Barmherzigkeit ist der Name Gottes

Es war und ist im heiligen Land üblich angesichts der beschränkten fruchtbaren Fläche in den Weingärten auch Fruchtbäume anzupflanzen. Deshalb steht der unfruchtbare Feigenbaum in einem Weinberg. Hier an der Ahr ist mir das noch nicht begegnet, aber vielleicht habe ich auch nicht genau genug hingeschaut. Ich habe mich gefragt, was würde ein Winzer machen angesichts von Weinstöcken, die keine Frucht bringen. Für den Weinbergbesitzer im Evangelium ist die Sache klar: der Feigenbaum bringt schon seit 3 Jahren keine Früchte mehr. Deshalb hau ihn um! Vielleicht wäre es auch die wirtschaftlichste Lösung.

Überraschend ist die Antwort des Winzers, der den Weinberg mit dem unfruchtbaren Feigenbaum bearbeitet: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen!

Wenn wir solche Geschichten hören, müssen wir uns immer bewusst machen, in welchem Zusammenhang sie stehen. Sie stehen im Evangelium und damit wissen wir, es geht nicht um Landwirtschaft und Weinanbau, es geht um das Reich Gottes, es geht um unser Leben als Christen. Der Feigenbaum wird zu einem Bild für den Menschen, der Frucht bringen soll. Wenn er das nicht tut, ist allerdings „ hau ihn um“ nicht die erste Lösung. Er bekommt eine zweite Chance!

So wird der Winzer mit seinem Vorschlag: „Herr lass ihn dieses Jahr noch stehen, vielleicht trägt er in Zukunft Früchte“ zu einem Vorbild für Handeln im Reich Gottes. Wir könnten auch sagen: er zeigt uns, was es heißt „barmherzig“ zu sein!

Barmherzigkeit ist der Name Gottes schlechthin“, sagt Papst Franziskus. „Sie ist Stärke und Zärtlichkeit zugleich“.
Und Shakespeare weiß von der Barmherzigkeit: „Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt.“
Barmherzigkeit lässt sich nicht verordnen. Es ist die Kraft des Einzelnen.
Barmherzigkeit berechnet nicht. Sie gibt bedingungslos. Verschenkt und beschenkt nicht nur den Empfänger, sondern auch den, der gibt.

In der christlichen Tradition kennt man die „sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit“: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde herbergen, Nackte bekleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten.
Weniger bekannt sind die „sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit“: Dem Rat geben, der ihn braucht; den lehren, der nichts weiß; den korrigieren, der irrt; den Traurigen trösten; die Beleidigungen verzeihen; die unangenehmen Menschen mit Geduld ertragen; und schließlich: beten.

Sieben Werke der Barmherzigkeit – da sind wir wieder bei unserem Fastentuch. Sieben goldene Steine sehen wir auf dem Tuch. Heute erinnern Sie mich an die sieben Werke der Barmherzigkeit.
Vielleicht sagen Sie jetzt: ich kenne keinen Nackten, keinen Gefangenen, um die Beerdigung von Toten kümmern sich andere, mich fragt keiner um Rat usw.
Aber damit ist die Sache für Sie, für uns nicht erledigt:

Der frühere Erfurter Bischof Joachim Wanke hat versucht, diese Werke der Barmherzigkeit neu zu beschreiben:  für uns heute in unserer Sprache. Schauen wir sie an, vielleicht passen sie ja.

