht als Missbrauchstäter im eigentlichen Sinn aufgefallen sei, wobei es nicht zu Berührungen der Opfer gekommen sei, und dass er bei seinen Handlungen als „anonymer Privatmann“ gehandelt habe und nicht als Priester erkennbar gewesen sei und der Priester sich in der Seelsorge selbst und im Religionsunterricht nicht das Mindeste habe zuschulden kommen lassen. (S.703/704)“.
Dieser Satz enthält zerstörerische Sprengkraft. Da zerstört jemand sich selbst! Und ich wundere mich nicht mehr über mein Gefühl der herabfallenden Steine.

Ich möchte nur noch schweigen. „Das ist genau das Falsche. Geschwiegen, weggeschaut, tabuisiert wurde lange genug“, schreibt mir ein Freund als erste Reaktion. Aber ich kann nicht reden. Auf meinem Tisch liegt der Schrifttext für die Messe am Abend. Er schreit mich an: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung; seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!“ ( 1 Petr 5,2-3) Nicht nur als Anklage, sondern auch als Frage an mich: „wo war ich in diesem Herrschaftssystem Täter, Opfer oder Ignorant? Was tue ich? Wo sensibilisiere ich mich? Wo lasse ich mich an- und hinterfragen?“ (so hatte es mir der Freund geschrieben).

Ich breche auf zur Zelebration. Es gibt keine Musik, keine Lieder, keine Predigt. Nur die Texte im Messbuch. An ihnen kann ich mich in meiner Sprachlosigkeit orientieren. Immer wieder schießt mir das Wort durch die Seele: „Auf vielen hundert Seiten fand sich nicht ein Gerechter“.

Im Netz lese ich immer mehr Zeugnisse von aufgewühlten Kollegen, einige kenne ich persönlich. Und es gibt immer wieder Versuche, Benedikt XVI. zum Opfer einer Verschwörungskampagne zu machen. Sie machen mich wütend: Nein, Benedikt XVI. war der Chef der Täterorganisation und in seiner Einstellung (siehe oben) selbst Täter.

Die Opfer, das waren Tausende von Kindern und Jugendlichen. Sie sind die Betroffenen. Wir haben sie übersehen und überhört. Ich erinnere mich an meine Predigt aus dem Jahr 2010: „Jetzt müssen wir ihnen zuhören, auch wenn jede einzelne Geschichte schmerzt. Jetzt verdienen sie unsere ganze Aufmerksamkeit, auch wenn jeder Fall uns neu erschüttert. Jetzt müssen wir uns ihrem Zorn stellen, weil sie jetzt mitbekommen, dass sie allein gelassen wurden, weil andere weggeschaut und vertuscht und die Täter nur versetzt haben.“ Das „Jetzt“ ist zwölf Jahre her und immer noch aktuell.

Viele sagen, es sei jetzt Zeit zu gehen und viele sind schon gegangen. Ich weiß, dass ich immer mit diesem System identifiziert werde; aber ich werde nicht gehen! Ich bleibe, weil ich von der Botschaft überzeugt bin, die ich jetzt fast 48 Jahre verkündigt habe. Ich bleibe, weil ich bei den Menschen bleiben will. Ich bleibe, weil ich mitbauen möchte an der Kirche, die ein Haus sein muss für alle.

Die alten Steine benötige ich nicht mehr. Die neuen müssen lebendige Steine sein – wie die Menschen, die ich bei lukas19 gefunden habe: Männer und Frauen, mit denen ich beten, singen, in der Schrift lesen und das Leben teilen kann. Sie werden auch in diesen Tagen meiner Seele gut tun.