  1. „Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu“
    Immer wieder gibt es Menschen, die am Rand stehen, die außen vor bleiben: in der Familie, im Verein, in der Gemeinde, in der Gesellschaft. Sie hineinholen „du gehörst dazu“.
  2. „Ich höre Dir zu!“
    Wir leben in einer Zeit totaler Kommunikation. Jeder hat sein Handy. Da gibt es SMS, WhatsApp, Twitter, Facebook, Tiktok und vieles anderes mehr. Und trotzdem: Haben wir wirklich noch Zeit zuzuhören?
  1. „Ich rede gut über dich“
    Unser Papst kämpft seit dem Beginn seines Pontifikats gegen den Tratsch. „er ist die Pest“ sagt er. Er schädigt die sozialen Bindungen, vergiftet die Herzen und führt zu nichts. Stattdessen gilt es, gut über den anderen zu reden.
  1. „Ich gehe ein Stück mir dir“
    „Ich möchte, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt, der mich versteht,“ heißt es in einem Kirchenlied im evangelischen Gesangbuch. Daliah Lavi sang vor über 50 Jahren: „Willst Du mir gehen, Licht und Schatten verstehn“. Es tut gut, nicht allein unterwegs zu sein.
  1. „Ich teile mit dir“
    Es gibt Vieles, was wir teilen können – nicht nur Materielles, vor allem auch Zeit, vielleicht auch Interessen, Erfahrung, Träume, Visionen, Zukunft
  1. „Ich besuch dich“
    Einsamkeit kann jeden und jeden treffen. Sie hat unterschiedliche Ursachen. Davon betroffen sind sowohl ältere als auch jüngere Menschen. Sie sprechen nicht häufig über ihre Einsamkeit, schaffen es oft nicht aus eigener Kraft, sich aus der Einsamkeit zu befreien. Da braucht es Menschen, die das wahrnehmen und die sagen „Ich besuch dich“
  1. „Ich bete für dich“
    „ich denke an Sie, ich bete für Sie“ -ein solches Wort erhellt oft die Gesichter der Menschen. Für einen anderen beten heißt, ich nehme ihn mit zu Gott, schaue ihn oft mit neuen Augen. Ich mache mir seine Sorgen zu eigen, ich bitte für ihn, aber auch: ich danke für ihn.

Sieben Werke der Barmherzigkeit, ob klassisch oder modern – auf unserem Fastentuch werden sie für mich zu sieben Goldstücken, kostbar, leuchtend. Amen

Damit wir leben können

Auf unserem Fastentuch fällt der schwarze Balken auf, der sich quer über das ganze Tuch zieht. Für mich heute ein Symbol für die dunklen Stunden im Leben:

Es gibt dunkle Stunden im Leben.
Wenn man zum Beispiel tagelang unterwegs ist mit Unsicherheit, Sorge und Angst:
· jemand, der schwer erkrankt ist und auf die endgültige Diagnose wartet,
· jemand, der in einer großen existentiellen Unsicherheit lebt, der fürchtet in einer Beziehung einen Menschen zu verlieren, dem der Verlust des Arbeitsplatzes droht,
· jemand, dem die sogenannten Sicherheiten des Lebens abhanden gekommen sind – wie vielen Menschen bei der Flut hier im Tal.

Da hat man das Gefühl: es ist nur noch Nacht, auch am hellen Tag. Es sind die Nächte mit den Fragen, die wir alle kennen: Wie ist das möglich? Warum greift Gott nicht ein? Ist er nicht der barmherzige Vater? Wo ist da die Anwesenheit Gottes in dieser Welt. Wieso gehen die Dinge diesen Weg?

Abraham kannte das auch: Aufbruch in ein fernes Land, immer wieder Verheißungen, immer wieder Herausforderungen, immer wieder diese quälende Ungewissheit, ob in Erfüllung geht, was ihm vesprochen wird. Abraham war überzeugt: Gott wird es richten! Und Gott rechnete es ihm als Gerechtigkeit an. (Gen 15,6)

Was kann uns helfen, die Dunkelheiten im Leben tzu bestehen, zu verhindern, dass der Weg in der Dunkelheit nicht in die Gottferne führt?

Wir Menschen wollen sehen statt glauben, wir wollen wissen statt vertrauen.
Den Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes wird auf dem Berg, auf den sie Jesus führt, geschenkt, was viele Menschen ersehnen. Sie dürfen Jesus schauen als den, in dem Gesetz und Propheten ihr Ziel und ihre Erfüllung haben. Er ist des ewigen Gottes vielgeliebter Sohn.

Man kann nur erahnen, was die Jünger dort erlebt haben, wenn man den Vorschlag des Petrus hört: „Meister, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen!“ Ein solche Erfahrung muss man festhalten, muss man bewahren.

Andreas Bourani singt:Wer friert uns diesen Moment ein?. Besser kann es nicht sein“.
Er hat Recht, solche Glücksmomente dürfen nicht vergehen. Wir möchten sie festhalten.
Glücksmomente des Glaubens, wenn wir uns der Liebe Gottes, seine Hilfe, seiner Zuwendung sicher sind.
Glücksmomente in der Liebe, der Beziehung, wenn uns die Liebe, Treue, die Freundschaft zum Fundament werden, auf dem wir stehen können.
Glücksmomente im Beruf, im Studium, in der Schule wenn uns etwas gelungen ist, wenn wir gelobt, gefördert oder befördert werden.

Es gibt solche Stunden, in denen wir wie Andreas Bourani in den Song einstimmen können: „Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben, auf den Moment der immer bleibt. Ein Hoch auf uns, Auf jetzt und ewig, Auf einen Tag Unendlichkeit.
Aber Andreas Bourani irrt an einer wesentlichen Stelle: die Unendlichkeit, die ewige Treue, die Unsterblichkeit gibt es nicht auf dieser Welt.

Jesus steigt mit seinen Jüngern wieder hinab vom Berg, hinab zurück in den Alltag. Der Augenblick des überwältigenden Lichts ist auf dieser Welt nicht ewig – und trotzdem brauchen wir ihn, und nicht nur einmal – weil wir aus ihm leben.

Wir brauchen die Momente des Glücks, Momente des Lichts! Gäbe es diese Momente nicht, wäre die Welt ein einziges Jammertal.
Auf unserem Fastentuch liegt ein großer Brocken auf dem schwarzen Band – ein großes Goldstück. Es symbolisiert für mich die Augenblicke des Glücks, der Zufriedenheit, der Hoffnung, des Lichtes in unserem Leben. Augenblick, die das Dunkle erträglich machen.
Der zweite Fastensonntag lädt uns ein, nicht nur auf das Dunkle im Leben zu schauen, sondern auch das Helle, das Lichte dankbar in den Blick zu nehmen – damit wir leben können!

Jeden Sonntag gibt es im Gottesdienst einen Gedanken zu der Darstellung des Fastentuches. Sie können Sie ergänzen oder auch widersprechen! Nutzen Sie die Kommentarspalte unten. Oder die Kommentarspalte auf dieser Seite: https://wilfried-schumacher.de/2025/03/07/fastenzeit-in-dernau/
Sie müssen Ihren Namen nicht veröffentlichen. Sie können auch nur die Anfangsbuchstaben Ihres Namens nehmen oder Sie schreiben „anonym“.

Mit der Gemeinde in Dernau freue ich mich über Ihre Beteiligung. Wenn Sie hier nicht schreiben wollen, können Sie mir auch persönlich schreiben.

Mit dieser Adresse kommen Sie immer schnell auf die Seite: fastentuch-dernau.de

Fastentuch Dernau

(c) MISEREOR

Fastentücher, Hungertücher wurden früher aufgehangen, um das Gold und die Farbe der Altäre in der Fastenzeit vor den Augen zu verbergen. Die Menschen sollten auch mit den Augen fasten.
In diesem Jahr haben wir in Dernau noch einmal das MISEREOR-Hungertuch aus dem Jahre 2015 aufgehängt.  Gemalt hat es der chinesische Künstler Dao Zi. Es hat die Überschrift „Gott oder Gold – Wie viel ist genug?“
Für den einen symbolisiert der große Goldklumpen wirklich den Reichtum, den wenige angehäuft haben, „das Gold in vielerlei Prägung, nach dem Menschen verlangen und dem sie sich verschreiben – einem Götzen mit magischer Anziehungskraft“. Für andere ist es vielleicht die „goldene Brücke“ über einen Abgrund, der so überwunden wurde oder noch gemeistert werden muss.
Wir haben in den nächsten Wochen genug Zeit, um das Tuch zu betrachten. Es gibt nicht die eine Erklärung, sondern es gilt das, was wir aus dem Bild lesen – in unterschiedlichen Situationen, in unterschiedlichen Stimmungen.

Ich lade Sie ein, lassen Sie uns teilhaben an Ihren Gedanken zu dem Tuch. Was sehen Sie? Was löst es in Ihnen aus? Hat es eine Wirkung? Verändert sich etwas? Nutzen Sie die Kommentarspalte unten.

Jeden Sonntag gibt es im Gottesdienst einen Gedanken zu der Darstellung des Fastentuches. Sie können Sie ergänzen oder auch widersprechen! Nutzen Sie die Kommentarspalte unten.
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Mit der Gemeinde in Dernau freue ich mich über Ihre Beteiligung. Wenn Sie hier nicht schreiben wollen, können Sie mir auch persönlich schreiben.

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Die Trone, die du laachs, bruchs du net krieche.

Predigt am 2.3.2025 in Dernau in Mundart (Hier die hochdeutsche Fassung)

Wussten Sie eigentlich, dass es in Deutschland 236 Lachclubs gibt? Alle paar Wochen trifft man sich dort, um miteinander zu lachen. Vielleicht auch deshalb weil Lachen gesund ist. Man bewegt viele Muskeln und es kommt es zu einer vermehrten Sauerstoffaufnahme in den Lungen. Die Durchblutung wird verbessert und der Kreislauf stabilisiert.

Der heutige Karnevalssonntag lädt gerade zu ein, ein wenig über das Lachen nachzudenken. Lachen ist im Gottesdienst etwas Ungewohnntes. Es passt anscheinend nicht zur heiligen Handlung. Im Karneval singt man: die Trone, die du laachs, bruchs du net krieche. Schon allein deshalb lohnt sich das Lachen.

Der Himmel hat den Menschen als Gegengewicht zu den vielen Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben: Die Hoffnung, den Schlaf – und das Lachen,“ soll der große Philosoph Immanuel Kant gesagt haben.

Der Theologe Karl Rahner fordert uns geradezu auf: „Lacht manchmal, lacht unbeschwert. Fürchtet nicht, ein bisschen dumm zu lachen und ein bisschen zu oberflächlich.“ Denn: „Du bist ein Mensch“, sagt das Lachen.“ Recht hat er: nur Menschen können lachen, Tiere, Maschinen und Computer können das nicht. Das Lachen ist menschlich. Es erinnert mich daran, dass ich Mensch bin, ein Geschöpf Gottes. Deshalb betete Rahner: Ich danke Dir Gott, dass ich bin, dass Du mich geschaffen hast, mich ins Leben gerufen hast, Dich für mich entschieden hast. Ausgerechnet für mich.
Das kann einem schon ein Lachen oder zu mindestens ein Lächeln entlocken.

Machen wir es praktisch: „ Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin, ein bisschen Teufel steckt doch in jedem drin,singen die Höhner. Recht haben sie. Was da von allen lautstark mitgesungen wird, ist biblische Botschaft, die von vielen vergessen worden ist. Der Teufel, der Versucher, wir haben ihn gleichsam wegrationalisiert. Wir sprechen von der Umwelt, von den Medien, von den anderen, die uns beeinflussen, statt von uns selbst zu reden, die das Böse tun.

Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin, das mit dem Himmel, das kriegen wir schon hin – das klingt nach der rheinischen Überzeugung „der liebe Gott is net esu – ist nicht so“ d.h. er nimmt es nicht so genau. Wohlwollend gesehen, heißt es aber auch, dass der Weg in den Himmel nicht unmöglich ist, vor allem dass der Weg in den Himmel nicht gleichgesetzt werden darf mit Freudlosigkeit und Angst.

Menschen, aus deren Leben das Lachen ausgewandert ist, die aber viel Geld und Einfluss haben, stellen gerne einen Hofnarren an. Sie lagern die Freude, den Klamauk und das Lachen aus. Die Fürsten hielten sich solche Hofnarren, auch die Bischöfe begannen Hofnarren anzustellen, als ihre Macht zunahm, aber ihre eigene Humorfähigkeit abnahm. Es hat nicht jeder den Humor eines Johannes XXIII., der als er zum ersten Mal als Papst auf der Loggia von St.Peter steht, angesichts der engen Kleidung (er war ja etwas fülliger) murmelt: Alle freuen sich, nur nicht der Schneider.

Heiterkeit des Herzens ist Leben für den Menschen“,  hieß es eben in der Lesung.

Menschen, die viel lachen oder andere zum Lachen bringen, sind ein echtes Geschenk füreinander. Sie helfen nicht selten, das Leben zu bewältigen oder wenigstens leichter zu machen. Am Besten ist es, wenn man über sich selbst, über den eigenen Betrieb lachen kann. So mancher Witz enthält eine versteckte Wahrheit.

Zwei Beispiele:

  • Zwei Spinnen treffen sich in der Kirche. Sagt die eine: „Ich wohne in der Orgel, grässlich!! Immer dieser Krach, der Wind, ich sage  dir, einfach grässlich!!“ Darauf die andere: „Mir geht es hervorragend. Ich wohne im Opferstock, da ist immer Ruhe!“
  • Im Pfarrbüro spricht ein Mann vor und fragt, wann denn der Herr Pfarrer seinen Hund beerdigen könne. „Ihren Hund?! „Also ich glaube nicht, dass der Herr Pfarrer bereit ist, einen Hund zu beerdigen!“, lehnt die Mitarbeiterin das Ansinnen ab. „Na dann“, zuckt der Mann die Achseln, „in dem Fall nehme ich die 500 Euro wieder mit und frage den evangelischen Pfarrer!“  „Ach so ist das!“, meint die Sekretärin, „Warum haben Sie mir denn nicht sofort gesagt, dass Ihr verstorbener Hund Katholik war!“

Natürlich kann es Situation geben, in denen einem nicht zum Lachen zumute ist. Dann kann man nur hoffen, dass wahr wird, was die Bläck Föös in einem Lied besingen. „Do han sen en dr Ärm genomme on alles wor wieder joot – heißt der Refrain einer Beschreibung des Alltags, einer Kündigung, eines Autounfalls.
Manchmal kann die Nähe eines Menschen froh machen, lautet die hochdeutsche Zusammenfassung dieser Botschaft.

Die Höhner singe:
Minsche wie mir dun kriesche un laache
Minsche wie mir sin nit jän allein
Rötsch doch jet nöher, wie Fründe dat maache
Minsche wie mir, jo Minsche wie mir!

Fastelovend-Menschen wissen das. Sie wissen auch: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ – Nicht alles, das Lachen muss bleiben, denn „das Lachen ist die Sonne der Seele“ (Victor Hugo)[1]. Und ohne Sonne wäre es nur noch Dunkel in unserer Welt.

[1] Das vollständige Zitat lautet: Das Lachen ist die Sonne der Seele, die aus dem menschlichen Antlitz den Winter vertreibt“.

Im Gottesdienst wurden auch folgende Songs zitiert:

Hück steiht de Welt still,
För ne kleine Moment
Wenn mr öm sich röm alles verjiss
Hück steiht de Welt still
Un us nem kleine Augebleck weed Iwigkeit
Wenn mer he zesamme sin
Cat Ballou

Wenn mir zosamme sin
Kann kumme, wat will
Denn sulang mir uns noch han
Kann uns nix passiere
Sulang mir he noch stonn
Jeiht et schon wigger
Cat Ballou

Das Gloria-Lied von den Höhnern.

Adelheid, Hosea und eine Wahlempfehlung

Festpredigt am Fest der Hl. Adelheid von Vilich in St.Peter Vilich am 8.2.2025

Spruch des HERRN. Darum will ich selbst sie verlocken.  Ich werde sie in die Wüste gehen lassen und ihr zu Herzen reden. Dort wird sie mir antworten wie in den Tagen ihrer Jugend,  wie am Tag, als sie aus dem Land Ägypten heraufzog. Ich verlobe dich mir auf ewig; ich verlobe dich mir um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, / von Liebe und Erbarmen, ich verlobe dich mir um den Brautpreis der Treue: Dann wirst du den HERRN erkennen. (Altes Testament Buch Hosea 2,16.17b,21-23)

Spruch des HERRN.  Darum will ich selbst sie verlocken. / Ich werde sie in die Wüste gehen lassen / und ihr zu Herzen reden.“ Das klingt ja nicht nach einem frommen Bibeltext, eher nach einer Zeile aus einem Liebesroman etwa von Rosamunde Pilcher

Und doch, es ist ein Bibeltext aus dem Mund des Propheten Hosea, der im achten Jahrhundert vor Christus wirkte. Damals hatten sich große Teile des Volkes von Jahwe abgewandt, dem Gott Abrahams Isaaks und Jakobs, der sie aus Ägypten heraus geführt hatte. Stattdessen huldigten sie jetzt dem Gott Baal. Man kann sagen, die Menschen hatten ihren Gott vergessen.

Der Prophet Hosea fasst das Verhalten des Volkes in ein Bild: das Volk ist wie eine Frau, die dem Mann untreu geworden ist. Das mag heute für viele Frauen ein irritierendes Bild sein, aber es passt zur damaligen patriarchalen Zeit. Umso überraschender: Statt ein vernichtendes Urteil zu sprechen und Israel zu bestrafen, will Gott sein Volk wieder umwerben und zu ihm zurückholen.

Deshalb will er sie, das Volk, verlocken, sie in die Einsamkeit der Wüste führen, nur er und sie, will ihr zu Herzen reden, will sie erinnern an den Anfang ihrer Liebe, an die große Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens. Wir erleben einen Gott, der wie ein junger Liebhaber Israel zu einem neuen, zu einem erneuerten und innigen Liebesverhältnis führen will.
Er will sich neu verloben und nennt auch den Brautpreis, den er zahlen will: Gerechtigkeit und Recht, / Liebe und Erbarmen.

Gerechtigkeit und Recht, / Liebe und Erbarmen – das sind Schlüsselworte des Alten Testaments. Sie beschreiben die Voraussetzungen eines guten Miteinanders und des Wohlergehens.

Gerechtigkeit und Recht – hat zwei Dimensionen. Die eine geht himmelwärts, d.h. ich orientiere mich an Gottes Geboten –  und die andere Dimension geht menschenwärts, d.h. gleichzeitig trage ich Sorge für eine Gesellschaft, in der jeder Einzelne fair behandelt wird. Es gilt, Armut zu bekämpfen, Notleidenden zu helfen, Teilhabe zu ermöglichen, gegen Willkürherrscher aufzustehen und für die Wahrung der Menschenwürde einzutreten.

Eine Gemeinschaft, die sich gerecht verhält, kommt Gott näher: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk„, lesen wir im Buch der Sprüche im Alten Testament. (Spr 14,34) Der Einsatz für Gerechtigkeit ist wichtiger als ein folgenloses frommes Leben zu führen: Gerechtigkeit üben und Recht  ist dem HERRN lieber als Schlachtopfer. (Spr 21,3) Die Propheten machen das immer wieder deutlich.

Liebe und Erbarmen – das andere Schlüsselwort, spricht zuerst von der Liebe Gottes zu seinem Volk, die sich zeigt im Schutz, den er gewährt, in der Fürsorge und im Segen, der das Volk begleitet. Das hebräische Wort für Erbarmen (רחמים -rachamim) ist der Plural von Mutterschoß und beschreibt Gottes mitfühlende und barmherzige Haltung gegenüber Menschen. So geht Gott mit dem Menschen um.
William Shakespeare lässt in seinem „Kaufmann von Venedig“ die umworbene Portia von der Barmherzigkeit sagen: „Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst.“ und „Sie segnet den, der gibt, und den der nimmt.“(4.Aufzug/1.Szene) Wie recht sie hat.

Gott erwartet, dass sich sein Wesen im Wesen und Handeln der Glaubenden, im Wesen und Handeln seines Volkes widerspiegelt.

Die Heilige Adelheid war eine Frau, die vor über 1000 Jahren, genau das praktizierte, was uns die Lesung als Brautpreis für Gottes Zuwendung beschrieb: Recht und Gerechtigkeit, Liebe und Erbarmen. Sie lebte nicht ein frommes Leben hinter Klostermauern, sondern sorgte sich um Teilhabe besonders der Frauen an der Bildung, kümmerte sich um Arme und Notleidende, errichtete ein Hospital, und war wohl Ratgeberin des Kölner Erzbischofs.

Heute könnte uns die Heilige Adelheid ein Vorbild darin sein, ähnlich wie sie Recht und Gerechtigkeit, Liebe und Erbarmen zu leben.

Vorgestern ist der sogenannte „Wahl-o-Mat“ im Netz erschienen. Da kann man seine eigenen politischen Überzeugungen und Vorstellungen mit den Äußerungen in den Wahlprogrammen der Parteien vergleichen und so Hilfe für die Wahlentscheidung erhalten. Ich hätte da noch eine Ergänzung vorzuschlagen: als Christen könnten wir prüfen, inwieweit sich Recht und Gerechtigkeit, Liebe und Erbarmen in den Programmen der Parteien widerspiegeln.

Ein Vorsatz für das neue Jahr: Genießbar sein!

Von Papst Silvester, der im 4.Jahrhundert lebte, wird erzählt, dass er bei einem Ritt von Rom nach Trier durch die heutige Stadt Mayen gekommen sei, weshalb er dort im Ortsteil Hausen sehr verehrt wird. Vielleicht hat ein Dernauer Ehepaar von dort vor 700 Jahren eine Reliquie des Heiligen mit nach Dernau gebracht und ein Hospital für Arme und Kranke mit einer Kapelle gestiftet, die dem Papst Silvester geweiht wurde. Die Kapelle steht heute noch, dient aber schon seit langem als Sakristei der heutigen Pfarrkirche. In der Pfarrkirche erinnert ein Seitenaltar an den Hl. Silvester und dieses Stück Glaubensgeschichte in Dernau.

Eine Pferdesegnung an Silvester ist auch an anderen Orten überliefert. Pferde waren früher für die Arbeit in der Landwirtschaft und als Transportmittel unverzichtbar. Heute überwindet der Mensch Entfernungen mit Fahrzeugen. Deshalb segnen wir nach dem Gottesdienst auch die Fahrzeuge, vom Auto bis zum Fahrrad.

Predigt zu Silvester

Es fängt nicht alles neu an,
das Getane, das Angetane,
das Nichtgetane, das Vertane wechseln mit uns das Jahr.
Der winzige Schritt des Zeigers vom alten Namen zum neuen löst Äußeres ab

So schreibt Christa Peikert-Flaspöhler in ihrem Gedicht »Wechsel«.
Und sie hat Recht. Es fängt nicht alles neu an in der kommenden Nacht. Wir bleiben die Alten. Unser Leben bleibt das alte.

Aber in allen Kulturen ist der Wechsel vom alten zum neuen Jahr etwas Besonderes und mit vielen Bräuchen verbunden. Denn es tut uns gut, unserer Zeit einen Rhythmus zu geben und im Wechsel von einem Jahr zum anderen unser Leben zu bedenken, zu danken, neue Hoffnung zu schöpfen und Vorsätze zu fassen

1. Stunden der Dankbarkeit
Beginnen wir mit der Dankbarkeit: „Bad news are good news“ heißt es bei den Medien. Schlechten Nachrichten sind gute Nachrichten. Das Negative schiebt sich auch in unserem Gedächtnis oft in den Vordergrund. Wir erinnern uns schneller an Fehler und Versagen, an Enttäuschungen und Scheitern als an die gelungenen Dinge der Vergangenheit.

Deshalb möchte ich Sie einladen bei allem, was das vergangene Jahr auch an Schwerem und Belastenden den Einzelnen gebracht hat, in dieser Stunde und vielleicht auch in den letzten Stunden des alten Jahres die Dankbarkeit in den Vordergrund zu stellen.
Die Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens„.
Es gilt zu danken, für alles, was uns und den Mitmenschen gut getan, für alles was uns gelungen ist oder unverhofft zuteil wurde, für alles was wir dazugelernt haben, für alle neuen und guten Erfahrungen der vergangenen Monate.
Silvester ist die Stunde der Dankbarkeit gegenüber Gott und den Menschen.

  1. Stunden der Hoffnung
    Etwas fehlt immer“ – so heißt es in einem Gedicht zum Jahreswechsel. „Tröste dich. Jedes Glück hat einen kleinen Stich.“

Ja, es stimmt: bei allem menschlichen Bemühen gibt es nicht die perfekte Welt! Weder die große, noch unsere kleine.
Auch wenn wir vieles haben, auch wenn wir vieles können, vollkommen ist es nicht! Auch das wird uns in diesen Stunden des alten Jahres oft schmerzvoll bewusst.
Vielleicht ergeht es Ihnen auch so:
Sie treten mit einem Problem auf der Stelle und kommen nicht weiter.
Sie haben Sorgen um die Kinder oder Enkelkinder.
Ein lieber Mensch an ihrer Seite oder aus Ihrer Nähe ist gestorben.
Sie kommen wirtschaftlich kaum über die Runden oder fühlen sich einsam.

Diese und andere Erfahrungen machen den Jahreswechsel immer auch zu einer Stunde der Hoffnung. Es muss besser werden.
Hoffnung ist die Kraft, die von innen kommt, die aus Liebe und Beziehung erwächst, zu Menschen und zu Gott. So ist der Silvester auch die Stunde der Hoffnung, dass Lasten von uns genommen werden oder wir Kraft haben sie zu tragen, dass Gott selbst an uns ersetzt, was an uns noch fehlt.

  1. Stunde der guten Vorsätze

Haben Sie noch das Evangelium im Ohr?
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.
Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Das Bild kennen Sie: nur die Rebe, die mit dem Weinstock verbunden ist, kann Frucht bringen.
Und die Erwartung des Herrn ist: Es geht nicht nur darum, dass wir mit dem Weinstock Jesu in Kontakt bleiben, sondern wir sollen Frucht bringen.

Unsere Umwelt, vielleicht unsere Familie und Freunde, würden es anders formulieren: wir sollen Erfolg haben. Erfolg lässt sich messen: in der Zahl der Rebstöcke, in Quadratmetern Grundbesitz, im Einkommen und Erlös, in beruflicher Stellung und was es sonst noch für Maßstäbe gibt. Aber Erfolg ist keine Vokabel Gottes.

Gottes Maßstab ist das Frucht bringen – eine Frucht dient dem Leben, einmal durch den Samen, den sie in sich trägt, einmal durch die Nahrung, die sie uns bietet.
Aus der Sicht des Winzers könnte man noch sagen: die Frucht ist dann gut, wenn daraus ein guter Wein wird, den man genießen kann.

Wenn es also um einen Vorsatz für das neue Jahr geht, dann könnten wir es mit diesem einen Vorsatz bewenden lassen: ich will Frucht bringen. Ich will da, wo ich lebe, dem Leben der Menschen dienen, in der Art wie ich rede und wie ich handle will ich genießbar sein.

Die Stunden der Dankbarkeit, der Hoffnung und des guten Vorsatzes erreichen ihren Höhepunkt um Mitternacht. Aber keine Kaffeesatzleserei und kein Blei Gießen kann uns einen Blick in das neue Jahr eröffnen.

Es liegt vor uns in der Dunkelheit, die auch kein Feuerwerk erhellen könnte. Der Engel, der an der Pforte des neuen Jahres steht, sagt uns: Gehe nur hin in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg!